Die Hydrierwerk Scholven AG wurde 1935 als Tochtergesellschaft der Hibernia AG in Scholven-Buer, einem Stadtteil von Gelsenkirchen, gegründet. Das Unternehmen betrieb von 1936 bis 1945 ein Hydrierwerk zur Herstellung synthetischer Kraftstoffe aus Steinkohle. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte eine Umbenennung in Scholven-Chemie AG und eine Umstellung auf die Verarbeitung von Erdöl. Sukzessive entstand eine der größten Raffinerien in Westdeutschland. Die Hydrieranlagen wurden 1964 stillgelegt. Nach der Eingliederung in die VEBA AG firmierte das Unternehmen ab 1969 als Veba-Chemie AG und ab 1978 als Veba Oel AG. 1983 gelangte die Produktionsstätte zur Ruhr Oel GmbH.

Gründung Der Aufbau einer deutschen Treibstoffindustrie erfolgte nicht erst im Zuge der nationalsozialistischen Autarkiebestrebungen, sondern bereits 1926/27, als die IG Farben im Ammoniakwerk Merseburg begann, im industriellen Maßstab aus Braunkohle Leuna-Benzin herzustellen. Zeitgleich errichteten im Ruhrgebiet führende Montanunternehmer, darunter Krupp, Stinnes, Thyssen, und alle Zechenbetreiber der Gesellschaft für Teerverwertung (GfT), großtechnische Versuchsanlagen zur Kohleverflüssigung. Ziel war es, überschüssige Kohle gewinnbringend durch Verschwelung und Hydrierung in synthetische Kraftstoffe umzuwandeln.Lothar Gall: Krupp im 20. Jahrhundert. Die Geschichte des Unternehmens vom Ersten Weltkrieg bis zur Gründung der Stiftung. Siedler, 2002, S. 356.

Bereits 1922 hatte der rheinisch-westfälische Steinkohlebergbau Nutzungsrechte des Bergius-Verfahrens auf die Verarbeitung von Steinkohle, Steinkohlenteeren und Steinkohlenteerderivaten erworben. 1927 folgte die Gründung der AG für Steinkohleverflüssigung und Steinkohleveredelung. Träger dieser Bestrebungen und Eigentümer des Unternehmens waren die in der GfT zusammengeschlossenen Ruhrzechen, denen sich unter anderem 1927 die Hibernia AG anschloss.Glückauf – Berg- und Hüttenmännische Zeitschrift vom 3. August 1940, S. 429 (hier S. 9): Rückblick auf die Tätigkeit der Aktiengesellschaft für Steinkohleverflüssigung und Steinkohleveredlung in Duisburg-Meiderich Digitization Laboratory – Library of the Silesian University of Technology (Gleiwitz), abgerufen am 12. August 2025.

Im März 1928 begann die GfT in Meiderich mit dem Bau einer Großversuchsanlage, die im Oktober 1929 mit einem Durchsatz von jährlich 30.000 Tonnen in Betrieb ging. Unter der Leitung von Eduard Möhrle konnten in dem Werk bahnbrechende Erfolge auf dem Gebieten der Tieftemperaturverkokung, Hydrierung und Spaltung von bituminösem Material, Urteer und Phenolen erzielt werden. Ende 1931 mussten die Arbeiten infolge des finanziellen Drucks während der Weltwirtschaftskrise eingestellt und die Anlagenteile an die IG Farben verkauft werden.Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Neue Deutsche Biographie 24; Spilker, Adolf. Duncker & Humblot, 2010, S. 698.

Erst als sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die wirtschaftlichen Bedingungen wesentlich geändert hatten, vereinbarten Spitzenvertreter des Ruhrbergbaus im November 1933 die Fortsetzung des gemeinsamen Hydrierprogramms. Eine führende Rolle übernahm nunmehr die Hibernia AG, die bereits vor 1933 die Einführung der Kraftstoffherstellung nach dem IG-Verfahren in Betracht gezogen hatte.Juliane Czierpka, Lars Bluma: Der Steinkohlenbergbau in Boom und Krise nach 1945. Transformationsprozesse in der Schwerindustrie am Beispiel des Ruhrgebiets. Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2021, S. 157.

