mini|hochkant|Abu Bakr al-Baghdadi, 2004

Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri (; Kunya Abu Bakr al-Baghdadi, ; * 1. Juli 1971Volkmar Kabisch, Amir Musawy, Georg Mascolo und Christian Baars: Auf der Spur des IS-Anführers. In: tagesschau.de, 18. Februar 2015. in Samarra, Irak; † 26. oder 27. Oktober 2019 in Barischa, Syrien) war ein irakischer Terrorist und von Mai 2010 bis zu seinem Tod Anführer der dschihadistisch-salafistischen Terrororganisation Islamischer Staat (IS).

Im Juni 2014 rief al-Baghdadi in der an-Nuri-Moschee in Mossul ein über weite Teile des Iraks und Syriens reichendes Kalifat aus und bezeichnete sich als „Kalif Ibrahim“ sowie „Befehlshaber der Gläubigen“ (Amīr al-Mu’minīn) und sah sich mit dieser Erklärung selbst in der Nachfolge des Propheten Mohammed.Godehard Uhlemann: IS-Führer Baghdadi sieht sich als Nachfolger des Propheten. In: Rheinische Post, 29. Juni 2015.Organigramm des Terrors. In: Spiegel Online, 24. September 2014.Niels Kruse: Schlächterchef mit Prädikats-Doktortitel. In: Stern, 19. Februar 2015.Kopf des Kalifats. In: Süddeutsche Zeitung, 18. Februar 2015.

Als Anführer des IS wurde al-Baghdadi für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ethnische Säuberungen sowie für Strafen wie Enthauptungen, Kreuzigungen, Ertränkungen und Verbrennungen bei lebendigem Leib verantwortlich gemacht.Amnesty: IS führt „systematische Säuberungen“ durch. In: Focus, 2. September 2014, abgerufen am 5. Dezember 2015.Verbrennung des jordanischen Piloten: Der IS in Erklärungsnot. In: Spiegel Online, 4. Februar 2015, abgerufen am 5. Dezember 2015. Für Hinweise zum Aufenthaltsort und damit zur Ergreifung al-Baghdadis war von der Regierung der Vereinigten Staaten eine Belohnung in Höhe von 25 Millionen US-Dollar ausgesetzt.rewardsforjustice.net Abu Du'a (abgerufen am 13. Dezember 2015).. In: Deutschlandfunk, 16. Dezember 2016. Abgerufen am 16. Dezember 2016.Abu Bakr al-Bagdadi: USA erhöhen Kopfgeld auf IS-Anführer. In: Spiegel Online, 16. Dezember 2016. Abgerufen am 16. Dezember 2016.

Baghdadi starb im Zuge der Operation Kayla Mueller in der Nacht vom 26. auf den 27. Oktober 2019. Am 31. Oktober bestätigte die Terrororganisation Islamischer Staat den Tod Baghdadis.

Leben Herkunft

Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri stammte aus einer Bauernfamilie und war der drittälteste von vier Söhnen. Für die vom IS behauptete Abstammung vom Stamm der Quraisch des Propheten Mohammed gibt es keine Belege. Einer seiner Brüder ist als Soldat in Saddam Husseins Armee gefallen. 1991 bestand al-Baghdadi das irakische Abitur mit 481 von 600 möglichen Punkten. Wegen seiner Kurzsichtigkeit wurde er nicht zum Wehrdienst eingezogen.

Ausbildung

Zum Studium ging al-Baghdadi in die Hauptstadt Bagdad. Ursprünglich hatte er sich für ein Jurastudium beworben, doch war sein Schulabschluss dafür nicht gut genug. Er studierte an der Universität für Islamisches Recht anfangs in der Abteilung für Islamische Rechtsprechung und wechselte später zur Koranwissenschaft. 1999 schloss er sein Magisterstudium ab, danach soll er als Moscheeverwalter gearbeitet haben.

Nach der US-Invasion im Irak gründete al-Baghdadi die militant-sunnitische Islamistengruppe Jamaat Jaysh Ahl al-Sunnah wa-l-Jamaah. Im Februar 2004 wurde er festgenommen und bis Dezember 2004 im Camp Bucca der US-Streitkräfte im Irak interniert, laut eines BBC-Berichts wird vermutet, dass er dort sexueller Gewalt ausgesetzt war und danach psychische Störungen hatte. Zuvor befand sich al-Baghdadi im Gefängnis in Abu Ghuraib mit der Gefangenennummer US9IZ-157911CI.

