Didone abbandonata (deutsch: „Die verlassene Dido“; HWV A12) ist ein Pasticcio (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Es basiert auf der gleichnamigen Oper von Leonardo Vinci über ein Libretto von Pietro Metastasio, die durch Arien von Hasse, Giacomelli, Vivaldi u. a. ergänzt wurde. Das Werk wurde zuerst am 13. April 1737 am Theatre Royal, Covent Garden in London aufgeführt. Es war Händels letztes aus Musik anderer Komponisten arrangiertes Pasticcio.
Entstehung Die Spielzeit 1736–1737 war für Händel „die ehrgeizigste Saison, die er je geplant hatte“:John H. Roberts: Handel and Vinci’s ‘Didone abbandonata’: Revisions and Borrowings. In: Music & Letters, Vol.&n68, Nr.&n2, Oxford University Press (1987), S. 141. Allein die Komposition von drei neuen Opern (Arminio, Giustino und Berenice) überstieg sein normales Pensum. Hinzu kam das Oratorium II trionfo del Tempo e della Verità, bei dem es sich um eine revidierte Fassung von Il trionfo del Tempo e del Disinganno (1707) handelt, sowie zahlreiche Wiederaufnahmen seiner früheren Opern und Oratorien Alcina, Atalanta, Poro, Partenope, Il Parnasso in festa, Das Alexanderfest und Esther.Siehe den Zeitraum von November 1736 bis Juni 1737 in der Zeittafel in: Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie, aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, S. 363–364.
Vielleicht um der konkurrierenden Adelsoper auf deren eigenstem Gebiet – italienischen Opern der neueren neapolitanischen Komponistengeneration – etwas entgegenzusetzen, wahrscheinlich aber auch, um seinen beiden jungen und vom modernsten galanten Stil geprägten Star-Kastraten, Gioacchino Conti gen. „Gizziello“ und Domenico Annibali, entgegenzukommen,Ungewöhnlicherweise ließ Händel Conti und Annibali sogar Einlagearien moderner Komponisten in den Wiederaufnahmen von Ariodante und Poro singen! Siehe: Reinhard Strohm: Didone abbandonata (HWV A12), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 423–424. arrangierte Händel zusätzlich auch noch Leonardo Vincis seinerzeit sehr erfolgreiche und berühmte Oper Didone abbandonata (1726) in Form eines Pasticcios.
Händel lernte Vincis Partitur offenbar durch seinen Freund Charles Jennens kennen, der später auch einige Oratorien-Libretti für ihn verfasste (Saul, L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato, The Messiah und Belshazzar).
Die selbst auferlegten Anstrengungen führten jedoch zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt im April 1737 zu einem körperlich-seelischen Zusammenbruch Händels samt einer zeitweiligen Lähmung seines rechten Arms. Daher ist nicht bekannt, ob Händel die Premiere der Didone abbandonata am 13. April 1737 im Covent Garden Theatre selber leiten konnte.Strohm vermutete, dass Händel bereits vor der Premiere ausfiel. Siehe: Reinhard Strohm: Didone abbandonata (HWV A12), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 425.Das Händel-Handbuch Band 4 folgt offenbar Strohm; erste Nachrichten über die Krankheit datieren vom 30. April (in: The London Daily Post), wo es nur heißt, Händel sei bereits „einige Zeit indisponiert“ gewesen („Mr. Handel, who has been some time indisposed...“). Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 279 und 280.Roberts vermutete, dass Händel erst nach der zweiten Aufführung am 20. April ausfiel. Siehe: John H. Roberts: Didone abbandonata. In: Annette Landgraf und David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 190 f. (englisch).
