mini|hochkant|Joseph von Eichendorff 1841 Eichendorffs Lyrik gehört zu den meistgelesenen Texten der romantischen deutschen Dichtung. Sie verfügt über einen schmalen Vorrat an Motiven und zeichnet sich mit ihrer Mischung aus wiederkehrenden lyrischen Formeln und symbolischen Elementen von magischer Kraft durch einen schwer zu fassenden und doch spezifisch deutschen Ton aus. Inhaltlich eignet ihr ein konservatives Element, der melancholische Wunsch, zu bewahren und aus der Erinnerung zu rufen, was in ferner Kindheit und verlorener Heimat liegt. Die ewig besungenen rauschenden Wälder, die schönen Bäume, die sich auf Träume reimen, die Berge und Täler, Felder und Wiesen, Flüsse und Bäche zeigen sich bei Joseph von Eichendorff in einem überschaubaren Vorrat an Bildern, der durch metaphorische Wendungen und Chiffren bereichert wird.

Ideengeschichtlicher Hintergrund Eichendorffs lyrisches Werk ist Ausdruck des (subjektiven) Idealismus und der progressiven Universalpoesie im Sinne Novalis, indem es Wissen und Glauben, Religion und Philosophie miteinander verbindet und den Zusammenhang des Ich mit dem Unendlichen fühlbar macht. Die Seele spannte „ihre Flügel aus“, „als flöge sie nach Haus“, wie es in der Mondnacht heißt. Für Hartwig Schultz ging Eichendorff in diesem Werk indirekt auf die romantische Geschichtsphilosophie ein. Das in allen Dingen schlafende Lied sei vor langer Zeit zu hören gewesen, seit der Reformation und Aufklärung aber verstummt. Nun hätten Schelling und Novalis, „die Schlegel und Tieck ihr Tagwerk“ begonnen, wodurch der Zugang zu den Ursprüngen wieder möglich werde.Zit. nach: Helmut Bernsmeier: Literaturwissen. Joseph von Eichendorff. Reclam, Stuttgart 2000, S. 120.

Mit seinem Willen, die Kluft zwischen der sublimen modernen Dichtung und der Volkspoesie zu schließen und das ganze Leben zu poetisieren, wendet sich Eichendorff gegen die Aufklärung. Er kritisiert Immanuel Kant, der einen schlechten Einfluss auf die deutsche Dichtung gehabt und die Religion in abstrakte Moral und „Tugend-Stoizismus“ verwandelt habe.

Sujets wie die fernen, verwunschenen Schlösser in der Höhe, die schönen Gärten, weiten Täler und immer wieder „rauschenden Wälder“ scheinen der Welt des aufkommenden Industriezeitalters zu widersprechen. Während Johann Wolfgang von Goethe, der die Romantik äußerst kritisch beurteilte, sich der Naturwissenschaft zuwandte und den neuen technischen Entwicklungen gegenüber öffnete (sie etwa im zweiten Teil des Faust mit dem „artig Männlein“, das sich in der Phiole „gebärdet“, thematisierte), verschloss sich Eichendorff und blickte träumend zurück in die „gute alte Zeit“. Sein Lebensgefühl speiste sich nicht aus der neuen Welt, die Goethe bejahte, sondern aus einer vergangenen Wirklichkeit.Helmut Bernsmeier: Literaturwissen. Joseph von Eichendorff. Reclam, Stuttgart 2000, S. 118.

Helmut Koopmann sieht in den wiederkehrenden Formeln einen weiteren Hintergrund: Eichendorff habe die bedrohte Gegenwart als zeitlos darzustellen versucht, um so die alte Zeit wieder aufleben zu lassen und die versunkene Welt erneut zu gründen. Ein Grund dafür mögen seine verlorene Kindheit und Fremdheitserfahrungen gewesen sein, die ihn dazu veranlassten, mit seiner Dichtung die Zeit gegen den Verfall zu sichern.Helmut Bernsmeier: Literaturwissen. Joseph von Eichendorff. Reclam, Stuttgart 2000, S. 119. Die Welt veränderte sich, während die Zeit in seiner Lyrik gleichsam stillsteht. Als Unzeitgemäßer war er dem Gegenwärtigen entfremdet, wie er es in dem Gedicht Umkehr schilderte und vom ausgestoßenen, flüchtigen und ungeschickten Gast der Welt sprach. Lyrische Sprache befreit das „schlafende Lied“, das im Dämmerzustand verborgen ist, wie es in dem Gedicht Wünschelrute angedeutet wird („Schläft ein Lied in allen Dingen“).Helmut Bernsmeier: Literaturwissen. Joseph von Eichendorff. Reclam, Stuttgart 2000, S. 120. Die Wünschelrute wird so zur Metapher für die Poesie schlechthin. Der Poet, der sie zu führen versteht, hat die Macht, das Ewig-Geheimnisvolle zu erwecken. In seiner Abhandlung Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands beschrieb Eichendorff das Wesen der Dichtung als die „sinnliche Darstellung des Ewigen“.Helmut Bernsmeier: Literaturwissen. Joseph von Eichendorff. Reclam, Stuttgart 2000, S. 120. Der Text wurde im Dezember 1856 bei Schöningh veröffentlicht, erhielt aber nicht die erhoffte Resonanz.Günther Schiwy: Eichendorff. Der Dichter in seiner Zeit. Beck, München 2007, S. 688.

