mini|hochkant=1.5|Theater in den Königskolonnaden am Alexanderplatz, Saalplan 1903 mini|hochkant=1.5|Neubau in der Kommandantenstraße, Blick zur Bühne, 1907 mini|Schallplatte von Anton Herrnfeld, Berlin 1926

Das Gebrüder-Herrnfeld-Theater war ein jiddisches Theater in Berlin. Gegründet und betrieben wurde es von den Brüdern Anton Herrnfeld (* 15. Januar 1866 in Raab [Ungarn]; † 21. September 1929 ebenda) und Donat (eigentlich: David) Herrnfeld (* 14. November 1867 in Raab [Ungarn]; † 8. Juni 1916 in Berlin). Die beiden Schauspieler und Theaterautoren gründeten 1896 ihr eigenes Privattheater, das ab 1899 ihren Namen trug. 1906 wurde ein neu errichteter Saalbau bezogen. Das Theater gehörte den Herrnfelds bis etwa 1918.

Geschichte und öffentliche Wahrnehmung

Vorgeschichte Die Gebrüder Herrnfeld wuchsen im zum Königreich Ungarn gehörenden Städtchen Raab auf, zusammen mit ihren beiden jüngeren Schwestern Käthe und Ella. Eigenen legendenhaften Angaben zufolge standen sie schon als Kinder mit ihren Eltern als Komiker auf der Bühne. Später bildeten die inzwischen mit der Familie nach Wien gezogenen vier Kinder zusammen mit dem Stimmungssänger Abramowicz das Quintett Geschwister Abramowicz, mit dem sie Tourneen durch Europa unternahmen. Die Geschwister trennten sich etwa Anfang der 1880er Jahre von Abramowicz und bildeten nach eigener Aussage die Gruppe Geschwister Vera, die von Anton und Donat geleitet wurde und mit der sie ebenfalls durch Europa zogen – ohne durchschlagenden Erfolg.Egon Jacobsohn: Die Herrnfelds. In: Der Querschnitt 11 (1931), Heft 3, S. 199–201. Als gesichert kann gelten, dass Donat Herrnfeld in Wien am Konservatorium ausgebildet wurde und die Brüder bereits in frühen Jahren in Kindervorstellungen und als Sänger auftraten.Stefan Hofmann: Bürgerlicher Habitus und jüdische Zugehörigkeit: Das Herrnfeld Theater um 1900. In: Simon-Dubnow-Institut Yearbook, 2013, 12, S. 445–480.

Im März 1884 gründeten die Brüder Herrnfeld die Erste Original-Budapester Orpheum-Gesellschaft,Angabe. In: Neuer Theater-Almanach, 1901, 12, S. 255; nicht zu verwechseln mit der 1889 gegründeten Wiener Budapester Orpheumgesellschaft. mit der sie ab 1886 auch in Deutschland und irgendwann zwischen 1890 und 1892 in Berlin auftraten, dort zuerst im Reichshallen-Theater. Nachgewiesen ist ferner eine Auftrittsserie der Geschwister 1893 im Parodie-Theater am Moritzplatz, als Budapester Possen- und Operetten-Theater im Berliner Vaudeville von Richard Quarg (1844–1906), das sich im Grand Hotel am Alexanderplatz befand, ab spätestens 1894 in Kaufmann’s Varieté und 1895 im Breslauer Viktoria-Theater.Neuer Theater-Almanach 7 (1896) – 11 (1900).Peter Sprengel: Zwischen den Sprachen und Kulturen. Populäres jüdisches Theater in Berlin um 1900. In: Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin, 1996, S. 103–136; Ders.: Populäres jüdisches Theater in Berlin von 1877 bis 1933. Berlin 1997, S. 50 ff.

