Ohr ist ein Ortsteil von Emmerthal, einer Gemeinde im Landkreis Hameln-Pyrmont in Niedersachsen.

Geografische Lage Der Ort Ohr liegt im Naturpark Weserbergland Schaumburg-Hameln, in der Talaue der Weser, auf 87 Meter ü. NHN. Er bildet den Nordwestteil der Gemeinde Emmerthal und grenzt im Westen an den Aerzener Ortsteil Groß Berkel und am Ohrberg im Norden an den Hamelner Stadtteil Klein Berkel. Am Ostrand von Ohr fließt die Weser entlang. An deren Ostufer, gegenüber von Ohr, liegt der Hamelner Stadtteil Tündern. Die Bundesstraße 83 führt durch Ohr. In Ohr zweigt davon die Landesstraße 432 in westliche Richtung nach Groß Berkel ab.

Geschichte

Mittelalter Die älteste Erwähnung des Ortes Ohr erfolgte in einer (im 12. Jahrhundert gefälschten) Schutz- und Immunitätsurkunde vom 20. Juli 1004 des ostfränkischen Königs und späteren römisch-deutschen Kaisers Heinrich II. († 1024) erwähnt, die an die Äbtissin Alfheid des Damenstifts Fischbeck gerichtet war („actum in villa osen“: „geschehen im Dorf Osen“).Die Originalurkunde befindet sich im nordrhein-westfälischen Staatsarchiv in Münster.Die Königsurkunde König Heinrichs II. von 1004 wird in der Universitätsbibliothek Marburg in digitalisierter Form aufbewahrt: https://urkundenrepositorium.uni-marburg.de/entities/urkunde/8bd824f6-4a20-4f75-a33a-9c8601804662, abgerufen am 21. August 2026. Der Ort OtheronVgl. zur Ortsnamenforschung das Niedersächsische Ortsnamenbuch (NOB). Es ist ein langfristig angelegtes Projekt des Instituts für Historische Landesforschung an der Universität Göttingen. wird darin als Besitzung des Klosters Kemnade erwähnt. Der altsächsisch-engernsche Tilithigau an der Oberweser, in dem Otheron lag, gehörte zu den Kernbesitztümern der Billunger, die altsächsische Herzöge waren. Im Hochmittelalter ca. ab 1116 herrschten die Grafen von Everstein, anfangs noch als Lehngrafen der Billunger und des Reichsklosters Fulda und Vasallen von Lothar von Supplinburg und zuletzt bis zum Jahr 1408 als Lehngrafen des Erzbischofs von Köln in diesem Raum.

Ohr gehörte zum Archiadiakonat Ohsen der Diözese Minden, das faktisch bis 1647/1648 bestand und infolge des Westfälischen Friedens offiziell aufgelöst wurde.

Die Grafen von Everstein waren die Oberlehnsherren der in Ohr begüterten freiherrlichen Familie von Hake. Nach dem Aussterben der Grafen von Everstein in der männlichen Linie wurden die welfischen Herzöge von Braunschweig-Hannover die Oberlehnsherren derer von Hake.

Nach 1190 war Ohr ein Eversteinisch-Homburgisches Lehen. Um das Jahr 1317 wird das Dorf Odere mit Holzlieferungen zum Bau der Hamelner Weserbrücke erwähnt. Der Ort und der nahegelegene Berg sind nach dem Rittergut Ohr benannt, dessen Gründungsdatum und erste Besitzer nicht bekannt sind.

Auf dem Rittergut Ohr soll bereits im Jahr 1113 eine Mönchsklause errichtet worden sein, in der Gottesdienste gehalten wurden. Ein Edelherr von Stuve verkaufte das Rittergut Ohr Anfang des 14. Jahrhunderts an den Grafen Otto von Everstein, der es 1307 an die Uradelsfamilie von Hake verlehnte.Uwe Ohainski, 2008.Gesine Schwarz, 2009. Die Dynastie der Freiherren von Hake, niederer altsächsischer Landadel, war an der Oberweser, besonders im Raum rund um Ohr, u. a. in Bodenwerder (1278), Dassel (1301), Börry (1301), Buchhagen (1304/24), Holzminden (1306), Emmern (1307) und später in Hämelschenburg (1339), Grohnde (1358), Hagenohsen (1358), Nordohsen (1359), Diedersen (1558) und Hasperde (1775), sowie an der Mittelweser ansässig und in noch weiteren Orten im Tilithigau begütert und ist es noch heute in Diedersen und Ohr.Jürgen Schlieckau, 2025, S. 69. Die Freiherren von Hake waren ursprünglich Mindener und Corveyische Lehnsleute und gehören zur Calenberg-Göttingen-Grubenhagenschen Ritterschaft. Ihr Freiherrenstand wurde im Königreich Hannover gewohnheitsrechtlich geführt und 1891 vom Fürstentum Waldeck anerkannt.Marcelli Janecki: Handbuch des Preußischen Adels, 2 Bände, Berlin, 1893, S. 310–314. Das Rittergut Ohr befindet sich seit 1307 durchgängig im Besitz der Familie von Hake.Otto von Brauchitsch, 1957.Hans Maresch & Doris Maresch, 2012. Die Edelherren von Hake waren bis 1833 mit der Patrimonialgerichtsbarkeit (der unabhängigen gutsherrlichen Grundgerichtsbarkeit) in Ohr belehnt.

