Johann Cambilhon, auch Johannes Cambilhom (; * um 1576 vielleicht in Innsbruck; † nach 1611) war ein deutscher Jesuit aus Graz, der Protestant wurde und als Schriftsteller in Augsburg wirkte.

Leben Johann Cambilhon wurde im 19. Jahrhundert – vermutlich weil London einer seiner Publikationsorte war – für einen Engländer gehalten,Daniello Bartoli: Histoire de Saint Ignace de Loyola d’après les documents originaux, Bd. I. Desclee, De Brower, Brügge 1893, S. 166 und bes. S. 171: „Cambilon et Schloss, l’un allemand, l’autre anglais“; mit dem Deutschen ist der Konvertit Johann Salomon Schlossius aus Passau gemeint; Jakob Gretser: Relatio De Stvdiis Iesvitarvm Abstrvsioribvs. Adam Sartorius, Ingolstadt 1609, S. 25. bezeichnete aber selbst Deutschland als sein „Vatterland“ (patria).De Stvdiis Iesvitarvm Abstrvsioribvs, et Consiliis eorum sanguinariis. In: Petrus de Wangen: Physiognomonia Jesuitica. s. n., Lyon 1610, S. 25; (deutsche Übersetzung) Von der Jesuiten geheimsten Sachen, Kurtze Relation. s. n., s. l. , S. 33. Sein Vater soll nach zeitgenössischen Recherchen, die in Augsburg angestellt wurden, ein „nicht unbegüteter Organist“ gewesen sein, der bis 1564 In Innsbruck, danach in Graz wirkte.Eduard Böhl: Extract aus den Schriften des Grazer Exjesuiten Johannes Combilhon. In: ders.: Beiträge zur Geschichte der Reformation in Österreich. Gustav Fischer, Jena 1902, S. 477–481, bes. S. 481. Die Herkunft des ungewöhnlichen Zunamens „Cambilhon“ ist bisher unerklärt.Es könnte sich um einen Herkunftsnamen der Familie handeln; „Campilhon“ begegnet z. B. als okzitanischer Name des piemontesischen Ortes Campiglione; Champilhon (Champion) als Name eines Wohnplatzes bei Namur im heutigen Belgien. Ein Johannes Combilhonus (Jean Combillon) Paterniacensis (= aus Payerne im Kanton Waadt)Pierre Combillon († 1590) war Pasteur in Genf und in Montet-Cudrefin, 1586–1590 Pfarrer in Payerne. immatrikulierte sich 1597 in Basel.

Nach eigenen AngabenVergleiche zum Folgenden bes. Melchior Volcius: Furiae a Jacobo Gretsero & Conrado Vettero, Jesuitis, contra Praedicantes Augustanos emissae, sed ab iisdem illis remissae. Johann Alexander Cell, Tübingen 1611, S. 13–16, 32, mit Verweis auf Schriften und Briefe Cambilhons. wurde er nach dem Tod seiner katholischen Eltern dem Jesuitenorden in Prag in „Zucht und Disciplin“ übergeben. Er konnte Lateinisch und Griechisch.Melchior Volcius: Furiae a Jacobo Gretsero & Conrado Vettero, Jesuitis, contra Praedicantes Augustanos emissae, sed ab iisdem illis remissae. Johann Alexander Cell, Tübingen 1611, S. 28. Im Prager Jesuitenkolleg (Clementinum) seien ihm bereits 1602 nach der Lektüre eines Berichtes über das Regensburger Religionsgespräch von 1601 erste Zweifel „an der Päbstischen Religion“ gekommen. Cambilhon will nach der Prager Zeit zwei Jahre im Jesuitenkolleg in Wien und schließlich bis zu seiner Konversion anderthalb Jahre im Jesuitenkolleg in Graz verbracht haben.

Augsburger Streit Johann Cambilhon trat im März 1608 in Augsburg als ehemaliger Jesuit und Exulant aus Graz in der Steiermark auf. Aus dem Orden sei er im Alter von 32 Jahren ausgetreten; Augsburg, die Stadt, die ihm als erste Asyl gewährte, verglich er mit dem biblischen Zufluchtsort Zoar . Er übergab ein versiegeltes Empfehlungsschreiben „einer Weltlichen“ bzw. „Politischen Person“ an das Augsburger Geistliche Ministerium.Melchior Volcius: Furiae a Jacobo Gretsero & Conrado Vettero, Jesuitis, contra Praedicantes Augustanos emissae, sed ab iisdem illis remissae. Johann Alexander Cell, Tübingen 1611, S. 7 f.; Melchior Volcius: Rechtmässige vnd Notwendige Retorsion, gegen vnd wider die Schandtliche, Ehrenrürige Schmachschrifft. Cell, Tübingen 1610, S. 4: „welche wir hie zu nennen auß Ursachen bedenkens haben“. Das Schreiben vom Oktober 1607 wurde von Thomas Wismer, dem Hauspfleger des Wolf Sigmund von Eggenberg, verfasst. Eduard Böhl: Extract aus den Schriften des Grazer Exjesuiten Johannes Combilhon. In: ders.: Beiträge zur Geschichte der Reformation in Österreich. Gustav Fischer, Jena 1902, S. 477–481, bes. S. 477.

