Der Scheinriese ist eine literarische Figur aus dem 1960 erschienenen Kinderbuch Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Der Autor Michael Ende beschreibt ihn als einen friedlichen, empathischen, hilfsbereiten, einsamen (aber eigentlich geselligen) Herrn namens Tur Tur, der nichts dafür kann, dass sich andere wegen seiner scheinbaren Größe vor ihm fürchten.
Seit Ende der 1960er Jahre wird Scheinriese auch als Schlagwort – besonders im politischen Zusammenhang – im Journalismus verwendet, um Personen, Personengruppen, Staaten und anderes zu charakterisieren. In diesem Zusammenhang ist die Metapher meist ironisch oder abwertend konnotiert und bezeichnet eine Person, eine Sache, die fälschlich oder unberechtigt das Erscheinungsbild von Größe, Stärke oder Macht zeigt oder beanspruchen möchte. In dieser Art der Verwendung steht die Metapher im Gegensatz zum netten, bedauernswerten Scheinriesen Tur Tur im Kinderbuch.
Der Scheinriese im Kinderbuch Im Kinderbuch Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer verirren sich Jim und Lukas in der Wüste „Ende der Welt“. Dort bemerken sie am Horizont eine riesige Gestalt.Alle Zitate stammen aus Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Omnibus Verlag, 1995, ISBN 3-570-20145-7, Ende Kapitel 16 und Kapitel 17, S. 131–133. Jim ist verängstigt, aber als Lukas vorangeht, folgt er ihm mit zitternden Knien. Lukas spricht sich selber und Jim Mut zu„Immer mit der Ruhe. Ich finde, außer seiner Größe sieht der Riese ganz manierlich aus … Bloß weil er so groß ist, braucht er doch noch lange kein Ungeheuer zu sein. … Wenn er uns was tun wollte, dann hätte er das längst gekonnt. Er scheint gutartig zu sein.“ und als sie der Gestalt immer näher kommen, erweist sich der „Riese“ als ein Mann von ganz normaler Größe, der sich als „Herr Tur Tur“ vorstellt.
Herr Tur Tur ist ein Scheinriese und erläutert ihnen seine Besonderheit, indem er zuerst die Größenwahrnehmung bei nah und fern im Allgemeinen erklärt,„Wenn einer von Ihnen jetzt aufstünde und wegginge, würde er doch immer kleiner und kleiner werden, bis er am Horizont schließlich nur noch wie ein Punkt aussähe. Wenn er dann wieder zurückkäme, würde er langsam immer größer werden, bis er zuletzt in seiner wirklichen Größe vor uns stünde. Sie werden aber zugeben, daß der Betreffende dabei in Wirklichkeit immer gleich groß bleibt. Es scheint nur so, als ob er erst immer kleiner und dann wieder größer würde.“ dann das ihm eigene Phänomen – ein Scheinriese zu sein – mit entwaffnender Einfachheit feststellt„Nun […] bei mir ist das einfach umgekehrt. Das ist alles. […] Ich war schon immer so […] und ich kann nichts dafür.“ und zu dem Schluss kommt, dass fast jeder Mensch irgendwelche besonderen Eigenschaften habe.„Eine Menge Menschen haben doch irgendwelche besonderen Eigenschaften. Herr Knopf zum Beispiel hat eine schwarze Haut. So ist es von Natur aus, und dabei ist nichts weiter Seltsames, nicht wahr?“ Obwohl ihn andere durch seine scheinbare Riesenhaftigkeit mit Angst wahrnähmen, sei er eigentlich „ein sehr friedlicher und geselliger Mensch“, aber durch die Furcht der anderen vor ihm sei er während seiner Kindheit sehr allein gewesen.„Trotzdem hatte ich niemals Spielkameraden, weil sich alle vor mir fürchteten.“ Nur auf seine Eltern habe er sich immer verlassen können, sie hätten nie Angst vor ihm gehabt.„Meine Eltern waren die einzigen Menschen, die keine Angst vor mir empfanden.“ Herr Tur Tur erzählt ihnen auch von seiner Einsamkeit nach dem Tod seiner Eltern„Sie beide, meine Freunde, sind seit meinen Eltern die ersten Menschen, die sich nicht vor mir fürchten. Ich habe mich unbeschreiblich danach gesehnt, einmal noch, ehe ich sterbe, mit jemandem reden zu können. […] Nun werde ich immer, wenn ich mich einsam fühle, an Sie denken, und es wird mir ein großer Trost sein, dass ich irgendwo in der Welt Freunde habe.“ und von seiner Entscheidung, in die Wüste zu gehen, damit er andere Menschen durch seinen Anblick nicht unnötig in Angst versetze.„Ich wollte ein Land suchen, wo die Leute keine Angst vor mir hätten. Ich bin durch die ganze Welt gezogen […]. Da bin ich zuletzt in die Wüste gegangen, damit niemand mehr durch mich erschreckt würde.“
Am Ende des Treffens beweist der Scheinriese Tur Tur seine Freundlichkeit, indem er Jim und Lukas hilft, den Weg aus der Wüste zu finden. Jim Knopf wiederum beendet im Folgeband Jim Knopf und die Wilde 13 die Einsamkeit des Scheinriesen, indem er und Lukas Herrn Tur Tur – im Auftrag von König Alfons dem Viertel-vor-Zwölften – als lebenden Leuchtturm nach Lummerland holen. Weil die Insel so klein ist, kann dort niemand so weit entfernt sein, dass er Angst vor Herrn Tur Tur bekäme.
Der Scheinriese im Kinderbuch ist also eine freundliche, rücksichtsvolle, hilfsbereite, aber auch einsame Person, die aufgrund ihrer „natürlichen Eigenschaft“, ihrer Erscheinung als Scheinriese, von anderen Menschen zu Unrecht gefürchtet wird.
