mini|hochkant|Paul Richard Thomann
Paul Richard Thomann (* 31. Januar 1827 bei Sprottau, Kreis Sprottau, Provinz Schlesien; † 1873 in Bonn) war ein deutscher Architekt und Baubeamter. Er war der erste fest angestellte kommunale Beamte der Stadt Bonn im 19. Jahrhundert. Seine Planungen zur südlichen Stadterweiterung Bonns beeinflussten anfänglich die Entwicklung des heute größten zusammenhängenden Gründerzeit-Stadtviertels in Deutschland.Deutsche Bauzeitung, 123. Jahrgang 1989, S. 44.
Leben Thomann besuchte ein Gymnasium in Görlitz und die Berliner Gewerbeschule und absolvierte anschließend eine Ausbildung als Feldmesser bei der Berlin-Hamburger-Eisenbahn-Gesellschaft. 1846 wurde er vor der königlichen Ministerial-Bau-Kommission in Berlin vereidigt und arbeitete dann kurzzeitig als Vermesser in SchlesienAmtsblatt der Königlichen Regierung in Potsdam und der Stadt Berlin, Jahrgang 1847, S. 42. (eingeschränkte Vorschau bei Google Bücher), bevor er drei Jahre lang an der Berliner Bauakademie studierte und sie – nach einem Praktikum an der Dresdener KunstakademieOlga Sonntag: Villen am Bonner Rheinufer 1819–1914. Bouvier Verlag, Bonn 1998, ISBN 3-416-02618-7, Band 1, S. 202. (zugleich Dissertation Universität Bonn, 1994). – 1854 mit der Baumeisterprüfung mit dem Staatsexamen im Baufach abschloss. Im gleichen Jahr bewarb er sich in Bonn um die erstmals zu vergebene Stelle eines hauptamtlichen Stadtbaumeisters und wurde im April 1854 auf Anregung von Bürgermeister Leopold KaufmannDietrich Höroldt: Die baugeschichtliche Entwicklung der Stadt Bonn 1815–1945. In: Bauen im Bonner Raum 49–69. Versuch einer Bestandsaufnahme (= Landschaftsverband Rheinland (Hrsg.): Kunst und Altertum am Rhein. Führer des Rheinischen Landesmuseums Bonn, Nr. 21). Rheinland-Verlag, Düsseldorf 1969, S. 17. bzw. auf Druck des Kölner RegierungspräsidentenClaus-Peter Echter: Das Geschichtliche Bild der Städte. Großstadt und Denkmalpflege. Deutsches Institut für Urbanistik, 1991, S. 59. vom Magistrat der Stadt ab Frühjahr 1855 als Kommunal- und Stadtbaumeister, zunächst auf sechs Jahre befristet,Karl Gutzmer, Max Braubach: Chronik der Stadt Bonn. Chronik Verlag, 1988, S. 130.Edith Ennen, Dietrich Höroldt (Hrsg.): Aus Geschichte und Volkskunde von Stadt und Raum Bonn. Festschrift Josef Dietz zum 80. Geburtstag am 8. April 1973. (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn, Band 10.) Bonn 1973, S. 399. eingestellt. Von 1856 bis 1863 wohnte Thomann in der Villa Poppelsdorfer Allee 31.Wiltrud Petsch, Joachim Petsch: Bundesrepublik, eine neue Heimat? Städtebau und Architektur nach ’45. Verlag für Ausbildung und Studium in der Elefanten Press, 1983, S. 145.
mini|„Thomann-Plan“ von 1856 Zur bedeutendsten Aufgabe im neuen Amt wurde für Thomann die Erstellung des Bebauungsplans für eine südliche Stadterweiterung. Zwar hatte die Stadt Bonn auch innerhalb der Stadtmauern genügend Bebauungsraum, doch die landschaftlich reizvollen Grundstücke entlang des Rheinufers und vor den südlichen Toren der Stadt wurden für das wohlhabende Bürgertum Bonns zunehmend interessanter. Daher sah sich die Stadt Mitte des 19. Jahrhunderts gezwungen, einen Bebauungsplan aufzustellen, um die ausufernde Siedlungstätigkeit zu ordnen. 1856 stellte Thomann die erste Fassung eines „Entwurfs zu einem südlich von Bonn neu anzulegenden Stadttheile“ vor, der als „Thomann-Plan“ bekannt wurde.Franz-Werner Kersting: Stadt und Militär 1815–1914. Wirtschaftliche Impulse, infrastrukturelle Beziehungen, sicherheitspolitische Aspekte. (= Forschungen zur Regionalgeschichte, Band 25.) Verlag F. Schöningh, Paderborn 1998, S. 190. Thomann ließ sich dabei von städtebaulichen Leitbildern der Zeit um 1840 leiten: „Ziel der Planung war ein weitgehend orthogonales Straßenraster unter Einbeziehung der vorhandenen Hauptwegeverbindungen.“Franz Josef Talbot: Paul Richard Thomann (1827–1873), Stadtbaumeister. Der Plan wurde nach einer Überarbeitung am 5. Mai 1859 von der königlichen Regierung in Berlin genehmigt. Da er von der Stadt nie ausgelegt wurde, erlangte der Plan zwar keine offizielle Gültigkeit, galt jedoch bis in die 1860er Jahre hinein als städtebauliche Leitlinie. Erst 1873 – wenige Monate nach dem Ausscheiden Thomanns im November 1872 – wurden die Planungsziele offiziell aufgegeben, da juristische und finanzielle Schwierigkeiten eine vollständige Umsetzung verhinderten, sich aber auch die städtebaulichen Vorstellungen verändert hatten.
