mini|Wilhelm Viertmann als junger Pfarrer Karl Heinrich Wilhelm Viertmann (* 10. November 1909 in der ostwestfälischen Stadt Gütersloh; † 12. Dezember 1942 als Soldat bei Utta in der Kalmückensteppe) war ein lutherischer Theologe, der sich als Mitglied der Bekennenden Kirche (BK) vehement gegen die Deutschen Christen der NSDAP einsetzte. Im Studium wurde er u. a. geprägt von der Lehrmeinung des Theologie­professors Karl Barth, von den Barthfreunden Fritz Lieb und Ernst Wolf und von Wilhelm Stählin. Er predigte schon als Hilfsprediger in verschiedenen Gemeinden gegen das Regime von Adolf Hitler und dessen Partei als den „Wölfen im Schafspelz“. Im Kirchenkampf der evangelischen Kirche gegen die herrschenden Machthaber des Deutschen Reiches wurde er mehrmals in das Gefängnis eingewiesen, und es wurden entsprechende Strafverfahren eingeleitet. Er vertrat die theologische Meinung, dass nur das Wort Gottes, wie es in der Bibel verkündet wird, für die evangelischen Christen der Maßstab ist, mit dem sich das Christentum identifizieren kann. Seine bekannten Predigten künden immer wieder von diesem Engagement gegen die starke Einflussnahme der herrschenden Macht, von der er auch aus dem Krieg heraus immer von der „höheren Gewalt“ spricht. Seine Briefe an die Gemeinde, an seine Konfirmanden sowie an seine Familie von der Front vor Stalingrad zeugen von den schweren Zweifeln und Nöten, mit denen er als evangelischer Pfarrer zu kämpfen hatte.

Kindheit und Jugend (1909–1929) Wilhelm Viertmann, gerufen Willi, war der erste Sohn des Bäckermeisters Ernst Heinrich August Viertmann und seiner Ehefrau Anna Wilhelmine Viertmann, geb. Bennemann. Wilhelm bekam im Laufe der Jahre noch weitere 4 Geschwister. Am 5. Dezember 1909 empfing er die heilige Taufe. Seine Sensibilität, gepaart mit dem Hang zum Musischen, inspirierte die Mutter schon bald, ihrem Sohn Wilhelm eine andere Erziehung angedeihen zu lassen. Sie sorgte dafür, dass er das Evangelisch-Stiftische-Gymnasium in Gütersloh ab Ostern 1920 besuchen durfte. Viele Absolventen dieses Gymnasium verließen es, um Theologen zu werden. Auch Wilhelm wurde von diesem Wunsch ergriffen und von dem Anstaltsgeistlichen Pfarrer Johannes KühneZu Kühne (* 1885), der später Studiendirektor im Evangelischen Gymnasium Hermannswerder der Hoffbauer-Stiftung bei Potsdam war, vgl. Reiner Bookhagen: Die evangelische Kinderpflege und die Innere Mission in der Zeit des Nationalsozialismus. Band 2: Mobilmachung der Gemeinden. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, S. 1023. darin bestärkt. In der Aula dieses Gymnasiums wurde Wilhelm Viertmann von Pfarrer Kühne konfirmiert.Kai-Uwe Spanhofer: Wilhelm Viertmann – Bekenntnis und Widerstand im Leben eines westfälischen Pfarrers in der NS-Zeit. 1988, S. 82. Sein Konfirmationsspruch war der Psalm 23 , der ihn und auch seine spätere Ehefrau ihr Leben lang begleitete. Am 26. Februar 1929 bestand er sein Abitur.

