mini|Werner Kriesel (2012) Werner Kriesel (* 28. März 1941 in Kappe, Landkreis Deutsch Krone; † 27. Dezember 2022Traueranzeige, in: Leipziger Volkszeitung vom 28. Januar 2023.) war ein deutscher Ingenieur und Professor für Automatisierung und Industrielle Kommunikationstechnik. Er war Mitbegründer des eigenständigen Fachgebiets Industrielle Kommunikation für die Automation in angewandter Forschung und akademischer Lehre.

Werdegang mini|Alte Grundschule in Alsleben (Saale) mini|Gymnasium Carolinum Bernburg - Haupteingang, Gebäude Schlossgartenstraße 14

Werner Kriesel wurde als einziges Kind des Landwirts und gelernten Fleischers Walter Kuno Kriesel (1906–1945) und seiner Ehefrau Frieda Kriesel, geb. Weber (1911–1983) in Kappe (heute Ortschaft der Stadt Trzcianka, Schönlanke), Kreis Deutsch Krone bei Schneidemühl in Westpreußen geboren. Beide Elternteile waren weltoffen, nicht zuletzt durch ihre nahen Verwandten in Berlin, zu denen auch ein überseeischer Kaufmann gehörte, der 1937 einen längeren Italienaufenthalt und zuvor um 1930 eine zweijährige Arbeit des Vaters in den USA angeregt hatte. Hierbei lernte sein Vater als junger Mann den Maschineneinsatz auf Farmen und die Fließbandproduktion in den Schlachthöfen von Chicago kennen. Einen Teil dieser Erfahrungen setzten später die Eheleute auf ihrem eigenen Bauernhof durch entsprechende Investitionen um. Der Vater kehrte jedoch aus dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zurück. Ende 1945 erfolgte die Vertreibung der Familie nach Sachsen-Anhalt mit dem Totalverlust allen Vermögens. Von 1947 bis 1955 besuchte Kriesel die Grundschule in Alsleben (Saale) und anschließend als Internatsschüler die Oberschule in Bernburg (Saale).

Nach dem Abitur 1959 ging er an die Hochschule für Schwermaschinenbau Magdeburg, die damals unter dem Rektorat von Ernst-Joachim Gießmann stand und die 1961 in Technische Hochschule „Otto-von-Guericke“ umbenannt wurde. Er studierte im Grundstudium Maschinenbau und im Fachstudium am Institut für Mess-, Steuer- und Regelungstechnik bei Heinrich Wilhelmi. Er gehörte zur ersten Studentengeneration, die hier vollständig ausgebildet wurde (Lehrstuhl: Heinz Töpfer). Anfang 1965 erwarb er unter Rektor Friedrich Kurth seinen ersten akademischen Grad als Diplom-Ingenieur (Dipl.-Ing.) in der Fachrichtung Regelungstechnik (Betreuer: Herbert Ehrlich) an der Fakultät für Elektrotechnik (Dekan: Hans-Erich Weinschenk).

Sein Berufseinstieg erfolgte unmittelbar danach im Institut für Regelungstechnik Berlin (IfR), der zentralen Forschungs- und Entwicklungseinrichtung mit damals 1.800 Beschäftigten, das zur VVB Regelungstechnik, Gerätebau und Optik mit 11 Produktionsbetrieben der Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik gehörte.

Er war seit 1965 mit der Zahnärztin Christa Kriesel, geb. Faatz (* 1941) verheiratet. Das Ehepaar hat die beiden Töchter Kristin Kriesel (* 1966) und Anke Kriesel, die eine Ausbildung als Ärztin bzw. als Diplom-Psychologin absolviert haben, sowie einen Enkel (* 1999).

Regelungstechniker in der Industrie Kriesel arbeitete als Entwicklungsingenieur für Regelungsgeräte, zu seinen ersten Aufgaben gehörten Regler ohne Hilfsenergie und Relaisgeber für die Klein- und Massenautomatisierung, insbesondere in Zusammenarbeit mit dem Betrieb Mertik Quedlinburg. Hinzu kamen in Kooperation mit der Deutschen Akademie der Wissenschaften (DAW), Institut für Regelungs- und Steuerungstechnik Dresden (Heinrich Kindler, Heinz Töpfer, Hans-Joachim Zander), industrielle analoge Rechengeräte sowie Fluidics zur Erweiterung des Steuerungssystems DRELOBA.

mini|Institut für Regelungstechnik (IfR), Berlin-Friedrichshain, Neue Bahnhofstraße 9–17 (bis 1968)

Im IfR Berlin gewann Kriesel einen breiten Einblick in die praktische Umsetzung von Ingenieurleistungen für Automatisierungstechnik, sowohl durch die umfangreichen Labors und Werkstätten sowie das eigene Versuchswerk mit mehreren hundert Beschäftigten als auch durch die Nähe zu Geräte- und Anlagenherstellern und Großanwendern wie Kernkraftwerk Rheinsberg, Großkraftwerke oder die Großchemie. Er sammelte dabei sehr schnell vielfältige Berufserfahrungen, da er in einem Umkreis von Fachexperten für industrielle Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik tätig war, zu dem auch ausgewiesene Persönlichkeiten wie Bruno Golecki gehörten, Träger des Stalinpreises von 1953, der damals höchsten Auszeichnung der Sowjetunion.

