mini|hochkant|Kirche von Süden

Die Evangelische Kirche in Kirchberg (Lahn) wurde als spätgotische, asymmetrisch zweischiffige Hallenkirche von 1495 bis 1508 erbaut. Dabei fanden Teile eines romanischen Vorgängerbaues Verwendung. Die Kirche spielte als Send- und Pfarrkirche des Kirchspiels Kirchberg im Mittelalter eine bedeutende Rolle. Neben den drei mittelalterlichen Glocken gehören das spätgotische Kruzifix, drei farbig gefasste Doppelgrabsteine aus der Renaissance und die Rokoko-Orgel von 1777 zu den wertvollsten Ausstattungsstücken. Die Kirche auf dem Kirchberg liegt auf dem Gebiet der Stadt Lollar im Landkreis Gießen und ist hessisches Kulturdenkmal.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 213.

Die Kirchengemeinde Kirchberg-Ruttershausen gehört zum Dekanat Gießener Land in der Propstei Oberhessen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Geschichte mini|hochkant|Westportal mit Bauinschrift von 1495, darüber Doppelwappen der Schabe und Rau

Vermutet wird, dass iro-schottische Mönche unter Lullus zwischen 770 und 780 eine erste hölzerne Kapelle auf der Erhebung des Kirchbergs errichteten.Homepage der Kirchengemeinde: Die Geschichte des Kirchberg, abgerufen am 18. April 2020. Wahrscheinlich wurde das Kirchspiel Kirchberg vom Erzbistum Mainz aus gegründet. Urkundlich wird im Jahr 1227 Reinherus de Kyrberg als Pleban erwähnt, der residierender Pfarrer in Kirchberg war. Kirchberg war eine Sendkirche und gehörte in kirchlicher Hinsicht zum Dekanat Amöneburg im Archidiakonat von St. Stephan im Erzbistum Mainz. Im 13. Jahrhundert zählten Daubringen, Lollar, Mainzlar, Odenhausen, Ruttershausen, Staufenberg, Salzböden, Wißmar und mehrere später aufgegebene Wüstungen zum Kirchspiel Kirchberg.Huttarsch, Müller: Lollar beiderseits der Lahn. 1984, S. 24. Im Jahr 1237 ist Kirchberg urkundlich als Sitz des Zentgerichts in der Grafschaft Ruchesloh bezeugt. Gegenüber anderen Kirchspielen war der Ort von überregionaler Bedeutung. Papst Johannes XXII. in Avignon stellte im Jahr 1327 für die Gläubigen in Kirchberg und dem zugehörigen Wißmar einen gesiegelten Ablassbrief auf Pergament aus, was auf die Bedeutung Kirchbergs weist. Ihnen wurde für ein dreimaliges Beten des Ave Maria beim Nachtgeläut ein Ablass von 40 Tagen gewährt.Huttarsch, Müller: Lollar beiderseits der Lahn. 1984, S. 27.

Im 15. Jahrhundert gehörten die Siedlungen Burscheid, Daubringen, Dickenbach, Heibertshausen, Kirchberg, Lollar, Mainzlar, Odenhausen, Ruttershausen, Wißmar und Salzböden zum Sendbezirk Kirchberg.Kögler: Die spätgotische Pfarrkirche von Kirchberg an der Lahn. 1995, S. 51. Der romanische Vorgängerbau besaß ein Marien-Patrozinium, das einmal im Jahr 1483 belegt ist. Ein Altar war „Unser Lieben Frauen“ geweiht, ein anderer der heiligen Katharina und ein dritter dem heiligen Nikolaus.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 258. Als Mutter- und Sendkirche der umliegenden Ortschaften bediente Kirchberg die Sakramente, Seelsorge (cura animarum), Taufen (baptisterium), Begräbnisse (cimiterium oder sepultura) und die Zehnterhebung.

