Rituale im Sport werden beispielsweise beim Betrachten eines Volleyballspiels sichtbar. Der Athlet trippelt den Ball genau 3 Mal vor dem Aufschlag; nach jedem Punkt gehen die Spieler in der Gruppe zusammen, sie schlagen ein, auch wenn jemandem ein Fehler passierte. Die Mannschaft scheint mit nahezu jedem Ritual zu demonstrieren, dass sie eine Einheit ist.
Nach Michael Krüger lassen sich in allen Bereichen des Sports die wesentlichen Merkmale ritueller Handlungen vormoderner Stammeskulturen erkennen. Hierzu sind folgende Parallelen zwischen dem modernen Sport und den ursprünglichen Riten feststellbar: Beide bringen mythische Themen zum Ausdruck, verstärken auf symbolische Weise die Gruppennormen, fordern von den Beteiligten eine korrekte Ausführung ihrer Aufgaben, und sie finden beide in einem „magischen Kreis“ statt.Arnd Krüger: Ritual und Rekord im Sport. In: A. Luh, E. Beckers (Hrsg.): Umbruch und Kontinuität im Sport – Reflexionen im Umfeld der Sportgeschichte. Festschrift für Horst Ueberhorst. Brockmeyer, Bochum 1991, S. 92.
Für viele Athleten, welche sich in anderen Lebensbereichen eher sachlich und nüchtern verhalten, spielen magische Rituale, selbst in Form von extremen und unlogischen Handlungen, eine bedeutende Rolle. Wichtig ist nur, dass die Betreffenden an eine solche übernatürliche Verbindung zwischen der Durchführung der Rituale und dem Ausgang des Wettkampfes glauben. Sportrituale treten in der heutigen Zeit überall dort auf, wohin der institutionalisierte Sport bisher vorgedrungen ist – sie laufen immer nach dem gleichen Muster ab. Für Rituale, welche sich jenseits institutionalisierten Sporttreibens für Athleten und Anhänger ausgebildet haben, liegt keine funktionale Bedeutung vor. Der Wert liegt nicht darin, dass eine sportliche Ausführung gut ausfällt oder misslingt, ihre Bedeutung ist eher eine magische. Sie setzen den Glauben voraus, dass sie zusätzliche Kräfte übernatürlicher und magischer Art freisetzen oder störende Einflüsse verhindern können.Mari Womack: Why Athletes Need Ritual. (A Study Of Magic Among Professional Athletes). In: Shirl J. Hoffman (Hrsg.): Sport and Religion. Human Kinetics Books, Champaign (Illinois) 1992, S. 192. Das Auslassen eines Rituals wäre demzufolge gleich dem Ausbleiben magischer Kräfte.
Abgrenzung von Sitte, Gewohnheit und Ritualisierung Das Ritual kann von den Begriffen wie der Gewohnheit oder der Sitte abgegrenzt werden, obwohl diese Grenzen manchmal ineinander zu fließen scheinen. Wenn vorgeschriebene Handlungen einem unmittelbaren Zweck dienen (instrumentelle Handlungen), spricht man nicht von Ritualen, sondern von Gewohnheiten. Sie entstehen, da sie ökonomisch sind und weniger Kraftaufwand bedeuten. Rituelle Handlungen dagegen dienen der Verbildlichung sowie der Symbolisierung (expressive Handlungen). Sofern einer Begrüßungsgeste noch keine symbolische Inszenierung unterliegt, wie zum Beispiel beim Händeschütteln der gegnerischen Kapitäne vor einem Spiel, so wird von einer Sitte gesprochen. Eine Sitte bezieht sich auf eine Tradition oder Gewohnheit, welche auf moralischen Werten oder Regeln basiert. Ist der Zweck der Gewohnheit vergessen, aber wird er dennoch aus Ehrfurcht beachtet, so wird die Gewohnheit zu einem Ritual. Soziale Umgangsformen und Gepflogenheiten erleichtern die Kommunikation und das Miteinander.
Rituale der Athleten im Umfeld des Wettkampfes Magische Praktiken und Gegenstände Dort, wo auch Athleten sind, findet man in den verschiedensten Art und Weisen magisch-religiöse Praktiken.Hans G. Buhrmann, Maxwell K. Zaugg: Religion and Superstition in the Sport of Basketball. In: Journal of Sport Behavior. vol. 6 Nr. 3, 1982, S. 146. Der Glauben und die Handlungen variieren sehr stark: Von Gruppen- und Individualpraktiken über bizarre Rituale erstreckt sich eine vielseitige Bandbreite des „magisch-religiösen Reichs“.
