mini|hochkant|Cevat Rıfat Atilhan Cevat Rıfat Atilhan (* 1892 in Vefa, Istanbul; † 4. Februar 1967 in Istanbul) war ein prominenter türkischer Autor, Journalist, Publizist und General. Er war Vorsitzender des Exekutivkomitees des Kongresses Islamischer Staaten, der Vorgängerorganisation der Organisation für Islamische Zusammenarbeit. Cevat Rıfat Atilhan war Antisemit und ein Bewunderer Adolf Hitlers.Andrew Mango: The Turks Today. London 2004, ohne Seitenangabe. (Zitat: „Cevat Rıfat Atilhan, known as an admirer of Hitler“).
Leben Cevat Rıfat Atilhan verbrachte seine ersten Kindheitsjahre in Damaskus. Sein Vater Rıfat Pascha war der Mutessarif von Damaskus. In seinem Geburtsort Istanbul ging Cevat zur Grundschule. Danach begann er mit dem Militärgymnasium Kuleli Askerî Lisesi. Anschließend absolvierte er die Militärakademie.
Cevat Rıfat kämpfte in den Balkankriegen, im Ersten Weltkrieg und im Türkischen Unabhängigkeitskrieg. Die Nationalversammlung verlieh ihm den Titel „Milizengeneral“.
Seit Ende der 1920er Jahre begann Atilhan, sich publizistisch zu betätigen und gab 1929 seine erste antisemitische Schrift heraus.Hatice Bayraktar: »Zweideutige Individuen in schlechter Absicht«, S. 155 1933 wurde er Mitarbeiter der in Izmir neu gegründeten Zeitschrift İnkılâp, die aber bereits im Herbst 1933 von den türkischen Behörden verboten wurde. Als Nachfolgeorgan gründete Atilhan Millî İnkılâp (Nationale Revolution), deren Verbot 1934 erfolgte.
In Izmir lernte Atilhan 1933 den deutschen Juden Karl Kindermann kennen, der ihm im gleichen Jahr noch die Türen zu einflussreichen Nationalsozialisten in Deutschland öffnete.Karl Kindermann: Brief an Marvin Tokayer vom 13. Juli 1974, in: Leo Baeck Institute Jerusalem: Joseph Walks Karl Gustav Kindermann Collection 1925–1997.
1942 wurde er wegen angeblicher Putschpläne gegen die damalige Regierung von Ismet Inönü 11 Monate inhaftiert. Nach einer Untersuchung von Fevzi Çakmak wurde Atilhan freigelassen. 1952 wurde er als Verantwortlicher eines Attentatsversuches gegen Ahmet Emin Yalman in Malatya für 11 Monate und 5 Tage inhaftiert.biyografi.net: Kurzbiografie in türkischer Sprache
Seit 1946 schrieb er in den beiden islamischen Magazinen Sebilürreşad und Büyük Doğu. Er zählte zu den Gründungsmitgliedern der Millî Kalkınma Partisi („Partei der Nationalen Auferstehung“) 1945 und der „Türkisch-Konservativen Partei“ (Türk Muhafazakâr Partisi) 1947.
Anfang Februar 1948 gab der Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, Cevat Rifat Atilhan seine Zustimmung zur Bildung einer türkischen Legion, die sich aktiv am Kampf gegen die Juden in Palästina beteiligen sollte.UNITED NATIONS PALESTINE COMMISSION, DAILY NEWS SUMMARY 13, 11 February 1948. Vergleiche dazu auch den Artikel Mufti Hails Turkish Legion, New York Times, 10. Februar 1948, S. 14. Atilhan nahm mit dieser Legion aktiv am Kampf gegen die Juden in Palästina teil.
1951 gründete er selbst die antisemitische İslâm Demokrat Partisi („Demokratische Partei des Islam“).Rıfat N. Bali: Cevat Rifat Atilhan (in türkischer Sprache)
Im August 1964 wurde er zum Kongress Islamischer Staaten in Somalia eingeladen, wo er zum Vorsitzenden des Exekutivkomitees der Organisation gewählt wurde. Dies war das letzte Amt seines Lebens. Er verstarb am 4. Februar 1967 in Istanbul an einem Herzinfarkt und wurde auf dem Friedhof Karacaahmet beigesetzt.
