Der Begriff Partizipation [Participatio (lat.), aus pars (Teil) und capere (ergreifen, aneignen, fangen)] bezeichnet in der Kunst die Teilhabe, Beteiligung oder Mitgestaltung der Rezipienten an einer künstlerischen Arbeit. Bei der künstlerischen Arbeit kann es sich sowohl um eine Arbeit aus den Gattungen der bildenden Künste, der darstellenden Künste, der Musik, der Literatur oder auch des Films handeln. Der Begriff Partizipation bezieht sich auf Teilhabe aus zwei verschiedenen Blickwinkeln, von Seiten der Künstler und aus der Sicht des Publikums. Dabei differenziert sich die Teilhabe in verschiedene Grade sowohl unter Künstlern als auch beim Publikum. Denn auch das Publikum ist nicht als eine homogene Gruppe zu verstehen, sondern teilt sich in einzelne Rezipienten, deren Wahrnehmungen sich unterscheiden und die dadurch auf verschiedene Weise partizipieren.

Ausgangspunkt von partizipativen Praxen kann die Absicht sein, Kontakt herzustellen, im Sinne des Teilens von Erfahrungen, Wissen oder sinnlichem Erleben. Demnach ist Partizipation vorwiegend ein kommunikativer Akt. Sie ist ebenso die Voraussetzung und gleichzeitig begleitende Erscheinung für sämtliche künstlerische Vorhaben. Eine andere Intention kann der Wunsch nach Mitbestimmung und Einflussnahme sein. Partizipative Praxen sind prozesshaft, nicht immer zeitlich eindeutig einzugrenzen und werden von explizit formulierten oder stummen Vereinbarungen bestimmt. Diese Vereinbarungen speisen sich aus sozialen, kulturellen und politischen Normen, Regeln und Werten. Sie sind von Bedingungen in Institutionen als auch von ökonomischen Verhältnissen geprägt und spiegeln sich gleichzeitig darin im Bezug auf geschichtliche Entwicklungen wider. Die expliziten Vereinbarungen können beispielsweise zu Beginn einer Performance dem Publikum als eine Art von Spielregeln oder Möglichkeiten des Ablaufes mitgeteilt werden. Partizipative Praxen der Künste sind in allen Kulturen der Welt zu beobachten – oft sogar an der Schnittstelle zu politischen oder sozialen Praxen. Im Folgenden wird, mit wenigen Ausnahmen, vor allem auf den mitteleuropäischen und US-amerikanischen Raum Bezug genommen.

mini|Maurizio Cattelans Skulptur America wurde 2016 von den Besuchern des Guggenheim-Museums als Toilette genutzt.

Partizipation in performativen Künsten Formen von Partizipation mini|Living Theatre, Festival d'Avignon, 1968

Je nach Aktivität und Handlungsspielraum besteht ein gradueller Unterschied zwischen aktiver und passiver Partizipation. Die bloße Anwesenheit im Zuschauerraum eines klassischen Theaterhauses kann bereits als Form der Partizipation gelten. So ist es nicht auszuschließen, dass von den Zuschauern Äußerungen hervorgebracht werden, die die Schauspieler auf der Bühne in ihrem Spiel beeinflussen (z. B. durch Husten, Räuspern, mit den Füssen scharren, Zwischenrufe, vorzeitiges Verlassen des Saales, allgemeine Unruhe, Gespräche unter den Zuschauern etc.). Oft wird Partizipation jedoch als dezidiertes Miteinbeziehen der anwesenden Zuschauer verstanden. Diese bekommen so die Möglichkeit, in einer Aufführung oder an einem Kunstwerk in einem gemeinhin vorher festgelegten Rahmen in das künstlerische Gesamtgeschehen mit einzugreifen. mini| Albert Guillaume: Les retardataires, 1914. Dargestellt sind unterschiedliche Affekte eines Publikums, der Anlass sind Theaterbesucher, die verspätet ihre Plätze beziehen.

