Die Lehranstalt für Gartenbau, Obstkultur und Pomologie, die meist einfach als das Pomologische Institut Reutlingen bezeichnet wurde, war die erste privatwirtschaftliche Ausbildungsstätte für Baumwarte und Gärtner in Deutschland. Sie wurde durch den Pomologen Eduard Lucas und den Stuttgarter Verleger Georg Ebner im Jahr 1860 gegründet. Auf dem ehemaligen Gelände der Lehranstalt in Reutlingen befindet sich heute die Parkanlage Pomologie.
Ziele des Instituts mini|Eduard Lucas, Gründer des Pomologischen Instituts Die Lehranstalt für Gartenbau, Obstkultur und Pomologie in Reutlingen wurde im Jahr 1860 von Eduard Lucas gegründet. Lucas hatte zuvor 18 Jahre als Gartenbauinspektor an der Lehranstalt Hohenheim gearbeitet. Mit der Gründung des Instituts wollte er den Obstbau auf nationaler Ebene fördern.Eduard Lucas: Das Pomologische Institut in Reutlingen – Ziel und Zweck des Instituts. In: Eduard Lucas und Johann G. C. Oberdieck: Monatsschrift für Pomologie und praktischen Obstbau, Verlag von Ebner und Seubert, Band 5, Stuttgart 1859, S. 308. Dieses Ziel sollte zum einen durch die Ausbildung von Gärtnern im Obst- und Gemüsebau sowie in der Landschaftsgärtnerei, als Vorbereitung für die selbstständige Tätigkeit als herrschaftliche Gärtner oder als Handelsgärtner, erreicht werden.Eduard Lucas: Das Pomologische Institut in Reutlingen – II. Bestimmungen für die Gärtnerlehranstalt, § 1 Zweck derselben. In: Eduard Lucas und Johann G. C. Oberdieck: Monatsschrift für Pomologie und praktischen Obstbau, Verlag von Ebner und Seubert, Band 5, Stuttgart 1859, S. 309 Zum anderen sollten über die angegliederte Baumschule Obstsorten erprobt und dann als Obstbäume und Reiser verbreitet werden.Eduard Lucas: Das Pomologische Institut in Reutlingen – Ziel und Zweck des Instituts. In: Eduard Lucas und Johann G. C. Oberdieck: Monatsschrift für Pomologie und praktischen Obstbau, Verlag von Ebner und Seubert, Band 5, Stuttgart 1859, S. 308. Zur damaligen Zeit wurden Obstsorten oft unter verschiedenen Namen, die auf regionale Synonyme oder Verwechselungen zurückzuführen waren, verbreitet. Ein wichtiges Anliegen Lucas’ war deshalb die Prüfung der Identität von Obstsorten mit anschließender Verbreitung unter dem pomologisch korrekten Namen. So wurden die Autoren des Illustrirten Handbuchs der Obstkunde aufgefordert, Reiser der von ihnen beschriebenen Obstsorten an das Reutlinger Institut zu schicken, damit diese in das Sortiment aufgenommen werden konnten.Eduard Lucas: Das Pomologische Institut in Reutlingen – Ziel und Zweck des Instituts. In: Eduard Lucas und Johann G. C. Oberdieck: Monatsschrift für Pomologie und praktischen Obstbau, Verlag von Ebner und Seubert, Band 5, Stuttgart 1859, S. 308.
Gründung 1857 veröffentlichten Eduard Lucas und Johann Georg Conrad Oberdieck das Buch Beiträge zur Hebung der Obstcultur, in dem auch ein ausführlicher Plan für ein Pomologisches Institut enthalten war.Johann G. C. Oberdieck und Eduard Lucas: Beiträge zur Hebung der Obstkultur. Verlag von Karl Aue, Stuttgart 1857, S. 54ff. Die beiden Autoren verschickten an alle damaligen deutschen Regierungen ein Exemplar des Buches, um für die Einrichtung solcher Institute zu werben. Da dies aber ohne Erfolg blieb, entschloss sich Eduard Lucas schließlich, eine private Lehranstalt zu gründen.Bericht über die Feier anläßlich des 20-jährigen Bestehens des Pomologischen Instituts in Reutlingen am 7. März 1880, mit wörtlich abgedruckter Festrede von Eduard Lucas. In: Eduard Lucas und Johann G. C. Oberdieck: Pomologische Monatshefte für Obst- und Weinbau, Verlag von Eugen Ulmer, Stuttgart 1880, S. 137–157 Im Jahr 1858 arbeitete er als pomologischer Wanderlehrer für die Königliche Centralstelle.Conrad Weckler: Erinnerungen aus meinem Leben. Konrad Weckler 1830–1907. 1903 Auf Vermittlung von Conrad Weckler, einem seiner ehemaligen Schüler an der Gartenbauschule in Hohenheim, hielt er auch in Reutlingen einen Vortrag über Obstbau. Lucas stellte dabei fest, dass sich die Gegend besonders für den Obstanbau eignete und fasste den Plan, in Reutlingen eine eigene Lehranstalt für Gärtner zu gründen. mini|Hauptgebäude des Pomologischen Instituts und Wohnhaus der Familie Lucas, um 1860 In dem Stuttgarter Buchhändler und Verleger Georg Ebner, in dessen Verlag Ebner & Seubert auch die Pomologischen Monatshefte sowie das Illustrirte Handbuch der Obstkunde erschienen, fand er einen Geschäftspartner, der bereit war, die notwendigen finanziellen Mittel für das Vorhaben bereitzustellen.