Erinnerung Ein Großteil seiner Lyrik, deren Bilder nach revolutionären Umwälzungen geschichtlich bereits gefährdet und „fragwürdig“ schienen, ist wesentlich Erinnerungsdichtung. Heimweh und Erinnerung sind die gleichsam musikalischen Elemente seiner Formelsprache, welche die Motive schmerzhafter Trennung und glücklichen Wiederfindens begleiten. Häufig erklingt das Zauberlied von der Vergangenheit, die im Gedicht beschworen wird, um sich, im wohligen Gefühl der Geborgenheit, an die Liebe und die vertraute Umgebung zu erinnern.Wolfgang Frühwald: Das lyrische Werk von Joseph Freiherrn von Eichendorff. In: Kindlers Neues Literatur-Lexikon. Band 5, Kindler Verlag, München 1989, S. 68. Der Versuch, ästhetisch wiederzugewinnen, was in der Realität verloren ging, ist ebenso augenfällig wie die stets gefühlte Trennungserfahrung des Menschen von der Natur. Die in der Wirklichkeit verlorenen Güter der Familie sind ein Teil des biographischen Hintergrundes, aus dem diese Sprache kommt.

Der Blick geht zurück in die Kindheit, streift die verlorene Heimat und Landschaft, die frühere, in der Zeit versunkene Geselligkeit. Indem das erinnernde Schauen das Bewusstsein für das Vergangene schärft und die Gegenwart zurückdrängt, kann sich Eichendorff gewisser Wertungen nicht entschlagen. Es gilt nicht, das Frühere zu überwinden, sondern es zu besingen. Es ist meist das Bessere, das schon gelebte Leben ist in der dichterischen Vergegenwärtigung intensiver als das jetzige Dasein.Helmut Koopmann: Ewige Fremde, ewige Rückkehr. In: Gert Sautermeister (Hrsg.): Interpretationen. Gedichte von Joseph von Eichendorff. Reclam, Stuttgart 2005, S. 48. So halten die Gedichte den Abglanz des für immer Verlorenen fest, das umso mächtiger wird, je tiefer es im Meer der Zeit versunken ist.

Entwicklung und Einflüsse mini|hochkant|Eichendorff-Denkmal in Ratibor Die Jugendlyrik Eichendorffs orientiert sich am Balladenton Gottfried August Bürgers. Auch später noch war er ein geschätzter Gelegenheitsdichter, der für literarisch-gesellige Vereine oder Liedertafeln Verse schrieb. Eine Reihe von Gedichten stammt aus seiner Zeit am Matthias-Gymnasium in Breslau. Als Student in Heidelberg schrieb er Verse, die 1808 in der Zeitschrift für Wissenschaft und Kunst veröffentlicht oder – nach einer Überarbeitung – in seine 1837 erschienene Gedichtsammlung aufgenommen wurden. Schwärmerischen Gefühlen für Madame Hahmann ist etwa das kunstvolle Gedicht Beim Erwachen zu verdanken. Der junge Eichendorff wies in einer Notiz auf die besondere Stimmung hin, die ihn 1807 veranlasste, der zehn Jahre älteren Dame, Gattin eines Ratiborer Justitiars, die Zeilen zu schreiben. Es gebe Worte, „die plötzlich wie ein Blitzstrahl, ein Blumenland in meinem Innersten auftun …“Zit. nach: Helmut Bernsmeier: Literaturwissen. Joseph von Eichendorff. Reclam, Stuttgart 2000, S. 117. mini|hochkant|Otto von Loeben

Der Einfluss Otto von Loebens, der einen Kreis von Romantikern um sich versammelt hatte, war für Eichendorff wichtig, da er sich intensiv mit ihm austauschen konnte und von ihm gefördert wurde. Loeben unterstützte Verbindungen mit anderen Dichtern und stellte Ludwig Tieck 1808 einige Verse Eichendorffs vor, die in einem Almanach herausgebracht werden sollten.Günther Schiwy: Eichendorff. Der Dichter in seiner Zeit. Beck, München 2007, S. 23.

