mini|Aufstellung von Galvanokopien des Ratssilbers im Lüneburger Rathaus, historisches Foto um 1900

Zum Ratssilber (nur Singular) zählt man im engeren Sinne das prunkvolle Trink- und Speisegeschirr aus Edelmetall, einschließlich der Tafelzier und der silbernen Besteckteile, im Weiteren auch das übrige Gerät aus (auch vergoldetem) Silber, wie Insignien, zur Eidesleistung bestimmte Reliquiare, Schilde, Spielmannsabzeichen und Botenbüchsen, die den städtischen, zur Repräsentation im jeweiligen Rathaus bestimmten, oft schon seit dem späten Mittelalter historisch gewachsenen Silberbesitz ausmachen.Seelig, S. 231f; Gussone, Anm. 3Eva-Maria Landwehr: Rathäuser und Bürgerstolz. In: Kunst des Historismus, in der Reihe Uni-Taschenbücher, Bd. 3645, Köln; Weimar; Wien: Böhlau, 2012, ISBN 978-3-8252-3645-8 und ISBN 3-8252-3645-5, S. 36–44, hier: S. 41; online über Google-Bücher Bemerkenswert ist die Konzentration des Phänomens „Ratssilber“ auf deutsche und einige deutschschweizerischeHanspeter Lanz: Silberschatz der Schweiz: Gold- und Silberschmiedekunst aus dem Schweizerischen Landesmuseum = Trésors d'orfèvrerie suisse: les collections du Musée national suisse. Ausstellungskatalog Badisches Landesmuseum Karlsruhe, 24. April bis 25. Juli 2004, Kat. Nr. 28. (Winterthur) – A. Gruber: Weltliches Silber, Katalog der Sammlung des Schweizerischen Landesmuseums Zürich. Zürich 1977, Kat. Nr. 63, 186, 187, 198, 201, 205, 253, 270, 271. Städte.

Geschichte Wie die Idee des Hortes sich in Motiven der Sagenliteratur widerspiegelt und sich konkret in Kirchenschätzen und fürstlichen Schatzkammern manifestiert, so übernahmen auch die im Spätmittelalter sich von den jeweiligen Landesherrn emanzipierenden freien Städte diese Form der Zurschaustellung von Rang und Reichtum. Die frühesten Nachweise (Frankfurt, Hamburg, Köln) und auch das älteste heute noch erhaltene Objekt (Naumburg) stammen aus dem 14. Jahrhundert. Schon aus älteren Quellen geht hervor, dass der Erwerb überwiegend aus Stiftungen und Geschenken, teils aber auch auf städtische Rechnung erfolgte. Anhand überlieferter Inventare, die ältesten stammen von 1428 (Bremen), 1446 (Köln), und 1460 (Lübeck), kann man sich auch heute noch ein Bild von typischen spätgotischen Beständen, aber auch von neuzeitlichen Veränderungen und wechselnder Wertschätzung machen. Mittelalterliche Stücke haben nur ganz vereinzelt (Ingolstadt, Lüneburg), und noch seltener in den Rathäusern selbst überlebt. Während einige der bedeutendsten Ratssilberschätze aus süddeutschen Reichsstädten weitgehend verloren sind (Augsburg, Nürnberg, Ulm, Regensburg), haben sich bemerkenswerte kleinere Bestände gerade in norddeutschen Städten erhalten (Emden, Osnabrück, Mölln).Seelig, S. 236

Aus den älteren Schätzen und Inventaren wird deutlich, welche Gefäßtypen in der Frühzeit zum Ratssilber gehörten: vor allem Becher, Kannen und Schalen. Seit dem 16. Jahrhundert spielen die Prunkpokale (Willkomme) eine dominierende Rolle, wie das Lüneburger, als das nach Alter, Umfang und künstlerischem Rang bedeutendste unter den erhaltenen Ratssilberensembles überdeutlich zeigt. Ein Ratssilberschatz stellte einen ständigen Vorrat für Geschenkzwecke dar, aus dem man sich für Gastgeschenke und Bestechungsgaben bediente.Seelig, S. 243 Silberstiftungen wurden daher oft mit der Bedingung verknüpft, dass die Spende „auf ewig“ im Rathaus verbleiben müsse. In der Neuzeit wurde es vielerorts Brauch, dass bei Amtswechseln die Ratsherren, sei es bei Eintritt (Bremen) oder bei Amtsaufgabe (Hamburg), ein silbernes Teil in den Schatz schenkten. Der Intention, das Gedächtnis des Stifters zu bewahren, dienten Inschriften und Wappen.Seelig, 240 Wie grundsätzlich bei Silberarbeiten ist spätestens seit der frühen Neuzeit die Werkstattherkunft anhand der eingestempelten Silbermarken zu erkennen; nicht immer, wie beispielsweise bei Gesandtschaftgeschenken an den Rat, stammen die Arbeiten aus der jeweiligen Stadt selbst. Unter alten Silbergefäßen wurden mitunter auch Gewichtsangaben eingraviert, sie waren ja zugleich Wertangaben und wurden in den Inventaren protokolliert. Da Silber „in Europa die Grundlage aller Währungen“ bildete, konnten die Prunkgeschirre und Kleinodien in Notzeiten auch „verpfändet, verkauft oder eingeschmolzen“ werden, um daraus beispielsweise neue Münzen zu prägen. Der Arbeitslohn an den Stücken entsprach in der Frühzeit nur einem Bruchteil ihres Edelmetallwertes. Wurden die großen Pokale in der frühen Neuzeit noch mehr zeremoniell als praktisch benutzt, so kamen nicht nur diese individuell gestalteten Schaugefäße mit ihrem nur geringen Gebrauchswert, sondern auch überhaupt silberne Becher und Pokale mancherorts im Laufe des 17. Jahrhunderts etwas aus der Mode, seit die Ratsherren lieber aus Gläsern tranken und sich häufig ein nach einheitlichem Muster gestaltetes Speiseservice wünschten (Bremen, Hamburg).

