mini|hochkant|Erstausgabe des vollständigen Romans aus dem S. Fischer Verlag, 1954

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil ist ein Fragment gebliebener Roman von Thomas Mann. Das Werk entstand in den Jahren 1910 bis 1913 und in der Zeit vom 26. Dezember 1950 bis zum 16. April 1954.«Es ist ein etwas leichtsinniges Buch, dessen Scherze man mir zugutehalten mag», meinte Thomas Mann am 10. September 1954 in einem Brief an Peter Baltzer.

Geplant war der Hochstapler-Roman als eine Parodie auf Goethes Autobiografie Dichtung und Wahrheit.Die Zusammenfassung der Kapitel in ‚Bücher‘ analog zu Goethes Werk trägt dieser Anspielung Rechnung. Thomas Mann strebte eine travestierende Übertragung des Künstlertums ins Betrügerisch-Kriminelle an und rückte den Künstler humoristisch in die Nähe des Hochstaplers. Das Werk parodiert den klassischen Bildungs- und Entwicklungsroman sowie die Memoirenliteratur und steht sowohl in der Tradition des Abenteuer- als auch des Schelmenromans.

Entstehungsgeschichte Thomas Mann plante den Roman seit 1905. Angeregt hatten ihn die Memoiren des Hochstaplers und Betrügers Georges Manolescu.Thomas Sprecher: Das grobe Muster. Georges Manolescu und Felix Krull. In: Thomas Mann Jahrbuch 19 (2006), S. 175–200. In die Jahre 1910 bis 1913 fiel die erste Arbeitsphase. Eine erste Fassung erschien in zwei unterschiedlich ausgestatteten Ausgaben 1922 und 1923, eine weitere Fassung 1937. Nach einer Pause wurde 1950 bis 1954 «Der Memoiren erster Teil» abgeschlossen. Es blieb beim ersten Teil. Zur Weiterführung von Felix Krulls Lebensweg äußerte sich der 79-jährige Thomas Mann:

Inhalt Die angegebenen Seitenzahlen in den Fußnoten beziehen sich auf die Taschenbuchausgabe des Fischer-Verlags.

Erstes Buch Der 40-jährige Felix Krull, müde von den Abenteuern einer bewegten Vergangenheit und nun zurückgezogen lebend, berichtet von den Umständen, unter denen er seine Erinnerungen niederschreibt. Er versichert, stets völlig bei der Wahrheit bleiben zu wollen.

Felix Krull wird Mitte der 1870er Jahre in einer Kleinstadt im Rheingau geboren. Der Vater, ein Lebemann, ist Fabrikant eines Schaumweins, dessen aufwändige Ausstattung über seine miserable Qualität hinwegtäuschen soll. Vergnügungssucht, Verschwendung und Oberflächlichkeit kennzeichnen den Lebensstil in der Villa Krull. Wegen ihrer moralischen und finanziellen Fragwürdigkeit wird die Familie im Städtchen gemieden, und Felix bleibt ohne Freunde. Er ist ohnehin überzeugt, aus feinerem Holz geschnitzt zu sein als andere und eines Tages den ihm gebührenden Platz in der Gesellschaft einnehmen zu können. Von besonderem Einfluss auf Felix’ Lebensweg ist sein Pate Schimmelpreester, ein Kunstmaler mit unklarer Vergangenheit, der sich (zu Unrecht) mit dem Titel „Professor“ anreden lässt.

Schon früh zeigt sich Felix’ besonderes Talent zum Rollenspiel. Als Achtjähriger beteiligt er sich an einem Kurkonzert – mit einer Geige, die keinen Ton hervorbringt. Das Publikum ist entzückt von dem vermeintlichen Wunderkind. Des Öfteren steht er seinem Paten in unterschiedlichen Kostümierungen Modell, wobei er in jeder Verkleidung vollkommen glaubhaft und natürlich wirkt. Um der verhassten Schule zu entgehen, lernt er, die Unterschrift seines Vaters perfekt zu fälschen. Zum gleichen Zweck übt er, Krankheiten zu simulieren, und bringt es mit Willensstärke so weit, dass selbst der Hausarzt, der ihn zunächst zu durchschauen glaubt, vor seiner Schauspielerei kapituliert.

Zum Schlüsselerlebnis für Felix wird eine Begegnung mit dem Schauspieler Müller-Rosé, der auf der Bühne das Publikum als strahlender Held begeistert, sich in der Garderobe aber als besonders hässlicher und vulgärer Mensch erweist. Felix erkennt, dass der Begabung Müller-Rosés, die Menge zu verzaubern, das Bedürfnis des Publikums nach Illusion und Verführung entspricht.