Kriesel übernahm die Leitung seiner Abteilung und erbrachte mit seinen Mitarbeitern spezifische Beiträge für die Entwicklung des universellen Systems von Geräten und Einrichtungen zur Automatisierung technologischer Prozesse mit der Bezeichnung „ursamat“, für dessen Konzipierung der Nationalpreis der DDR I. Klasse für Wissenschaft und Technik 1967 an das Leitungskollektiv Hanns Haas, Siegfried Spieß, Helmut Wiedmer und Gerhard Obenhaus verliehen wurde. Dieses System wurde im ursamat-Handbuch beschrieben, an dem Kriesel mitbeteiligt war.Hanns Haas, Erhard Bernicke, Hans Fuchs, Gerhard Obenhaus (Gesamtredaktion): ursamat-Handbuch. herausgegeben vom Institut für Regelungstechnik Berlin. Verlag Technik, Berlin 1969, S. 425–443. In diese Zeit fällt auch seine Promotion im Jahre 1968 als Externer an der Humboldt-Universität zu Berlin. Danach befasste er sich nebenberuflich mit Fragestellungen einer zeitgemäßen Kybernetik,Karl Reinisch: Kybernetische Grundlagen und Beschreibung kontinuierlicher Systeme. Verlag Technik Berlin 1974, S. 17–214. wozu er zusammen mit seinem IfR-Kollegen, dem Physiker Peter Gudermuth, im Jahre 1972 ein Buch veröffentlichte.

mini|Institut für Regelungstechnik (IfR) / Zentrum für Forschung und Technologie (ZFT), Berlin-Prenzlauer Berg, Storkower Straße 115A (1968–1991, danach AUCOTEAM)

Er erweiterte seine Abteilung für das Gebiet „Digitale Regelungstechnik“, und ein umfangreiches Projekt waren die Steuerungen für alle Messwarten des neuen Erdölverarbeitungswerkes (EVW) in Schwedt/Oder. Sie ermöglichten 1969 zugleich den ersten erfolgreichen Prozessrechnereinsatz (Import von Elliot Automation, GB) in der petrolchemischen Großindustrie der DDR. Dies begünstigte eigene Entwicklungen des IfR zu einem Prozessrechner-System mit dem Kleinrechner KR 4200 (Robotron). Hierzu übernahm Kriesel mit seiner Abteilung die Entwicklung der gesamten Prozessausgabe-Peripherie „ursadat 4000“ mit diversen Varianten von Analog-, Digital- und Inkrementausgaben. Hierbei lernte er insbesondere die Bustechnologie näher kennen als digitales, paralleles Bussystem für ein Standard-Interface (SI 2.2). Diese Bustechnologie beschäftigte Kriesel seit Ende der 1960er Jahre zunehmend, sodass er schließlich zu einem Pionier der eigenständigen Industriellen Kommunikationstechnik wurde.Werner Kriesel: Aufbau und Wirkungsweise eines Interface. In: Heinz Töpfer, Werner Kriesel: Funktionseinheiten der Automatisierungstechnik – elektrisch, pneumatisch, hydraulisch. Verlag Technik, Berlin und VDI-Verlag, Düsseldorf 1977, ISBN 3-18-419048-X, S. 458–461.

Kriesel übte nebenamtliche Lehrtätigkeit an der TH Magdeburg aus, hier wurde ihm 1971 die Lehrbefähigung (Facultas Docendi) erteilt. Das IfR unterstützte generell die Kooperation mit Hochschulen, Universitäten und Akademieinstituten, sodass aus dem IfR auch Professoren hervorgegangen sind: Gunter Schwarze, Achim Sydow, Georg C. Brack,Georg C. Brack: Technik der Automatisierungsgeräte. Verlag Technik, Berlin 1969. (2. Auflage. Hanser Verlag, München 1972, ISBN 3-446-11551-X, S. 15–80) Wolfgang Weller,Wolfgang Weller: Automatisierungstechnik im Wandel der Zeit – Entwicklungsgeschichte eines faszinierenden Fachgebiets. Verlag epubli, Berlin 2013, ISBN 978-3-8442-5487-7 (print) und als E-Book. Bernhard Rodenbeck, Hans Fuchs, Jürgen Beuschel, Werner Kriesel u. a. Aus dem IfR entstand in den 1970er Jahren das Zentrum für Forschung und Technologie (ZFT) des Kombinats Elektro-Apparate-Werke (EAW) Berlin-Treptow. Hieraus wurde im April 1991 über ein Management-Buy-Out mit Belegschaftsbeteiligung die AUCOTEAM GmbH gegründet (25-jähriges Firmenjubiläum 2016).