Besetzung der Uraufführung: Didone – Anna Maria Strada del Pó (Sopran) Enea – Gioacchino Conti, genannt „Gizziello“ (Soprankastrat) Jarba – Domenico Annibali (Altkastrat) Selene – Francesca Bertolli (Alt) Araspe – John Beard (Tenor) Osmida – Maria Caterina Negri (Alt)
Didone erreichte nur insgesamt vier Aufführungen, drei im April und eine vierte am 1. Juni.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 279. John H. Roberts vermutete, dass der Tenor John Beard eventuell in späteren Aufführungen ausfiel und ersetzt werden musste (vielleicht durch William Savage (?)).John H. Roberts: Didone abbandonata. In: Annette Landgraf und David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 190 f. (englisch).
Aufführungsgeschichte Die deutsche Erstaufführung des Pasticcios fand 2016 bei den Händel-Festspielen in Halle statt. In den Hauptrollen sangen Robin Johannsen als Dido und Olivia Vermeulen als Enea und es spielte die Lautten Compagney unter Leitung von Wolfgang Katschner. Didone abbandonata auf der Website der Lautten Compagney (Abruf am 8. August 2026)
Libretto Textvorlage für die Oper ist Pietro Metastasios erstes Opernlibretto Didone abbandonata, das erstmals mit Musik von Domenico Sarro am 1. Februar 1724 im Teatro San Bartolomeo in Neapel aufgeführt worden war und in der Folge zahlreiche weitere Vertonungen erlebte. Metastasio persönlich revidierte sein Libretto für Leonardo Vinci, der den Text für den Karneval 1726 in Rom vertonte., abgerufen am 7. August 2026.
Händels Pasticcio basiert einerseits auf Vincis Partitur, orientiert sich andererseits bei den Rezitativen aber auf der (von Sarro vertonten) Erstfassung des Librettos von 1724.John H. Roberts: Handel and Vinci’s ‘Didone abbandonata’: Revisions and Borrowings. In: Music & Letters, Vol.&n68, Nr.&n2, Oxford University Press (1987), S. 142.Strohm war dies ursprünglich nicht bekannt, aber er machte einen entsprechenden „Nachtrag“ zu seinen Ergebnissen in: Reinhard Strohm: Didone abbandonata (HWV A12), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband I. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 425. Für London wurden die Secco-Rezitative gekürzt und teilweise „umgeschrieben“.Reinhard Strohm: Didone abbandonata (HWV A12), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 424.
Wie bei einem Pasticcio üblich, mussten für die Einlage-Arien aus anderen Werken einige Arientexte geändert oder neu formuliert werden, drei originale Metastasio-Texte wurden aber behalten und der bestehenden Musik einfach unterlegt.
Unter Berücksichtigung von Händels Sänger-Ensemble wurde die Rollenhierarchie zugunsten der drei Stars verändert: Obwohl von den ursprünglich 29 Arien bei Metastasio/Vinci nur insgesamt 22 bei Händel übrigblieben, wurde der Anteil der Arien für Anna Maria Strada (Didone) und Gizziello (Enea) von jeweils fünf auf sechs, und für Annibali (Jarba) von sechs auf sieben Arien erhöht. Die übrigen Rollen wurden so stark verkleinert, dass für Ossida nur ein Arienfragment und für Araspe am Ende gar keine Arie mehr übrig blieb; die Bertolli als Selene bekam drei Arien.
Handlung
Musik Von Händels Pasticcio Didone abbandonata ist nur die Direktionspartitur in der British Library (Add. MS 31607) erhalten. Als Vorlage für seine Bearbeitung stand Händel eine handschriftliche Kopie von Vincis Oper zur Verfügung, die seinem Freund Charles Jennens gehörte und die er mit einigen Anmerkungen versah; sie ist in der Newberry Library in Chicago erhalten (Stand 2009).Dieses Manuskript wurde auch als Faksimile veröffentlicht. John H. Roberts: Handel and Vinci’s ‘Didone abbandonata’: Revisions and Borrowings. In: Music & Letters, Vol.&n68, Nr.&n2, Oxford University Press (1987), S. 141–142.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 403 f.