Das Dorf Ohr gehörte vom Spätmittelalter (um 1300) bis in die Neuzeit um 1675 zur Goe auf der Hamel,Siehe Goe auf der Hamel. einem Untergau und Gerichtsbezirk im altsächsisch-engernschen Tilithigau.Siehe Tilithigau. Ein Platz auf dem Eichberg bei Hilligsfeld war bis 1500 der Ort (auch Malstätte oder Mahlstätte genannt) des GogerichtsSiehe Gogericht. und des Holzgerichts (Holting) der Goe auf der Hamel. Anschließend wurde es in den Wiesblock, ein Waldgebiet zwischen Flegessen, Hasperde und Hachmühlen verlegt. Dort wurden Versammlungen aller Eingesessenen („Erven“) der Goe abgehalten, die einen eigenen „Rauch“ hatten und ihr Vieh auf die gemeine Weide (Allmende) trieben.Siehe Gogericht.

Kirchlich gehörte Ohr zum historischen, um 800 vom römisch-deutschen Kaiser Karl der Große gegründeten und 1821 endgültig aufgehobenen Bistum Minden und zum Archidiakonat Ohsen (heutiges Kirchohsen) des Bistums Minden. Die Einwohner gehörten in neuerer Zeit zur Kirchengemeinde im Nachbarort Klein Berkel.

In der Eversteinischen Fehde (Eversteinischer Erbfolgekrieg, 1404–1409) zwischen den Häusern Lippe und Braunschweig-Lüneburg ereignete sich am 19. November 1404 die blutige Schlacht am Ohrberg.Georg Lange: Der Ohrberg und seine Geschichte, Hameln, 1967, S. 3.Werner Müller & Günther G. H. Baumann: Kreuzsteine und Steinkreuze in Niedersachsen, Bremen und Hamburg, 1988, S. 171 f. Vier Jahre später gehörte Ohr zum Herrschaftsbereich der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, nachdem Graf Hermann von Everstein seine Grafschaft am 20. Januar 1408 an die Braunschweiger Herzöge übergeben hatte. Eine alte Kapelle wird 1413 in Ohr erwähnt. Der Ort und die Kapelle wurden wohl in der Soester Fehde 1447 zerstört. 1588 hatte Ohr keine eigene Kapelle mehr, und die Einwohner von Ohr besuchten bis 1610 die Kirche in Groß Berkel. 1495 gehörte Ohr zum Fürstentum Calenberg-Göttingen.

Neuere Geschichte Die heutige Kapelle auf dem Rittergut Ohr wurde in den Jahren 1595 bis 1610 erbaut und 1834 restauriert. Wilken von Hake löste 1668 die Verpflichtungen gegenüber dem Kirchspiel Groß Berkel durch Zahlung von 60 Reichstalern ab. Ohr hatte nun eine eigene Schule und einen Lehrer.

Um 1675 gehörte Ohr zusammen mit den Dörfern Hastenbeck, Groß Hilligsfeld, Klein Hilligsfeld und Wehrbergen zum Amt Hastenbeck. 1692 gehörte das Dorf zum Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg bzw. Kurhannover. Von 1810 bis 1813 gehörte Ohr zum Kanton Aerzen im Distrikt Rinteln des Departements der Leine im Königreich Westphalen des Bruders von Napoleon Bonaparte, Jerome Bonaparte Danach gehörte es zum Königreich Hannover. Der 45 ha große Ohrbergpark wurde zwischen 1818 und 1840 durch Johann Christoph Georg Adolf von Hake in Form eines ca. 45 ha großen englischen Landschaftsparks angelegt. Nach Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit der Familie von Hake im Jahr 1833 gehörte das Dorf Ohr zum Amt Hameln, unterbrochen nur im Zeitraum von 1854 bis 1859, als Ohr vorübergehend zum Amt Aerzen gehörte. Nach der Annexion des Königreichs Hannover durch Preußen 1866 kam die Gemeinde 1885 zum Landkreis Hameln und schließlich 1922 zum Landkreis Hameln-Pyrmont.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, am 4. und 5. April 1945, überquerten US-amerikanische Truppen bei Ohr die Weser, um Hameln einzunehmen. Und am 7. April 1945 stieß auch das 117. Britische Regiment bei Ohr über die Weser nach Hameln vor.

Neueste Geschichte Ohr war bis 1972 eine von 17 selbständigen Ortschaften, die im Zuge der niedersächsischen Gebietsreform auf der Grundlage des „Gesetzes zur Neugliederung der Gemeinden im Raum Hameln“ zum 1. Januar 1973 in die Gemeinde Emmerthal eingemeindet wurden.