Cambilhon bekämpfte den Jesuitenorden, den er verlassen hatte, in verschiedenen Schriften. Eine erste lateinisch verfasste Schrift Explicatio causarum et circumstantiarum an das Augsburger Presbyterium (Pfarrerkollegium) von 1608 wurde offenbar schnell handschriftlich verbreitet, aber nicht gedruckt. Im selben Jahr verfasste er in Augsburg De Studiis Jesuitarum Abstrusioribus, Relatio. Darin behauptete Cambilhon, in den Kellern unter der Jesuitenkirche in Graz würden Ordensangehörige gefoltert, Teufel angebetet und Schätze gehortet. In der Prager Niederlassung der Jesuiten habe er ein umfangreiches Waffenlager gesehen. Ein ähnliches gebe es auch in Krakau. Der französische Jesuitenpater Pierre Coton (1564–1626) habe den evangelischen König Heinrich IV. von Navarra (1553–1610) mit „zauberischen Künsten“ auf die katholische Seite gezogen.

Zu seinem eigenen Schutz wurde Cambilhon im April 1608 durch einen vom Augsburger Geistlichen Ministerium beauftragten Begleiter über Ulm, wo er eine finanzielle Unterstützung erhielt, an „ein sicher gewahrsam Orth“ nach Stuttgart gebracht.Melchior Volcius: Furiae a Jacobo Gretsero & Conrado Vettero, Jesuitis, contra Praedicantes Augustanos emissae, sed ab iisdem illis remissae. Johann Alexander Cell, Tübingen 1611, S. 26–31 und 72 f. sowie 10 f. Mit den Augsburger Pfarrern Melchior Volcius (1562–1625)Auch Voltz; Pfarrer in Blaubeuren und Augsburg, später Abt von Maulbronn. und Jakob Rulich d. J. (1559–1612) stand er noch einige Zeit in brieflicher Verbindung.

Nach Cambilhons Weggang aus Augsburg erschien die Schrift De Studiis Jesuitarum Abstrusioribus, Relatio noch im selben Jahr 1608 erstmals im Druck. Ihr beigebunden waren die Elegie In parricidas Jesuitas Carmen des französischen Historikers und Staatsmanns Jacques-Auguste de Thou (1553–1617), in der der Tod der hugenottischen Königin Jeanne d’Albret (1528–1572) den Jesuiten angelastet wird, und zwei Texte des Humanisten Adrien Turnèbe (1512–1565).

Der Jesuit Jakob Gretser (1562–1625), Professor der Moral in Ingolstadt, der selbst 1601 an dem von Cambilhon erwähnten Regensburger Religionsgespräch teilgenommen hatte, verfasste Gegenschriften in neulateinischer Sprache, die von Conrad Vetter (1548–1622) ins Deutsche übersetzt wurden. Er bestritt, dass Cambilhon tatsächlich dem Orden angehört habe. Gretser bezog sich in seiner Kritik auch stark auf das ungedruckte Manuskript Explicatio causarum et circumstantiarum, von dem ihm eine Abschrift vorlag. Cambilhons Schrift bezeichnete Gretser als anonymes „Famos-Libell“ oder Pasquill, das nach dem Reichsrecht (Artikel 110 der Peinlichen Halsgerichtsordnung Karls V.) mit der Todesstrafe geahndet werden müsse. Cambilhon wurde in dem sogenannten „cambilhonischen Streit der Jesuiten und Augsburger Prädikanten“ publizistisch unter anderem von Melchior Volcius unterstützt.

