Als Jäger-Bericht oder Jäger-Report wird eine auf den 1. Dezember 1941 datierte und als Geheime Reichssache gestempelte ausführliche Gesamtaufstellung der Exekutionen bezeichnet, die zwischen dem 4. Juli und dem 29. November 1941 in Litauen und Vilnius vom Einsatzkommando 3 mit litauischen Helfern durchgeführt worden waren. Der SS-Standartenführer und Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD von Kaunas, Karl Jäger, listet darin mehr als 130.000 meist jüdische Opfer auf, überwiegend Frauen und Kinder. Jäger stellt heraus, „das Ziel, das Judenproblem für Litauen zu lösen“, sei vom EK. 3 erreicht worden.

Überblick

Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion marschierte die Wehrmacht im Juni 1941 in Litauen ein. Ihr folgten Einheiten der Einsatzgruppe A unter Walter Stahlecker, darunter das Einsatzkommando 3 unter dem SS-Standartenführer Karl Jäger. In nordwestlichen Teilen Litauens ermordete das Einsatzkommando 2 schätzungsweise 30.000 Juden.Michael MacQueen: Massenvernichtung im Kontext: Täter und Voraussetzungen des Holocaust in Litauen. In: Wolfgang Benz, Marion Neiss: Judenmord in Litauen. Studien und Dokumente, Berlin 1999, ISBN 3-932482-23-9, S. 15. Im flächenmäßig größeren Teil des Landes ließ Jäger innerhalb von nur fünf Monaten mehr als 130.000 Juden exekutieren und meldete, in Litauen sei das „Judenproblem“ damit bis auf einen Restbestand von 34.500 Arbeitsjuden einschließlich ihrer Familien gelöst.

Kein anderer Bericht eines Einsatzkommandos zeichnet den geographischen Verlauf und die stärker werdende Einbeziehung von Frauen und Kindern in das Mordgeschehen so präzise nach.Wolfgang Scheffler: Die Einsatzgruppe A 1941/42. In: Andrej Angrick: Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Die Tätigkeits- und Lageberichte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD. Berlin 1997, ISBN 3-89468-200-0, S. 50 mit Anm. 39. Daher wird der Jäger-Bericht in der Holocaustforschung als „Schlüsseldokument“ angesehen.Wolfram Wette: Karl Jäger. Mörder der litauischen Juden, Frankfurt/Main 2011, ISBN 978-3-596-19064-5, S. 20. Zwei Kurzmeldungen Jägers, die aufgefunden wurden, beschränken sich dagegen auf die Mitteilung von Summen.

Jäger wollte nach eigener Aussage mit seinen „Erfolgszahlen“ glänzen und seine Karriere fördern. Die Initiative von Tätern in den einzelnen Regionen war „unabdingbarer Bestandteil einer zentral gesteuerten Politik“, zugleich aber sicherte erst der „Wettbewerb der verschiedenen Funktionsträger“ die Führungsrolle des Zentrums.Peter Longerich: Zur Situation der Holocaust-Forschung in Deutschland. In: Michael Brenner, Maximilian Strnad (Hrsg.): Der Holocaust in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft. Bilanz und Perspektiven. Göttingen 2012, ISBN 978-3-8353-1149-7, S. 17.

Quellenüberlieferung und Publikationsgeschichte

Die „Gesamtaufstellung der im Bereich des EK. 3 bis zum 1. Dez. 1941 durchgeführten Exekutionen“ ist als vierte von fünf Ausfertigungen mit neun Blatt vollständig und von Jäger eigenhändig unterschrieben überliefert worden. Sie war 1944 bei der Rückeroberung Litauens in die Hände der Roten Armee gekommen, blieb aber im Westen unbekannt. Erst im Jahre 1963 wurde der Jäger-Bericht vom Sowjetischen Außenministerium der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg zur Verfügung gestellt.Wolfram Wette: Karl Jäger. Mörder der litauischen Juden, Frankfurt/Main 2011, ISBN 978-3-596-19064-5, S. 28 mit Anm. 27 auf S. 206. Dort wurde die Quelle untersucht und von Experten inhaltlich für authentisch befunden. Dieses Dokument wird in der Außenstelle des Bundesarchivs in Ludwigsburg aufbewahrt.Christoph Dieckmann: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944. Göttingen 2011, ISBN 978-3-8353-0929-6, Bd. 2, S. 804 (Gesamtaufstellung EK 3, 10. 9.; 1. Dezember 1941 BArch, R 70 Sowjetunion/15 Bl. 77–89) Das Original befindet sich im Sonderarchiv Moskau.Wolfgang Scheffler: Die Einsatzgruppe A 1941/42. In: Andrej Angrick: Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Die Tätigkeits- und Lageberichte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD Berlin 1997, ISBN 3-89468-200-0, S. 48 mit Anm. 29 (Sign 500-1-25; Bl. 109–117) / Roland Headland: „Messages of Murder - A Study of the Reports of the Einsatzgruppen of the Security Police and the Security Service, 1941–1943“. Rutherford, New York/London 1992, S. 155 verortet das Original irrtümlich im Central Lithuanian Archives in Vilnius.

