Der Mexikanische Unabhängigkeitskrieg war der von 1810 bis 1821 dauernde bewaffnete Kampf der Mexikaner gegen das Vizekönigreich Neuspanien. Er endete mit der Unabhängigkeit Mexikos.

Ausgangslage Vizekönigreich Neuspanien Seit der Eroberung Mexikos durch die Spanier stand das heutige Mexiko unter spanischer Herrschaft; ab 1530 war es (zusammen mit Teilen Mittelamerikas und der Karibik) Teil des Vizekönigreiches Neuspanien. Regiert wurde es durch einen Vizekönig, der vom spanischen König ernannt wurde und in der Regel aus einer hochrangigen spanischen Adelsfamilie stammte. Die obersten Verwaltungsposten wurden mit Männern besetzt, die dafür aus Spanien entsandt waren und gebürtige Spanier waren (peninsulares); von Anfang an kehrten nicht alle von ihnen nach Ende ihrer Amtszeit nach Europa zurück. Diese gründeten Familien und bildeten mit den Jahren eine Oberschicht einheimischer Landbesitzer, Kaufleute und Handwerker, die man Criollos (deutsch: Kreolen) nannte. Die indigene Bevölkerung spielte im politischen Leben keine Rolle.

Erste Unabhängigkeitskriege in Amerika Die europäische Kolonialherrschaft über Amerika wurde mit dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg erstmals schwer erschüttert. 1776 erklärten die 13 britischen Kolonien an der Ostküste Nordamerikas ihre Unabhängigkeit von England und bildeten die Vereinigten Staaten von Amerika. Spanien hatte die Amerikaner mit Waffen und Logistik unterstützt, um den Erzrivalen England zu schwächen. Dabei warnten auch in Spanien Stimmen davor, dass die Unabhängigkeitsbewegung auf andere Teile Amerikas überschwappen könnte und das spanische Kolonialreich gefährden würde. Der Ministerpräsident Jerónimo Grimaldi trat zurück, nachdem seine Warnungen ungehört blieben.

Die zweite Gründung eines unabhängigen Staates hatte weniger Einfluss auf die Ereignisse in Mexiko: Ab 1791 erkämpften sich aufständische Sklaven im französischen Teil der Insel Hispaniola die Freiheit und gründeten die Republik Haiti.

Erste Anzeichen einer mexikanischen Unabhängigkeitsbestrebung zeigten sich im Oktober 1799, als eine Gruppe unzufriedener Criollos unter Führung von Pedro de la Portilla einen Putsch gegen Vizekönig Miguel José de Azanza versuchte und die Unabhängigkeit Mexikos ausrief. Die Aufständischen waren allerdings ein kleiner isolierter Haufen, der militärisch schnell besiegt war. Das Ereignis blieb als Machetenverschwörung (spanisch: Conspiración de los Machetes) eine Fußnote der spanischen Kolonialgeschichte.

Krise der Kolonie durch den Napoleonischen Krieg Napoleonische Besetzung Spaniens mini|Ferdinand VII., König von Spanien Die Rechtmäßigkeit der spanischen Kolonialverwaltung wurde in Frage gestellt, als in Europa Napoleon Bonaparte 1808 Spanien besetzte. König Karl IV. hatte zugunsten seines Sohnes Ferdinand VII. abgedankt. Napoleon hielt ihn im französischen Exil gefangen und ließ Joseph Bonaparte als neuen spanischen König ausrufen. Spanien wurde von französischen Truppen besetzt.

Bei der spanischen Bevölkerung stieß das auf Widerstand. Überall in Spanien formten sich örtliche Kriegs- und Regierungsräte (Juntas), die weiterhin König Ferdinand die Treue hielten und den Guerilla-Kampf gegen die französischen Besatzer aufnahmen, der mit britischer und portugiesischer Unterstützung zum Befreiungskrieg wurde. Oberstes Organ der spanischen Widerstandsbewegung war die Junta Suprema Central, die sich vor den vorrückenden Franzosen nach Sevilla und später nach Cádiz zurückzog. Hier traten die Cortes von Cádiz zusammen, um in Abwesenheit des Königs eine Verfassung für Spanien zu entwerfen und eine königstreue Übergangsregierung (die Regencia) zu bilden.

Auswirkungen auf Neuspanien Die Nachrichten aus Spanien von der Absetzung und Gefangennahme von König Ferdinand erreichten Mexiko Mitte Mai 1808. Sie führten zu einem tiefen Riss durch die Kolonie, der sich an der Frage festmachte, mit welcher Legitimation und in welcher Form Mexiko regiert werden sollte, wenn das Mutterland Spanien nicht in der Lage war, seine Kolonien wie gewohnt zu steuern.