Eine andere Quelle Eichendorffs war die Lyrik, die Clemens Brentano und Achim von Arnim während dieser Zeit unter dem Titel Des Knaben Wunderhorn zusammenstellten. Es handelte sich um bearbeitete Kunstlieder, die man für echte Volkslieder hielt. An ihren Tonfall knüpfte Eichendorff an. Die Balladen und Romanzen verbanden ihn mit Quellen, die für ihn göttlichen Ursprungs waren und modischen Entwicklungen enthoben schienen.Günther Schiwy: Eichendorff. Der Dichter in seiner Zeit. Beck, München 2007, S. 236.

Eigentliches Vorbild Eichendorffs war Goethe, was angesichts der Unterschiede verwundern mag. Während das Idol sich beständig wandelte und stilistisch entwickelte, erscheint Eichendorffs Lyrik begrenzt. Häufig wird eingewandt, dass Eichendorff seinen früh gefundenen Stil allenfalls perfektioniert, nicht aber weiterentwickelt und überwunden habe.Helmut Bernsmeier: Literaturwissen. Joseph von Eichendorff. Reclam, Stuttgart 2000, S. 117.

Betrachtet man die immer wieder vorkommenden Bilder und Themen, die in bisweilen volkstümlicher Schlichtheit vorgestellt werden, scheint der Vorwurf, sich als Lyriker nicht entwickelt zu haben, zunächst verständlich. Der Einwand wird relativiert, wenn die Erinnerung ins Spiel gebracht wird, verweisen doch gerade die wiederkehrenden Formeln auf Mnemosyne, die ebenfalls oft besungen wurde. Die Bilder durchziehen auch das erzählerische Werk, in dem sich zahlreiche Gedichte finden. Der erste, eigenständige Gedichtband von 1837 versammelte selbständige Werke wie solche, die in das epische Werk der Erzählungen und Romane – wie des Taugenichts oder Ahnung und Gegenwart – eingeflochten waren. Untersucht man diese Verse in bestimmten Bedeutungszusammenhängen, lassen sich bei ihnen unterschiedliche Bedeutungsnuancen nachweisen.Helmut Bernsmeier: Literaturwissen. Joseph von Eichendorff. Reclam, Stuttgart 2000, S. 118. Die wiederkehrenden Formeln können zudem nicht losgelöst von Eichendorffs politisch-religiösem Hintergrund betrachtet werden, können als lyrischer Ausdruck eines Gläubigen interpretiert werden, der mit seinem zweiten Roman nach dem Sinn eines poetischen und religiösen Lebens suchte und der Pressefreiheit kritisch gegenüberstand. Die Freiheitsforderungen der Liberalen würden der ersehnten romantischen Freiheit widersprechen, die einzig in der noch zu entdeckenden goldenen Zeit gefunden werden könne.Helmut Bernsmeier: Literaturwissen. Joseph von Eichendorff. Reclam, Stuttgart 2000, S. 36.

Zentrale Motive und ihre Verarbeitung Es lassen sich einige zentrale Motive seiner Lyrik nennen, zu denen etwa die Nacht und der Wald, Sehnsucht und Eros, Heimat, Fremde, Einsamkeit und Abschied gehören. Diese immer wiederkehrenden Elemente sind indes nicht eindeutig festgelegt und öffnen sich unterschiedlichen, bisweilen gegensätzlichen poetischen Ausdeutungen, was der Lyrik ihre Spannung gibt und sie der Trivialität enthebt. Die poetisch wahrgenommenen Widersprüche der Gegenwart können so in jeweils unterschiedlicher Form sinnlich werden. In Joseph von Eichendorffs Werk finden sich zudem Gedichte, in denen er bestimmte Sinnesgebiete synästhetisch miteinander vermischt, so in den Zwei Gesellen: „Sirenen […] zogen / ihn in der buhlenden Wogen / farbig klingenden Schlund.“Herbert A. Frenzel und Elisabeth Frenzel: Daten deutscher Dichtung. Band 1. Von den Anfängen bis zum Jungen Deutschland. dtv, München 1982, S. 300. Mit der Wiederholung lyrisch-magischer Formeln antizipiert seine Lyrik den Symbolismus. Nacht mini|hochkant|Zwei Männer in Betrachtung des Mondes, Gemälde von Caspar David Friedrich