Wirken als Antisemit Nach Atilhans Ansicht war der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches, den er selbst miterlebte, das Resultat einer Verschwörung von Juden, Freimaurern und Dönme. Er machte die Ritualmordlegende zum Thema seiner Werke und verbreitete, dass Juden Kinder entführten, um ihr Blut zu trinken. Von daher verwundert es auch nicht, dass Atilhan zu den Bewunderern der deutschen Nationalsozialisten gehörte und versuchte, deren antisemitische Ideen, wie sie insbesondere im Stürmer vertreten wurden, in der Türkei zu verbreiten. Insbesondere sein Werk İğneli Fıçı aus dem Jahr 1937 trug zur Verbreitung der Ritualmordlegende in der Türkei bei.
Atilhans Kontakte ins nationalsozialistische Deutschland Cevat Rıfats Kontakte zu den Nationalsozialisten sind unumstritten. Über deren Intensität und ihren Beginn gibt es aber sehr unterschiedliche Auffassungen. Als gesichert gilt, dass sich Atilhan 1933/1934 in Deutschland aufhielt und dabei in Kontakt zu Julius Streicher kam. Sicher ist auch, dass er Kontakte zu Ulrich Fleischhauer Unterhielt und unter dem Pseudonym Djev in dessen Welt-Dienst ebenso publizierte wie im Stürmer als Cev.Berna Pekesen: Nationalismus, Türkisierung und das Ende der jüdischen Gemeinden in Thrakien 1918–1942, S. 195, und Hatice Bayraktar: »Zweideutige Individuen in schlechter Absicht«, S. 107 Weder Berna Pekesen noch Hatice Bayraktar konnten jedoch herausfinden, wie die Kontakte zwischen Atilhan und den Deutschen zustande kamen. Diesen „Verdienst“ beanspruchte ausgerechnet der deutsche Jude Karl Kindermann für sich, der sich wegen seiner betont antikommunistischen Propaganda einer gewissen Protektion durch die Nationalsozialisten erfreuen durfte.
Kindermanns Ausführungen ist zu entnehmen, dass Atilhan mehr ideologische denn materielle Unterstützung durch die Nationalsozialisten erfahren hat, denn offenbar plagten ihn bereits in Berlin finanzielle Probleme. Auch Bayraktar befand, dass „keine staatlichen oder von der NSDAP etablierte Behörde innerhalb Deutschlands Atilhan und seine antisemitische Unternehmungen finanzierte“Hatice Bayraktar: »Zweideutige Individuen in schlechter Absicht«, S. 167, und für sie gab es auch „keinen Anlass zu der Annahme, Mitarbeiter der deutschen Botschaft hätten den Wunsch oder die Mittel besessen, Atilhan bei der Gründung und Herausgabe seiner antisemitischen Zeitschrift zu unterstützen“.Hatice Bayraktar: »Zweideutige Individuen in schlechter Absicht«, S. 172. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Berna Pekesen im Abschnitt 6 Forschungskontoversen: Cevat Rıfat Atilhan und der Einfluss des deutschen Nationalsozialismus in der Türkei ihres Buches Nationalismus, Türkisierung und das Ende der jüdischen Gemeinden in Thrakien 1918–1942, S. 198 ff.
Immerhin aber erschien in dem zu Fleischhauers Imperium gehörenden „U. Bodnung-Verlag“ in Erfurt 1934 Atilhans Schrift Die schöne Simi Simon, in der, so die Verlagsankündigung, „die jüdische Spionage an der türkischen Front während des [1.] Weltkrieges packend geschildert wird“Zitiert nach Hatice Bayraktar: »Zweideutige Individuen in schlechter Absicht«, S. 159, und eine Anzahl antisemitischer Karikaturen von Philipp Rupprecht erschienen sowohl im Stürmer als auch in der Millî İnkılâp. Bayraktar geht davon aus, „dass das türkische Blatt nicht etwa einfach nur die Zeichnungen aus der deutschen Zeitschrift kopierte, sondern dass es eine Zusammenarbeit beider Presserorgane gab“Hatice Bayraktar: »Zweideutige Individuen in schlechter Absicht«, S. 156–157 Darüber hinaus verweist Bayraktar auch auf Indizien, die es nahelegen, „dass Fleischhauer Atilhan im Sommer 1934 durch den Druck einer Millî İnkılâp-Ausgabe unterstützte, so wie er zwei Jahre später in Budapest antisemitische, in Erfurt gedruckte Flugblätter in großer Zahl verteilen ließ. Dies wiederum würde erklären, wieso nicht nur Atilhan von einer Auflagenhöhe von 15.000 sprach, sondern sogar die New York Times von der ‚Verteilung von 10.000 Exemplaren‘ der antisemitischen Zeitschrift sprach.“Hatice Bayraktar: »Zweideutige Individuen in schlechter Absicht«, S. 173
