Awan (, häufig als Suffix -awan), andere Umschrift Avan, ist einer von zwölf Distrikten der armenischen Hauptstadt Jerewan. Das seit der vorchristlichen Zeit existierende Dorf auf einer Anhöhe am nordöstlichen Rand von Jerewan wurde Ende des 20. Jahrhunderts von Neubauvierteln der schnell expandierenden Stadt einverleibt. Aus dem Ende des 6. Jahrhunderts blieb die Ruine der ältesten Kirche im Stadtgebiet von Jerewan erhalten: Die Kathedrale von Awan (Tsiranawor) war eine der bedeutendsten strahlenförmigen Kuppelkirchen und namensgebend für den „Awan-Hripsime-Typ“, einen charakteristischen Stil der armenischen Sakralarchitektur. Damals war Awan Sitz eines pro-byzantinischen Gegenkatholikos, der nicht die in Armenien mehrheitliche armenisch-apostolische, sondern die chalcedonische Glaubensrichtung vertrat. Weitere sakrale Bauten aus frühchristlicher Zeit bis zum späten Mittelalter liegen inmitten eines Wohngebiets, das noch einen gewissen dörflichen Charakter bewahrt hat. mini|Dörfliche Wohngebiete sind von neuen städtischen Wohnblocks eingekreist.

Lage Der Verwaltungsdistrikt (, „Nachbarschaftsgemeinschaft“) Awan grenzt an drei andere Jerewaner Distrikte: im Norden an Arabkir, im Westen an Kanaker-Sejtun und im Süden an Nor Nork. Im Osten bildet Awan die Grenze Jerewans zur Provinz Kotajk. Awan ist ein hügeliges Gebiet mit Höhen von im Mittel 1250 bis 1300 Metern und damit gut 150 Meter höher als das Stadtzentrum. Der Distrikt liegt innerhalb eines Dreiecks, das von der Schnellstraße M4, die das Zentrum nach Norden Richtung Sewansee verlässt und der ostwärts nach Garni führenden Straße gebildet wird. Die Westgrenze zu Kanaker-Sejtun wird teilweise von der Bahnlinie gebildet.

Geschichte In der zweiten Synode von Dvin 554/555 wurde beschlossen, die Selbständigkeit der monophysitischen armenischen Kirche gegenüber dem Nestorianismus hervorzuheben und dies durch den Neubau von Kirchen sichtbar zu machen. Große Kirchen entstanden an den Wirkungsorten christlicher Märtyrer, die gegen das Heidentum gekämpft hatten.Stepan Mnazakanjan: Architektur. In: Burchard Brentjes u. a., S. 63, 65 Im Jahr 591 überließen die persischen Sassaniden das seit 428 von ihnen als Persarmenien verwaltete Gebiet dem Byzantinischen Reich. Als um diese Zeit die Kathedrale erbaut wurde, gab es einen Glaubensstreit zwischen Anhängern der altorientalischen Kirche, deren Glaubensgrundsätze später für die armenischen Christen allgemeinverbindlich wurden, und der byzantinischen, die Ergebnisse von Chalcedon anerkennenden Gruppe. Während der ostkirchliche Katholikos in der Hauptstadt Dvin residierte, ließ nach der christlichen Überlieferung, die sich auf den Geschichtsschreiber Sebeos des 7. Jahrhunderts beruft, der von Byzanz eingesetzte Katholikos Hovhannes Bagavanetsi (Antikatholikos) in Awan, das seinerzeit zum Territorium von Byzanz gehörte, die Kathedrale und einen angrenzenden Palast errichten. Er war von 590/591 im Amt und wurde von seinen persischen Gegnern bei der Eroberung des Gebiets 603 vertrieben. Der Katholikos starb 604. Andere Forscher gehen von einem früheren Baudatum 582–584 aus. Dann hätte Hovhannes eine bereits vollendete Kirche vorgefunden und zu seinem Amtssitz erklärt. Die noch frühere Datierung von Josef Strzygowski (1918) in die Amtszeit zwischen 557 und 574 eines anderen Hovhannes, auf den sich Sebeos bezogen haben soll, wird heute abgelehnt.Josef Strzygowski, S. 470; Ulrich Bock: Armenische Baukunst. Geschichte und Problematik ihrer Erforschung. (25. Veröffentlichung der Abteilung Architektur des Kunsthistorischen Instituts der Universität zu Köln) Köln 1983, S. 144