Im März 2007 legte er seine arabische Dissertation mit dem Titel Die einzigartigen Perlen bei der Erläuterung des Schatibi-Gedichts vor. Am 14. März 2007 verteidigte er seine Arbeit. Er erhielt bei 82 von 100 Punkten die Note sehr gut. Die Universität behauptete gegenüber Reportern der Süddeutschen Zeitung und der ARD, dass seine Doktorarbeit unauffindbar sei, alle drei Exemplare in der Bibliothek seien gestohlen worden.Der kurzsichtige Kalif. In: Spiegel Online, 19. Februar 2015. Der Universitätsdirektor beschrieb al-Baghdadi 2015 als ruhigen Studenten mit mäßigen Noten, der für seine damals beanspruchte Führungsposition nicht qualifiziert sei. Bei seinen Koranstudien sei es in erster Linie um Auswendiglernen, nicht um Analysen oder Interpretationen gegangen. Al-Baghdadi hingegen rechtfertigte den Terror seines „Islamischen Staates“ mit seiner theologischen Expertise – und erklärte seine Taten für gottgewollt.So tickt der Kopf des „Islamischen Staats“. In: Focus, 19. Februar 2015.

Aufstieg zum Führer des IS Camp Bucca wurde zum Wendepunkt in seinem Leben. In dem US-amerikanischen Gefangenenlager wurden alte Saddam-Gefährten, Generäle und Geheimdienstler gemeinsam mit Islamisten interniert. Zum Zeitpunkt seiner Entlassung wurde er von den US-Behörden als nicht gefährlich eingeschätzt.Martin Chulov: Isis: the inside story. In: The Guardian, 11. Dezember 2014 (englisch).

Im Mai 2010 wurde al-Baghdadi jedoch Nachfolger von ISI-Führer Abu Umar al-Baghdadi, nachdem dieser zusammen mit dem al-Qaida-Führer des Irak, Abu Ayyub al-Masri, bei Tikrit getötet worden war. Al-Baghdadi wurde Emir der Terrororganisation Islamischer Staat im Iraq und stand ab dem 4. Oktober 2011 auf der Liste der meistgesuchten Terroristen, die vom Außenministerium der Vereinigten Staaten als Specially Designated Global Terrorist bezeichnet werden. Für Informationen, die zu seiner Gefangennahme oder seiner Verurteilung führen, wurde vom Ministerium eine Belohnung von zunächst 10 Millionen US-Dollar ausgesetzt. In: rewardsforjustice.net (englisch). Damit stand er an zweiter Stelle nach Aiman az-Zawahiri, für dessen Ergreifung 25 Millionen US-Dollar ausgesetzt waren.Ken Dilanian: IRAQ: U.S. offers $10-million reward for Al Qaeda in Iraq leader. In: Los Angeles Times, 7. Oktober 2011 (englisch). Am 16. Dezember 2016 wurde die Belohnung auf 25 Millionen Dollar erhöht.

Am 9. April 2013 rief al-Baghdadi den „Islamischen Staat im Irak und der Levante“ (ISIL) aus und erklärte die Al-Nusra-Front zu einem Ableger des ISIL. Damit stand der ISIL in offener Konkurrenz zu al-Qaida und dessen Führer Aiman az-Zawahiri.Charles Lister: Profling the Islamic State. Brookings Doha Center, 2014, S. 13. Am 21. Juli 2013 erfolgte unter Planung und Vorbereitung von al-Baghdadi einer der größten Gefängnisausbrüche im Irak. Im Abu-Graib-Gefängnis wurden 500 Gefangene befreit, die zuvor für al-Qaida gekämpft hatten und nun den ISIL militärisch verstärkten.faz.net Ein Afghanistan am Mittelmeer (abgerufen am 14. Dezember 2015).

Laut Medienberichten und Aussagen mitgefangener Geiseln vergewaltigte al-Baghdadi in seiner Zeit als ISIL-Anführer Kayla Mueller, eine entführte Geisel, während ihrer Gefangenschaft mehrfach.Sie wurde mehrfach vergewaltigt: US-Geisel Kayla Mueller weigerte sich, aus der IS-Gefangenschaft zu fliehen. In: Website des Focus, 15. August 2015. Abgerufen am 20. März 2017.Kayla Muellers Martyrium: „Wir wussten alle, was das bedeutet“. In: Welt N24, 15. August 2015. Abgerufen am 20. März 2017.

Anführer des IS

Mit der Ausrufung seines selbst erklärten Kalifats am 29. Juni 2014 auf syrischem und irakischem Gebiet war er nach Ansicht seiner Anhänger als „Kalif Ibrahim“ fortan Befehlshaber der Muslime und oberster Führer des Islamischen Staates.ISIS-Extremisten rufen "Islamisches Kalifat" aus. In: Spiegel Online, 29. Juni 2014. Im Juli 2014 predigte er in der Großen Moschee des an-Nuri in Mossul, seinem ersten und einzigen öffentlichen Auftritt, danach meldete er sich nur per Audiobotschaft zu Wort. Der selbst gewählte Name „Abu Bakr“ kann als Bezugnahme auf den Kalifen Abu Bakr, den ersten der vier Rechtgeleiteten Kalifen in der Geschichte des Islams, gesehen werden.