Im 18. Jahrhundert ist die Zeit für große zeremonielle Gesten vorbei. Neu erworben werden jetzt eher reine Gebrauchsgeräte wie Essgeschirre und Leuchter; Zugänge und Abgänge wechseln häufiger, Unmodisches wird eingeschmolzen, Porzellan und Fayence tritt bei der Tafelzier in Konkurrenz mit dem Silber. Manche Ratssilberbestände lagen als ungenutztes Kapital verborgen oder waren Gegenstand von Verpfändungen (Hamburg). Zu Anfang des 19. Jahrhunderts werden viele Ratssilberschätze teils völlig, teils bis auf wenige Einzelstücke aufgelöst (Hamburg, Köln, Nürnberg, Dortmund, Frankfurt). Die Mediatisierung der Freien Reichsstädte, die Kontributionen in den Napoleonischen Kriegen trugen dazu ebenso bei wie eine allgemeine Abkehr vom Zeremoniellen.

Nach 1870 setzt ein Umschwung ein. Aus neuem, gründerzeitlichem Reichtum, einem lokal gefärbten Nationalismus, einhergehend mit einem Historismus, der die allgemeine und lokale Geschichte aufarbeitet, seine Stile imitiert, die Stadtbilder restauriert und auftrumpfende neue Rathäuser errichtet, erwächst diese, die ganze Epoche prägende Inszenierung von Geschichte. Das Ratssilber sollte darin ein „Beleg für Generosität und Gemeinsinn und damit das Aushängeschild für das Erfolgsmodell der autonomen neuzeitlichen Stadt sein.“ Zu den wichtigen Anschaffungen gehören jetzt komplette Bestecksätze, gefertigt teilweise mit exklusiv entworfenen Prägestempeln (Bremen, Lübeck). Neu sind in den Ratssilberschätzen am Ende des Jahrhunderts die Tafelaufsätze, zunächst in Form von hoch aufgesockelten Schalen für Früchte oder Makartsträuße, dann oft denkmalhaft aufragende, mit Allegorien geschmückte Prunkstücke ohne jede Gebrauchsfunktion, im Jugendstil schließlich auch die Jardinière. Die tiefgreifende Stilmodernisierung im Kunsthandwerk um 1900 spiegelt sich nicht unbedingt in den Ausstattungsanschaffungen für die allenthalben neu errichteten Rathäuser wider, wo in Architektur und Tafelschmuck der Jugendstil nur halbherzig Anwendung findet (Hamburg, Bremen).

Einzelne Ratssilberschätze Aachen Nachdem durch die Verluste im Zweiten Weltkrieg von dem Ratssilber der Stadt Aachen lediglich das „Tintenfass des Teufels“ und der „Kronprinzenpokal“ erhalten geblieben waren, hatte sich eine Bürgerinitiative gebildet, durch die bisher mehr als 20 silberne Platzteller für das jährliche Krönungsmahl gestiftet werden konnten.Marcel Philipp (Verantw.): auf der Seite aachen.de, Inhalt: Bürgerinitiative zur Vervollständigung des Ratssilbers, zuletzt abgerufen am 14. Januar 2014

Appenzell Das sog. Ratssilber enthält Pokale und Kleinkunstwerke, die das Land Appenzell bei Staatsbesuchen geschenkt bekam, es wird im Kulturgüterschutzraum des Landesarchivs verwahrt.Rainald Fischer: Die Kunstdenkmäler des Kantons Appenzell Innerrhoden, Basel 1984, S. 310–312.

Bernkastel Drei Pokale, einer davon aus dem Jahr 1661.Hans Vogts: Die Kunstdenkmäler des Kreises Bernkastel, Düsseldorf 1935, S. 79–82.

