Simandl ist ein scherzhafter bayrisch-österreichischer Ausdruck für einen unter dem Pantoffel stehenden, d. h. sich der Hausherrin unterordnenden Ehegatten.
Herkunft Simandl ist ein Diminutiv von Siemann: weibischer Mann, Pantoffelheld. Siemann wurde zuweilen auch als Eigenname behandelt, wodurch es zu einer Vermischung mit dem Vornamen Simon kam (von hebr. Simeon, häufig gedeutet als der [Gott] Erhörende, dann auch als der Gehorchende).
Belege finden sich bereits im MittelhochdeutschenSiehe Lexers mhd. Handwörterbuch.Simon. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. und Mittelniederdeutschen (seman, seemann).Gustav Goedel: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache. Kiel & Leipzig 1902
Historische Bedeutungen und Synonyme In der Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts war das Wort sehr verbreitet (gelegentlich auch: Siman, Syman; sowie das Synonym Weibling), allerdings in zwei gegensätzlichen Bedeutungen: „weibischer Mann“ – bei Martin Luther u. a. zunächst auch „Frauenmann“ (frawenman) – und „männliche Frau, Hausdrachen“, Letzteres auch als sie-männin. Die erste Bedeutung setzte sich schließlich durch. In der bayrischen Mundart gibt es dazu auch das Gegenstück Erwei(b).
Literaturgeschichte und weitere Einflüsse Satirische Ehetexte sind schon seit dem Mittelalter belegt, etwa Daz buoch von dem übeln wîbe aus dem 13. Jahrhundert. Als klischeehafte literarische Figur erscheint der Siemann möglicherweise erstmals in dem Nürnberger Gedicht Ein schöne Historie, wie ein junger Gesell weiben soll von 1515.Nikola Rossbach: [http://www.nikola-rossbach.de/?forschung:aufs%E4tze Der Frau, die Mann. Geschlechterverrückungen in den Malus Mulier-Texten des 17. und 18. Jahrhunderts. In: Gaby Pailer, Franziska Schößler (Hrsg.): GeschlechterSpiel-Räume: Dramatik, Theater, Performance und Gender. Rodopi, Amsterdam, New York, 2011, S. 283–296 Er ist und bleibt – in beiden Bedeutungen – seit dem frühen 16. Jahrhundert in Moralpredigten (Luther u. a.; später auch Abraham a Santa Clara), Bilderbogengeschichten, Sangsprüchen (Hans Sachs), Sprichwörtern und Traktaten vielfach präsent. In Schwänken, Fastnachtsspielen und Volksstücken (etwa bei Wolfgang SchmeltzlComoedia der Hochzeit Cana Galilee, 1543: „Preütigam zu Symon: Do setzt dich zu den weibern her Du fügst dich nur gar wol zu jn Ir weiber nembt den Symon hin Vnd wart jm nur gar vleissig auß So lest er euch sein herr im hauß“, Hans Sachs, Adam Schubart u. a.) wird er bald zu einem tragenden Charakter und zur Lieblingsfigur des Volkswitzes; er wird häufig auch als „Bruder/Meister/Doctor Siman“ apostrophiert.
In der Bedeutung „dominante Frau“ (A Schubart 1565: hauszteuffel; als Typus besonders ausgeprägt auch in Johann Sommers Ehesatire Malus Mulier, 1608) spielt möglicherweise auch der althochdeutsche Rufname Siguman (= Sieg + Mann) eine Rolle. siehe Siemen, Siemens, u. a.: Siman (um 900), Syman (1450/51) Im neutestamentlichen Verständnis des Namens hat auch ein griechischer Ursprung (von gr. simós stupsnasig) mitgewirkt. Auch im Englischen ist beim Vor- und Nachnamen Simon ein ähnlicher Vorgang festzustellen: „In Britain there was also confusion from an early date with Anglo-Scandinavian forms of Sigmund […], a name whose popularity was reinforced at the Conquest by the Norman form Simund. This confusion is also found in other languages, e.g. Italian.“The Oxford Names Companion, Oxford University Press 2002
Aus der Bedeutung „Siemann = Pantoffelheld“ wird schließlich der süddeutsche Diminutiv Simandl (als Nachname in etlichen Varianten) und findet Eingang in die Bühnenwerke von heute noch allgemein bekannten Dramatikern wie Nestroy und Anzengruber. Simandl ist aber auch eine altbayrische Koseform für Simon; dies wird volksetymologisch ebenfalls zur Worterklärung herangezogen.