Studium und Ausbildung (1929–1933) Schon als Sextaner hatte er sich vorgenommen, Pfarrer zu werden. Die letzten Jahre seiner Gymnasialzeit erhärteten diesen Entschluss, geprägt von dem Streben, den Menschen zu dienen. Er studierte ab März 1929 zwei Semester in Halle Theologie, wo er sich auch die Kenntnisse über die hebräische Sprache aneignete. Für das dritte Semester wechselte er nach Tübingen, besonders um die Professoren Karl Heim und Adolf Schlatter zu hören. Hier erfuhr er von den Lehrmeinungen Karl Barths, die ihn faszinierten. Dort wurden der Vortragsband von Karl Barth „Das Wort Gottes und die Theologie“, aber auch die Studien von Christoph Blumhardt und seinem Bruder sowie die Lektüre des „Tagebuchs eines Großstadtpfarrers“ von Gerhard Jacobi erarbeitet. Diese Ausführungen beeinflussten den angehenden Theologen für die nachfolgende Zeit maßgeblich. Von diesen Eindrücken geprägt veranlassten sie ihn auch, am 4. November 1930 zur Universität Bonn zu wechseln, wo Karl Barth, einer der Hauptvertreter der „Dialektischen Theologie“, sein erstes Semester lehrte.Kai-Uwe Spanhofer: Wilhelm Viertmann – Bekenntnis und Widerstand im Leben eines westfälischen Pfarrers in der NS-Zeit. 1988, S. 11. In seinem Lebenslauf schrieb er: „Im Wesentlichen verdanke ich die Grundlage meiner theologischen Ausbildung in allen Disziplinen den vier Semestern, die ich in Bonn im Hörsaal, Seminar und Hause Karl Barths verbracht habe“.Kai-Uwe Spanhofer: Wilhelm Viertmann – Bekenntnis und Widerstand im Leben eines westfälischen Pfarrers in der NS-Zeit. 1988, Dokument 1. u. 2: Lebenslauf, S. 84. Schon jetzt begab er sich auf eine Ebene, die zu Unverständnis in seiner Umgebung führte. Zur Prägung durch Barth gehörte auch die Warnung vor einer „politischen Theologie“, wie sie auch von den nationalsozialistischen Deutschen Christen vertreten wurde. Das achte Semester verbrachte er in Münster. Theologisch bedeutsam wurde für ihn dort vor allem die Auseinandersetzung mit Wilhelm Stählin und der liturgischen Bewegung (Berneuchener Bewegung). Am 28. Februar 1933 exmatrikulierte er und meldete sich am 16. Oktober 1933 zum Ersten Theologischen Staatsexamen an. Den Vorsitz des Examensausschusses hatte der letzte Generalsuperintendent Westfalens, Wilhelm Weirich.Kai-Uwe Spanhofer: Wilhelm Viertmann – Bekenntnis und Widerstand im Leben eines westfälischen Pfarrers in der NS-Zeit. 1988, S. 14. Zu dem Prüfungsausschuss gehörte auch der spätere Präses Pfarrer Karl Koch. Beide Theologen waren Kritiker des Nationalsozialismus. Seine Examenspredigt hielt Wilhelm Viertmann am 11. Juni 1933 in den Gemeinden zu Rietberg und Wiedenbrück. In ihr nahm er eine scharfe Abgrenzung zwischen göttlichem und weltlichem Handeln vor.

Aus dieser Predigt ein Auszug:

Am 20. November 1933 wurde er vom Konsistorium als Prädikant dem Superintendenten Adolf Clarenbach in Borgeln bei Soest überwiesen. Ab dem 1. Mai 1934 erhielt er die Aufgabe eines Lehrvikars. Am 15. September 1934 wurde Wilhelm Viertmann vom Bruderrat der westfälischen Bekenntnissynode beauftragt, das bekenntnistreue, reformierte Predigerseminar Wuppertal-Elberfeld zu besuchen. Der Leiter dieses Seminars war Pfarrer Hermann Albert Hesse.Kai-Uwe Spanhofer: Wilhelm Viertmann – Bekenntnis und Widerstand im Leben eines westfälischen Pfarrers in der NS-Zeit. 1988, S. 19. Hermann Albert Hesse wird bei den späteren Schwierigkeiten mit der NSDAP von Viertmann um Hilfe ersucht. Das Seminar beendete er am 31. März 1935 und erhielt am 16. April 1935 den Auftrag zur Betreuung einer Kirchengemeinde in Werth bei Bocholt.Kai-Uwe Spanhofer: Wilhelm Viertmann – Bekenntnis und Widerstand im Leben eines westfälischen Pfarrers in der NS-Zeit. 1988, S. 17–22.

Der Weg zum Pfarramt in Wattenscheid-Höntrop (1933–1942) In der Zeit als Synodal- und Lehrvikar bei dem Superintendenten Clarenbach in Borgeln wie auch später spielte das „Wort Gottes“ eine sehr dominante Rolle. Schon jetzt setzte er sich gegen die Deutschen Christen zur Wehr und vertrat vehement die Einstellungen der Bekennenden Kirche. Seine Aktivitäten im Kirchenkampf wurden durch die Barmer Theologische Erklärung maßgeblich bestimmt.

Seine Entscheidung zur Verkündigung des Wortes Gottes im Sinne der Barmer Theologischen Erklärung und damit die Ablehnung der Deutschen Christen als der Kirchenpartei der NSDAP begleitete ihn sein gesamtes kurzes Leben. Es gab keinen Anlass für ihn, sich anders festzulegen oder zu ändern. Er erhielt in Werth aufgrund seiner Akzeptanz durch die Gemeinde großes Selbstvertrauen und damit eine Grundvoraussetzung für eine Standfestigkeit für den Kirchenkampf. Am 30. September 1935 kehrte er in sein Elternhaus zurück und nahm sich dort die Zeit zur Vorbereitung auf seine 2. Examensprüfung. Zugleich bemühte er sich um eine möglichst schnelle Einweisung in eine Hilfspredigerstelle.