Im März 1859 erwarben Lucas und Ebner das Gut Hagöschle und eine angrenzende Keller-Brauerei am Rand der damaligen Reutlinger Altstadt und beauftragten den Architekten Johann Georg Rupp mit der Planung eines Institutsgebäudes, mit dessen Bau im Sommer 1859 begonnen wurde.; Beitrag auf der Homepage der Stadt Reutlingen vom 24. Februar 2010; aufgerufen am 18. Dezember 2013 Das ehemalige Gebäude der Brauerei wurde durch Rupp zum Wohnhaus des Direktors umgebaut.
Zum 1. Februar 1860 schied Lucas aus dem Staatsdienst in Hohenheim aus und eröffnete am 7. März 1860 die neue Lehranstalt. Lucas und Ebner waren Besitzer des Instituts, in dem Lucas als Vorstand fungierte. Der am Institut beschäftigte Oberlehrer Johannes Fritzgärtner war als Sekretär und Kassierer Mitglied der Direktion.Eduard Lucas: Das Pomologische Institut in Reutlingen – Ziel und Zweck des Instituts. In: Eduard Lucas und Johann G. C. Oberdieck: Monatsschrift für Pomologie und praktischen Obstbau. Verlag von Ebner und Seubert, Band 5, Stuttgart 1859, S. 308. Neben Lucas und Fritzgärtner unterrichteten zunächst vier weitere Lehrer an dem Institut.
Eduard Lucas wurde auf der Gründungsversammlung des Deutschen Pomologen-Vereins am 4. Oktober 1860 in Berlin zu dessen ersten Geschäftsführer bestimmt, wodurch das Pomologische Institut zum Geschäftssitz des Vereins wurde.Eduard Lucas: Der Pomologische Verein in Deutschland. In: J. G. C. Oberdieck, E. Lucas: Monatsschrift für Pomologie und praktischen Obstbau – Organ des Deutschen Pomologen-Vereins. Verlag von Ebner und Seubert, Stuttgart 1861, S. 3.
Ausstattung und Umfang des Instituts mini|Pomologisches Institut mit Baumschule, Obstmustergarten, Arboretum und Beerenobstgarten mini|Zweigstelle des Pomologischen Institut in Lenningen mini|Plan des Pomologischen Gartens in Reutlingen, 1860 Das Institut unterhielt eine eigene Baumschule, Gemüsekulturen mit Treiberei, eine Gemüsesamenzucht und ausgedehnte Obstpflanzungen. Ein Obstmuttergarten mit über 2000 Obstsorten diente der Gewinnung von Reisern zur Vermehrung der Sorten. Außerdem verfügte das Institut über eine Rebschule und einen Beerenmustergarten.Eduard Lucas: Das Pomologische Institut in Reutlingen – II. Bestimmungen für die Gärtnerlehranstalt, § 1 Zweck derselben. In: Eduard Lucas und Johann G. C. Oberdieck: Monatsschrift für Pomologie und praktischen Obstbau, Verlag von Ebner und Seubert, Band 5, Stuttgart 1859, S. 309 Für Unterrichtszwecke unterhielt das Institut eine eigene Bibliothek sowie eine umfangreiche Sammlung von Modellfrüchten, Werkzeugen und Abbildungen, die als Anschauungsmaterial für die Studien der Schüler dienen sollten.Eduard Lucas: Das Pomologische Institut in Reutlingen – Ziel und Zweck des Instituts. In: Eduard Lucas und Johann G. C. Oberdieck: Monatsschrift für Pomologie und praktischen Obstbau, Verlag von Ebner und Seubert, Band 5, Stuttgart 1859, S. 308 Im Hauptgebäude befanden sich ein Hörsaal, ein Versammlungsraum, eine Bibliothek, vier Schlafsäle für die Unterbringung der Schüler sowie die Wohnung und das Büro des Oberlehrers. Es gab außerdem Labore für den Unterricht in den Fächern Physik und Chemie sowie Einrichtungen, in denen die Verwertung des Obstes demonstriert wurde. Im Jahr 1862 wurde ein weiteres Gebäude mit Küche, Speisesaal und zusätzlichen Unterbringungsmöglichkeiten für Schüler fertiggestellt.