Bei aktiven Formen von Partizipation wird meist von der Inklusion eines Publikums durch Aufforderungen zum Handeln ausgegangen. Dies kann beispielsweise durch eine direkte Befragung des Publikums, welches mit „Ja“- und „Nein“-Karten ausgestattet ist, oder durch andere technische Geräte geschehen und somit sichtbar gemacht werden. Der Zuschauer kann außerdem durch den Schauspieler, der nicht mehr als solcher, sondern als „realer“ Mensch auf die Bühne tritt, zum Partizipieren bewegt werden, indem er sich dem „realen“ Menschen gegenüber nicht mehr nur als Betrachter verhalten muss. Zum anderen kann eine gezielte Provokation das Publikum zum Handeln auffordern, wenn etwa gängige Normen der Theatersituation in radikaler Weise gebrochen werden oder das Publikum direkt angesprochen wird. Dabei können Einzelpersonen, sowie verschiedene Gruppen, angesprochen werden und auf diesem Weg vorherige Gruppenbildungen und Identifikationsprozesse sichtbar gemacht werden. Es stellt sich die Frage, inwieweit das Publikum dabei um eine Aufführungssituation wissen muss. D.h. ob aus eigener Entscheidung heraus eine theatrale Situation aufgesucht wird, oder ob eine solche Situation auch aufgezwungen werden kann, exemplarisch wenn jemandem auf der Straße eine inszenierten Situation begegnet.

Eine passive Partizipation ist bspw. der Akt des Zuschauens. Dabei wird nicht nur wahr- und aufgenommen, was bereits von anderen Parteien (z. B. den Schauspielern, Performern, Regisseuren) als zu sendender Inhalt vordefiniert wurde, sondern Wahrnehmungsinhalte werden interpretiert und entstehen neu. Performer können niemals alle möglichen Interpretationen überblicken, diese sind immer pluralistisch.

Teilweise sollen Formen der Partizipation als Katalysator einer Sichtbarmachung fungieren, wie etwa von bestimmten Normen. Sie sollen Handlungsanweisung in bestimmten Situationen sein. Eventuell werden sie zur Aktivierung von Zuschauern zum Zwecke eines bloßen Aktionismus eingesetzt (im Sinne von „mehr Aktion gegen Langeweile“) oder als (politisches) Instrument der Einübung bzw. Legitimation von Handlungen im Sinne einer Demokratisierung von Kunst angewendet.

Theoretische Positionen zum Begriff der Partizipation Theodor W. Adorno Theodor W. Adorno spricht von der Schwierigkeit, Partizipation in der Kunst zu bewirken. Seiner Ansicht nach findet Kunst immer abgekoppelt vom „wirklichen“ Leben statt. Eine Kunst, die versucht das Leben zu imitieren, würde scheinheilig und borniert daherkommen.

Claire Bishop Claire Bishop bringt den social turn in contemporary art, also u. a. die Hinwendung zu sozialen Kontexten in der Zeitgenössischen Kunst, mit dem Kollaps einer kollektivistischen gesellschaftlichen Vision der historischen Avantgarde 1917 in Europa in Zusammenhang. Sie betrachtet die Neoavantgarde, die Protestbewegungen der 1968er Jahre und den Fall des Kommunismus im Jahr 1989 als zentrale Punkte für diese Transformation.Bishop, Claire: Artificial Hells : participatory art and the politics of spectatorship. Band 1. London 2012. S. 3. Laut Bishop sei demnach „a restoration of the social bond through a collective elaboration of meaning“ (auf Deutsch „eine Wiederherstellung der sozialen Bindung durch eine kollektive Ausarbeitung der Bedeutung“)Bishop, Claire: Artificial Hells : participatory art and the politics of spectatorship. Band 1. London 2012. S. 3. die treibende Kraft für partizipative Kunst. Diese kann auf zwei verschiedene Arten erreicht werden: entweder durch konstruktive Gesten von sozialem Einfluss, die eine Alternative zu den Ungerechtigkeiten der Welt darstellen, oder mittels einer „nihilist redoubling of alienation“ (auf Deutsch „nihilistische Verdoppelung der Entfremdung“)Bishop, Claire : Artificial Hells : participatory art and the politics of spectatorship, Band 1. London 2012. S. 275, einer Verneinung der Verneinung. Charakteristisch für die Zeitgenössische Kunst der 1990er Jahre ist das Begehren, das traditionelle Verhältnis zwischen Kunstobjekt, Künstler und Publikum herauszufordern und zu revidieren.