Theatergründung in Berlin mini|Anton und Donat Herrnfeld, um 1897

Im 1896 übernahmen die Brüder gemeinsam als Direktoren Kaufmann’s Varieté in der Villa Colonna an den Königskolonnaden am Bahnhof Alexanderplatz und benannten es 1899 in Gebrüder Herrnfeld’s Budapester Theater um. 1906 zogen die Herrnfelds in den eigens errichteten Neubau Kommandantenstraße 57 in der Berliner Luisenstadt um und nannten das Theater nun offiziell Theater in der Kommandantenstraße 57 zu Berlin mit dem Zusatz früher Herrnfeld-Theater,Anzeige des Theaters im Jahr 1920 im Berliner Tageblatt, 27. November 1920. kurz Gebrüder-Herrnfeld-Theater. Das Theater wurde schnell populär und schuf sich einen festen Platz im Berliner Unterhaltungswesen.Jürgen Gottschalk: Eine doppelt versteckte „versteckte“ Bibliographie in Edmund Edels „Der Witz der Juden“. (o. J.) auf humoristica-judaica.pirckheimer.org (abgerufen am 29. Dezember 2013). Die Bühne bildete, so der Historiker Till van Rahden, „eine Schnittstelle zwischen bürgerlicher Theaterwelt und volkstümlichem Schaustellermilieu. In diesem Jargontheater vergnügten sich nicht etwa unterbürgerliche Juden aus dem Scheunenviertel, sondern Juden und Nichtjuden aus den gutbürgerlichen Stadtvierteln.“Till van Rahden: Von der Eintracht zur Vielfalt. Juden in der Geschichte des deutschen Bürgertums. In: Andreas Gotzmann et al. (Hrsg.): Juden, Bürger, Deutsche. Zur Geschichte von Vielfalt und Differenz 1800–1933. Tübingen 2001, S. 9–32, hierzu S. 28.

Die Brüder schrieben ihre mehr als 100 Stücke,Nachruf Donat Herrnfeld in: Deutsches Bühnen-Jahrbuch 28 (1917), S. 171. bei denen es sich um Burlesken handelte, selbst und spielten die männlichen Hauptrollen. Auch die Ehefrauen der beiden, Therese Herrnfeld-Horn und Klara Herrnfeld-Birkholz, standen in den ersten Jahren mit auf der Bühne. Die Stücke waren in einer Art jiddischem Jargon verfasst und hatten jüdische Lebensgewohnheiten zum Thema. Erfolgsrezept war ihre stereotype Figurencharakterisierung: Anton Herrnfeld spielte in der Regel eine Figur mit slawischem Namen, oft einen sturen Diener mit beschränktem Horizont, der aber bauernschlau war. Donat Herrnfeld spielte die meist deutlich als jüdisch erkennbare Hauptperson, cholerisch, aber weichherzig. Laut dem Forscher Peter Sprengel handelte es sich um „Ethno-Komik […] zwischen Karikatur und Realismus“.Peter Sprengel: Populäres jüdisches Theater in Berlin von 1877 bis 1933. Berlin 1997, S. 62–73, Zitat: S. 73.Peter W. Marx: Im Schatten der Theatergeschichte? Ein Überblick zur Forschung zum jüdischen Theater im deutschsprachigen Raum. In: IASLon-line, 27. März 2001; abgerufen am 19. Mai 2024.

Wirkung und Rezeption mini|hochkant|Anzeige 1912

Die Stücke und die schauspielerische Leistung der Herrnfelds machten sie schnell berühmt und populär. Die Bewertungen ihrer Arbeit waren aber extrem unterschiedlich. Ein Gutachten der preußischen Zensurstelle urteilt 1902: „Die hauptsächlichen Repertoirestücke, welche […] zutreffend als Burlesken charakterisiert werden, in denen jüdischer Jargon und jüdische Lebensgewohnheiten eine Hauptrolle spielen, stehen in keiner Weise auf einem höheren künstlerischen Niveau.“Zitiert in: Peter Sprengel: Zwischen den Sprachen und Kulturen. Populäres jüdisches Theater in Berlin um 1900. In: Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin, 1996, S. 103–136, hier: S. 130. Ganz anders sahen das kulturell und politisch engagierte Journalisten und Schriftsteller. Kurt Tucholsky war begeistert. Er habe sich „krank und wieder gesund gelacht“, erklärt er rückblickend 1930.Kurt Tucholsky: Fünfundzwanzig Jahre. In: Die Weltbühne Nr. 37 vom 9. September 1930, S. 373. Zur Qualität der Herrnfelds schrieb er 1913:Ignaz Wrobel [das ist Kurt Tucholsky]: Die Familie. In: Die Schaubühne, Nr. 41, 9. Oktober 1913, S. 978.

Alfred Döblin charakterisierte das Spiel der Herrnfelds im Rückblick als „glänzend“,Alfred Döblin: Ein Kerl muß eine Meinung haben. Berichte und Kritiken 1921–1924. München 1981, S. 36. verriss aber deren Sprachkomik als ein „sich selbst prostituierende(s) unwürdige(s) Gemauschel“. Das Bühnenrepertoire stelle keineswegs „echtes jüdisches Theater“ dar, sondern bestehe aus „burlesken Jargonstücken“ sowie „Budapester Zoten und französischen Anzüglichkeiten“.Alfred Döblin: Kleine Schriften I, hrsg. von Anthony W. Riley. Olten / Freiburg i.Br. 1990, S. 126Alfred Döblin: Kleine Schriften I, hrsg. von Anthony W. Riley. Olten / Freiburg i.Br. 1985, S. 365–267.