In den Jahren 1495 (Inschrift über dem Westportal) bis 1508 („MDVIII“ als gemalte Inschrift im Chorgewölbe) wurde die heutige Hallenkirche erbaut. Hierfür wurden Teile des romanischen Vorgängerbaus wiederverwendet, besonders für den Kirchturm. Bauherren und adelige Stifterfamilien waren die von Schabe zu Staufenberg, die das Patronat innehatten, die Herren Rau von Holzhausen und von Rolshausen sowie die Familie Schutzbar genannt Milchling, deren Wappen alle mehrfach in der Kirche erhalten sind.Kögler: Die spätgotische Pfarrkirche von Kirchberg an der Lahn. 1995, S. 55–61. Hinzu kamen die Herren von Trohe und die Grafen von Ziegenhain, deren sechsstrahliger Stern zweimal am Bau erscheint.Weyrauch: Die Kirche auf dem Kirchberg. 1979, S. 96.

mini|Ansicht von 1646: In der Bildmitte die heutige Ev. Kirche, rechts davon die Michaeliskapelle mit dem spitzen Turm Die Einführung der Reformation in Kirchberg erfolgte 1527 kurz nach der Einführung in Hessen durch Philipp den Großmütigen im Oktober 1526. In Nassau-Weilburg, wozu in jener Zeit Kirchberg gehörte, setzte Philipp III. ab 1532 weitere Maßnahmen und Kirchenordnungen durch. Der letzte katholische Pfarrer Heiderich Grebe (* um 1485; † um 1536) wird als „Reformator von Kirchberg“ bezeichnet.Kögler: Die spätgotische Pfarrkirche von Kirchberg an der Lahn. 1995, S. 51 f. Im Jahr 1576 gehörten nur noch Daubringen, Lollar, Mainzlar, Ruttershausen und Staufenberg zum Kirchspiel Kirchberg. Landgraf Ludwig IV. leitete das Kirchspiel im streng lutherisch-orthodoxen Sinn von 1567 bis zu seinem Tod im Jahr 1604. Anschließend wurde es Teil der Lutherischen Landeskirche Hessen-Darmstadt in der Superintendentur Gießen.Huttarsch, Müller: Lollar beiderseits der Lahn. 1984, S. 29.

Im Jahr 1637 wurden Emporen eingebaut und die Kanzel in diesem Zuge oder spätestens im 18. Jahrhundert von der östlichen Säule an den Chorbogen versetzt. Die dem Erzengel Michael geweihte Kapelle auf dem Friedhof, die einen höheren Turm als die Kirche hatte, wurde nach Einführung der Reformation aufgegeben. Zeitweise diente sie als Beinhaus, das zuletzt im Jahr 1699 erwähnt wurde und mutmaßlich mit der Kapelle zu identifizieren ist.Martini: Die ev. Kirche zu Kirchberg im Wandel der Zeiten. 2008, S. 15. Das jetzige Pfarrhaus wurde im Jahr 1718 anstelle des Pfarrhauses von 1594 errichtet.

mini|Kirche um 1850 mit Blick auf Staufenberg mini|Sakramentsnische in der westlichen Südseite mit dem Stern von Ziegenhain im Bogenfeld und unten den Wappen von Rau und Scheuernschloss Im Jahr 1746 folgten einige Veränderungen und Umbauten. Im Chor wurde eine Orgelempore eingebaut und die Orgel dorthin umgesetzt. Um den unteren Bereich besser zu belichten, wurden das südliche Chorfenster verlängert und ein hochrechteckiges Fenster in der Südwestecke rechts der Sakramentsnische eingebrochen. Für die Emporen im Schiff wurde ein Außenzugang an der Südseite mit einem Mauerdurchbruch geschaffen.Martini: Die ev. Kirche zu Kirchberg im Wandel der Zeiten. 2008, S. 18. Der gotische Taufstein gelangte in den Pfarrgarten. Bei der Erneuerung des Dachwerks im Jahr 1840 wurde die Fahne von Kloster Arnsburg auf der Dachspitze angebracht. Nach 1871 wurde die Sakramentsnische aus dem Chor entfernt und in der südlichen Außenwand eingemauert.Martini: Die ev. Kirche zu Kirchberg im Wandel der Zeiten. 2008, S. 21. 1926 fand eine eingreifende Innenrenovierung unter Leitung von Heinrich Walbe statt. Sie hatte die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands zum Ziel und legte den Chor wieder frei.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 259 f. In diesem Zuge wurde der „Friedelhäuser Stuhl“ entfernt, der bis 1926 auf der Empore in der Turmhalle stand. Seine Brüstungen wurden für die neue, schmalere Turmempore wiederverwendet. Bis zu dieser Zeit war die Turmhalle vollständig mit Emporen ausgefüllt. An der Ostseite des Chors wurde ein schlichtes Gestühl in zwei Reihen und zum neuen Aufstellungsort der Orgel am Ostende der Nordempore eine neue Treppe eingebaut. Die Außentreppe zur Südempore wurde entfernt und das rechteckige Südfenster neben der Sakramentsnische verkleinert. Die Fenster im Schiff erhielten die 1746 entfernten Mittelpfosten wieder und das südliche Chorfenster seine ursprüngliche Größe. Otto Linnemann aus Frankfurt am Main gestaltete die drei farbigen Glasfenster im Chor.Martini: Die ev. Kirche zu Kirchberg im Wandel der Zeiten. 2008, S. 23.