Womack unterscheidet zwischen drei Ritualtypen im Sport: Zum einen die Initiationsriten, welche die Art und Weise der Aufnahme und Anbindung an die Gruppe bewirken. An zweiter Stelle stehen die Vorbereitungsriten, diese zielen genau darauf ab, den Ausgang eines bevorstehenden Ereignisses in die gewünschte Richtung zu lenken. Jene werden von Womack nochmals in „day-of-the-game rituals“ (Rituale werden über den gesamten Wettkampftag ausgeführt), „pregame rituals“ (Rituale werden zwischen der Ankunft im Stadium und dem Beginn des Wettkampfes vollzogen) und in „activity-specific rituals“ (Rituale werden während des Wettbewerbs durchgeführt) unterteilt. Vorbereitungsriten lassen sich soziologisch nicht erklären, da sie vom Athleten individuell und alleine erbracht werden. Der dritte Ritualtyp nach Womack ist der Schutzritus. Sie dienen gemeingültig dazu, die Unsicherheit vor dem Unbestimmten und Unvorhersehbaren zu nehmen.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts führten die meisten Sportler, darunter vermehrt Rennfahrer und Piloten, magisch-„abergläubische“ Praktiken durch. Ein Grund liegt darin, dass die Technik zu diesem Zeitpunkt noch nicht genügend ausgereift war und das Risiko der Menschen viel größer gewesen ist. Gerade in den häufigen Unglücksfällen aus den Anfangszeiten gewisser Sportarten liegt ein Großteil des Sportaberglaubens begründet.Karl Wehrhan: Der Aberglaube im Sport. In: Theodor Siebs, Max Hippe (Hrsg.): Wort und Brauch. (Volkskundliche Arbeiten namens der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde, 24). Breslau 1936, S. 4.Erving Goffman: Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. 1. Auflage. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-518-28194-1. Aberglaube tritt verstärkt in Situationen zum Vorschein, in denen Unsicherheitsgefühle, hoher psychologischer Stress und niedrig wahrgenommene Kontrollfähigkeit herrschen. Das sind Situationseigenschaften, die besonders auf leistungsbezogene Situationen zutreffen. Abergläubische Rituale haben keinen unmittelbaren Zweck, sie entstehen meist spontan und geben dem Athleten möglicherweise das Gefühl, einen Einfluss auf den Zufall bzw. das Glück zu haben. In der heutigen Zeit beruht das Vertrauen der Sportler auf der Technik (Auto, Flugzeug, Boot) und auf der eigenen Geschicklichkeit und Kraft, aber auch zusätzlich auf abergläubischen Handlungen, welche keinen rationalen Zusammenhang mit der sportlichen Leistung aufweisen. Sie erzeugen jedoch indirekt z. B. ein Gefühl der Sicherheit. Die Grenzen zwischen Aberglauben und Glauben verschwimmen, wenn Athleten einzelnen Ritualen, Gesten oder Gegenständen unterschiedliche (positive, negative) „Vitalkräfte“ zuschreiben, wie dies am Beispiel eines Maskottchen zu erkennen ist. Ein weiteres Beispiel liefern Sportler, wenn sie ihre religiösen Gefühle öffentlich durch Niederknien, Beten oder Bekreuzigen bekunden, hierzu zählen rein individuelle Äußerungen nicht zu allgemeinen religiösen Kundgebungen.
Die Art und Form der Glücksbringer umfasst so ziemlich alles, was man sich vorstellen und mitbringen kann: bestimmte Personen, Tiere, Pflanzen, gedrückte Daumen, Mützen, die Sportgeräte- und materialien selbst und auch traditionelle Glücksbringer, wie Hufeisen und religiöse Accessoires. Glücksbringer sind dann solche, zu denen ein spezielles persönliches Verhältnis besteht.