Am 10. Oktober 2015 bombardierte die irakische Luftwaffe einen Konvoi von IS-Kommandanten. Die IS-Kommandanten, ohne al-Bagdadi, waren im irakischen Gouvernement al-Anbar nahe der syrischen Grenze unterwegs und hatten an einem Treffen von IS-Kommandeuren teilnehmen wollen. Der Angriff erfolgte in Absprache zwischen dem irakischen Geheimdienst und der gemeinsamen Einsatzzentrale von Syrien, Russland, Iran und Irak in Bagdad, zu der auch Mitarbeiter der US-geführten Anti-IS-Koalition gehörten.

Nach einem Bericht der Jerusalem Post soll al-Baghdadi im Oktober 2015 eine Deutsche in der irakischen Provinz Ninawa geheiratet haben; sie habe die Frauenabteilung des IS sowie ein Ausbildungscamp für Frauen in Kirkuk geleitet und sei Anfang 2016 aus dem vom IS kontrollierten Teil des Irak geflohen. Al-Baghdadi habe eine Eingreiftruppe entsandt, die seine vor ihm geflohene Frau und ihre beiden Fluchthelferinnen festnehmen und zurückbringen sollte.Maayan Groisman: ISIS leader’s German wife ecapes the organization’s territory in Iraq. In: The Jerusalem Post, 29. Februar 2016 (englisch).

Am 9. Dezember 2015 berichtete die iranische Nachrichtenagentur Fars, al-Baghdadi habe sich aus Syrien abgesetzt. Er sei über die Türkei, wo er sich wegen schwerer Verletzungen einer medizinischen Behandlung unterzogen habe, nach Libyen geflohen und habe sich in der Stadt Sirte aufgehalten.

Am 3. November 2016 wurde erstmals nach Dezember 2015 eine Audiobotschaft al-Baghdadis veröffentlicht. Obwohl der Name Mossul kein einziges Mal erwähnt wurde, stuften Medien die Botschaft als Reaktion auf die Schlacht um Mossul ein, bei der der IS immer mehr Geländeverlust hinnehmen musste. Al-Baghdadi sprach hingegen von göttlichen Vorboten des Endsieges und äußerte Durchhalteparolen wie „Wenn der Himmel auf die Erde stürzt, lässt Gott immer noch Raum für seine Soldaten“. Er forderte erbitterten Widerstand und warnte seine Männer davor, vom Schlachtfeld zu flüchten, sie sollten vielmehr den Befehlen ihrer Kommandeure unbedingt Folge leisten. Er erwähnte die Provinzen des IS in Libyen, auf dem Sinai, in Nigeria und dem Jemen. Er forderte Anhänger außerhalb des IS-Gebietes ausdrücklich auf, nach Libyen zu gehen und Terroranschläge in Saudi-Arabien und der Türkei durchzuführen.Rede von IS-Chef Baghdadi - Alles läuft nach Plan, und wir verlieren übrigens Spiegel Online vom 3. November 2016, abgerufen am 4. November 2016. Medien spekulierten, er sei erst zu Beginn des Angriffs auf die Stadt im Februar 2017 von einer Eingreiftruppe des IS befreit worden, der es gelungen war, mit 300 Terroristen und 17 Selbstmordattentätern mit Autobomben für kurze Zeit ein Loch in den Belagerungsring zu schlagen.Patrick Coburn: Isis used 17 suicide car bombs . In: The Independent, 3. April 2017, abgerufen am 18. Februar 2019 (englisch). Im Rahmen der Offensive auf Mossul durch die irakischen Streitkräfte flüchtete al-Baghdadi aus der Stadt.Sturm auf Mossul: Kampf um das Machtzentrum des IS beginnt. In: n-tv, 2. Juni 2017. Abgerufen am 4. Juni 2017. Der Nachrichtendienst der United States Army vermutete den Aufenthaltsort von al-Baghdadi damals im Tal des Euphrats, da die IS-Hochburg ar-Raqqa ab Juni 2017 selbst umkämpft war.US-Militär vermutet IS-Chef Baghdadi bei neuer Chemiewaffen-Zelle. In: Focus, 19. Mai 2017, abgerufen am 10. Juni 2017.

Als Verbände des SDF im Februar 2019 zum Angriff auf die letzte IS-Enklave al-Baghuz Fawqani in Syrien antraten, teilten deren Kommandeure vorher mit, dass sie nicht davon ausgingen, dass sich Abu Bakr al-Baghdadi noch in Syrien aufhalte.Maya Gebeily: as US-backed forces make final push against IS. timesofisrael.com, 10. Februar 2019.

Berichte über Verwundung und Tod Am 11. November 2014 wurde unter Berufung auf das irakische Innenministerium berichtet, al-Baghdadi sei während eines vier Tage zuvor erfolgten Luftangriffes möglicherweise verletzt oder sogar getötet worden.Paul-Anton Krüger: Zufallstreffer gegen den Terror. In: Süddeutsche Zeitung, 11. November 2014.