In seiner Tätigkeit als Stadtbaumeister fertigte Thomann zahlreiche Entwürfe für kleinere Baumaßnahmen. So war er 1860 mit dem Bau eines Leichenhauses und eines kleineren Anbaus an das Ägidiushospital am Münsterplatz betraut und ab 1867 für die Umbaumaßnahmen am Jakobushospital verantwortlich. Außerdem war er an der Vorbereitung der Münsterrestaurierung und an dem Bau des Landgerichts beteiligt. Auch seine Planung für ein neues Pfarrhaus der Stiftskirche an der Kasernenstraße, das mit seiner detailreichen neogotischen Architektur noch heute den Kreuzungsbereich von Stiftsgasse und Kasernenstraße prägt, wurde ausgeführt.
In seiner Tätigkeit als Kommunalbaumeister der Gemeinden des Kreises Bonn entwarf Thomann zwischen 1856 und 1872 18 Schulgebäude, die vor allem kleine Dorfschulen waren. Dabei orientierte sich der Architekt vor allem an den „Bauausführungen für niedere Bauaufgaben“ genannten Mustervorlagen der Berliner Bauakademie. Weitgehend übernommen wurden von ihm auch die dort veröffentlichten Entwürfe für Pfarrhäuser der evangelischen Gemeinden Bonn und Godesberg. Eigenständige Entwürfe konzipierte er für die katholischen Pfarrkirchen in den Gemeinden Plittersdorf (1871), Mehlem (1861–1862) und Duisdorf (1860–1862). Zu den weiteren Bauprojekten Thomanns in den Landgemeinden des Kreises Bonn zählen ein Gefängnis in Bad Godesberg und ein Lehrerinnenheim in Vilich.
Thomann war auch für private Auftraggeber als Architekt tätig: So begann er Anfang der 1860er Jahre mit der Planung und Ausführung von Wohnhäusern an der heutigen Ecke Thomas-Mann-Straße / Noeggerathstraße, an der Meckenheimer Allee und an der Poppelsdorfer Allee, wo er das Doppelwohnhaus Nr. 26/28 für sich und den damaligen Bonner Bürgermeister Leopold Kaufmann errichtete. Mitte der 1860er Jahre folgten Villenbauten an der Weberstraße und am Rheinufer, darunter die Villa Prieger. Die innerstädtischen Wohnhäuser mit oftmals blockhaftem Baukörper sind geprägt von klassizistischer Ausführung und Verwendung von gotischen Bauformen zur Auflockerung.
Am 14. November 1872 schied Thomann aus gesundheitlichen Gründen aus dem Amt aus. Er starb nur wenige Monate später 1873 und wurde auf dem Alten Friedhof Bonn beigesetzt. Die Grabstätte besitzt eine Holz-Pergola und wurde 2011 restauriert.Arbeitsgemeinschaft der Bonner Geschichtsvereine, Denkmalbehörde der Stadt Bonn, Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek, Werkstatt Baukultur Bonn (Hrsg.): . S. 8. Aus Thomanns Nachlass sind 170 Bauzeichnungen enthalten, die lange Zeit unentdeckt blieben und sich seit 2004 im Bestand des Bonner Stadtarchivs befinden.
Bekannte Schüler Zu Thomanns Schülern in Bonn gehörte 1859 der später selbstständige Architekt und Architekturhistoriker Paul Laspeyres.
