Patron-Driven-Acquisition (PDA), zu Deutsch „kundengesteuerte Erwerbung“, ist ein Erwerbungsmodell für Medien im Bibliothekswesen, bei dem die Kaufentscheidung vom Kunden ausgeht. Bei diesem Erwerbungsmodell wird den Kunden eine Vielzahl von Veröffentlichungen angeboten, die jedoch erst bei tatsächlicher Nutzung durch den Kunden von der Bibliothek gekauft werden.Martin Hermann: Parameter für die Budgetierung von Patron-DrivenAcquisition (PDA). In: Perspektive Bibliothek, 1, 2012, Nr. 2, S. 53–76. archiv.ub.uni-heidelberg.de S. 53; abgerufen am 3. Januar 2013Helga Bermann, Vera Münch: Patron DrivenAcquisition: Wird der Erwerb von eBooks und Aufsätzen künftig vom Endnutzer nach Bedarf ausgelöst? In: Fachbuchjournal, 2011,, Nr. 6, S. 17–21. S. 17; abgerufen am 27. April 2012.
Definition Patron-Driven-Acquisition ist in der englischsprachigen Literatur auch unter folgenden Synonymen bekannt: Demand-Driven-Acquisition, Patron-Selection Programs, User-Driven Collection, Research-Driven Acquisition Model und Patron-Initiated Purchase.David A. Swords (Hrsg.): Patron-driven acquisitions: History and best practices. de Gruyter Saur, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-025303-0, S. IX (Current topics in library and information practice) In Deutschland hat sich jedoch die Begrifflichkeit Patron-Driven-Acquisition durchgesetzt.Martin Hermann: Parameter für die Budgetierung von Patron-DrivenAcquisition (PDA). In: Perspektive Bibliothek, 1, 2012, Nr. 2, S. 53–76. archiv.ub.uni-heidelberg.de S. 53; abgerufen am 3. Januar 2013 Dieses Erwerbungsmodell kann sowohl für elektronische Bücher (E-Books) als auch für Printmaterialien angewendet werden, in der deutschsprachigen Literatur wird sich jedoch vermehrt auf E-Books bezogen.Martin Hermann: Parameter für die Budgetierung von Patron-DrivenAcquisition (PDA). In: Perspektive Bibliothek, 1, 2012, Nr. 2, S. 53–76. archiv.ub.uni-heidelberg.de S. 53; abgerufen am 3. Januar 2013.Helga Bermann, Vera Münch: Patron DrivenAcquisition: Wird der Erwerb von eBooks und Aufsätzen künftig vom Endnutzer nach Bedarf ausgelöst? In: Fachbuchjournal, 2011,, Nr. 6, S. 17–21. S. 17; abgerufen am 27. April 2012.Dagmar Giersberg: Nutzer als Bibliotheksbauer – Annette Klein im Gespräch. goethe.de 2012-09; abgerufen am 3. Januar 2013.
Ziel Mittels Patron-Driven-Acquisition wird den Kunden die Entscheidungsgewalt über den Bestandsaufbau übertragen, die Erwerbung durch die Entscheidungen eines Bibliothekars tritt zugunsten der stärkeren Nutzerorientierung zurück. Ein weiterer Vorteil bei diesem Modell ist, dass die Veröffentlichungen von Kunden „just-in-time“ und ortsunabhängig genutzt werden können.Martin Hermann: Parameter für die Budgetierung von Patron-DrivenAcquisition (PDA). In: Perspektive Bibliothek, 1, 2012, Nr. 2, S. 53–76. archiv.ub.uni-heidelberg.de S. 55; abgerufen am 3. Januar 2013.Michael Golsch: Give Patrons What They Want: Nutzerbestimmte Bestandsentwicklung in der SLUB-Dresden. In: BIS – Das Magazin der Bibliothek in Sachsen, 5, 2012, Nr. 1, S. 34–37. qucosa.de (PDF) S. 35
Historische Entwicklung Seit Ende des zwanzigsten Jahrhunderts lässt sich in Ausleihstatistiken von Bibliotheken ein Trend zur immer geringeren Nutzung der erworbenen Printmedien durch die Kunden erkennen. Dies kann als Anlass für die Entstehung der Idee für Patron-Driven-Acquisition angesehen werden.Sue Polanka, Emilie Delquié: Patron-driven Business Models: History, Today’s Landscape, and Opportunities. In: David A. Swords (Hrsg.): Patron-driven acquisitions: History and best practices. de Gruyter Saur, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-025303-0, S. 119 (Current topics in library and information practice)
Unabhängig voneinander entsteht die Idee in Nordamerika durch das Unternehmen NetLibrary und in Australien und Europa durch das Unternehmen Ebooks Corporation.Kari Paulson: The Story of Patron-Driven Acquisition. In: David A. Swords (Hrsg.): Patron-driven acquisitions: History and best practices. de Gruyter Saur, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-025303-0, S. 63–78, S. 63 (Current topics in library and information practice)
