Die Latwerge (auch das Elektuarium, lateinisch Electuarium, deutsch auch Leckmittel) ist eine eingedickte Saft-Honig-Zubereitung von dick-zähflüssiger Konsistenz und fand als haltbare Arzneiform besonders in der Medizin des Mittelalters Verwendung.
Zubereitung und Geschichte Latwergen (früher auch Elektuarien bzw. lateinisch Electuaria) enthalten als Arzneimischung bzw. sirupartige DrogenmischungBernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 386 (electuaria: ‚Latwerge, sirupartige Drogenmischung‘) und 391 (zum Synonym latwârje). in Form eines steifen Breis oder Teigs zur oralen Einnahme neben den verschiedenen Arzneidrogen als Konservierungsmittel Honig. In der Volkssprache des 19. und 20. Jahrhunderts steht Latwerge (von mittelhochdeutsch Latwarje, mit dialektalen Formen wie Latwäre und ähnlich sowieGundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 370 (electuarium, lectuarie). lectuarie) hingegen oft für Süßspeisen von latwergenähnlicher Konsistenz wie Pflaumenmus oder anderes Fruchtmus oder für sirupartig eingekochten Saft von Früchten,Latwäri. In: Schweizerisches Idiotikon, Band III, Spalte 1486 (Latwäri). ja sogar für (ältere Formen der) Marmelade („Quetschmarmelade“).Vgl. Sprachatlas der deutschen Schweiz, Band V, Karte 191 sowie Christoph Landolt: Konfitüre – einst und heute. «Wortgeschichte» vom 26. Oktober 2016, hrsg. von der Redaktion des Schweizerischen Idiotikons.
Das Wort, mittelhochdeutsch latwārje, latwērje u. ä., kommt von lateinisch ēlect(u)ārium, das seinerseits von griechisch ἐκλεικτόν ekleiktón ‘(weiche) Arznei (Leckmittel)’, wörtlich: „was aufgeleckt wird“, stammtKluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin/Boston 2011, S. 561. Vergleiche ferner und auf Griechisch leíchein „lecken, auflecken“ zurückgeht.
Es handelte sich ursprünglich um ein aufzuleckendes Drogenpulver, dem zur Geschmacksverbesserung Honig zugefügt wurde. Der Honig wird seit dem Mittelalter hierbei als Konservierungsmittel eingesetzt.Erika Hickel: Arzneimittel in Apotheke und Haushalt des 16. und 17. Jahrhunderts. In: Joachim Telle (Hrsg.): Pharmazie und der gemeine Mann. Ausstellungskatalog der Herzog August Bibliothek Nr. 36. Wolfenbüttel 1982, ISBN 978-3-88373-032-5, S. 21–26, hier: S. 22.Peter Schantz: Weißdorn und Herzgespann. Medizinhistorische Untersuchungen zur europäischen Tradition dieser Arzneipflanzen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Kassel 2009, S. 46. Später fand auch Zuckersirup Verwendung.Willem Frans Daems: Arzneiformen. In: Lexikon des Mittelalters. München/Zürich 1978 ff., hier: Band 1 (1980), Sp. 1094–1095. Bisweilen haben Leckmittel, bestehend aus Pulvern und weichen oder flüssigen Komponenten (Sirup, Honig oder Mus), eine dem Mus ähnliche Konsistenz.Annette Geuther: Naturwissenschaftler in ihrer Zeit: Justus von Liebig (1803–1873) und Hildegard von Bingen (1098–1179). Gießen 2004, S. 31. Eine sehr dünnflüssige Latwerge wurde als Linctus (Lecksaft) bezeichnet und entsprach der antiken Arzneiform eclegma. Eine gebräuchliche Latwerge war der Theriak, eine weitere Latwerge der mittelalterlichen Pharmazie die Rosenblättersaftlatwerge electuarium de succo rosarum,Vgl. etwa Wouter S. van den Berg (Hrsg.): Eene Middelnederlandsche vertaling van het Antidotarium Nicolaï (Ms. 15624–15641, Kon. Bibl. te Brussel) met den latijnschen tekst der eerste gedrukte uitgave van het Antidotarium Nicolaï. Hrsg. von Sophie J. van den Berg, N. V. Boekhandel en Drukkerij E. J. Brill, Leiden 1917, S. 60–63. die (etwa nach der Vorschrift des Antidotarium NicolaiVgl. Carolus Clusius: Antidotarium sive De exacta componendorum miscendorumque medicamentorum ratione libri tres […]. Antwerpen (Christopher Plantin) 1561; Neudruck, hrsg. von Leo Jules Vandewiele und Dirk Arnold Wittop Koning, Gent 1972 (= Opera pharmaceutica rariora. Band 3), Blatt 77.) aus Rosensaft (succus rosarum), getrocknetem Purgierwindensaft, Sandelhölzern, Knochenasche, Kampfer und Zucker hergestellt wurde.Werner Dressendörfer: Spätmittelalterliche Arzneitaxen des Münchner Stadtarztes Sigmund Gotzkircher aus dem Grazer Codex 311. Ein Beitrag zur Frühgeschichte des süddeutschen Apothekenwesens. Königshausen & Neumann, Würzburg 1978 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 15), S. 217 und 294. Hinzu kamen bis in die Neuzeit eine Vielzahl mit Dia-Vgl. Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 141 („Dia... Bedeutet: mit einer Droge hergestellt, zum Beispiel: Dia-calamenthum“). bezeichnete Latwergen wie Diacitoniton (Quittenlatwerge), Diagentiana (Enzianlatwerge, Gelben Enzian enthaltend) oder Diamargariton (Perlenlatwerge)Jörg Mildenberger: Anton Trutmanns 'Arzneibuch', Teil II: Wörterbuch. Königshausen & Neumann, Würzburg 1997 (= Würzburger medizinische Forschungen. Band 56), ISBN 3-8260-1398-0, S. 443–453. und Diaprunis (Pflaumenlatwerge)Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 364. sowie als Hiera („heilig“), auch Yera, bezeichnete Latwergen wie Hiera fortissima Galeni, Hiera logadion, Hiera picra Abbatis, Hiera picra Constantini, die am meisten gebrauchte Hiera picra Galieni (von griechisch pikros „bitter“)Vgl. auch Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 144 (Hiera: Gegengift). und Hiera RufiOtto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 153 (Rufus Menius aus Ephesus, überliefert durch Oribasius). bzw. Hiera Rufini.Wouter S. van den Berg (Hrsg.): Eene Middelnederlandsche vertaling van het Antidotarium Nicolaï (Ms. 15624–15641, Kon. Bibl. te Brussel) met den latijnschen tekst der eerste gedrukte uitgave van het Antidotarium Nicolaï. Hrsg. von Sophie J. van den Berg, N. V. Boekhandel en Drukkerij E. J. Brill, Leiden 1917, S. 217 f. (Yera […].) Eine iustinum genannte Latwerge des Antidotarium Nicolai bezeichnet ein Hiera des im 4. Jahrhundert lebenden „Iatrosophisten“ Justus.Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes. 1961, S. 370 (zu Electuarium) und 406 (zu Iustinum, „daz electuarium, daz da haisset iustinum“). In früheren Apotheken wurde eine als Tryphera persica bezeichnete persische Latwerge angeboten.Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 158.