Simandlbruderschaften 1517 gründete Siegmund von Dietrichstein – Landeshauptmann im Herzogtum Steiermark und Statthalter der innerösterreichischen Lande – eine Bruderschaft, deren Ziel Mäßigung war und die Simandl-Bruderschaft genannt wurde. Friedrich Wilhelm Schembor, Meinungsbeeinflussung durch Zensur und Druckförderung in der Napoleonischen Zeit, Habsburg digital, Band 1, S. 89 In der Folge kam es vor allem in Wien und Niederösterreich zur Gründung zahlreicher Simandl-Bruderschaften (und als St. Simon-Gesellschaft sogar in Paris!) mit humoristisch-parodistischen Statuten; sie stellten auch satirische Simandlbriefe zur Ermahnung ihrer Mitglieder aus. Ihren Hauptsitz hatten sie schließlich in Krems (urkundlich 1747). Das neue AEIOU-Österreich-Lexikon Constant von Wurzbach, Glimpf und Schimpf in Spruch und Wort – Sprach- und sittengeschichtliche Aphorismen, Teil 2 Die Kremser Bruderschaft hielt sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Im Vormärz gab es davon bereits eine Unzahl. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erschienen zwei Schriften (Geschichte und Statuten der weltberühmten Simandl-Bruderschaft und Neue Gesetzordnung für Übertreter häuslicher Pflichten). Die erste davon wurde als Simandl-Patent bezeichnet und beschäftigte die Zensurbehörden ausgiebigst.Andrea Brandner-Kapfer (Hrsg.): Kasperls komische Erben. 2001, Anm. 64,36. Die zweite arbeitete ihr entgegen und zeigte wohlgemeinte moralische Tendenzen. Dennoch wurde sie ebenso wie die erste verboten oder zumindest in ihrer Verbreitung stark eingeschränkt. Außerdem dekretierte Kaiser Franz: Wenn die Simandl-Bruderschaft wirklich bestehe, so müsse ihr, nachdem alle was immer für einen Namen habenden Verbrüderungen verboten sind, ein Ende gemacht werden.Friedrich Wilhelm Schembor: Meinungsbeeinflussung durch Zensur und Druckförderung in der Napoleonischen Zeit. Habsburg digital, Band 1, S. 89
Sagen mini|Der Simandlbrunnen in Krems an der Donau Volksetymologische UmdeutungenKarl Gustaf Andresen: Ueber deutsche Volksetymologie. Heilbronn a/N., 1883, S. 71 führten schließlich zur Entstehung von Volkssagen: In Krems wurde der Name von einem Simon Handl hergeleitet, der von seiner Frau besonders arg misshandelt und geprügelt worden sein soll. Nach ihrem Vorbild soll unter Kremser Frauen ein Wetteifern losgebrochen sein, wer seinen Ehemann besser unterjochen könne. Die misshandelten Männer fanden sich zu Beratungen zusammen und wandten sich hilfesuchend an den Stadtrat. Dieser Schlug ihnen vor am Simonimarkt nette Geschenke für ihre Gemahlinnen zu kaufen. In Folge schlossen sich die Leidensgenossen zur Simandl-Bruderschaft zusammen. Seither treffe sich diese Gesellschaft jedes Jahr am Simonimarkttage (28. Oktober) und bringe von dort ihren Frauen reiche Geschenke mit, um sich dadurch von weiteren Misshandlungen freizukaufen.
Einer zweiten Version gemäß hätten sich die Kremserinnen 1619 bei einer Belagerung durch die böhmischen Aufständischen als tapferer und erfolgreicher erwiesen als die Männer; die Frauen hätten daraufhin voll Hohn die Simandl-Bruderschaft für ihre Männer gegründet, um sich dadurch die weibliche Vorherrschaft auf Dauer zu sichern.Hans Plöckinger: Sagen der Wachau. Krems a. D. 1926
Dies widerspricht natürlich eklatant dem Umstand, dass in Krems zum angeblich 400. Gründungstag der Simandlbrunnen errichtet wurde: Er zeigt einen Mann, der flehend vor seiner Frau kniet. Website der Gemeinde Krems, abgerufen am 14. September 2015. Ähnliche Brunnen gibt es auch in anderen niederösterreichischen Orten.
Eine dritte Version ist die Legende von sieben kleinwüchsigen Brüdern („sim Mandln“ = sieben kleine Männer), die sich zur ersten Simandl-Bruderschaft zusammengeschlossen hätten und so zum Kern einer großen Männergesellschaft wurden, um einander zu ermutigen, zu trösten und zur Geduld zu ermahnen.Karl Friedrich Wilhelm Wander: Siemanndelbruderschaft. In: Deutsches Sprichwörter-Lexikon, abgerufen am 14. September 2015.
Einzelnachweise
Kategorie:Literarischer Typus Kategorie:Sage