The Merry Men, deutsch Die tollen Männer, ist eine Erzählung des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson (1850–1894). Sie erschien erstmals 1882 im Cornhill Magazine; 1887 nahm Stevenson sie in etwas überarbeiteter Form in seine Sammlung The Merry Men and Other Tales and Fables auf.
Wie Stevensons etwa gleichzeitig entstandener Abenteuerroman Treasure Island (Die Schatzinsel) handelt sie von einer Schatzsuche auf einer entlegenen Insel, doch verliert der frömmelnde Ich-Erzähler Charles Darnaway dieses Ziel zunehmend aus den Augen, da er sich zunächst mit seinem Onkel Gordon auseinandersetzen muss, der offenbar den Verstand verloren und sich womöglich eines Mordes schuldig gemacht hat. Die wenigen Literaturkritiker, die sich eingehender mit The Merry Men befasst haben, befinden fast einhellig, dass die Geschichte als solche recht missraten sei, einzelne Episoden und besonders die Naturschilderungen für sich genommen jedoch atmosphärisch dicht und stilistisch brillant ausgefallen seien;So etwa John R. Moore: Stevenson’s Source for “The Merry Men”, S. 140; Honor Mulholland: Robert Louis Stevenson and the Romance Form, S. 109–111; Tom Shearer: A Strange Judgement of God’s?, S. 82–85. seiner Frau Fanny Stevenson zufolge war auch der Autor selbst ähnlicher Ansicht.Fanny Stevenson: Prefatory Note zu The Merry Men and Other Tales, in: The Collected Works of Robert Louis Stevenson, Valima Edition, Charles Scribner’s Sons, New York 1922, Band XI, S. 6.
Inhalt Schottland im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts: Der Ich-Erzähler Charles hat an der Universität Edinburgh bei dem Historiker William Robertson studiert. In alten Archivalien ist er auf Hinweise auf eines der Schiffe der Spanischen Armada gestoßen, die im August 1588 nach der Niederlage in der entscheidenden Seeschlacht gegen die Flotte Englands über die Nordsee zerstreut wurden und schließlich spurlos verschwanden. Er schlussfolgert, dass sich das Wrack der Espirito Santo mitsamt ihrem Goldschatz auf dem Meeresgrund vor der Hebrideninsel Aros befinden muss, auf der sein Onkel Gordon und seine Base Mary einen ärmlichen Hof bewirtschaften. Im Sommer macht er sich auf die Reise dorthin und erkennt das Innere des Bauernhauses kaum wieder: Es ist bis unters Dach gefüllt mit fremden Kostbarkeiten. Mary erzählt von einem bedauerlichen Schiffbruch, kann aber nichts Genaues über die Herkunft des Strandguts sagen. Onkel Gordon setzt den Neffen ins Bild. Vor ein paar Monaten, genauer, am 10. Februar, sei ganz in der Nähe die Brigg Christ-Anna bei Hochflut in den „Totentanz“ der „tollen Männer“ geraten und hernach vor Ort gestrandetAlle Zitate im Folgenden nach der Übersetzung von Marguerite und Curt Thesing.. Die „tollen Männer“ sind gewaltige, verwirbelte Sturzbrecher, die zwischen den der Insel vorgelagerten Felsen bei anstürmender Brandung mit mächtigen furchtbaren Stimmen aufbrausen und ein Schiff mit Mann und Maus in ihren Strudel hinabziehen können. Als Charles den Onkel nach Überlebenden der Schiffskatastrophe fragt, bekommt er ausweichende Antwort.
An der Stelle, wo er das Wrack vermutet, findet Charles bei einem ersten Tauchgang eine Schuhschnalle, beim zweiten einen menschlichen Beinknochen, außerdem entdeckt er an der Küste ein frisches Grab und mutmaßt, dass es sich um das Grab eines Seemanns der Christ-Anna handelt, der den Schiffbruch im Februar überlebt hat, aber von Strandräubern, wahrscheinlich also von Onkel Gordon selbst, ermordet wurde. Entsetzt von diesen bösen Vorzeichen, aber auch eines aufkommenden Sturmes wegen muss der Schatzsucher die Unternehmung abbrechen. In dem stürmischen Gewässer ist offenbar auch noch eine fremde Bootsbesatzung auf Goldsuche unterwegs. Charles muss zusehen, wie das Boot im Sturm untergeht, ebenso sein Onkel Gordon; dieser genießt den Todeskampf der Besatzung von der felsigen Steilküste aus mit „wollüstiger Kennermiene“. Nach dem „grauenvollen Schauspiel“ stellt Charles den Onkel am oben genannten frischen Grab zur Rede und bezichtigt ihn in einer erbarmungslosen Moralpredigt des Mordes aus Habgier. In dem Moment erscheint auf dem Kajütdach des gescheiterten Bootes plötzlich ein schwarzer Mann. Den Anblick erträgt Onkel Gordon nicht, offenbar meint er, es sei der Geist des Ermordeten, wenn nicht der Teufel selbst; er tobt, augenscheinlich wahnsinnig, und nimmt Reißaus. An der verhängnisvollen Suche nach dem Geisteskranken beteiligt sich auch der dunkelhäutige Schiffbrüchige, der sich als Mensch aus Fleisch und Blut erwiesen hat. Er jagt hinter Gordon Darnaway her, weil er den Kranken einfangen will, doch beide stürzen über die Steilküste in den Tod. Charles nennt das Ende des Onkels ein „seltsames Gottesurteil“.