Bishop kritisiert die Anwendung ethischer Kriterien auf Kosten künstlerischer Werte bei der Beurteilung partizipativer Projekte. Die Annahme, Ästhetik sei ein unabhängiges Reich von Erfahrung, verfehle und reduziere auf diese Weise das erlaubte Reich der Ästhetik. Diese Praxis ließe keinen Raum für Paradoxes, Perversität und Verneinung innerhalb der Ästhetik. Zweitens unterschätze die aktiv / passiv – Binarität die Partizipierenden. Bishops Lesart von RancièreVgl. u. a.: Rancière, Jacques: Der emanzipierte Zuschauer. Wien 2010. zeigt auf, dass die Binarität von aktivem / passivem Zuschauerverhalten bzw. guter kollektiver / schlechter singulärer Autorschaft nicht konstruktiv ist. In dieser Anordnung wird den Partizipierenden eine „Position der Impotenz“ zugeschrieben, die durch diese Sichtweise noch verstärkt wird. Anstatt sich beim Beurteilen partizipativer künstlerischer Arbeiten auf nachweisbaren sozialen Einfluss zu konzentrieren, insistiert Bishop auf eine vielfältig nuancierte Sprache, um den künstlerischen Status dieser Projekte zu adressieren. Zugleich betont sie die Autonomie unserer Erfahrungen in Bezug auf Kunst: „...die Ästhetik im Sinne von Aiesthesis; ein autonomes Regime von Erfahrungen, das nicht auf Logik, Vernunft oder Moral zu reduzieren ist.“Bishop, Claire: Artificial Hells : participatory art and the politics of spectatorship. Band 1. London 2012. S. 18.

Als Beispiel in ihrer Auseinandersetzung über den von Nicolas Bourriaud geprägten Begriff der relationalen Ästhetik (Relational art/relational aesthetics) führt Claire Bishop die Arbeiten des thailändischen Aktions- oder Performance-Künstlers Rirkrit Tiravanija an, denen von Kritikern und dem Künstler selbst die Einbeziehung des Publikums als deren Hauptgegenstand zugeschrieben wird. Dabei sieht Bishop in Tiravanijas Arbeit nicht nur das Verlangen, die Unterscheidung zwischen institutionellem und sozialem Raum zu unterlaufen, sondern auch die zwischen Künstler und Publikum. Tiravanijas Arbeit Untitled (Tomorrow Is Another Day) (1996, Kölnischer Kunstverein) beschreibt sie wie folgt:

Laut Bishop sieht Bourriaud im Konzept der relationalen Ästhetik, mit dem sich die Arbeiten Tiravanijas beschreiben ließen, nicht nur die Theorie einer interaktiven Kunst vertreten, sondern darin ein Instrument, mit dem gegenwärtige Praktiken in unserer Kultur ausfindig gemacht werden können. So ließe sich relational art auch als eine direkte Antwort auf den Übergang von einer am Austausch von Waren hin zu einer an Dienstleistungen orientierten Ökonomie erkennen.

Allan Kaprow Der Künstler und Kunsttheoretiker Allan Kaprow versuchte in seinen Happenings, z. B. eine scheinbar passive Zuschauerhaltung zu durchbrechen, bei welcher die Gäste in eine Haltung des bloßen Zuschauens verfallen oder, nach ihrer Meinung gefragt, immer gleiche, vorhersagbare, stereotype Antworten gaben, sondern selbst beteiligt waren. Um dies zu erreichen, wollte er mit allen Anwesenden eines Happenings schon vor der eigentlichen Aktion die möglichen Rollen- und Aktionspotenziale besprechen und ihre Meinungen und Handlungen miteinbeziehen. Eine zeitliche Eingrenzung einer Aufführung (z. B. eines Werkes) im klassischen Sinne wird hier durchbrochen; die vorherige Besprechung mit dem Publikum könnte als eine Art der Aufführung beschrieben werden und eben dadurch würde die gesamte erlebte Zeit zu einem gemeinsamen Happening werden.

Auch die an der Produktion beteiligten Künstler könnten ihre antrainierten und teils festgefahrenen Verhaltensweisen ihrer jeweiligen Kunst lösen, um sie lebendiger zu machen.

Hans Thies-Lehmann Hans-Thies Lehmann beschrieb Partizipation als einen Vorgang, der im Wunsch begründet liegt, mehr Mitbestimmung zu erhalten, und wies auf eine Schwäche der Demokratie hin. Hier liegt auch der Wunsch nach Partizipation im Theater begründet, welches „ein Ort der Manifestation, des Ausdrucks, auch der Forderung solcher Gruppen sein [soll], die man oft als die ‚Stimmlosen‘ bezeichnet.“Lehmann, Hans-Thies: Get down and party. Together: Partizipation in der Kunst seit den Neunzigern (I), in: Heimspiel 2011. Theater Workshops Symposium Festival, 2011, http://www.heimspiel2011.de/assets/media/dokumentation/pdf/HSP-Doku_D_Lehmann.pdf, Stand: 30. Januar 2014.