Adalbert Rückerl publizierte den vollständigen Inhalt 1971 als Faksimile und machte ihn damit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.Adalbert Rückerl (Hrsg.): NS-Prozesse nach 25 Jahren Strafverfolgung - Möglichkeiten, Grenzen, Ergebnisse. Karlsruhe 1971, ISBN 3-7880-2011-3 Der ebenfalls bei der Ludwigsburger Zentralen Stelle tätige Heinz Artzt nahm das faksimilierte Dokument 1979 in sein Buch auf.Heinz Artzt: Mörder in Uniform. München 1979, ISBN 3-463-00766-5, S. 185–193. Taschenbuchausgabe 1987 bei Moewig, ISBN 3-8118-3237-9. Einen Auszug des Dokuments nahm Reinhard Rürup 1987 in eine Dokumentation auf.siehe Reinhard Rürup (Hrsg.): Topographie des Terrors : Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt auf dem „Prinz-Albrecht-Gelände“ - eine Dokumentation. Arenhövel Verlag, 4. verb. Aufl., Berlin 1988, ISBN 3-922912-21-4. Eine transkribierte vollständige Druckfassung veröffentlichte Ernst Klee 1988.Ernst Klee; Willi Dreßen; Volker Rieß: 'Schöne Zeiten' – Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer. Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-10-039304-X, S. 52–62. Zusammen mit einem Kurzbericht, den Jäger auf Anforderung Stahleckers am 9. Februar 1942 eigenhändig schrieb, wurde der Jäger-Bericht vom 1. Dezember 1941 als Faksimile nochmals 2003 abgedruckt bei Vincas Bartusevičius.Vincas Bartusevičius, Joachim Tauber, Wolfram Wette: Holocaust in Litauen. Krieg, Judenmorde und Kollaboration im Jahre 1941. Böhlau Verlag Köln und Weimar 2003, ISBN 3-412-13902-5, S. 303–311. Außerdem wurde das vollständige Dokument – gemeinsam mit einem Kurzbericht Jägers vom 10. September 1941 – im Jahre 2006 publiziert.Christoph Dieckmann, Saulius Sužiedelis: The Persecution and Mass Murder of Lithuanian Jews. Vilnius 2006 (nicht eingesehen) 2011 veröffentlichte Wolfram Wette eine Monografie über Karl Jäger; dieses Taschenbuch der Reihe Die Zeit des Nationalsozialismus enthält ebenfalls ein Faksimile des Jäger-Berichts.Wolfram Wette: Karl Jäger. Mörder der litauischen Juden. Fischer TB 19064, Frankfurt/Main 2011, ISBN 978-3-596-19064-5.

Zeitgenössisch wurden alle Ereignismeldungen für den Einsatz in der UdSSR im Referat IV A1 im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) gesammelt und redaktionell überarbeitet; nach Aussage eines Mitarbeiters wurden dabei „die interessierenden Stellen rot eingeklammert“. Dabei wurde auch „Jägers unerträgliche Problemlösungsphraselogie herausgeschnitten ('Organisationsfrage, gründlicher Vorbereitung, nervenaufreibende Arbeit, Paradeschießen, geschickter Ausnutzung der Zeit'.)“Klaus-Michael Mallmann, Andrej Angrick, Jürgen Matthäus, Martin Cüppers: Die "Ereignismeldungen UdSSR" 1941. Für Konrad Kwiet zum 70. Geburtstag. Darmstadt 2011, ISBN 978-3-534-24468-3, S. 15–16.