Entstehungs- und Publikationsgeschichte mini|Robert Louis Stevenson, fotografiert 1882 in Davos Eine erste, nicht erhaltene Fassung der Geschichte verfasste Stevenson im Juni und Juli 1881 in seiner Sommerfrische Kinnaird Cottage nahe Pitlochry in Perthshire; aus seiner Korrespondenz geht hervor, dass die Geschichte zunächst den Titel The Wreck of the Susanna trug. Ebenso wie die zur selben Zeit begonnenen Erzählungen Thrawn Janet und The Body Snatcher war sie ursprünglich für einen Kurzgeschichtenband mit dem Arbeitstitel The Black Man and Other Tales („Der Schwarze Mann und andere Geschichten“) vorgesehen, der aber letztlich nie erschien. Nachdem er gegen Mitte Juli die ersten vier Kapitel der Geschichte zu Papier gebracht hatte, zeigte er sich mit dem Ergebnis nicht vollkommen zufrieden und kündigte in einem Brief umfassende Revisionen an, doch ließ er die Arbeit an der Geschichte ab August zunächst ruhen, um seinen ersten Roman Treasure Island fertigzustellen. Erst im Winter, den er im schweizerischen Davos verbrachte, stellte er die erste publizierte Fassung fertig. Sie erschien 1882, zunächst anonym, in zwei Tranchen im Juni- und Juliheft des Cornhill Magazine.Kenneth Gelder: Robert Louis Stevenson’s Revisions to “The Merry Men”, S. 262–263.
1884 äußerte Stevenson in einem Brief an seinen Vater die Absicht, die Geschichte erheblich auszubauen und ihr ein vollkommen neues Ende (Dénouement) zu verpassen, dessen Gestalt ihm jedoch selbst noch nicht ganz klar sei. Im Februar 1887 erschien dann die zweite, heute maßgebliche Fassung als erste Geschichte seines Kurzgeschichtenbands The Merry Men and Other Stories and Fables. Entgegen Stevensons Ankündigung ist sie mit der ersten Fassung über weite Strecken identisch, die umfangreichsten Änderungen betreffen dabei die Dialoge zwischen Charles und Mary Ellen im zweiten und vierten Kapitel sowie die Darstellung des schiffbrüchigen „Schwarzen Mannes“ im fünften Kapitel; insgesamt fällt die zweite Fassung sogar etwas kürzer aus.Kenneth Gelder: Robert Louis Stevenson’s Revisions to “The Merry Men”, S. 263–264.
Quellen und Einflüsse In einem Brief vom Juli 1881 schrieb Stevenson, dass seine „seltsame“ Geschichte vor allem seine eigene Schöpfung sei, die allenfalls Walter Scotts Roman The Pirate (1821) einige Anleihen zu verdanken habe; spätere Quellenforschungen weisen jedoch auf eine Reihe weiterer möglicher literarischer Vorbilder hin. Sicher scheint, dass weniger Scott als vielmehr William Edmonstoune Aytouns 1842 erschienene Erzählung The Santa Trinidada das unmittelbare Vorbild für The Merry Men darstellt: Wie Stevensons Erzählung ist sie im 18. Jahrhundert angesiedelt und handelt von der Suche nach dem Goldschatz einer Galeone der spanischen Armada, der ‚Santa Trinidada‘ („Heilige Dreifaltigkeit“), die 1588 an der Küste der Hebriden zerschellt sei. Wie aus einem Brief hervorgeht, trug das versunkene spanische Schiff in der nicht erhaltenen Urfassung von The Merry Men noch den Namen ‚Santma Trinid‘ (d. h. Santissima Trinidad, also „Heiligste Dreifaltigkeit“). Aytouns Protagonisten sind die Brüder Malcolm und Donald McLean; aus dem Clan MacLean stammt in Stevensons Erzählung auch Gordon Darnaways verstorbene Frau. In The Santa Trinidada taucht zudem ebenso unvermittelt ein fremdes Boot auf, ohne Segel oder Ruder, aber bemannt mit einer einsamen Gestalt, womöglich der Teufel selbst. Diese Erscheinung scheint die Stelle des versunkenen Schatzes anzuzeigen, und so taucht Malcolm hinab in die Tiefen des Meeres und findet tatsächlich eine Truhe voller Silber; bei seinem zweiten Tauchgang wird er jedoch von einem Gezeitenstrudel erfasst und ertrinkt.John R. Moore: Stevenson’s Source for “The Merry Men”, S. 135–138.