Hochschuldozent für Regelungstechnik mini|Campus Magdeburg, traditioneller Sitz des Instituts für Regelungs-/ Automatisierungstechnik (im Hintergrund das Fakultätsgebäude "Elektrotechnik und Informationstechnik") mini|50 Jahre Automatisierungstechnik in Magdeburg (2011); erste Studenten: Ulrich Korn, Werner Kriesel, Peter R. Asche, Wolfgang Wilhelmi (v. l. n. r.)

1971 erhielt Kriesel eine Berufung als Hochschuldozent für Regelungstechnik an die TH Otto-von-Guericke Magdeburg (entsprach C3-Professor). An der Sektion Technische Kybernetik und Elektrotechnik (Direktor: H. Töpfer) mit Studiengang Technische Kybernetik baute er systematisch das Fachgebiet Automatisierungsgeräte und -anlagen zum eigenständigen Lehrgebiet einschließlich neuer Fachbücher aus.Peter Neumann: Automatisierungstechnik an der Magdeburger Alma Mater. In: Der Maschinen- und Anlagenbau in der Region Magdeburg zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Zukunft aus Tradition. Verlag Delta-D, Magdeburg 2014, ISBN 978-3-935831-51-2, S. 215–219.Peter Neumann (Hrsg.): Magdeburger Automatisierungstechnik im Wandel – Vom Industrie- zum Forschungsstandort. Autoren: Christian Diedrich, Rolf Höltge, Ulrich Jumar, Achim Kienle, Reinhold Krampitz, Günter Müller, Peter Neumann, Konrad Pusch, Helga Rokosch, Barbara Schmidt, Ulrich Schmucker, Gerhard Unger, Günter Wolf. Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg; Institut für Automation und Kommunikation Magdeburg (ifak), Magdeburg 2018, ISBN 978-3-944722-75-7. Dabei stützte er sich auf Vorleistungen seines zeitgleich emeritierten akademischen Lehrers Heinrich Wilhelmi sowie auf die Lehrbriefreihe „Bauelemente der Regelungstechnik“ von Heinrich Kindler,Heinrich Kindler, H. Wiesenhütter: Bauelemente der Regelungstechnik. Lehrbriefe für das Fernstudium. Band 1–4, Verlag Technik, Berlin 1972. auf seine umfangreichen spezifischen Industrieerfahrungen und auf eine enge Kooperation mit Heinz Töpfer.Heinz Töpfer, Werner Kriesel: Funktionseinheiten der Automatisierungstechnik – elektrisch, pneumatisch, hydraulisch. Verlag Technik, Berlin und VDI-Verlag, Düsseldorf 1977. (5. Auflage 1988, ISBN 3-341-00290-1)

Parallel entwickelte er eine eigene industrienahe Forschungstätigkeit. Für neuartige Mehrgrößenregelungen auf Basis von Zustandsraumbeschreibungen nach dem Entwurfsverfahren von Ulrich KornUlrich Korn, Hans-Helmut Wilfert: Mehrgrößenregelungen – moderne Entwurfsprinzipien im Zeit- und Frequenzbereich. Verlag Technik, Berlin und Springer-Verlag, Wien / New York 1982, ISBN 3-211-95802-9, S. 56–58, 130, 227. entstanden spezifische Gerätelösungen sowie eine halbindustrielle Anlage für die praxisnahe Erprobung.Ulrich Korn, Ulrich Jumar: PI-Mehrgrößenregler - praxisgerechter Entwurf, Robustheit, Anwendung. Oldenbourg Verlag, München / Wien 1991, ISBN 3-486-21720-8. Weiterhin erfolgten Forschungen zur Zuverlässigkeit von Automatisierungssystemen sowie zum Strukturwandel für eine künftige Generation von Automatisierungsanlagen mit dezentralen, intelligenten und buskoppelbaren Funktionseinheiten auf Basis von Einchip-Mikrorechnern. Diese neuartige Systemkonzeption wurde zur Grundlage seiner langfristigen Forschungsstrategie bis in die Gegenwart.