Eine ungewöhnliche, in armenischer und griechischer Sprache verfasste Inschrift aus dem 7. Jahrhundert, die sich ursprünglich an einer AußenfassadeWestfassade: Jean-Michel Thierry, S. 518; Ostfassade: Timothy Greenwood: A Corpus of Early Medieval Armenian Inscriptions. In: Dumbarton Oaks Papers, Vol. 58, 2004, S. 27–91, hier S. 39 der Kathedrale befand, handelt mutmaßlich vom Übertritt des Katholikos Ezr zur byzantinischen Glaubensrichtung im Jahr 632. Mehrere Inschriften aus dem 13. Jahrhundert sind bekannt, die älteste aus dem Jahr 1219. Vor allem eine Inschrift des georgischen Königs David VIII. (reg. 1293–1311), deutet darauf hin, dass Awan weiterhin das Zentrum einer von der armenisch-apostolischen Kirche abtrünnigen Gemeinde war. In den Inschriften geht es um Stiftungen, wobei sich die Formulierung „Einheit des Gedankens“ auf die in Chalcedon definierte gleichermaßen göttliche und menschliche Natur Christi beziehen könnte. Zu einem unbekannten Zeitpunkt verfiel die Kirche, besonders durch ein Erdbeben 1679 wurde sie schwer beschädigt.

Als nach dem Generalplan des russisch-armenischen Architekten Alexander Tamanian zwischen 1924 und 1934 die alte Innenstadt Jerewans vollständig nach den modernen Anforderungen an eine Hauptstadt für die erwartete Einwohnerzahl von 150.000 bis 200.000 umgestaltet wurde, behielten die hiervon durch Grünland getrennten umliegenden Dörfer ihren ländlichen Charakter. Mitte der 1960er Jahre wurde mit dem Bau billiger sowjetischer Wohnblocks mit mehr als den vier oder fünf Stockwerken, die Tamanian zuvor festgelegt hatte, begonnen.Rouben Paul Adalin: Historical Dictionary of Armenia. Scarecrow Press, Lanham 2002, S. 379 Bereits in den 1980er Jahren hatte die Zahl der Einwohner eine Million erreicht. 2009 lag die Einwohnerzahl mit rund 1,2 Millionen ungefähr so hoch wie 1988, nachdem sie 1995 mit dem Ende des Bergkarabachkonflikts kurzfristig auf 3,45 Millionen angewachsen war. Die Folge dieser nicht eingeplanten Bevölkerungszunahme war in der sowjetischen Zeit die Erschließung von Vierteln mit gleichförmigen Wohnblocks, die seit dem Ende des 20. Jahrhunderts auch die dörflichen Wohngebiete von Awan erreicht und umschlossen haben.

Ortsbild mini|Marshal Khudiakov-Straße nach Nordosten Bei der Volkszählung des Jahres 2001 wurde die offizielle Einwohnerzahl des Distrikts mit 50.118 angegeben.RA 2001 Population and Housing Census Results. armstat.am, S. 49 Im Januar 2012 lebten laut der amtlichen Statistik 51.000 Einwohner in Awan.Yerevan - RA Capital. armstat.am, 2012, S. 234 Die Fläche des Distrikts beträgt 8,37 Quadratkilometer.Yerevan RA Capital. armstat.am Bürgermeister von Awan ist Manvel Javadyan.Administrative district Avan. Yerevan Municipality

Der Distrikt Awan wird unterteilt in die Gemeinden Avan-Arinj (im Norden), Narekaci (östlich hiervon), Hovhannisyan (südlich von letzterem), Aghi Hanq und Avan (Ostzipfel) sowie in die Wohneinheiten Isahakyan und Tumanyan.Yerevan RA Capital. armstat.am Es gibt noch weitere Gebietsbezeichnungen. Die direkte Route vom Zentrum führt am Botanischen Garten von Jerewan vorbei, der den südwestlichen Teil des Distrikts bildet. Dort biegt von der Acharyan-Straße die Marshal Khudiakov-Straße in nordöstlicher Richtung ab, die stetig ansteigend nach gut einem Kilometer das dörfliche Wohngebiet Awan Arinj erreicht. Dessen Zentrum ist ein Friedhof mit einigen alten Grabsteinen und einem Denkmal für den Zweiten Weltkrieg.