Historische Entwicklung in Nordamerika Um die Idee der Patron-Driven-Acquisition umsetzen zu können, wurde von dem Unternehmen NetLibrary 1999 ein Modell entwickelt, das diese Art von Erwerbung ermöglichen sollte. Es gilt als das erste Patron-Driven-Acquisition-Modell. Hierfür wurde von dem Unternehmen NetLibrary ein Vertrag mit der Colorado Alliance of Research Libraries ausgehandelt. 2002 übernahm das Unternehmen OCLC das Unternehmen Netlibrary auf Grund von Insolvenz. Auf Grund hoher Umsetzungskosten wurde der Vertrag mit der Colorado Alliance of Research Libraries 2006 aufgelöst, ein neues Patron-Driven-Acquisition entwickelt und 2009 auf den Markt gebracht. Während der Entwicklung des neuen Modells wurde NetLibrary von dem E-Book-Aggregator EBSCO Information Services gefördert, der NetLibrary 2010 aufkaufte, das Modell weiterentwickelte und Juli 2011 unter dem Namen eBooks on EBSCOhost nutzbar machte.Sue Polanka, Emilie Delquié: Patron-driven Business Models: History, Today’s Landscape, and Opportunities. In: David A. Swords (Hrsg.): Patron-driven acquisitions: History and best practices. de Gruyter Saur, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-025303-0, S. 119 (Current topics in library and information practice)
Historische Entwicklung in Australien und Europa Fast zeitgleich plante das Unternehmen Ebooks Corporation in Australien, einen E-Book-Service für Bibliotheken anzubieten. Basierend auf einer Kooperation mit der Bibliothek der Curtin University wurde 2001 eine geeignete E-Book-Plattform mit dem Namen Ebook Library entwickelt. Es folgte die Entwicklung eines PDA-Modells, das offiziell 2004 in der Zusammenarbeit von Ebooks Corporation mit der Curtin University, der CERN und anderen wissenschaftlichen Bibliotheken (North Carolina State University, Yale University, the Council for Australian University Libraries) in beratender Funktion entstanden ist. Die Beta-Version des PDA-Modells wurde von der Curtin University getestet, 2006 von CERN in den Routinebetrieb übernommen und von der Swinburne University of Technology ab Anfang 2006 als Pilotprojekt getestet.
Im selben Jahr entstand ein weiteres Modell zur Umsetzung der PDA durch das Unternehmen Ingram Content Group Inc. mit dem Namen MyiLibray. 2010 brachte das Unternehmen Ebrary (heute ProQuest) das gleichnamige PDA-Modell auf den Markt.Kari Paulson: The Story of Patron-Driven Acquisition. In: David A. Swords (Hrsg.): Patron-driven acquisitions: History and best practices. de Gruyter Saur, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-025303-0, S. 72 (Current topics in library and information practice). Auch Verlage mit eigenen E-Book-Plattformen haben eigene Patron-Driven-Acqusition-Geschäftsmodelle entwickelt, wie in Deutschland beispielsweise Verlag Walter de Gruyter seit 2012 oder in den Niederlanden der Verlag Elsevier seit 2011.de Gruyter schließt Testphase ab: Patron DrivenAcquisition wird neues Geschäftsmodell. In: BuchMarkt: das Ideenmagazin für den Buchhandel, 2012; buchmarkt.de abgerufen am 2. August 2013.Sue Polanka, Emilie Delquié: Patron-driven Business Models: History, Today’s Landscape, and Opportunities. In: David A. Swords (Hrsg.): Patron-driven acquisitions: History and best practices. de Gruyter Saur, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-025303-0, S. 125 (Current topics in library and information practice)
Methodik Bei dem Patron-Driven-Acquisition-Modell werden dem Kunden E-Books zur Nutzung bereitgestellt, die die Bibliothek noch nicht erworben hat. Hierfür werden die Metadaten der E-Books, die über ein PDA-Modell angeboten werden sollen, in den Bibliothekskatalog eingespielt. Bei Klick auf ein solches E-Book wird der Kunde auf eine kostenlose Voransicht dieses E-Books weitergeleitet.Dagmar Giersberg: Nutzer als Bibliotheksbauer – Annette Klein im Gespräch. goethe.de 2012-09; abgerufen am 3. Januar 2013.Michael Golsch: Give Patrons What They Want: Nutzerbestimmte Bestandsentwicklung in der SLUB-Dresden. In: BIS – Das Magazin der Bibliothek in Sachsen, 5, 2012, Nr. 1, S. 34–37. qucosa.de (PDF) S. 35
Entscheidet sich der Kunde für die Nutzung dieses E-Books, wird je nach PDA-Anbieter ein Kauf oder eine elektronische Leihe des E-Books ausgelöst. In beiden Fällen kann der Kunde das E-Book in der Regel bis zu sieben Tagen nutzen.Irene Schumm: Zwei Jahre Patron-DrivenAcquisition an der Universitätsbibliothek Mannheim. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 2013, Nr. 1, S. 16–27. zs.thulb.uni-jena.de S. 18; abgerufen am 2. August 2013 Die Anzahl der ausdruckbaren Seiten wurde durch die Verlage jedoch auf ca. 20 % der Gesamtseitenanzahl limitiert.Schönig, Heidrun: Hilfe zu E-Books aus der Ebook Library. 27. März 2013; abgerufen am 29. Juni 2013.