Einwohnerentwicklung +Entwicklung der EinwohnerzahlJahr18121930er1950198320112022Einwohnerzahl232300625540580530Quelle

Kirchenbücher Einträge ehemaliger Bewohner von Ohr sind wie folgt in den Kirchenbüchern und mittlerweile auch in digitalisierter Form in www.archion.de vorhanden:

Einträge von 1703 bis 1800 siehe Oesdorf; Kirchenbuch von 1800 bis 1852; Taufen, Trauungen und Begräbnisse von 1853 bis 1907; Namensregister von 1704 bis 1900.

Politik Nach der Kommunalwahl vom 13. September 2026 ist der hauptamtliche Bürgermeister der Gemeinde Emmerthal bisher noch nicht gewählt. Wer das Amt des hauptamtlichen Bürgermeisters (Gemeindebürgermeisters) der Gemeinde Emmerthal übernimmt, entscheidet sich aktuell in einer Stichwahl am 27. September 2026 zwischen Henry von Klencke (CDU) und Daniel Meier (SPD).

Der bisherige Bürgermeister, Dominik Petters (SPD), trat nicht erneut an, sondern kandidiert stattdessen für das Amt des Landrats. +Ergebnisse der Ortsratswahlen 2021 und 2026 für OhrErgebnisse der Ortsratswahlen 2016, 2021 und 2026 für Ohr nach dem Votemanager, abgerufen am 23. September 2026.ParteiWahl 2021Wahl 2026SPD55,17 %45,25 %CDU23,43 %29,22 %AfD10,52 %25,53 %FWE7,75 % -Die Linke3,14 % -

Weserfähre bei Ohr 1480 wird erstmals eine Weserfähre bei Ohr erwähnt. Sie war ein Lehen der Herren von Hake an einen Fährmann, der an den Gutsherrn und an das Amt Ohsen Benutzungszoll zu entrichten hatte. Die Gemeinde Tündern musste die Zuwegung zur Fähre instandhalten. Im 19. Jahrhundert gab es wiederholt Streit über von Militär und Post beanspruchte Freifahrten. Die Post zahlte schließlich eine Pauschale für die Fährnutzung. Im August 1914 wurde die Beförderung von Fuhrwerken eingestellt. 1926 wurde die nur noch der Personenbeförderung dienende Gierseilfähre zu einer Hochseilfähre umgerüstet. Der Fährbetrieb wurde 1956 eingestellt; das leerstehende Fährhaus wurde 1973 abgerissen.

Solarsiedlung Ohr Als registriertes Regionalprojekt der Expo 2000 wurde am Südrand des Ohrbergparks auf 60.000 m² die „Solarsiedlung Ohr“ aus 82 Einfamilienhäusern nach Niedrigenergie-Wärmedämmstandards errichtet. Das namensgebende Konzept dezentraler solarer Warmwasseranlagen und eines zusätzlichen Nahwärmenetzes erwies sich später als problematisch.

Sehenswürdigkeiten mini|Herrenhaus des Rittergutes Ohr (2016) Rittergut Ohr Ohrbergpark, auf dem Ohrberg an der Grenze zu Klein Berkel

Vereine Mitsorg-Theater Ohr Schützenverein Ohr von 1904 e. V. Mitglieder des Vereins gewannen 2022 vier Landesmeistertitel.

Persönlichkeiten Levin Adolph von Hake (*31.12.1708, †25.04.1771), Erbherr auf den Familiengütern Ohr, Diedersen, Buchhagen, Bodenwerder und Dassel, war Königlicher Premier-Minister, Geheimer Rat, Hofrichter, Grossvogt und Consistorial-Präsident in Kurhannover. Christian Ludwig von Hake (*05.12.1745, †18.10.1818), der älteste Sohn von Levin Adolph von Hake, war deutscher Verwaltungsjurist und hannoverscher Staatsminister. Er war u. a. für den Erhalt der Herrenhäuser Gärten in Hannover verantwortlich.Jürgen Schlieckau, 2025, S. 45. Johann Christoph Georg Adolf von Hake (*19.12.1779, †25.01.1840), Sohn des Christian Ludwig von Hake, erschuf den Ohrbergpark im Stil eines englischen Landschaftsgartens.Jürgen Schlieckau, 2025, S. 45.

Literatur Wilfried Voss: 1000 Jahre Ohr. Eine Dorfchronik, Hameln, 2004. Otto von Brauchitsch: Rittergut Ohr - 650 Jahre im Besitz der Familie von Hake, hrsg. von der Genealogischen Gesellschaft, Hameln, 1957. Hans Maresch & Doris Maresch: Herrenhaus Ohr, in: Niedersachsens Schlösser, Burgen & Herrensitze, Husum Verlag, Husum, 2012, ISBN 978-3-89876-604-3. Annemarie Rein-Piepho: Der Gartenpavillon am Gutshaus von Ohr, in: Heimatland 3, 1994, S. 73. Johann Christoph Georg Adolf von Hake: Über höhere Gartenkunst. Fragmente aus dem Tagebuche eines alten Gärtners, 2. Ausgabe, A. Pockwitz, Stade, 1863. Hans Posen: Gotteshäuser und Kapellen im Kirchenkreis - Die Kirche zu Ohr, Beiblatt zur Botschaft Nr. 14/15 vom 2. April 1961.