Eine Zeit lang entwendet Felix hin und wieder Süßigkeiten aus einem Delikatessengeschäft. Als Diebstahl möchte er das jedoch nicht bezeichnet wissen. Dies sei ein abgenutztes Wort, das nur für den Pöbel gelte, nicht aber für ihn, „einen vom Schicksal Begünstigten“.

Im Alter von 16 Jahren geht Felix eine mehrjährige sexuelle Beziehung mit seinem Zimmermädchen Genovefa ein und gelangt dabei zu der Überzeugung, dass er zwar nicht als Schüler (er muss die Oberrealschule ohne Abschluss verlassen), wohl aber als Liebhaber über eine ganz außerordentliche Begabung verfüge.

Noch bevor Felix volljährig ist, macht der Vater Bankrott und erschießt sich.

Zweites Buch Der Pate Schimmelpreester hat für jedes Mitglied der nun fast mittellosen Familie einen Lebensplan entwickelt, der den jeweiligen Fähigkeiten und Wünschen entspricht. Für Felix hat er eine Anstellung in einem Pariser Luxushotel erwirkt.

Vorerst jedoch begleitet dieser seine Mutter nach Frankfurt, wo sie dem Lebensplan gemäß eine Pension eröffnet. Felix nutzt den Aufenthalt in der mondänen Großstadt, um das Leben der oberen Gesellschaftsschicht zu studieren, zu dem ihm der Zugang zunächst jedoch noch verwehrt ist. Die eleganten Menschen, die er beim Betreten oder Verlassen der Theater und vornehmen Restaurants beobachtet, faszinieren ihn ebenso wie die Luxusgüter in den prächtigen Schaufenstern. Bei seinen Erkundungstouren durch die Stadt erregt Krull das erotische Interesse von Frauen und Männern, und so zieht auch die zwielichtige Halbwelt der Freudenmädchen und Zuhälter Felix an. Vorübergehend unterhält er eine Beziehung zu der Prostituierten Rosza, die ihn an ihren Einnahmen beteiligt, und unter deren Anleitung er seine Fähigkeiten als Liebhaber vervollkommnet.

mini|Pariser Straßenszene um 1890; rechts ein Grand Hotel In die Frankfurter Zeit fällt Felix’ Musterung, auf die er sich durch die Lektüre medizinischer Bücher sorgfältig vorbereitet hat. Während er seinen Willen zum Wehrdienst sehr betont, spielt er der Musterungskommission einen täuschend echten epileptischen Anfall vor und wird nach seiner überzeugenden Darbietung prompt vom Militärdienst befreit.

Schließlich ist es Zeit für die Reise nach Paris. Während der Zollkontrolle findet ein Schmuckkästchen, das einer neben ihm stehenden reichen Dame gehört, unbemerkt seinen Weg in Felix’ Koffer. Im Hotel wird Felix zunächst als Liftboy eingesetzt und erhält den Namen Armand. In der Zwischenzeit verkauft er den Schmuck an einen Hehler. Das erhaltene Geld nutzt er für das feine Pariser Leben, das er vor seinen Genossen jedoch verheimlicht. Im Aufzug trifft er die Eigentümerin des gestohlenen Kästchens wieder, Madame Houpflé, die ihn jedoch nicht erkennt und den „schönen Lifttreiber“ zu einem nächtlichen Rendezvous auf ihrem Zimmer einlädt. Sie ist Schriftstellerin, publiziert ihre Werke unter ihrem Geburtsnamen Diane Philibert, und ist mit einem Klosettschüssel-Fabrikanten verheiratet. Als ihr Felix gesteht, sie bestohlen zu haben, ist sie geradezu entzückt: Sie sieht in Felix einen zweiten Hermes, den jugendlichen Gott der Diebe, fordert ihn auf, ihr noch weitere Wertsachen zu stehlen, und genießt durch diese „Demütigung“ ihre Liebeswonnen mit ihm noch intensiver.

Drittes Buch Felix Krull steigt bald zum Kellner und Oberkellner auf. In seiner Freizeit kann er sich mit dem Erlös aus dem Diebesgut einen dandyhaften Lebensstil leisten. Während eines Zirkusbesuches wird er sich seiner künstlerischen Ambitionen bewusst. Gebannt verfolgt er die Darbietungen der Akrobaten, insbesondere der Trapezkünstlerin Andromache, und sieht in den Artisten seinesgleichen. Genau wie sie will auch er die Welt bezaubern, selbst wenn er weiß, dass er damit ein vergleichbares Risiko eingeht wie die Trapezkünstler unter der Zirkuskuppel.