Werke
Bauten in Bonn Bauzeit Ortsteil AdresseBei nicht mehr bestehenden Bauten jeweils die zuletzt bekannte Adresse. Bild Objekt Maßnahme Anmerkungen1850er-Jahre Südstadt Weberstraße 57 100px Villa Neubau (Bauherr: Wilhelm Ludwig KrafftGerhard Kirchlinne: Die Bonner Südstadt: Eines der prächtigsten Gründerzeitviertel Deutschlands. Bonn 2015, ISBN 978-3-00-050248-4, S. 32.) Denkmalschutz 1855 Bonn-Zentrum Katholisches Gesellenhospiz Neubau 1856 Südstadt Coblenzerstraße 1heute Adenauerallee. 100px Hotel Kley Erweiterung eines Hof-/SeitengebäudesOlga Sonntag: Villen am Bonner Rheinufer: 1819–1914. Bouvier Verlag, Bonn 1998, ISBN 3-416-02618-7, Band 2, Katalog (1), S. 31. (zugleich Dissertation Universität Bonn, 1994). 1906 abgebrochen 1856–1857 Bonn-Zentrum Windeckstraße Pfarrschule von St. Martin („Knaben-Münsterschule“) Neubau 1944 kriegszerstörtKriegsschicksale Deutscher Architektur. Verluste – Schäden – Wiederaufbau. Eine Dokumentation für das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. Band 1: Nord. Karl Wachholtz Verlag, Neumünster 1988, ISBN 3-529-02685-9, S. 387 f. 1856–1859 Südstadt südliche Stadterweiterung (heute: Südstadt) Bebauungsplan teilweise umgesetzt 1857–1859 Bonn-Zentrum Wilhelmstraße 21 100pxweitere Bilder Landgericht Bonn Neubau Bauausführung nach einem Entwurf von Carl Ferdinand Busseum 1858 Bonn-Zentrum Kasernenstraße 52/52a/52b 100pxweitere Bilder Pfarrhaus der Stiftskirche Neubau Denkmalschutz 1860 Leichenhäuser Neubau 1860 Bonn-Zentrum Ecke Remigiusstraße/Münsterplatz… In der Nähe des Münsters - heute Ecke Remigiusstraße/Münsterplatz - befand sich das St. Aegidius-Hospital… 100px St.-Aegidius-Hospital Erweiterung durch einen Anbau 1898 abgerissen 1860/1861 Bonn-Zentrum Noeggerathstraße 1 / Thomas-Mann-Straße Wohnhaus NeubauFranz Josef Talbot (mit Fotografien von Achim Bednorz): Bonner Südstadt. Emons Verlag, Köln 2018, ISBN 978-3-7408-0468-8, S. 75, 99. 1860/1861 Bonn-Zentrum Thomas-Mann-Straße 44a / Noeggerathstraße 100pxweitere Bilder Wohnhaus Neubau Denkmalschutz 1860–1862 Duisdorf Kirchplatz 100pxweitere Bilder Katholische Pfarrkirche St. Rochus Neubau 1956 durch Johannes Baptist Kleefisch erweitert,Robert Haas: Zur Geschichte und Kunst im Erzbistum Köln. Festschrift für Wilhelm Neuss. Band 5 der Studien Kölner Kirchengeschichte, Verlag L. Schwann, 1960, S. 413. Denkmalschutz 1861–1863 Mehlem Mainzer Straße 178 100pxweitere Bilder Katholische Pfarrkirche St. Severin Neu-/Umbau Denkmalschutz 1862 Bonn-Zentrum Vogtsgasse Torwärterhäuschen Entwurf nicht ausgeführt 1862 Bonn-Zentrum nördliches Ende der Rheinwerft Torwärterhäuschen Entwurf nicht ausgeführt 1864–1866 Gronau Raiffeisenstraße 2–4 100pxweitere Bilder Villa Prieger Neubau kriegszerstört, Wiederaufbau 1996–1999 mit moderner Fassade; Denkmalschutzum 1865 Weststadt Poppelsdorfer Allee 26/28 Doppelwohnhaus (Bauherren: P. R. Thomann und Leopold Kaufmann) NeubauFranz Josef Talbot (mit Fotografien von Achim Bednorz): Bonner Südstadt. Emons Verlag, Köln 2018, ISBN 978-3-7408-0468-8, S. 63. Nr. 28: Denkmalschutz 1867 Bonn-Zentrum Ecke Friedrichstraße/Kesselgasse 100px Jakobushospital Umbau Fassade in Teilen an der Breiten Straße erhalten 1867 Bonn-Zentrum Neutor Wohnhaus mit Torwärterhäuschen NeubauZeichnungen zu verschiedenen Projekten Thomanns Planungen, nicht ausgeführtum 1868 Weststadt Meckenheimer Allee 164 Wohnhaus NeubauFranz Josef Talbot (mit Fotografien von Achim Bednorz): Bonner Südstadt. Emons Verlag, Köln 2018, ISBN 978-3-7408-0468-8, S. 64. Denkmalschutz 1870 Südstadt Coblenzerstraße 17heute Adenauerallee Villa Schaaffhausen Umbau und ErweiterungOlga Sonntag: Villen am Bonner Rheinufer: 1819–1914. Bouvier Verlag, Bonn 1998, ISBN 3-416-02618-7, Band 2, Katalog (1), S. 18. (zugleich Dissertation Universität Bonn, 1994). kriegszerstört 1870 Lannesdorf Deutschherrenstraße 206siehe „Geschichte der Lyngsbergschule“ Schule Lannesdorf (s. u.) NeubauVerkaufskatalog mit 18 Originalskizzen und Zeichnungen von Thomann, Buchhandlung Cambron Schulbetrieb bis August 1969, danach Abbruch, Neubau der Feuerwehr 1871 Plittersdorf Von-Sandt-Ufer 100px Katholische Pfarrkirche St. Evergislus Neubau Denkmalschutz
Bauten außerhalb von Bonn