Fleischhauers Welt-Dienst betrieb auch die Organisation von Antisemitenkongressen. Dadurch erhielt auch Atilhan eine weitere Plattform für eigene Aktivitäten. So behauptete er, „dass er gemeinsam mit Streicher am 4. März im Münchener Hotel ‚Königshof‘ an einem Antisemitenkongress teilgenommen hätte“.Hatice Bayraktar: »Zweideutige Individuen in schlechter Absicht«, S. 161 Bayraktar fand hierfür keine Bestätigung, dafür aber für einen von Fleischauer in Absprache mit Streicher für September 1934 in Nürnberg geplanten ‚antisemitischen und panarischen Weltkongress‘. „Kurz vor dem Parteitag der NSDAP wollte er [Fleischhauer] ursprünglich am 8. September einen Antisemiten-Kongress in Nürnberg veranstalten. Als die Parteizentrale in München Wind davon bekam, ließ Hitler das Treffen allerdings durch Heß kurzerhand verbieten. Man legte Fleischhauer nahe, die Teilnehmer des Kongresses nach Erfurt zu holen. Das Treffen wurde daraufhin mit einer ähnlich ausgerichteten Veranstaltung, die für den 24. September 1934 in Brüssel geplant war, zusammengelegt. Für den Kongress wählte man einen belgischen Kurort, wo sich die Teilnehmer vom 22. bis 26. September 1934 austauschten. Ziel war eine Loslösung vom lokal verankerten Antisemitismus und die Etablierung einer die nationalen Grenzen überschreitenden Zusammenarbeit. Die Treffen wurden konspirativ organisiert. Die Nationalsozialisten unterstützten die Erfurter Aktivitäten zwar, wollten jedoch nicht offiziell als Förderer in Erscheinung treten.“Eckart Schörle: Internationale der Antisemiten. Ulrich Fleischhauer und der „Welt-Dienst“. In: WerkstattGeschichte, Heft 51, 2009, Klartext-Verlag, Essen, S. 67. (PDF; 606 kB). Vergleiche hierzu auch: Magnus Brechtken: „Madagaskar für die Juden“. Antisemitische Idee und politische Praxis 1885–1945. München 1997, ISBN 3-486-56240-1, S. 49 ff. Atilhan war bereits Anfang August 1934 zur Teilnahme an dem für Nürnberg geplanten Kongress nach Deutschland gereist und wollte die Gelegenheit zusätzlich dafür nutzen, seine Kontakte zu deutschen Regierungsstellen und Wirtschaftskreisen zu intensivieren.Hatice Bayraktar: »Zweideutige Individuen in schlechter Absicht«, S. 163 ff. In einer türkischsprachigen Kurzbiografie wird er als Präsident des Kongresses von 1934 beschrieben, wozu es aber keine weiteren Belege gibt.
Ob Atilhan tatsächlich aus Deutschland in die Türkei zurückkehrte, um „dort eine türkische NS-Organisation zu gründen“, wie Corry Guttstadt schreibtCorry Guttstadt: Die Türkei, die Juden und der Holocaust, S. 170, oder ob Karl Kindermann „einen beabsichtigten Hitlerputsch in der Türkei vereitelt hat“, indem er ein für Hitler bestimmtes Atilhan-Papier gegen die Intentionen seines Autors aus dem Französischen ins Deutsche übersetzteKarl Kindermann: Brief an Joseph Walk vom 14. Dezember 1976, in: Leo Baeck Institute Jerusalem: Joseph Walks Karl Gustav Kindermann Collection 1925–1997. Kindermanns Behauptung, er habe einen Hitlerputsch in der Türkei verhindert, klingt schon deshalb absurd, da eine entsprechende Anklage gegen Atilhan erst im August 1940 erhoben wurde (Corry Guttstadt: Die Türkei, die Juden und der Holocaust, S. 172), zu einem Zeitpunkt also, zu dem sich Kindermann längst mit Unterstützung der Gestapo nach Japan hatte absetzen können., muss wohl als offene Forschungsfrage stehenbleiben. Weniger zweifelhaft erscheinen dagegen weitere von Guttstadt erwähnte Atilhan-Aktionen: „Vor den Toren der Universität von Istanbul verteilte er Hakenkreuz-Anstecknadeln und bemalte einige Bosporusdampfer mit NS-Symbolen. Mit seinen Aktionen fand er jedoch keinen Widerhall.“
Die Zeitschrift Millî İnkılâp und ihr Einfluss auf das Thrakien-Pogrom von 1934