Für sein Pasticcio übernahm Händel aus Vincis Didone abbandonata die Ouvertüre und eine Sinfonia im dritten Akt sowie dreizehn (von 29) Arien. Zwei dieser Arien wurden um den B-Teil gekürzt und eine Arie wurde anders platziert bzw. von einer Rolle auf eine andere übertragen. Darüber hinaus waren Transpositionen nötig, z. B. wurde die Musik der Didone für die Strada oft um einen Ton nach oben versetzt. Außerdem behielt Händel soviel wie möglich vom Finale des dritten Aktes, das zu einem großen Teil aus Accompagnato-Rezitativen besteht. Es ist wegen des tragischen Endes und auch formal für eine Opera seria ausgesprochen ungewöhnlich und war einer der Gründe für die Berühmtheit der Oper.
Vier Arien aus Vincis Didone überarbeitete und kürzte Händel – offensichtlich, weil er kurz zuvor aus Vincis Partitur einige kleinere Motive daraus in seinen neuesten Opern Arminio und Giustino entlehnt hatte und dies nun „vertuschen“ wollte.John H. Roberts: Handel and Vinci’s ‘Didone abbandonata’: Revisions and Borrowings. In: Music & Letters, Vol.&n68, Nr.&n2, Oxford University Press (1987), S. 143–146. Die einschneidendste Revision betrifft die Arie der Didone „Se vuoi ch’io mora“ (Nr. 14), aus der er Material für die Arie „Mio dolce amato sposo“ in Giustino verwendet hatte.John H. Roberts: Handel and Vinci’s ‘Didone abbandonata’: Revisions and Borrowings. In: Music & Letters, Vol.&n68, Nr.&n2, Oxford University Press (1987), S. 146.Reinhard Strohm: Didone abbandonata (HWV A12), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 425.
Bei den zusätzlichen neun Arien anderer Komponisten wurden wie üblich vermutlich Wünsche der Sänger berücksichtigt. Die meisten sind von Johann Adolph Hasse, weitere von Geminiano Giacomelli, Antonio Vivaldi und (noch) nicht identifizierten Komponisten. Semeles „Tanto Amor si bella fede“ stammt aus Vincis Oper Semiramide riconosciuta, die Händel 1733 bereits für ein gleichnamiges Pasticcio verwendet hatte (aber ohne diese Arie).Reinhard Strohm: Didone abbandonata (HWV A12), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 422–423 (Tabelle) und 424.Vollständige und detaillierte Übersicht (aktualisiert) in Sebastian Biesold: Entlehnungen als theaterpraktische Möglichkeit – Händels Opernpasticci und die Schwetzinger Produktion von Didone abbandonata HWV A12 (2015). In: Göttinger Händel-Beiträge, Bd. 26, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2025, ISBN 978-3-525-27840-6, S. 37 f, Übersicht 2.
Orchester Zwei Oboen, zwei Hörner, zwei Trompeten, Streicher, Basso continuo (Violoncello, Erzlaute oder Theorbe, zwei CembaliEs ist bekannt, dass in Händels (wie in italienischen) Opernaufführungen zwei Cembali und Erzlaute verwendet wurden. Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 34–35.).
Reaktionen
Diskografie dhm/Sony 88985415082 (2018): Robin Johannsen (Dido), Olivia Vermeulen (Enea), Julia Böhme (Selene), Antonio Giovannini (Jarba), Polina Artsis (Osmida), Namwon Huh (Araspe), Lautten Compagney; Dir. Wolfgang Katschner. (2 CDs, ca. 158 min)
Literatur Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 403 f. Sebastian Biesold: Entlehnungen als theaterpraktische Möglichkeit – Händels Opernpasticci und die Schwetzinger Produktion von Didone abbandonata HWV A12 (2015). In: Göttinger Händel-Beiträge, Bd. 26, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2025, ISBN 978-3-525-27840-6, S. 21–58.