Auf der einen Seite standen die Peninsulares, die im Mutterland geborenen Spanier, vertreten durch die Juristen der Real Audiencia von Mexico; sie beharrten auf der Fortführung der bisherigen Ordnung und zählten auf eine baldige Rückkehr Ferdinands auf den Thron. In der Zwischenzeit hatten nach ihrer Vorstellung die Kolonien abzuwarten.

Auf der anderen Seite fanden sich die Criollos (Kreolen), die in Amerika zur Welt gekommene Oberschicht, im Vizekönigreich prominent vertreten durch den Magistrat (Ayuntamiento) von Mexiko-Stadt. Sie sahen im Aufstand, der sich im Mutterland bildete, ein Vorbild dafür, auch in Mexiko mehr lokale Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zu erreichen.

Die Bandbreite der Meinungen war groß: Sie reichte von Pragmatikern, die nur eine kurzzeitige Übergangslösung anstrebten, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, bis zu entschiedenen Vertretern von Volkssouveränität und Unabhängigkeit nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten.

mini|Vizekönig José de Iturrigaray Für den 9. August 1808 rief Vizekönig José de Iturrigaray alle Honoratioren der Hauptstadt zu einer beratenden Versammlung. Die Kreolen vertraten die Auffassung, dass die königlich spanische Herrschaft nicht handlungsfähig sei und daher das Volk in Neuspanien sich selbst organisieren müsse und eine eigene Gesetzgebung anzustoßen sei. Diese Position wurde von den Vertretern der Audiencia zurückgewiesen, Neuspanien sei eine Kolonie und ohne Mutterland nicht handlungsberechtigt, sondern unterliege unverändert den Entscheidungen von König Ferdinand. Eine politisch tragfähige Einigung konnte nicht erzielt werden.

Die Lage wurde komplizierter, als Mitte August zwei Vertreter der Junta von Sevilla nach Neuspanien kamen: Manuel Francisco Jáuregui und Juan Jabat verlangten, Neuspanien habe der Junta als legitimer Vertretung des legitimen Königs zu folgen. Wenig später traf ein Brief mit gleichlautender Forderung von der Junta von Asturien aus London ein, wo der einstige Ministerpräsident Pedro Ceballos Guerra eine Art Exilregierung aufbaute und publizistisch die Sache Ferdinands gegen Bonaparte vertrat.

Für die Audiencia waren die widersprüchlichen Vorgaben der Juntas ein klares Zeichen dafür, keiner von beiden nachzugeben, sondern auf direkte Order des Königs zu warten. Die radikaleren Kreolen hingegen sahen das Signal, keinen Befehlen aus Europa mehr zu folgen, sondern die Regierung Mexikos selbst in die Hand zu nehmen.

Vizekönig Iturrigaray neigte der kreolischen Seite zu und befürwortete die Bildung einer Junta vor Ort, die unter seiner Oberherrschaft die Regierung führen sollte.

Staatsstreich und Absetzung des Vizekönigs Die Peninsulares reagierten am 15. September 1808 mit einem Staatsstreich. Unter Führung des Kaufmanns Gabriel de Yermo drangen mehrere hundert Bewaffnete in den Palast des Vizekönigs ein und nahmen ihn und seine Familie gefangen. Auch die Wortführer der Kreolen, Primo Verdad, Juan Francisco Azcárate, Melchor de Talamantes und José María Beristáin wurden festgesetzt und eingesperrt. Die Verschwörer erklärten den Vizekönig für abgesetzt und benannten an seiner statt den Feldmarschall Pedro de Garibay als Nachfolger.

Die Audiencia erhob Klage gegen Iturrigaray; der Prozess sollte in Spanien in Cádiz stattfinden. Der abgesetzte Vizekönig wurde nach Europa gebracht.

Zunehmende Konflikte und erste Unruhen Pedro de Garibay versuchte, die Kolonie wieder zu befrieden. Er ging mit großer Härte gegen vermeintliche Vertreter einer Unabhängigkeitsbewegung vor, ließ aber auch die Übergriffe der siegreichen Verschwörer begrenzen, die eine Freiwilligenmiliz gebildet hatten. Politisch war er freilich unerfahren und wurde im Juli 1809 durch Erzbischof Francisco Javier de Lizana y Beaumont ersetzt.

Ab 1809 verschärfte sich der Konflikt zwischen Kreolen und Peninsulares zunehmend. Lizana fürchtete eine offene Rebellion der Einheimischen und Unabhängigkeitsbefürworter und bemühte sich um eine Politik behutsamer Zugeständnisse und des Ausgleichs. Aus diesem Grund geriet er mehrfach in Konflikt mit den Oidores der Audiencia und mit Juan López Cancelada, dem Herausgeber der Gazeta de México. Zugleich suchte er militärische Sicherheit, indem er die konzentrierte Militärpräsenz auf mehrere Orte verteilte.