Geraer Drucke Ein gewisser Magister Johann Pfeiffer von Altzen (Alzey)Zu unterscheiden von Magister Johannes Pfeiffer (1606–1667) aus Lobenstein, Rektor, Hofprediger und Archidiakon in Gera; beide werden bibliographisch oft verwechselt. berichtet 1610 im Vorwort zu Nova novorum Jesuitica, er habe seinen „guten Freund“ Cambilhon auf einer Rückreise aus Frankreich und Italien durch Graz dort nicht mehr angetroffen, aber in Augsburg wiedergefunden und ihm zugesagt, das „neue“ Manuskript in Druck zu geben. Es handelt sich bei dem Werk Nova novorum Jesuitica allerdings lediglich um eine wenig veränderte Überarbeitung von De Studiis Jesuitarum Abstrusioribus, Relatio, das wie diese am Ende das Datum Augsburg, 21. März 1608 trägt. Bei „Johann Pfeiffer“Vergleiche auch Johann Pfeiffer: Folget der H. Römischen Kirchen Poenitentiaria, unnd Bußkammer Taxt, aller und jeder Sünden. Jetzt newlich auff bitte etlicher guthertziger Catholischer Christen, auß dem Latein in vnser Mutter Sprach vbersetzet … Durch M. Johann Pfeiffern von Altzen. s. n. [Spieß], s. l. [Gera] 1610, beigebunden zu: Leo de Dromna: Fröliche Bottschafft vnd gute Zeitung [= Deß Bapsts Garauß, … Dardurch dann das Bapst- vnd Jesuwiderthumb … leichtlich in einen Hauffen fallen dörffte]. Martin Spieß, Gera 1611 (mit einer Vorrede An den Christlichen Leser von Johann Pfeiffer) (Digitalisat der Universität Jena). könnte es sich um ein Pseudonym Cambilhons oder eines Raubdruckers handeln, der Druck erschien im reußischen Gera.

Auch bei dem ersten Teil des Buches Von Der Jesuiten Gott vnd jrer Geistlichkeit handelt es sich um eine Überarbeitung von De Studiis Jesuitarum Abstrusioribus, Relatio. Dieses Buch wurde 1611 von „Leo de Dromna“„Leo de Dromna“ bzw. „Leon de Thromna D.“ übersetzte 1611 ein Werk von John Napier (1550–1617) aus dem Schottischen; Johannis de Napeier: Entdeckung aller Geheimnüssen in der Apocalypsi oder Offenbarung S. Johannis begriffen. Martin Spieß, Gera 1611 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München). zusammengestellt bzw. übersetzt und erschien ebenfalls in Gera. Das Pseudonym wird meist mit dem Theologieprofessor und 1619/20 als Rektor der Universität Leipzig amtierenden Christoph Wilhelm Walpurger (1579–1631) identifiziert.Markus Hein, Helmar Junghans (Hrsg.): Die Professoren und Dozenten der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig von 1409 bis 2009. (Beiträge zur Leipziger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte A 8). Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2009, S. 280.

Rezeption Cambilhons Buch De Studiis Jesuitarum Abstrusioribus, Relatio war schon bis 1610 mehrfach nachgedruckt und aus dem Lateinischen ins Deutsche (zweimal), Englische und Französische übersetzt worden. Es wurde in der Folgezeit vielfach als Materialsammlung in Auseinandersetzungen um den Jesuitenorden wieder abgedruckt. Der sächsische, aus Schluckenau (Šluknov) in der Herrschaft Tetschen vertriebene Pfarrer Balthasar Marschner (1599–1669)Aus Böhmen, Diakonus in Schluckenau, 1624 von dort vertrieben, 1631 Pfarrer in Berga bei Weida, 1632 in Lössnitz, 1645 in Hartenstein; Heinrich Johannes Scheuffler: Der Zug der österreichischen Geistlichen nach und aus Sachsen. In: Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Oesterreich 7 (1886), S. 188–202 bes. S. 191 bezog sich 1630 in einer antikatholischen Streitschrift auf „Johan Cambilhom“.Balthasar Marschner: Päpstischer Irrwisch Oder Der Papisten Lehre Vom Fegefewer, als eine falsche, unchristliche … Lehr. Gottfried Grosse, Leipzig 1630, S. 121f (Google-Books). Der Anwalt und radikale Puritaner William Prynne (1600–1669) zitierte das Buch in seiner Auseinandersetzung mit Erzbischof William Laud.William Prynne: A New Discovery of Free-State Tyranny. Edward Thomas, London 1655, unpaginiert (online-Transliteration der University of Michigan). Große Verbreitung erfuhr es durch die Aufnahme in die Historia Jesuitica von Rudolf Hospinian und Ludwig Lucius. Besonders in England erlebte die Schrift bis in das 18. Jahrhundert hinein zahlreiche Nachdrucke.

Prager Unruhen