Schon im Herbst 1935 hatte er eine freigewordene geeignete Predigerstelle in Lage, die zur Lippischen Landeskirche gehörte, gefunden, auf die er sich bewarb, obwohl ihm dafür die notwendige Wahlfähigkeitsbestätigung fehlte und der westfälische Bruderrat keine Reaktion auf seine Bemühungen zeigte. Wilhelm Viertmann teilte dem Bruderrat schon am 18. Januar 1936 das Interesse an dieser Hilfspredigerstelle mit und bat darum, möglichst bald diesen Dienst antreten zu dürfen. Zugleich erging die Bitte um einen möglichst baldigen Termin für sein 2. Staatsexamen. Der Kirchenvorstand der für Lage zuständigen lutherischen Gemeinde Detmold befürwortete schon am 20. Januar 1936 seine Bewerbung. Viertmann trat dann auch drei Tage später diesen Dienst an. Mit Schreiben vom 25. Januar 1936 teilte der Bruderrat Wilhelm Viertmann mit, dass er zurzeit die Genehmigung zur Übernahme einer Hilfspredigerstelle in Lage wegen des empfindlichen Mangels an ordinierten und bald ordinationsfähigen Kräften in der westfälischen Provinzialkirche nicht erteilen könne. Trotz der ablehnenden Haltung des Bruderrates blieb Wilhelm Viertmann in der Kapellen-Gemeinde Lage, in der er am 1. November 1936 seine von den Nationalsozialisten angefeindete Predigt gegen die „Wölfe im Schafspelz“ hielt.

Sein 2. Staatsexamen fand in der Zeit vom 25. März bis 27. März 1936 vor dem theologischen Prüfungsausschuss der westfälischen Bekenntnissynode in Bielefeld-Bethel statt. Das Prüfungsergebnis hieß: „Im Ganzen gut bestanden“. Damit war die Wahlfähigkeit Wilhelm Viertmanns gegeben.

Während der Zeit in Lage konzentrierte er sich immer mehr auf den Kirchenkampf. Außerdem musste er sich auch noch mit den unterschiedlichsten Ansichten seiner vorgesetzten Kircheninstitutionen auseinandersetzen.

„Auf Anweisung des westfälischen Bruderrates vom 1. September 1936 wurde Wilhelm Viertmann am 6. September 1936 nach vorangegangener Besprechung des Ordinationsgelübdes in seiner Heimatgemeinde zu Gütersloh unter Mitwirkung der Pfarrer Schulde und Gronemeyer aus Gütersloh von dem Superintendenten Münter aus Bielefeld-Brackwede zum Pfarrer ordiniert.“Kai-Uwe Spanhofer: Wilhelm Viertmann – Bekenntnis und Widerstand im Leben eines westfälischen Pfarrers in der NS-Zeit. 1988, S. 27. Am 30. September 1936 heiratete er die Schwester seines Studienfreundes Fritz Gossing in Bad Driburg und wohnte fortan in Detmold. Die Auseinandersetzungen mit den diversen Kircheneinrichtungen und Personen nahmen ständig zu. „Trotz Mahnungen und Verboten tat Wilhelm Viertmann das, was er glaubte, tun zu müssen. Er verstand sich als ein gehorsames Mitglied der Bekennenden Kirche und handelte so im festen Glauben, das ‚eine Wort Christi‘ seiner Gemeinde sagen zu müssen.“Kai-Uwe Spanhofer: Wilhelm Viertmann – Bekenntnis und Widerstand im Leben eines westfälischen Pfarrers in der NS-Zeit. 1988, S. 28. Das Ende seines Hilfspredigerdienstes in der Kapellen-Gemeinde Lage bestimmte seine Reformationspredigt vom 1. November 1936 in Lage und Detmold über den vorgeschlagenen Bibeltext aus dem Evangelium des Matthäus, Kapitel mit dem Thema: „Seht Euch vor vor den falschen Propheten!“ Hier riskierte er ein starkes Wort gegen die politischen Bestrebungen der Zeit und prangerte die „Wölfe im Schafspelz“ an, die in ihren hohen Ämtern gegen die Kirchen und Gottes Wort Stellung bezogen. Aus dieser Predigt auszugsweise einige Passagen: