Das Judge Rotenberg Educational Center, in der öffentlichen Berichterstattung meist Judge Rotenberg Center (JRC), bis 1994 als Behavior Research Institute (BRI) bekannt, ist ein Betreiber von Betreuungseinrichtungen für behinderte und verhaltensauffällige Schüler in Canton, Massachusetts. Das JRC bietet langfristige stationäre Unterbringung mit Verhaltenstherapien und Bildungsangeboten für Kinder und Erwachsene mit schweren Entwicklungs- und Verhaltensstörungen an. Im Jahr 2007 hatte das JRC 900 Mitarbeiter. Der Umsatz betrug im Geschäftsjahr 2010/2011 mehr als 55 Millionen Dollar bei etwa 240 ständigen Patienten, der Umsatz pro Schüler wurde mit mehr als 200.000 Dollar angegeben.
Das JRC macht zur Verhaltenstherapie von Zwangsmitteln wie Fixierungen und Nahrungsentzug ausgedehnten Gebrauch und betreibt heute die einzigen Einrichtungen in den Vereinigten Staaten, die Elektroschocks zur Behandlung von geistig behinderten oder schwer in ihrer Entwicklung gestörten Menschen, einschließlich Autisten, einsetzen.
Das Judge Rotenberg Center hat eine lange Geschichte von Misshandlungsvorwürfen und nachfolgenden Auseinandersetzungen mit Behörden und Bürgerrechtsorganisationen. Bereits in den 1980er Jahren versuchte der Staat Massachusetts vergeblich, die Schließung des Institutes gerichtlich durchzusetzen. In Erinnerung an den verstorbenen Richter Ernest Rotenberg, der 1987 mit seiner Entscheidung den Fortbestand des damaligen BRI gesichert hatte, wurde 1994 der Name „Judge Rotenberg Educational Center“ angenommen.
Im Mai 2011 wurde der 77-jährige Gründer des JRC, Matthew L. Israel, im Zusammenhang mit 2007 erfolgten Misshandlungen wegen der Vernichtung von Beweismitteln und Zeugenbeeinflussung angeklagt. Im Rahmen einer Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft legte er die Leitung des Zentrums nieder, um einer mehrjährigen Haftstrafe zu entgehen. Dem JRC wurde auferlegt, die Misshandlungen von 2007 und die gegen eine Wiederholung solcher Vorfälle getroffenen Maßnahmen von einem unabhängigen Gutachter überprüfen zu lassen.
Die Veröffentlichung einer Videoaufnahme eines Schülers, der Elektroschocks erhält, war im Jahr 2010 Anlass zu öffentlicher Empörung und führte zu einer Beschwerde an den UN-Sonderberichterstatter über Folter, Manfred Nowak. 2012 kam es zu erneuten Protesten und zu einer neuerlichen Beschwerde an Nowaks Amtsnachfolger Juan Ernesto Méndez, der die Praktiken wie sein Vorgänger als Folter bezeichnete. In seinem im März 2013 vorgelegten Bericht über weltweite Anwendung von Folter ging Méndez ausführlich auf das JRC ein.
Im Oktober 2011 untersagte die Aufsichtsbehörde des Staates Massachusetts allen therapeutischen Einrichtungen, neu aufgenommene Patienten mit starken Zwangsmitteln zu behandeln. Ausgenommen waren Patienten, für die am 1. September 2011 ein gerichtlich verfügter Therapieplan vorlag. Mit Wirkung vom Frühjahr 2013 stellten die Centers for Medicare and Medicaid Services die Zahlung von Leistungen aus dem Medicaid-Programm an alle Einrichtungen ein, in denen Patienten mit Elektroschocks behandelt werden. Der Staat New York erklärte Anfang 2013 seine Absicht, für die im JRC untergebrachten Schüler bis zum Juni 2014 Plätze in anderen Einrichtungen innerhalb des Bundesstaates zu schaffen.
Zielsetzung und Methoden Die Unternehmenspolitik des Judge Rotenberg Center beinhaltet die Aufnahme fast aller Patienten. Die Einrichtung unternimmt eine aktive Behandlung mit einem am Behaviorismus orientierten Ansatz, der eigenen Angaben zufolge ausschließlich auf eine Normalisierung ausgerichtet ist. Zu den therapeutischen Mitteln gehören der häufige Einsatz von positiver Bestärkung, Videoüberwachung der Mitarbeiter und die Option zum Einsatz von Zwangsmitteln, von denen die Anwendung von Elektroschocks am meisten umstritten ist. Das JRC nutzt die Aversionstherapie als Teil ihres Rund-um-die-Uhr-Programms zur Verhaltenstherapie. Der Einsatz von Zwangsmitteln rief Proteste hervor und führte zu Aufrufen verschiedener Gruppen, die sich für die Rechte Behinderter einsetzen und den Schutz vor derartigen Behandlungsmethoden forderten.
Im Judge Rotenberg Center werden zwei Sekunden währende Elektroschocks mit dem Graduated Electronic Decelerator (GED) verabreicht -- einem Gerät, das dazu dient, mittels einer Fernbedienung Stromstöße über ständig an der Haut befestigte Elektroden zu verabreichen. Die Betreuer tragen am Gürtel zahlreiche Fernbedienungen mit dem Bild und dem Namen der Schüler, um schnell und gezielt Bestrafungen durchführen zu können.
Die ebenfalls angewandte automatische Bestrafung besteht darin, dass die Patienten gezwungen werden, auf einem Kissen zu sitzen. Sobald sie versuchen aufzustehen, erhalten sie einen automatisch ausgelösten Stromschlag. Zur Behandlung nur gelegentlich auftretender aber gefährlicher Verhaltensweisen dient die „Behavior Rehearsal Lesson“. Die Person ist dabei gefesselt und wird zu ihrem Fehlverhalten gezwungen. Verweigert sie sich, erhält sie einen Stromschlag. Wenn sie der Aufforderung zum gefährdenden Verhalten folgt, erhält sie einen noch stärkeren Stromschlag.
Diese Art der Verabreichung von Stromschlägen ist als Strafmaßnahme, die Schmerzen verursachen soll, nicht mit der Elektrokrampftherapie zu verwechseln, bei der die Patienten unter Kurznarkose stehen und die in weit geringerem Maß der Kritik ausgesetzt ist. In der wissenschaftlichen Literatur veröffentlichte positive Bewertungen von Elektroschocks als Mittel der Aversionstherapie stammen überwiegend von Mitarbeitern des Judge Rotenberg Center.
Das JRC entgegnet auf die Vorwürfe der Misshandlung, dass Elektroschocks nur verabreicht würden, wenn sich die positive Bestärkung als wirkungslos bei der Verhinderung gewalttätigen, selbstverletzenden Verhaltens erwiesen hätte. Im Jahr 2013 wurden von etwa 240 Patienten ein Drittel mit Elektroschocks behandelt.
Matthew L. Israel Matthew L. Israel, der spätere Gründer und langjährige Leiter des Judge Rotenberg Educational Center, begann 1950 ein Studium an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts. Bereits zu Beginn seines Studiums fiel ihm der utopische Roman Walden Two in die Hände, in dem der Verhaltenspsychologe B. F. Skinner den Entwurf einer utopischen Gesellschaft darlegt. In jener fiktiven Gesellschaft wird das Verhalten der Bewohner zum Nutzen der Gesellschaft manipuliert. Während der folgenden zehn Jahre studierte Israel bei Skinner, der an der Harvard University unterrichtete, und erwarb 1960 den Doktorgrad in Psychologie. Noch in einem Interview im Jahr 2007 brachte Israel die Gründungsgeschichte des Behavior Research Institute mit Skinners Roman Walden Two in Zusammenhang.
1966 gründete Israel die Association for Social Design, deren Ziel der Aufbau eines weltweiten Netzwerks von experimentellen Gemeinschaften war. 1967 erfolgte in Arlington, Massachusetts die Gründung einer solchen Kommune unter Israels Leitung. Die Gemeinschaft zerbrach nach kurzer Zeit, wie auch eine zweite Kommune im Bostoner Stadtteil South End und die Association for Social Design. Israel begründete das Scheitern später damit, dass die Mitglieder der Gemeinschaften nicht miteinander klargekommen seien. Andere machten Israels patriarchalischen Führungsstil für das Scheitern verantwortlich. In der Folgezeit erwog Israel die Eröffnung einer Schule, zunächst um für die Mitglieder seiner geplanten Gemeinschaft Arbeitsplätze zu schaffen.
1971 bis 1979 Gründung des Behavior Research Institute 1971 wurde von Israel in Providence, Rhode Island, die Einrichtung „Behavior Research Institute“ als Tagesschule mit nur zwei Patienten, einem Autisten und einem Schizophrenen gegründet. Im folgenden Jahr konnte das BRI Räume im nahegelegenen Cranston, im Wohnhaus der Eltern des schizophrenen Patienten anmieten. Um 1975 kam das „Behavior Research Institute“ mit einer weiteren Einrichtung nach Seekonk, Massachusetts. 1977 gründete Israel eine Zweigstelle in Kalifornien, die auch als Träger zweier Heime in Attleboro und Rehoboth, Massachusetts fungierte.
Bereits in diesen frühen Jahren wurde in erheblichem Umfang die Aversionstherapie eingesetzt, die positive Bestärkung mit verbalem Lob oder kleinen Belohnungen war ebenfalls ein Mittel der Behandlung. Auf Psychopharmaka wurde hingegen weitgehend verzichtet. Die Mittel der Aversionstherapie waren damals noch Zwicken, Schläge mit einem Löffel, Riechsalz und das erzwungene Tragen eines „Lärmhelms“, der die Patienten starken akustischen Reizen aussetzte. Bereits 1979 veröffentlichten Behörden des Bundesstaats New York, aus dem seinerzeit 15 Patienten stammten, zwei Berichte über die Methoden des „Behavior Research Institute“, in denen Anzeichen körperlicher und seelischer Misshandlung dokumentiert wurden. In einem der Berichte wurde zur Wirksamkeit der Zwangsmittel ausgeführt, dass die Patienten in ihre alten Verhaltensweisen zurückfielen, sobald die unmittelbare Strafandrohung nicht mehr bestünde.
Frühe Einführung der Videoüberwachung Seit 1975 setzte das Behavioral Research Institute Überwachungskameras in den Räumen ein, in denen Schüler behandelt wurden. In späteren Jahren wurde der Einsatz solcher Kameras als Maßnahme zum Schutz der Schüler bezeichnet. Tatsächlich verfügt das Institut über besonderes Personal nur zur akustischen und visuellen Überwachung der Unterrichtsräume. Die Aufgabe dieser Mitarbeiter besteht vornehmlich in der Überwachung der Lehrer, unterlassene Bestrafungen führen zu einem telefonischen Hinweis an den Lehrer und werden dokumentiert, um sie dem Lehrer bei wiederholtem Verzicht auf Bestrafungen vorhalten zu können. Sämtliche Unterrichtsräume und Wohneinrichtungen des Judge Rotenberg Center werden heute aus einem Videoraum in der Hauptniederlassung in Canton, Massachusetts fernüberwacht.
1980 bis 1989 Todesfall in Kalifornien 1981 Am 17. Juli 1981 starb in einer vom „Behavior Research Institute“ betriebenen Einrichtung in Northridge, Kalifornien der 14-jährige Danny Aswad, während er mit dem Gesicht nach unten auf sein Bett gefesselt war. Bei der Obduktion wurde ein natürlicher Tod festgestellt, dennoch wurde die Einrichtung von der Aufsichtsbehörde, dem California Department of Social Services unter eine zweijährige Bewährungszeit gestellt. 1982 legte die Behörde eine 63-seitige Klageschrift gegen das BRI vor. Darin wurden als Mängel aufgeführt, dass Patienten als Strafe die Nahrung verweigert würde, und dass die Mitarbeiter darin geschult würden, Spuren von Misshandlungen zu verdecken. Darüber hinaus seien Patienten dazu ermuntert worden, für einen Film über das BRI Formen krankhaften Verhaltens nachzustellen, um im Film zu zeigen wie Patienten sich vor einer Behandlung verhielten. In einer Vereinbarung mit der Aufsichtsbehörde wurde dem BRI die Benutzung stärkerer Zwangsmittel als dem Bespritzen mit Wasser untersagt, und Matthew L. Israel wurde das Betreten der Einrichtung in Northridge verboten.
Todesfall in Massachusetts 1985 und Versuch der Schließung Der 22-jährige Vincent Milletich aus Queens, New York City, besuchte mit etwa 60 weiteren Patienten eine Schule des Behavior Research Institute in Providence, Rhode Island. Am 23. Juli 1985 wurde er nach einem Anfall in der Wohnanlage in Seekonk, Massachusetts mit einer Maske und einem „Lärmhelm“ auf dem Kopf auf einen Stuhl gefesselt. Milletich erstickte, in einem nachfolgenden Gerichtsverfahren wurde das BRI wegen der Zulassung der Behandlung und der unzureichenden Aufsicht darüber der Fahrlässigkeit schuldig gesprochen.