Rezeption Literarische Rezeption Die Beschreibung durch Michael Ende ist deutlich: Hinter seinem Anderssein, seiner „besonderen Eigenschaft“, die der Scheinriese Tur Tur geduldig und auch unter Einbezug von Jim als Beispiel erklärt, ist er ein normaler Mensch mit Wünschen und unerfüllten Bedürfnissen. Die Geschichte des Scheinriesen kann – je nach Alter – zu einer unterschiedlichen Wahrnehmung führen. Während Kinder ihn direkt „als armen Kerl wahr[nehmen], mit dem man Mitleid haben muss“,Christian Mayer: Die Welt steht Knopf. In: Süddeutsche Zeitung. 21. Mai 2010, abgerufen am 4. September 2024. der Mitgefühl erzeugt, assoziieren Erwachsene eher realitätsnah: „Für sie steht der Scheinriese für die Neigung des Menschen, sich und andere über seine wahre Bedeutung zu täuschen“.
Der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer zieht im Schlusswort der Abhandlung Aufstieg und Fall der Zentralperspektive (2004) den Scheinriesen zur Erläuterung seiner Schlussfolgerung heran:
In einer Zwiebelfisch-Kolumne weist Bastian Sick 2008 darauf hin, dass der Scheinriese auch als semantische Eselsbrücke dienen kann:
Rezeption in der Justiz In einem Entscheid über die Aufrechterhaltung von Kontakten zwischen dem Vater und dem bei der Mutter lebenden Kind gegen dessen Willen bediente sich das Obergericht des Kantons Zürich der Figur Endes:
Metapher im Journalismus Die Metapher Scheinriese wird im Journalismus in ganz unterschiedlichen Bereichen und meist mit einer von der im Kinderbuch beschriebenen Thematik abweichenden Bedeutung verwendet. Die Metapher ist dann meist ironisch oder abwertend konnotiert und bezeichnet ein Objekt, das fälschlich oder unberechtigt das Erscheinungsbild von Größe, Stärke oder Macht zeigt oder beanspruchen möchte. Die unterschiedlichsten Personen, Gruppen, Gegenstände oder Konzepte werden mit ihr in Zusammenhang gebracht.
Eine der frühesten Erwähnungen erfolgte durch Golo Mann in der Wochenzeitschrift Die Zeit im Jahr 1969; sie bezieht sich auf Deutschland und andere Staaten:
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich der „Scheinriese“ zu einer universellen journalistischen Chiffre. Medien nutzen den Begriff heute weit über den politischen Kontext hinaus für Akteure und Strukturen, deren tatsächliche Substanz hinter der öffentlichen Wahrnehmung zurückbleibt – von kriselnden WirtschaftsunternehmenFritz Vorholz: Scheinriese. In: Die Zeit. 15. Januar 2009, abgerufen am 4. September 2024. über politische OrganisationenLudwig Greven: Westerwelle und der Scheinriese Tur Tur. In: Die Zeit. 5. Februar 2010, abgerufen am 4. September 2024. bis hin zu sportlichen Favoriten.Jürgen Marks: In: Augsburger Allgemeine. 5. August 2011.
Scheinzwerg Im Gegensatz zu Scheinriese erhielt das Antonym Scheinzwerg erheblich weniger Beachtung, obwohl Herr Tur Tur ihn mit entwaffnender Logik im selben Buchkapitel einführt: „Deshalb sage ich, ich bin ein Scheinriese. Genauso, wie man die anderen Menschen Scheinzwerge nennen könnte, weil sie ja von weitem wie Zwerge aussehen, obwohl sie es gar nicht sind.“
Im Jahr 2010, zum 50-jährigen Erscheinungsjubiläum des Buches Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, erschien in der Frankfurter Rundschau ein Artikel mit dem Titel Der Scheinzwerg, der sich auf dieses Buch von Michael Ende bezieht, das zuerst kein Verlag haben wollte und das später eines der beliebtesten deutschen Kinderbücher wurde und nun in 33 Sprachen übersetzt vorliegt.Elke Vogel: In: Schwäbisches Tagblatt. 7. August 2010.
Eine Zusammenführung beider Begriffe erfolgte 1997 in einem Artikel mit dem Titel „Vom ‚Scheinzwerg‘ zum ‚Scheinriesen‘ – deutsche Außenpolitik in der Analyse“.Ingo Peters: Vom „Scheinzwerg“ zum „Scheinriesen“ – deutsche Außenpolitik in der Analyse. In: Zeitschrift für Internationale Beziehungen. 4 (1997), S. 361–388.
Neologismen Ausgehend von der Geschichte des Scheinriesen Tur Tur sind auch Neologismen entstanden, die mehr oder wenig häufig verwendet werden: Turturismus, Tur-Turisierung, Scheinriesin,Gerhard Spörl: Merkels Stolperstart: Scheinriesin zwischen Kampfzwergen. auf: Spiegel online. 8. Januar 2010, abgerufen am 4. September 2024. scheinriesig etc.
Literatur Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Omnibus Verlag, TB Ausgabe 1995, ISBN 3-570-20145-7. Michael Ende, Beate Dölling: Jim Knopf und der Scheinriese. mit Illustrationen von Mathias Weber und Franz Josef Tripp. Thienemann Verlag, 2008, ISBN 978-3-522-43557-4. Gerda und Rüdiger Maschwitz: Phantasiereise Der Scheinriese, aus Phantasiereisen zum Sinn des Lebens. Kösel-Verlag, München 1998, ISBN 978-3-466-36505-0, S. 160–162.
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Einzelnachweise und Anmerkungen
Kategorie:Literarische Figur Kategorie:Politisches Schlagwort Kategorie:Michael Ende