miniatur|Homburger Folioheft Seite 1, Heimkunft Vers 1–25. Oben rechts von der Hand Karl Goks: „Ist in der Flora 1802. IV. gedrukt“.Autenrieth und Kelletat 1961, S. 94. Das Homburger Folioheft ist ein Bündel von eigenhändigen Niederschriften von Gedichten, Gedichtentwürfen, -plänen und -bruchstücken Friedrich Hölderlins (1770–1843). Es gilt als das bedeutendste Autographkonvolut des Dichters. Die 23 Doppelblätter, also 92 Seiten, in Großfolioformat,George 2002, S. 379. etwa 24 × 39 cm, aus gelblichem Papier, sind von fremder Hand paginiert.

Entstehung Hölderlin beschrieb die Blätter, beginnend mit einer Reinschrift der Elegie Heimkunft, vermutlich vom Spätherbst 1802 bis 1807,Frankfurter Ausgabe Ergänzungsband 3. Jahre, in denen seine psychische Krankheit voll ausbrach. Man findet in den Blättern ihre Spuren.

Mitte Mai oder Anfang Juni 1802 war Hölderlin von seiner Tätigkeit als Hauslehrer in Bordeaux nach Stuttgart zurückgekehrt, „leichenblaß, abgemagert, von hohlem wildem Auge, langem Haar und Bart, und gekleidet wie ein Bettler“.Beck und Raabe 1970, S. 64. Er begab sich zur Mutter nach Nürtingen, war aber Anfang Juli schon wieder bei seinem Freund Christian Landauer (1769–1845) in Stuttgart. Dort erfuhr er vom Tod Susette Gontards († 22. Juni 1802), seiner Diotima. Die Nachricht trieb ihn wieder nach Nürtingen. Auf Drängen seines Freundes Isaac von Sinclair reiste er Ende September oder Anfang Oktober nach Regensburg, wo Sinclair im Auftrag des Landgrafen Friedrich V. von Hessen-Homburg bei der ab 24. August tagenden Reichsdeputation tätig war. Die Reise wirkte wohltätig auf ihn. Sinclair schrieb 1803, er habe „nie grösere Geistes u. Seelen Kraft als damahls bei ihm gesehen“.Stuttgarter Ausgabe Band 7, 2, S. 254. Der Dichter lebte einige Zeit in einer ruhigen Fassung.Beck und Raabe 1970, S. 66. Davon zeugen die ausgewogenen, sicheren Schriftzüge der ersten Eintragungen ins Homburger Folioheft. Im Juni 1804 holte Sinclair Hölderlin von Nürtingen nach Homburg vor der Höhe und verschaffte ihm eine Anstellung als landgräflicher Bibliothekar.Sinclair ließ eine Gehaltserhöhung um 200 Gulden, die ihm der Landgraf gewährt hatte, an Hölderlin auszahlen. Beck und Raabe 1970, S. 71.

Im Februar 1805 wurde Sinclair wegen Anzettelung einer revolutionären Verschwörung gegen den Kurfürsten Friedrich II. von Württemberg verhaftet. Hölderlin geriet in höchste Erregung. Auch er wurde hineingezogen, bis ihn im April ein ärztliches Gutachten für unzurechnungsfähig erklärte. Der Arzt schrieb: „Wie erschrake ich aber als ich den armen Menschen so sehr zerrüttet fande, kein vernünftiges Wort war mit ihm zu sprechen, und er ohnausgesetzt in der heftigsten Bewegung. <...> Und nun ist er, so weit daß sein Wahnsinn in Raserey übergegangen ist, und daß man sein Reden, das halb deutsch, halb griechisch und halb Lateinisch zu lauten scheinet, schlechterdings nicht mehr versteht.“Stuttgarter Ausgabe Band 7, 2, S. 337. Im Juni wurde Sinclair nach ergebnisloser Untersuchung aus der Haft entlassen und kehrte nach Homburg zurück.

Als im Juli die Landgrafschaft Hessen-Homburg in dem neuen Großherzogtum Hessen-Darmstadt aufging, verlor Sinclair seine Anstellung. Er schrieb an Hölderlins Mutter: „Hochzuverehrende Frau Kammer Räthinn! Die Veränderungen, die sich leider! mit den Verhältnissen des Herrn LandGrafen zugetragen haben, die Ihnen auch schon bekannt sein werden nöthigen den Herrn LandGrafen zu Einschränkungen, und werden auch meine hiesige Anwesenheit wenigstens zum Theil aufheben. Es ist daher nicht mehr möglich, daß mein unglücklicher Freund, dessen Wahnsinn eine sehr hohe Stufe erreicht hat, länger eine Besoldung beziehe und hier in Homburg bleibe, und ich bin beauftragt Sie zu ersuchen, ihn dahier abhohlen zu lassen.“Stuttgarter Ausgabe Band 7, 2, S. 352 Am 11. September wurde Hölderlin, der sich aufs äußerste sträubte, sich entführt glaubte und aus dem Wagen springen wollte, in das eben, 1805, fertiggestellte Tübinger Klinikum des Professors Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth gebracht.