Bremen Zum Bremer Ratssilber gehören heute Stücke, die zwischen 1535 und 1912 entstanden sind. Die ältesten historischen Nachrichten stammen aus der Zeit kurz nach Fertigstellung des Rathausbaus von 1405. 1428 wurden 14 Teile, vorwiegend Schalen, inventarisiert. Die ältesten erhaltenen Teile kamen 1609 bei der Auflösung des Londoner Stalhofs an den Bremer Rat. Herausragend ist ein 1535/36 wohl nach Entwurf von Holbein dem Jüngeren getriebenes großes Becken. Zusammen mit einer Kanne bildet es den einzigen Rest nicht nur des Stalhofsilbers, sondern der gesamten Ausstattung dieses hansischen Handelshofes. 1642 kommt System in den sich zuvor wildwüchsig erweiternden Bestand. Bis 1681 wird „ein schön Silbergeschirr gezeuget“, über 260 einheitlich dekorierte Teller, Schüsseln, Löffel, Becher, Senfkannen, Salzfässer, Leuchter und Kohlebecken, finanziert durch eine feste Abgabe eines jeden neuen Ratmannes. 1684 entging einer Einschmelzungsaktion wegen eines geplanten Immobilienerwerbs nur das Stalhofsilber. 1878 werden für ein einheitliches Besteck letztmals alte Teile weggegeben, 1889 ein großer Tafelaufsatz angeschafft. Vier dekorative Schalen von Heinrich Vogeler (1902 und 1907) und ein Ensemble nach Rudolf Alexander Schröder für das Neue Rathaus markieren auch in Bremen das Ende der Geschichte deutscher Ratssilberschätze.

Die Stücke nach Holbein und Vogeler sind im Focke-Museum ausgestellt, eine weitere kleine Auswahl in der Oberen Rathaushalle. Zusammen mit dem Silber des Hauses Seefahrt bildet das Bremer Ratssilber Tischschmuck und Tafelgerät der alljährlichen Schaffermahlzeit.

Dortmund Mit Ausnahme eines 1745 geschenkten schlichten Bechers fehlen nicht nur alle bedeutenderen, sicher vorhanden gewesenen älteren Ratssilberteile, sondern auch jegliche Quellen darüber.Ribbert, S. 199 1899, im Jahr von Rathausumbau und Kaiserbesuch bekam das Rathaus wieder neues Silber durch Stiftungen von Stadträten und lokalen Korporationen. Herausragende Stücke sind: das Gastbuch mit Schreibzeug, der Kaiserbecher sowie weitere Becher und Leuchter. 1903 kam ein Tafelaufsatz hinzu, der allegorisch den Bergbau thematisiert, 1915 die zwei „Jahreszeitenschalen“. Einzelne Teile des Ratssilbers sind im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund ausgestellt.

Dresden Der 67-teilige Dresdener Ratsschatz ging in den Wirren nach dem Kriegsende 1945 verloren. Zu DDR-Zeiten gelang die Rückführung von zwei Bechern und einem Abendmahlskelch. 2015 tauchte ein vergoldeter Pokal in Schiffsform des Nürnberger Goldschmieds Tobias Wolff aus dem 17. Jahrhundert im Kunstauktionshandel auf und konnte 2017 für das Stadtmuseum zurückerworben werden. Verhandlungen um ein fünftes Stück, angeblich ein Silberschild in nordamerikanischem Museumsbesitz, waren ebenfalls 2017 noch nicht abgeschlossen.Sächsische Zeitung 7. 7, 2017

Emden Vier Pokale des 16. bis 17. Jahrhunderts aus Augsburg, Antwerpen und Lübeck, ein Trinkspiel in Form eines Segelschiffshttps://ostfrhist.hypotheses.org/3981 Aiko Schmidt: Der Schiffspokal im Emder Ratssilber, Blog für ost-friesische Geschichte. Abgerufen am 30. Mai 2024 sowie eine Handwaschgarnitur aus StraßburgMeinz, Lavoir Emden, S. 663 bilden die ins Emder Landesmuseum verbrachten Reste des städtischen Silbers.Johannes C. Stracke: Rüstkammer und Silberschatz der Stadt Emden, in: Ostfriesland. Zeitschrift für Kultur, Wirtschaft und Verkehr, hrsg. von der Ostfriesischen Landschaft, Heft 3/1962, Leer 1962, S. 45–46;

Erfurt 1632 besaß der Rat einen Schatz von 127 Stücken im Gewicht von über 400 kg. Erhalten haben sich davon nur drei im neuen Stadtmuseum gezeigte Stücke: Die Weinkrause (ein Steinzeuggefäß in silberner Fassung) aus dem Jahre 1640, der als „türkische Jungfer“ bezeichnete Sturzbecher von 1566 und die beiden Fassbecher zum Ineinanderstecken von 1592.

Frankfurt am Main