Für die Schilderung des Sturms im vierten Kapitel kommt als Vorbild ein weiteres Exemplar der „gotischen“ Schauerliteratur des frühen 19. Jahrhunderts in Frage, Charles Robert Maturins Melmoth the Wanderer (1820).Edwin M. Eigner: Robert Louis Stevenson and Romantic Tradition, S. 136–137; die entsprechende Episode findet sich bei Maturin in Band I, Kapitel IV. Die Gestaltung des Sujets ist indes vor allem von den drei Hauptvertretern der etwas verspätet einsetzenden „dunklen“ amerikanischen Romantik geprägt: Nathaniel Hawthorne, Herman Melville und Edgar Allan Poe. Der Einfluss von Poes Horrorgeschichten wie seiner theoretischen Schriften (wie The Philosophy of Composition) auf Stevensons Prosa ist grundlegend, gut dokumentiert und wurde schon von den frühesten Rezensenten erkannt. Burton R. Pollin und J. A. Greenwood machen in The Merry Men Anklänge an The Fall of the House of Usher und The Gold-Bug aus, insbesondere aber an A Descent into the Maelström.Burton R. Pollin und J. A. Greenwood: Stevenson on Poe: Unpublished Annotations of Numerous Poe Texts and a Stevenson Letter. In: English Literature in Transition, 1880-1920 37:3, 1994, S. 317–349, hier S. 335 und 348. Mehr noch fühlte sich Stevenson indes zu Hawthornes Romanen und Kurzgeschichten hingezogen, da sie – im Gegensatz zu Poes oft bloß ästhetischen Grotesken und Arabesken – stets auch komplexe moralische Fragen in den Vordergrund rücken.Barry Menikoff: Introduction zu: Robert Louis Stevenson: The Complete Stories of Robert Louis Stevenson. The Modern Library, New York 2002, hier S. xvi–xvii; Honor Mulholland: Robert Louis Stevenson and the Romance Form, S. 96–97, S. 104–106. Im Falle von The Merry Men ist die Nähe zu Hawthorne insbesondere durch die Darstellung des religiösen Fanatismus greifbar, der Gordon Darnaways Denken und Handeln bestimmt, und in ihn schließlich in den Wahnsinn und ins Verderben, wenn nicht sogar in die Verdammnis treibt.Honor Mulholland: Robert Louis Stevenson and the Romance Form, S. 106. Wie in Hawthornes Erzählungen über die Puritaner Neuenglands ist es eine besonders rigorose Spielart des Calvinismus, die solch finstere Folgen zeitigt: Gordon Darnaway ist ein Anhänger der Cameronians (einer presbyterianischen Splittergruppe, die sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts von der Church of Scotland gelöst hatte), „er pflegte ausführlich in der Bibel zu lesen und betete viel, nach Art der Kameronier, unter denen er aufgewachsen war. Ja, vielfach gemahnte er mich an einen Hochlandsprediger aus den mörderischen Zeiten vor der Revolution. Allein er schöpfte niemals sonderlichen Trost und, so viel ich weiß, nicht einmal Rat aus seiner Frömmigkeit. Er pflegte seine schwarzen Stunden zu haben, in denen er sich vor der Hölle fürchtete; aber er hatte ein rauhes Leben geführt, auf das er voller Neid zurückblickte, und war nach wie vor ein rauher, kalter, finsterer Mann.“ Auf Melville, dessen Romane Stevenson auf Anregung Charles Warren Stoddards 1880 während seiner Zeit in San Francisco gelesen hatte, deutet schließlich die Darstellung der See in The Merry Men, die zugleich erhaben und zerstörerisch erscheint.Frank McLynn: Robert Louis Stevenson: A Biography. Hutchinsons, London 1993, S. 194–195.
Themen und Motive Natur und Landschaft