Gesten mini|hochkant=0.5|Felix Sturm nach dem Kampf gegen Giovanni Lorenzo 2010 Ein großes Ausmaß an Erfolgs- und Siegesgesten hat im Bereich Sport Einzug gehalten, die prinzipiell die gleiche Symbolik tragen: Überlegenheit und Sieg. Ein weit verbreitetes Zeichen ist z. B. die geballte Faust in Hüfthöhe oder die Körperverlängerung durch die beiden zu einem „V“ in die Luft gestreckten Arme (bestehende Ähnlichkeit mit der Orantenhaltung). Solche Zeichen lassen den Athleten gegenüber dem Gegner größer und stärker erscheinen, zudem werden sie dadurch dem Publikum auffälliger in den Situationen, in den sie gesehen werden möchten. Armbewegungen dieser Art, die Triumph und Beten ausdrücken, kommen überall auf der Welt vor und gehen wahrscheinlich über jedes kulturelle Lernen weit hinaus.Desmond Morris: Körpersignale: Bodywatching. Heyne Verlag, München 1996, ISBN 3-453-37101-1, S. 144. Ein selbstverständliches Ritual unter Sportlern ist, dem gewinnenden Gegner zu gratulieren. In keinem anderen Gesellschaftsbereich bietet sich so häufig die Gelegenheit zu ritualisierten Gratulationen wie im Sport, vor allem im Wettkampfsport. Jene nehmen gerade in körperlich harten Disziplinen eine friedensstiftende Position ein. Ein weiteres Zeichen der Hochachtung gegnerischer Mannschaften, welches die Wutausbrüche und Härten verschwinden lässt, ist der Trikottausch – er ist die einzige spontane Handlung, um Achtung und Freude gegenüber seinem Kontrahenten auszudrücken.
In gewissen Sportarten, wie beispielsweise im Fußball, küssen einige Sportler den Boden vor Betreten des Platzes. Dieses Verhalten erinnert an die Geste des Papstes, wenn er direkt nach der Landung in einem Gastland den Boden küsst. Diese und noch viele weitere ritualisierte Gesten sind in mehr oder weniger übersteigerter Form theatralisiert und entstellen deren althergebrachte Bedeutung.
Rituale der Athleten vor und nach den Wettkämpfen Bei einer Vielzahl von Athleten zählen Rituale zum Repertoire des Wettkampfverhaltens. Einige davon werden schon lange vor dem Wettkampf im Training praktiziert, andere Rituale werden bis unmittelbar vor dem Wettkampf aufgehoben. Athleten sind besonders häufig Situationen mit großem Druck und hoher Unsicherheit ausgesetzt. Viele Personen sehen bei der Leistungserbringung zu und sie stehen oft in der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die Leistung in einem Wettkampf kann darüber entscheiden, ob sie z. B. Fördergelder erhalten, in den Elitekader kommen oder von den Medien positiv bzw. negativ beurteilt werden. Zudem haben Athleten nur eine begrenzte Anzahl an Möglichkeiten, ihre Leistung zu erbringen bzw. zu demonstrieren. Rituale können hierbei helfen, Gefühle der Kontrollierbarkeit und Vorhersagbarkeit in stressigen und zum Teil unkontrollierbaren Situationen zu schaffen.Mari Womack: Why Athletes Need Ritual. A Study Of Magic Among Professional Athletes. In: Shirl J. Hoffman (Hrsg.): Sport and Religion. Human Kinetics Books, Champaign (Illinois) 1992, S. 196. Sie helfen, die emotionale Stabilität aufrechtzuerhalten, damit die Athleten besser mit der Anspannung und dem Stress umgehen können.Athletic insight. In: The Online Journal of Sport Psychology. Abgerufen am 17. März 2014. Rituale in festgesetzter Sequenz laufen häufig am Vortag des Wettkampfes ab. Hierzu zählen unter anderem die Einhaltung des genau vorgeschriebenen Weges zum Austragungsort und die Einnahme bestimmter Mahlzeiten zu immer denselben Zeiten. Manch ein Athlet rasiert sich ein paar Tage vor dem Wettkampf nicht mehr und meidet Personen, die ihm seiner Meinung nach Unglück bringen könnten. Ein anderes Beispiel geben viele Läufer in den letzten Minuten vor dem Start, in dem sie einen genauen Ablaufplan vollziehen, der auf keinen Fall unterbrochen werden darf. Während dieser Zeit halten sie jegliches Gespräch von sich fern. Der Erfolg wird im Vorhinein regelrecht beschworen; Logik und Rationalität werden dabei meistens vernachlässigt. Jedoch haben sportwissenschaftliche Erkenntnisse nichtsdestoweniger Einfluss auf den bevorstehenden Wettkampf. Die bei Testläufen und Testspielen erreichten Werte bedeuten viel mehr, als nur eine sachliche Rückmeldung auf den Leistungsstand. Solche Tests dienen dem Athleten regelrecht als Orakelfunktion, die die Angst vor möglichen Misserfolg nehmen soll. Hinzukommend suchen einige Sportler nach Vorab-Ausreden, falls der erwünschte Erfolg ausbleibt. Diese sollen den Erfolg herstellen, indem man von ihm ablenkt – sie besitzen somit eine Doppelfunktion.