Im Dezember 1809 kam es zu ersten Ausschreitungen in Morelia (das damals noch Valladolid hieß).

Die Politik der Verständigung, die Lizana verfolgte, stieß bei den Peninsulares auf vehemente Ablehnung. Sie betrieben seine Absetzung, und wie im Jahr zuvor schrieb der Bischof von Michoacán, Manuel Abad y Queipo, einen Brandbrief nach Spanien, in dem er die Politik des Vizekönigs scharf verurteilte und die Entsendung eines neuen Mannes forderte.

Verschobene Deputiertenwahl und Ernennung von Vizekönig Venegas Die zentrale Junta in Spanien hatte im Januar 1810 die Exekutivaufgaben an die Regencia in Cádiz übertragen. Dieses Gremium bereitete die Einberufung der verfassungsgebenden Cortes von Cádiz vor und organisierte die Wahlen der Vertreter. Am 7. Mai 1810 erreichte ein Schreiben mit den Wahlunterlagen der Regierung Mexiko-Stadt. Mit gleicher Post kam ein Schreiben, in dem der Vizekönig aufgrund seines Alters und seiner angeschlagenen Gesundheit entlassen wurde. Vorerst solle die Audiencia die Regierungsgeschäfte fortsetzen.

Die Audiencia, welche die verfassungsgebende Versammlung mit Misstrauen sah, verschob die Deputiertenwahlen noch bis in den Juni und Juli. Ende August traf dann der neue Vizekönig Francisco Javier Venegas in Mexiko ein. Er übernahm am 14. September 1810 das Amt.

Aufstand der Insurgentes unter Miguel Hidalgo (1810–1811) Der Schrei von Dolores mini|Feldzug von Miguel Hidalgo 1810–1811

Der bewaffnete Kampf gegen die spanischen Kolonialherren begann mit dem Aufstand einer Gruppe von Einheimischen, die von Miguel Hidalgo, einem Priester aus Dolores, und Juan Aldama geführt wurde. Hidalgo, ein republikanisch gesinnter, sozial engagierter Gemeindepfarrer, gehörte einem Geheimbund (Guadalupanos) an, der am 1. Oktober 1810 den bewaffneten Kampf für die Unabhängigkeit Mexikos beginnen wollte. Als das Vorhaben der Gruppe rund um Hidalgo, Ignacio Allende, Juan Aldama und Mariano Abasolo entdeckt und an die spanische Garnison von Querétaro verraten wurde, entschieden sich die Aufständischen, den Spaniern zuvorzukommen und den Zeitpunkt der Revolte vorzuziehen. Am 16. September 1810 sammelten Hidalgo und Allende von Dolores aus mit dem Ruf „Viva México!“ und „Independencia!“ etwa 600 Mitstreiter, die dem Schrei von Dolores (spanisch: Grito de Dolores) folgten.

Hidalgos Offensive Die Menge der Aufständischen wuchs schnell auf mehrere Zehntausend an, die meisten von ihnen waren aber nicht militärisch ausgebildet und schlecht bewaffnet. Am 21. September nahmen die Aufständischen Celaya gewaltlos ein und rückten auf Guanajuato, die Hauptstadt der Provinzverwaltung (Intendencia), vor. Dort verschanzte sich der Intendente Juan Antonio de Riaño y Barcena im städtischen Kornspeicher, welcher aber von Hidalgos Leuten beim Sturm auf die Alhóndiga de Granaditas am 28. September eingenommen werden konnte. Die Stadt wurde daraufhin zwei Tage lang geplündert.

mini|Eine Statue von Miguel Hidalgo

Hidalgo nahm am 17. Oktober 1810 ohne größere Gegenwehr Valladolid (heute Morelia) ein. Am 30. Oktober 1810 schlugen die Aufständischen die Regierungstruppen in der Schlacht von Las Cruces und erbeuteten dabei zahlreiche Kanonen; dabei erlitten sie aber auch erhebliche Verluste. Mit dem Sieg von Las Cruces und der Artillerie, die den Rebellen dabei in die Hände fiel, stand ihnen der Marsch auf das weitgehend unverteidigte Mexiko-Stadt offen.

Während Allende darauf drang, die Hauptstadt einzunehmen, zögerte Hidalgo und befahl schließlich am 1. November den Rückzug. Die Gründe, die Hidalgo leiteten, sind bis heute unbekannt.

Gegenoffensive der Spanier