Die von der Kreuzung am Denkmal 300 Meter entfernte Ruine der Kathedrale ist über eine kurvige Gasse erreichbar, die links hinunter abzweigt.Genauere Beschreibungen: Brady Kiesling: Rediscovering Armenia Guidebook – Yerevan.; Rick Ney, S. 80 Die Ruinen von zwei kleinen frühchristlichen Sakralbauten, der Johanneskapelle (Surb Hovhannes) und der Muttergotteskapelle (Surb Astvatsatsin), liegen vom Friedhof 500 Meter weiter auf der Marshal Khudiakov-Straße, an der vierten Gasse rechts, noch 200 Meter links haltend und schließlich einem Fußpfad folgend versteckt zwischen Häusern und Kleingärten. Alternativ sind sie ab dem oberen Ende des Friedhofs entlang einer breiten Straße nach Osten von oben zu erreichen. Durch einen noch nicht überbauten Streifen Grasland ist hier die alte Siedlung mit zweigeschossigen Einfamilienhäusern innerhalb ummauerter Gärten von einem Neubauviertel mit großen Wohnblocks getrennt, die nach der Jahrtausendwende entstanden sind.

Kathedrale Herkunft mini|Ehemaliger Kirchensaal mit Zugang durch die Westkonche. Die am besten erhaltene nordwestliche Ecknische dient als Andachtsraum. Die Kathedrale (Katoghike) Sankt Johannes (Surb Hovanes), im Volksmund Tsiranawor („aprikosenfarben“), gilt als die älteste Zentralkuppelkirche mit vier Konchen und Ecknischen innerhalb eines rechteckigen Baukörpers. Vorbilder der armenischen Zentralbauten sind mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in Syrien und Mesopotamien zu finden. Genannt werden die Tetrakonchen-Anlagen von Seleucia Pieria (Mitte 6. Jahrhundert) oder Resafa (Anfang 6. Jahrhundert).W. Eugene Kleinbauer: Zvart'nots and the Origins of Christian Architecture in Armenia. In: The Art Bulletin, Vol. 54, No. 3. College Art Association, September 1972, S. 245–262 Bereits die ältesten armenischen Zentralbauten des 5. Jahrhunderts kennzeichnet eine quadratische Struktur, die von einer Kuppel mit einem dazwischen geschalteten zylindrischen Tambour überdeckt ist. Die Erweiterung dieser Grundform erfolgte durch halbrunde Konchen an jeder der vier Seiten, wodurch sich der Innenraum vergrößert und die Schubkräfte der Kuppel besser seitwärts abgeleitet werden können.

Für den statischen Unterbau der Kuppel kommen drei in Armenien parallel angewandte konstruktive Möglichkeiten in Betracht: Beim ältesten erhaltenen Tetrakonchos in Armenien, dem Neubau der Kathedrale von Etschmiadsin (Etschmiadsin II) um 485, ruht die Kuppel auf vier frei stehenden Mittelpfeilern. Nur die völlig zerstörte Kathedrale von Bagaran aus den 630er Jahren entsprach diesem Typ, der ansonsten nicht weiterverfolgt wurde. Daneben entstanden im 7. Jahrhundert kleinere kreuzförmige Zentralbauten, häufig mit drei Konchen wie Lmbatavank, die Muttergotteskirche von Talin oder die Kamravor-Kirche von Aschtarak, deren Tambour und Kuppel von den inneren Wandecken getragen wird. Auf der dritten Möglichkeit basiert die Johanneskirche von Mastara. Ihre weitaus größere Kuppel überspannt den gesamten quadratischen Innenraum bis zu den Mitten der Außenwände. Sie stellt den Ausgangspunkt für eine als „Mastara-Typ“ bezeichnete Gruppe von Zentralbauten dar.Jean-Michel Thierry, S. 69 Unabhängig von der zeitlichen Abfolge, die nicht genau festgestellt werden kann, weist die Muttergotteskirche (Surb Astvatsatsin) von VoskeparArmenian Studies Program: () (aserbaidschanisch Əskipara) aus dem 7. Jahrhundert an der Grenze der Provinz Tawusch zu Aserbaidschan gegenüber der Kirche von Mastara einige ungünstige Veränderungen auf. Die vier Konchen und die beiden östlichen Nebenräume sind zu einem Rechteck verlängert, wodurch die Form zergliedert und unsicherer gemacht wird. Vor diesem Hintergrund erscheint die Entwicklung des Awan-Hripsime-Typs konsequent.Stepan Mnazakanjan: Architektur. In: Burchard Brentjes u. a., S. 65 Tatsächlich entstanden die meist nur anhand von Stilmerkmalen zeitlich einzuordnenden Kirchen nicht zwangsläufig gemäß einer idealisierten Entwicklung von einfacheren (also Tetrakonchen ohne Ecknischen) zu komplexeren Formen (mit Ecknischen).Christina Maranci: Medieval Armenian Architecture. Construction of Race and Nation. (Hebrew University Armenian Studies 2) Peeters, Leuven u. a. 2001, S. 97