Unter den Hotelgästen befindet sich auch Mr. Twentyman, ein neureicher Industrieller aus Birmingham, dessen blonde Tochter Eleanor sich heftig in Felix Krull verliebt. Dieser hat seine liebe Not, sich den „Wildfang“ vom Leibe zu halten und ihr ein gemeinsames Durchbrennen schonend auszureden.

Gleichzeitig wirbt der homosexuelle Lord Kilmarnock um ihn: „Eine Persönlichkeit ernsteren Gewichts“, von schottischem Hochadel, möchte er Krull mit auf sein Schloss nach Schottland nehmen, ihn als Kammerdiener fürstlich bezahlen, ja sogar adoptieren. Aber Krull widersteht ihm ebenso wie auch Eleanor Twentyman. Beide kann er, dank seiner empathischen Fähigkeiten, mit gut gewählten Worten vertrösten und sich so seine Freiheit weiterhin bewahren. Und schon bald soll sich seinen schauspielerischen Talenten eine Möglichkeit bieten, die sein Leben in ganz neue Bahnen lenken wird: Ein weiterer Stammgast des Hotels, der etwa gleichaltrige Marquis de Venosta, bittet Felix um einen Rollentausch. Felix soll die Identität Venostas übernehmen und an dessen Stelle eine Weltreise antreten, damit sich der wahre Marquis ungestört seiner leichtsinnigen Pariser Liebschaft, der Sängerin Zaza, widmen kann, ohne dabei weiter von seinen strengen Eltern behelligt zu werden. Als Felix zusagt, beginnt er, das Leben des Marquis und dessen Merkmale zu studieren, sodass der Rollentausch nicht auffällt.

Die Reise beginnt im Nachtzug nach Lissabon. Im Speisewagen sitzt Felix Krull dem mitteilungsbedürftigen Paläontologen Professor Kuckuck gegenüber, der ihm einen ausführlichen naturwissenschaftlichen und philosophischen Vortrag über die Entwicklung des Kosmos und der Lebewesen und über die Evolution des Menschen hält; dabei spricht er von drei Urzeugungen: des Seins aus dem Nichts, des Lebens aus dem Anorganischen und des Menschen aus dem Tierreich. Der Mensch sei ein „Spätkömmling“, und die Genesis habe „recht, in ihm die Schöpfung gipfeln zu lassen“; wenn sie den Vorgang auch „ein wenig drastisch“ abkürze, sei das „organische Leben auf Erden“ doch etwa 550 Millionen Jahre alt.Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil. Gesammelte Werke in dreizehn Bänden, Band VII, Fischer, Frankfurt 1974, S. 538 Zwar ist das Sein für Kuckuck lediglich ein Intermezzo „zwischen Nichts und Nichts“, doch der episodische Charakter des Lebens entwürdige es nicht, sondern mache es gerade wertvoll.

In Lissabon, der ersten Station seiner Weltreise, findet der Marquis de Venosta alias Krull schnell Anschluss an die Familie des Professors, dessen hübsche und schnippische Tochter Zouzou er für sich zu gewinnen hofft; dabei reizt ihn die Doppelfigur Mutter-Tochter, wie ihn auch sonst ambivalente Verhältnisse faszinieren. Professor Kuckuck führt ihn durch sein naturkundliches Museum, sein Assistent Dom Miguel Hurtado zeigt Felix den Botanischen Garten. In einem langen Brief berichtet er seinen „Eltern“ von seinen Erlebnissen, unter anderem von einem Besuch beim König Portugals, der ihm einen Orden verliehen hat. Im Gespräch mit Zouzou, der Tochter Kuckucks, verteidigt er die Liebe gegen deren Vorwurf, das sei nur eine schmutzige Angelegenheit der Männer, die eine Frau herumkriegen wollten. Im Verlauf nimmt Krull immer mehr die Persönlichkeit des Marquis an und wird fast eins mit der Figur. Gemeinsam mit Familie Kuckuck und dem Assistenten Hurtado besucht er einen Stierkampf, wobei sein Augenmerk sich ebenso auf den Kampf wie auf den erregt wogenden Busen der Frau Kuckuck richtet. Bei einem letzten Besuch trifft er Zouzou heimlich im Garten, wo sie ihn endlich leidenschaftlich küsst, als Kuckucks „rassige“ Gattin, Senhora Maria Pia, dazwischentritt und ihre Tochter auf ihr Zimmer schickt, um Felix nach Vorwürfen wegen seiner unschicklichen Annäherung an Zouzou, welche die Gattin Hurtados werden soll, kurzerhand selbst zu verführen. – Damit endet „Der Memoiren erster Teil“.

Geplante Fortsetzung des Romans