Für Franz Kafka war 1913 die Verfilmung des Herrnfeld-Stückes Endlich allein das Finale eines langen Kinoabends.Franz Kafka: Tagebücher 1910-1923. auf projekt-gutenberg.org (abgerufen am 15. Mai 2020). Und der Schriftsteller und Dramatiker Rudolf Kurtz (1884–1960) erklärte den schauspielerischen Erfolg der Herrnfelds 1911 in der Avantgarde-Wochenschrift Der Sturm so:Rudolf Kurtz: Apotheose der Gebrüder Herrnfeld. In: Der Sturm Nr. 82 vom 21. Oktober 1911, S. 656 (Digitalisat).

Es gab aber auch Stimmen, die auf die Gefahr hinwiesen, das von den Herrnfelds dargestellte Judenbild könne Antisemiten in die Hände spielen. Der Schriftsteller Edmund Edel, selbst jüdischer Herkunft, beschreibt die Erfolge der Stücke beim nichtjüdischen Publikum 1909 in seinem Buch Der Witz der Juden so: „Sie lachen unten im Parkett nur über die groben judenfeindlichen Effekte und verstehen das wirkliche jüdische Wesen, das in einzelnen Bewegungen furchtbar komisch wirkt, absolut nicht“.Edmund Edel: Der Witz der Juden. Berlin 1909, S. 55. Und die Jüdische Rundschau warf der von ihr als „judoliberal“ bezeichneten Presse vor, sie sei „die eifrigste Förderin dieser antisemitisch verschönten ›Schweinerei‹…“Jüdische Rundschau, 28. August 1908, 13, Nr. 35, S. 346 f.; dort auch zitiert der Artikel aus Die Standarte.

Tatsächlich machte die nationale, antisemitische Presse für einige der Herrnfeld-Stücke Reklame. Ausgerechnet die nationalkonservative Zeitschrift Die Standarte. Wochenschrift des neuen Nationalismus warf 1908 den angeblich zum evangelischen Glauben konvertierten Herrnfelds deshalb Antisemitismus vor:

Deshalb warnte auch der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mehrfach seine Glaubensgenossen davor, das Herrnfeld-Theater zu besuchen, das verbiete „schon die jüdische Selbstachtung“. Denn die Herrnfelds würden der jüdischen Sache nur schaden.Im deutschen Reich 14 (1908), Nr. 10 (Oktober), S. 579 f.

Von diesen Vorwürfen war 30 Jahre später – nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten – in der jüdischen Presse aber nicht mehr die Rede. Im Gegenteil. 1935 stellte die Jüdische Allgemeine Zeitung Donat Herrnfeld rückblickend als „leuchtendes Vorbild“ hin:Der Schöpfer der „Klabriaspartie“. Erinnerungen an Donat Herrnfeld. In: Jüdische Allgemeine Zeitung, Nr. 23, 5. Juni 1935, Beilage. „Niemals hat er sich über seine jüdischen Charaktertypen, die er erdacht und erlebte, lustig machen wollen. Er war Zeit seines Lebens nicht nur ein gläubiger, sondern auch guter Jude, der im Geheimen so manchem Wohltaten erwies.“

Verfilmungen Mehrere der Herrnfeld-Stücke wurden in der Stummfilmzeit verfilmt. In Endlich allein (auch: Isidors Hochzeitsreise) spielten die zwei Brüder 1913 an der Seite von Hanni Weisse die Hauptrollen. Das Drehbuch stammte von Max Mack, der auch Regie führte. Der Film basiert auf der gleichnamigen Bühnenposse von 1895, „jene Herrnfeld-Tragödie, mit dem blühend gelockten Bräutigam Isidor Blumentopf, der im Hotel stets durch Anklopfen, durch ein Telegramm unterbrochen wird, sobald er die Ehe konsumieren will.“ (Alfred Kerr).Alfred Kerr: Die Welt im Drama. Band IV: Eintagsfliegen oder Die Macht der Kritik. Berlin 1917, S. 284. 1916 verfilmte die Union Film die Herrnfeld-„Original“-Version der Posse Die Klabriaspartie. Regie führte Nunek Danuky, die Hauptrollen spielten unter anderem Erich Schönfelder sowie Leonhard Haskel. Der Film erhielt Jugendverbot.