Typen von Patron-Driven-Acquisition-Modellen Je nachdem, ob bei der Umsetzung der PDA der Erwerbungsvorgang moderiert wird oder nicht, spricht man von einem moderierten oder einem nicht-moderierten PDA-Modell.Dirk Pieper, Silvia Herb: PDA im Praxistest – Nutzergesteuerte E-Book-Erwerbung an der UB Bielefeld. 2012 S. ; abgerufen am 2. August 2013
Moderiertes Patron-Driven-Acquisition-Modell Eine Moderation findet immer dann statt, wenn die Bibliothek als letzte Instanz an der Entscheidung über die Erwerbung eines Titels beteiligt ist und sich „die intellektuelle Kaufentscheidung vorbehält“.Michael Golsch: Give Patrons What They Want: Nutzerbestimmte Bestandsentwicklung in der SLUB-Dresden. In: BIS – Das Magazin der Bibliothek in Sachsen, 5, 2012, Nr. 1, S. 34–37. qucosa.de (PDF) S. 36 So ist der „tatsächliche Kauf [immer] von der vorherigen Zustimmung des zuständigen Fachreferats abhängig“.Dirk Pieper, Silvia Herb: PDA im Praxistest – Nutzergesteuerte E-Book-Erwerbung an der UB Bielefeld. 2012, S. 2; abgerufen am 2. August 2013. Dabei obliegt der Bibliothek die Entscheidung, ob der Titel per Sofortkauf oder per Kurzausleihe den Kunden zur Verfügung gestellt werden soll.Irene Schumm: Zwei Jahre Patron-DrivenAcquisition an der Universitätsbibliothek Mannheim. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 2013, Nr. 1, S. 16–27. zs.thulb.uni-jena.de S. 20; abgerufen am 2. August 2013
Nicht-moderiertes Patron-Driven-Acquisition-Modell Wird ein PDA-Modell nicht moderiert, findet die Erwerbung voll automatisiert ohne Eingriff der Bibliothek statt. Es „erlaubt den kaufauslösenden Zugriff durch Nutzer/innen ohne jede Einschränkung“ („Auto Purchase“).Dirk Pieper, Silvia Herb: PDA im Praxistest – Nutzergesteuerte E-Book-Erwerbung an der UB Bielefeld. 2012 S. ; abgerufen am 2. August 2013 Je nach Anbieter oder Vorgaben der Bibliothek kann das PDA-E-Book dann entweder automatisch gekauft oder mittels einer elektronischen Kurzausleihe zunächst für einen begrenzten Zeitraum „ausgeliehen“ werden. Ab einer gewissen Anzahl an Kurzausleihen pro Titel wird ebenfalls ein automatischer Kauf ausgelöst.Michael Golsch: Give Patrons What They Want: Nutzerbestimmte Bestandsentwicklung in der SLUB-Dresden. In: BIS – Das Magazin der Bibliothek in Sachsen, 5, 2012, Nr. 1, S. 34–37. qucosa.de (PDF) S. 35Dirk Pieper, Silvia Herb: PDA im Praxistest – Nutzergesteuerte E-Book-Erwerbung an der UB Bielefeld. 2012 S. 2; abgerufen am 2. August 2013
Umsetzung in Bibliotheken Entscheidet sich eine Bibliothek für die Umsetzung der PDA, muss sie sich zunächst aus einer Reihe von PDA-Anbietern einen geeigneten Anbieter auswählen. Die Geschäftsmodelle zur Umsetzung der PDA sind von Anbieter zu Anbieter sehr unterschiedlich und bieten somit auch Variationsmöglichkeiten in der Umsetzung der PDA. Die zweite Entscheidung, die eine Bibliothek treffen muss, ist, ob der Erwerbungsvorgang moderiert oder nicht moderiert ablaufen soll.