Im Sommer 1807 wurde er, dem der Arzt höchstens noch drei Jahre gab, als unheilbar aus dem Klinikum entlassen und dem fünfunddreißigjährigen Schreinermeister Ernst Friedrich Zimmer (1772–1838) und dessen zwei Jahre jüngerer Frau anvertraut. Er wohnte bei ihnen im heutigen Tübinger Hölderlinturm. „Hölderlin war kein gefährlicher Irre; man hob daher die strenge Observanz, der er sich im Klinikum hatte unterwerfen müssen, bald auf <...>. Der Unglückliche fühlte die Erleichterung seiner Lage sehr deutlich und bewahrte eine unauslöschliche Dankbarkeit für seine treuen Pflegeältern.“Stuttgarter Ausgabe Band 7, 2, S. 377. miniatur|Homburger Folioheft Seite 63, Germanien Vers 98–112 und An die Madonna Vers 1–8, davon das „o“ und Vers 6–8 später eingefügt.

Überlieferung Zimmer übergab die Blätter des Homburger Foliohefts wohl 1807 an Hölderlins Mutter und seine Schwester Maria Eleonora Heinrike verh. Breunlin (1772–1850),Heinrike Breunlin in: Deutsche Nationalbibliothek. Abgerufen am 4. Januar 2014. die seit dem Tod ihres Mannes Theodor Breunlin (1752–1800) in Nürtingen mit der Mutter zusammenlebte. Von Mutter oder Schwester stammt vermutlich die frühere, jetzt aufgelöste Heftung der Blätter. Von Heinrike Breunlin kam das Bündel an ihren Sohn Fritz Breunlin (1797–1880),Friedrich Breunlin in: Deutsche Nationalbibliothek. Abgerufen am 4. Januar 2014. der es 1857 mit weiteren Manuskripten Hölderlins dem Bibliothekar, Archivar und Chronisten der Stadt Bad Homburg vor der Höhe Johann Georg Hamel (1811–1872)Johann Georg Hamel in: Deutsche Nationalbibliothek. Abgerufen am 4. Januar 2014. schenkte. Hamel ordnete es in die Homburger Stadtbibliothek ein. Seit 1975 befindet es sich als Depositum der Stadtbibliothek in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart. Über sie es digital verfügbar.

Als Produkt von Hölderlins „Wahnsinn“, jedenfalls gekennzeichnet durch seine beginnende Psychose, blieb das Homburger Folioheft lange unbeachtet. Weder die erste Sammelausgabe der „Gedichte“ Hölderlins, herausgegeben 1826 von Ludwig Uhland und Gustav Schwab, noch die „Sämmtlichen Werke“, herausgegeben 1846 von Gustav Schwabs Sohn Christoph Theodor Schwab (1821–1883), nehmen von ihm Notiz. Gedruckt wurden die Texte erst im 20. Jahrhundert, zuerst – in Auswahl – in den Bänden 4 (1916) und 6 (1923) der historisch-kritischen Ausgabe der Werke Hölderlins von Norbert von Hellingrath, Friedrich Seebaß (1887–1963) und Ludwig von Pigenot (1891–1976) sowie den Bänden 1 (1922) und 5 (1926) der unvollständig gebliebenen historisch-kritischen Ausgabe von Franz Zinkernagel (1878–1935),Franz Zinkernagel in: Deutsche Nationalbibliothek. Abgerufen am 6. Januar 2014.

Neuere, Vollständigkeit anstrebende Drucke der Texte des Foliohefts sind enthalten in: Band 2 „Gedichte nach 1800“ (1951; Band 2, 1 Textband; Band 2, 2 Kommentarband) der historisch-kritischen Stuttgarter Ausgabe von Friedrich Beissner, Adolf Beck und Ute Oelmann (* 1949); Ergänzungsband 3 (1986) und Band 7 und 8 „Gesänge“ (2000) der historisch-kritischen Frankfurter Ausgabe von Dietrich Sattler;Der Ergänzungsband besteht aus Faksimiles in Originalgröße und einer „typographischen Umschrift“, in der die Textstufen, so weit wie möglich unter Beibehaltung ihrer Verteilung auf der Blattfläche, durch unterschiedliche Schriftarten differenziert werden. In Band 7 und 8 hat Sattler seine Editionstechnik geändert und in ihnen, und nur in ihnen, Hauptwörter seiner Kommentare kleingeschrieben. „Das Ergebnis wirkt, vorwiegend in Band 8, wie ein unüberschaubares Labyrinth. Es ist alles andere als benutzerfreundlich.“ George 2002, S. 388.; der in der Auseinandersetzung mit der Stuttgarter und der Frankfurter Ausgabe entstandenen Ausgabe der späten Hymnen von Dietrich Uffhausen (1989); der mit ausführlichen Erläuterungen und Interpretationen versehenen Gedichtausgabe von Jochen Schmidt (1992); Band 1 (Texte) und Band 3 (Kommentare) der weitgehend auf Erläuterungen und Interpretationen verzichtenden Ausgabe von Michael Knaupp (1992–1993).