Der Jäger-Bericht diente in zahlreichen deutschen, kanadischen und US-amerikanischen Gerichtsverfahren als Beweismaterial,Yale F. Edeiken: abgerufen am 8. Januar 2014. unter anderem 1963 in einem DDR-Schauprozess gegen Hans Globke (Globke-Prozess) und im Jahre 2000 im Prozess gegen den Holocaustleugner David Irving. Irving wies zwar auf fehlende SS-Runen hin, wie es bei derartigen Schriftstücken nur selten vorkomme, akzeptierte jedoch unter Vorbehalt, dass es sich um ein authentisches Dokument handelt. hier S. 58, Zeile 24; abgerufen am 9. Januar 2014. Der Jäger-Bericht bietet kaum Angriffspunkte, da viele Aktionen anderweitig belegbar sind: So etwa durch Transportlisten und Zuglaufpläne für die am 25. und 29. November 1941 ermordeten 4934 deutschen JudenAlfred Gottwaldt, Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941–1945: Eine kommentierte Chronologie. Marix, Wiesbaden 2005, ISBN 3-86539-059-5, S. 98–109. sowie Zeitzeugenberichte hierzu.Dokument VEJ 7/273. In: Bert Hoppe, Hiltrud Glass (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 7: Sowjetunion mit annektierten Gebieten I – Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien. München 2011, ISBN 978-3-486-58911-5, hier S. 715.

Inhaltsübersicht

Auf den ersten sechs Blättern listet der Jäger-Bericht alle von ihm veranlassten Erschießungen im Zeitraum vom 4. Juli bis zum 25. November 1941 auf. Die auf 137.346 bezifferte EndsummeEs gibt Fehler bei den Zwischensummen auf S. 2 und 6; die korrekte Summe ist 137.447. schließt rund viertausend Juden ein, die unmittelbar vor und nach dem 2. Juli 1941 von litauischen Milizen – teilweise ohne Anordnung Jägers – ermordet wurden, sowie rund 3000 Ermordete durch ein Teilkommando des EK. 3 in Minsk. Der Bericht nennt 71 litauische Städte und Dörfer, in denen – zum Teil mehrfach – Exekutionen durchgeführt wurden. In Kaunas gab es 13 Mordaktionen, in Wilna sogar 15. Die Liste führt buchhalterisch genau Datum und Ort sowie die Anzahl der Exekutierten an, manchmal ergänzt mit Hinweisen zur Staatsangehörigkeit oder auf kommunistische Betätigung, manchmal begründet als Repressalie oder Strafaktion sowie wegen Brandstiftung oder Agententätigkeit. In den weitaus meisten Fällen werden Zahlenangaben allein mit dem Zusatz „Juden“, „Jüdinnen“ sowie „Judenkinder“ erläutert.

Christoph Dieckmann stellt für die Provinzen drei „Stufen der Eskalation des Mordens“ heraus. Vom 8. Juli 1941 bis zum 26./27. Juli, dem Eintreffen der Zivilverwaltung, wurden in der Provinz Litauens 450 Juden und Kommunisten ermordet. Ab dem 28. Juli erhöhte sich die Opferzahl der jüdischen Männer und zunehmend auch der Jüdinnen. Bis zum 14. August wurden 6911 Juden und Kommunisten erschossen. Ab dem 15. August bis Berichtsende wurden außerhalb der größeren Städte 54.981 Juden exekutiert; dabei wurden ganze Gemeinden systematisch ausgelöscht.Christoph Dieckmann: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944. Göttingen 2011, ISBN 978-3-8353-0929-6, Bd. 2, S. 804. Damit war die „entscheidende Schwelle zum Völkermord“ überschritten.Bert Hoppe, Hiltrud Glass (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 7: Sowjetunion mit annektierten Gebieten I – Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien. München 2011, ISBN 978-3-486-58911-5, S. 29. Die Auflistung lässt auch regionale Schwerpunkte der Mordaktionen erkennen. Bis zum 26. August 1941 war die Ermordung fast ausschließlich auf das Gebietskommissariat Schaulen beschränkt. Vom 26. August bis zum 4. September 1941 kam das Gebietskommissariat Kaunas–Land hinzu; ab 9. September setzten umfangreiche Massenmorde im Gebietskommissariat Vilnius–Land ein.