Bei der Umorganisation der Evangelischen Landeskirche von Hessen und Nassau schuf man 1950 als Teil des Visitationsbezirks Oberhessen ein neues Dekanat Kirchberg, das mit dem alten Kirchspiel nur den Namen gemeinsam hat. Denn es umfasst nicht nur das untere, sondern auch das mittlere Lumdatal sowie die Wiesecker Talschaft. Am 31. August 1976 wurde eine selbstständige Kirchengemeinde Kirchberg-Rutterhausen eingerichtet. Zum 1. Januar 2022 ging das Dekanat Kirchberg mit den Nachbardekanaten Grünberg und Hungen im neuen Dekanat Gießener Land auf.

Renovierungsarbeiten der Kirchberger Kirche wurden von 1963 bis 1965 durchgeführt. Der Taufstein wurde wieder in der Kirche aufgestellt, das Dach neu geschiefert, die ursprüngliche farbliche Fassung des Innenraums wiederhergestellt und auf ein elektrisches Heizsystem umgestellt.Martini: Die ev. Kirche zu Kirchberg im Wandel der Zeiten. 2008, S. 25. Weitere Innensanierungen von 2002 bis 2004 umfassten den Einbau einer neuen Warmwasserheizung und neuer Leuchtkörper, eine Elektrosanierung, eine Reinigung der Innenwände und eine Putzsanierung sowie eine Renovierung der Orgel.Homepage der Kirchengemeinde: Renovierung, abgerufen am 18. April 2020.

Architektur mini|Kirche mit südlichem Flankenturm und Ostchor mini|Kirche von Norden

Die geostete Kirche wird im Norden vom 1718 erbauten Pfarrhof (Fachwerkbau) und an der Südseite durch einen baumbestandenen Kirchhof umgeben. Die Friedhofsmauer umschloss bis zum Jahr 1840 das gesamte Areal, das sich südlich noch weiter erstreckte.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1938, S. 250. Die Kirche besteht aus vier Baukörpern, dem zweischiffigen Langhaus, dem eingezogenen Chor, dem Flankenturm und dem Sakristeianbau. Ein Nordfenster ist einteilig, ein Westfenster dreiteilig. Die ansonsten zweiteiligen Spitzbogenfenster mit Maßwerk sind unterschiedlich gestaltet.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 212.

Beim Bau der spätgotischen Hallenkirche wurde der romanische Turm vom Vorgängerbau übernommen oder umgebaut.Martini: Die ev. Kirche zu Kirchberg im Wandel der Zeiten. 2008, S. 5. Ursprünglich fand der Turm in nord-südliche Richtung seine Fortsetzung, worauf Mauerreste hinweisen. Das kleine Rundbogenfenster in der Ostseite und ein Profilkämpfer beim Choranbau stammen noch aus romanischer Zeit. Die zweischiffige Halle und der polygonale Chor wurden im spätgotischen Stil neu errichtet. Beide werden von einem Satteldach abgeschlossen. Entgegen dem damals üblichen Vorgehen baute man die neue Kirche von Westen nach Osten, wie die Jahreszahlen am Bau bekunden.Martini: Die ev. Kirche zu Kirchberg im Wandel der Zeiten. 2008, S. 10. Zunächst wurde das Schiff abgebrochen und das neue zweischiffige Langhaus errichtet. Während der Bauzeit wurde der alte Chor weiter für gottesdienstliche Zwecke genutzt.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1938, S. 251. In einem zweiten Bauabschnitt wurde der alte Chor abgetragen und der neue gotische Chor geschaffen. Eine Fachwerkwand am östlichen Ende des Langhausdaches diente dazu, den Dachraum während der Bauarbeiten am Chor zu verschließen.