Inhalt Keineswegs hat Hölderlin die Seiten in der heutigen Reihenfolge 1 bis 92 fortlaufend beschrieben. Vielmehr hat er immer wieder in schon Geschriebenes hinein korrigiert und frei gebliebene Seitenränder für nicht Zugehöriges ausgenutzt – „wahrhaft sibyllinische Blätter“.Frankfurter Ausgabe Ergänzungsband 3. Außerdem hat er möglicherweise die Blätter zweimal umsortiert.Frankfurter Ausgabe Band 3. Die kardinale Schwierigkeit bestand für die Herausgeber darin, aus Reinschriften, darübergeschriebenen Änderungen, Entwürfen, Plänen und – oft winzigen – Fragmenten die Intention des Dichters herauszufinden und wo möglich zu einem geschlossenen Lesetext zu kommen. Dabei ging es nicht ohne Interpretation ab, so dass Friedrich Beissner von „einfühlendem Mitdichten“ sprach.Stefan Metzger: Editionen. In: Johann Kreuzer (Hrsg.): Hölderlin-Jahrbuch, Leben – Werk – Wirkung, S. 1–12, hier S. 5. J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 2002. ISBN 3-476-01704-4. Die Ergebnisse unterscheiden sich, und vor allem nach Erscheinen der ersten Bände der Frankfurter Ausgabe kam es zu vehementen Kontroversen. In deren Einleitungsband hatte Sattler das Bestreben der Stuttgarter Ausgabe, Hölderlins Texte von Verderbnissen und Entstellungen zu reinigen, polemisch attackiert:D. E. Sattler: Frankfurter Ausgabe – Einleitung. Verlag Roter Stern, Frankfurt am Main 1975. „Bestritten wird nämlich, daß es bei Hölderlin andere Verderbnisse und Entstellungen gäbe als die reinigenden Eingriffe seiner Herausgeber.“ Mit seinem neuen Editionsmodell wolle er den „Weg vom ersten Konzept bis zum letztintendierten Text nachvollziehbar“ machen. Doch sind auch seine Ergebnisse in Frage gestellt, ist ihnen „Erweiterung und Kumulation“, eine „gleichsam methodische Neigung zu willkürlicher Zusammenstellung“ vorgeworfen worden.George 2002, S. 390.

In der heutigen Reihenfolge des Foliohefts sind die Texte gedruckt im Ergänzungsband 3 der Frankfurter Ausgabe, allerdings nur in der „typographischen Umschrift“, sowie in Band 1 (mit Kommentaren in Band 3) der Ausgabe von Michael Knaupp. In allen anderen oben genannten Ausgaben sind die Texte umgeordnet.

Die Stuttgarter Ausgabe Band 2 druckt zum Beispiel die nach Beissners Einschätzung vollendeten oder in der intendierten Form rekonstruierbaren Gedichte des Homburger Foliohefts in den Abteilungen „Elegien“ und „Die vaterländischen Gesänge“; solche „Entwürfe, die sich durch größern Umfang oder bedeutenderen Inhalt von den übrigen Plänen und Bruchstücken abheben“,Stuttgarter Ausgabe Band 2, 2, S. 831. in einer Abteilung „Hymnische Entwürfe“; kleinere Texte schließlich in einer Abteilung „Pläne und Bruchstücke“. Gibt es mehrere rekonstruierbare Fassungen, so werden sie separat gedruckt – bei Mnemosyne in der Abteilung „Die vaterländischen Gesänge“ beispielsweise drei, ebenso bei Das Nächste Beste in der Abteilung „Hymnische Entwürfe“. Beissner hat sich bemüht, in jeder Abteilung chronologisch zu reihen. Wo ein Gedichttitel Hölderlins fehlt, hat er einen eigenen gewählt, meist die ersten Wörter des Entwurfs, im Kommentarband (2, 2) in Spitzklammern; die „Pläne und Bruchstücke“ bleiben unbetitelt.

Die folgende Übersicht zeigt die „vollendeten“ oder „wie intendiert rekonstruierbaren“ Gedichte fett hervorgehoben, die Spitzklammern des Kommentarbandes der Stuttgarter Ausgabe und die Seitenzahlen von Band 2 Textband/Kommentarband der Stuttgarter Ausgabe. miniatur|Homburger Folioheft Seite 91, Mnemosyne, ältere Überschrift Die Nymphe. „Ein Zeichen sind wir, deutungslos“ bis „Es seie bedeutend, glänzet auf der grünen Wiese“. Mehrere Entwürfe schieben sich übereinander. Seite 1–4 Heimkunft Stuttgarter Ausgabe 96/621 Seite 5–10 Brod und Wein Stuttgarter Ausgabe 90/591 Seite 11–15 Stutgard Stuttgarter Ausgabe 86/584 Seite 15–19 Der Einzige Stuttgarter Ausgabe 153/743 Seite 19–28 Patmos Stuttgarter Ausgabe 165/764