Bei Gründung des Instituts umfasste die Anbaufläche zunächst 12 Morgen. Das zu der Lehranstalt gehörende Gelände wurde im Laufe der Jahre immer wieder durch Zukäufe vergrößert. Im Jahr 1875 erwarb Lucas ein Gut im Lenninger Tal, auf dem er eine Zweigniederlassung des Instituts gründete.K. Reichelt: Das Pomologische Institut in Reutlingen. In: F. Lucas: Pomologische Monatshefte – Zeitschrift zur Förderung und Hebung der Obstkunde, Obstcultur und Obstbenutzung, Verlag von Eugen Ulmer, Stuttgart 1885, S. 110 Hier wurden Viehzucht, Obstbau, Hopfenzucht und eine Baumschule betrieben.Conrad Weckler: Erinnerungen aus meinem Leben. Konrad Weckler 1830–1907. 1903 Als Handelsunternehmen vertrieb das Institut Obstbäume, Sämereien und Gartenwerkzeuge, die in die ganze Welt geliefert wurden.Roland Hauser: In Hohenheim wurd's ihm zu eng – Vor 150 Jahren gründete Gartenbauinspektor Eduard Lucas in Reutlingen das Pomologische Institut. In: Reutlinger General-Anzeiger vom 10. August 2010
Ausbildungsinhalte Das Institut gliederte sich in eine Gärtnerlehranstalt sowie eine Obstbauschule. Die Gärtnerlehranstalt bot einen dreijährigen Ausbildungsgang für Gärtner an, der bei bereits bestehenden Erfahrungen im Bereich Gartenbau um ein bis zwei Jahre gekürzt werden konnte.E. Lucas, U. Ebner, J. Fritzgärtner: Das Pomologische Institut in Reutlingen – II. Bestimmungen für die Gärtnerlehranstalt, § 6 Dauer der Lehrzeit. In: Eduard Lucas und Johann G. C. Oberdieck: Monatsschrift für Pomologie und praktischen Obstbau, Verlag von Ebner und Seubert, Band 5, Stuttgart 1859, S. 310 Die wöchentliche Unterrichtszeit betrug je nach Jahreszeit 12 bis 18 Stunden. Die Ausbildung konzentrierte sich auf die Nutzgärtnerei. Theoretisch und praktisch unterrichtete Lehrfächer waren neben den eigentlichen gartenbaulichen Themen wie Obst-, Wein- und Gemüsebau, Pomologie, Baumschnitt, Pflanzenschutz, Gerätekunde, Bienenzucht sowie Boden- und Düngerkunde, auch Mathematik, praktische Geometrie, Botanik, Physik, Chemie, Planzeichnen und Buchhaltung.Eduard Lucas: Das Pomologische Institut in Reutlingen – II. Bestimmungen für die Gärtnerlehranstalt, § 3 Lehrpersonal und Unterricht. In: Eduard Lucas und Johann G. C. Oberdieck: Monatsschrift für Pomologie und praktischen Obstbau, Verlag von Ebner und Seubert, Band 5, Stuttgart 1859, S. 309f Die Obstbauschule bot dreimonatige Kurse zum Obstbaumwärter sowie sechsmonatige Kurse zum Obstgärtner an. Die Obstbaumwärter wurden in allgemeinen Obstbau, Baumpflege, Veredelung, Pomologie und Obstverwertung. Der Kurs zum Obstbaumgärtner umfasste außerdem Naturkunde, Obstbaumschnitt und Weinbau.Eduard Lucas: Das Pomologische Institut in Reutlingen – III. Bestimmungen für die Obstbauschule, § 4 Unterrichtsgegenstände. In: Eduard Lucas und Johann G. C. Oberdieck: Monatsschrift für Pomologie und praktischen Obstbau, Verlag von Ebner und Seubert, Band 5, Stuttgart 1859, S. 315f Schullehrer konnten einen zweiwöchigen Obstbaukurs in den Schulferien belegen.
Die Schüler waren zur Mitarbeit in den Garten- und Obstanlagen des Institutes verpflichtet. Die tägliche Arbeitszeit betrug 9 Stunden, wobei die Schüler der Gärtnerlehranstalt keinen Arbeitslohn, sondern lediglich freie Verpflegung erhielten. Die Schüler des Obstbauschule erhielten ein geringes Entgelt für geleistete Arbeiten. Für die Unterbringung und den Schulbesuch musste Lehrgeld bezahlt werden.Eduard Lucas: Das Pomologische Institut in Reutlingen – II. Bestimmungen für die Gärtnerlehranstalt, § 9 Arbeiten der Zöglinge. In: Eduard Lucas und Johann G. C. Oberdieck: Monatsschrift für Pomologie und praktischen Obstbau, Verlag von Ebner und Seubert, Band 5, Stuttgart 1859, S. 310
Das Institut nach dem Tod von Eduard Lucas