Die Entscheidung zum Bau eines Hydrierwerks in Scholven fiel nach einer zweijährigen Forschungsarbeit in den Laboren der Gewerkschaft Mathias Stinnes. Die Stinnes-Versuche zeigten, dass Ruhrsteinkohle besonders gut hydriert und im Gegensatz zur mitteldeutschen Braunkohle sogar ohne Additive zu Motorenbenzin, Diesel, Heizöl sowie anderen Aromaten verarbeitet werden konnte. Damit hofften die Ruhrkohleindustriellen, eine auf Steinkohle basierende chemische Industrie aufzubauen, die mehr Fraktionen und mehr Profite als die Steinkohlenteerdestillation bot.Anthony N. Stranges: Petroleum from Coal. A Century of Synthesis. Brill, 2024, S. 120.

Alternativ existierten bei der Hibernia allerdings zu dieser Zeit bereits Pläne, die Kraftstoffherstellung auf Erdölbasis in Scholven durchzuführen. Dies hätte realisiert werden können, wenn Erdöl als Ausgangsstoff für die Benzinproduktion dauerhaft billiger als Steinkohle gewesen wäre, was jedoch durch den weltweiten rapiden Anstieg der Rohölpreise ab Mitte 1934 nicht der Fall war.Titus Kockel: Deutsche Ölpolitik 1928–1938. Walter de Gruyter, 2015, S. 209.

Ausschlaggebend für den Standort Scholven und die Pionierarbeit der Hibernia AG waren diverse Faktoren. Die Gesellschaft war Eigentümer der Zeche Scholven, die über eine angeschlossene Kokerei sowie ein eigenes Kohlekraftwerk verfügte, jedoch schlecht absetzbare Gasflammkohle förderte, welche sich hingegen zur Hydrierung gut eignete. Dazu befand sich auf dem Gelände ein stillgelegtes Stickstoffwerk, sodass bereits Flächen und ein umbaufähiger Gebäudebestand vorhanden waren.Dietmar Bleidick: Aral. 125 Jahre Kraftstoffwirtschaft in Deutschland. Band 1: Von den Anfängen bis 1945. Band 2: Von 1945 bis zur Gegenwart. Waxmann Verlag, 2024, S. 407–408. Niedrige Frachtkosten und eine schnell erweiterbare Infrastruktur steigerten die Attraktivität von Scholven zusätzlich.

Letztlich erfolgte am 16. Juli 1935 die Gründung der Hydrierwerk Scholven AG.Manfred Rasch: Industrielle thermisch-chemische Kohlenveredlung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und insbesondere im Ruhrgebiet. In: Günter Bayerl (Hrsg.): Braunkohleveredelung im Niederlausitzer Revier. 50 Jahre Schwarze Pumpe. Waxmann Verlag, 2009, S. 66. Den Aufsichtsratsvorsitz übernahm Wilhelm Tengelmann, der für die Errichtung und den Betrieb des Hydrierwerks vom Reichswirtschaftsministerium nicht nur eine Anschubfinanzierung, sondern auch eine Kostendeckungsgarantie erlangen konnte. Nach Recherchen der Historiker Wolfgang Birkenfeld und Manfred Rasch bot dies zwar einen zusätzlichen Anreiz für den Bau einer Hydrieranlage, die Gründung der Hydrierwerk Scholven AG erfolgte jedoch freiwillig und ohne staatlichen Zwang.Wolfgang Birkenfeld: Der synthetische Treibstoff, 1933–1945. Ein Beitrag zur nationalsozialistischen Wirtschafts- und Rüstungspolitik. Musterschmidt-Verlag, 1964, S. 136–139, 177–179, 182–185.

Das heißt, die Errichtung des Hydrierwerks in Scholven wurde nicht im Rahmen des Vierjahresplans beschlossen. Die Denkschrift zum Vierjahresplan überreichte Hitler erst am 2. September 1936 und die Verordnung zur Durchführung des Vierjahresplans erließ Hermann Göring erst am 18. Oktober 1936. Primäres Ziel der Aktionäre war es, über die Veredlung der in den Bergwerken der Hibernia geförderten Steinkohle eine Wertsteigerung zu erzielen.Heinz Assmann: Arbeiten – Lernen – Mitgestalten. Erinnerungen aus 75 Lebensjahren. Klartext-Verlag, 2006, S. 25.

Produktion Am 7. Juli 1936 gelang den Chemikern der Hydrierwerk Scholven AG erstmalig die Herstellung von Benzin aus Steinkohlenteer, drei Wochen später aus Steinkohle. Damit ging nach nur knapp einjähriger Bauzeit in Scholven die weltweit erste Anlage zur großindustriellen Steinkohlenhydrierung mit einer Erzeugungskapazität von 125.000 t/a Fahrbenzin und 12.000 t/a Treibgas in Betrieb. Die Baukosten beliefen sich auf 145 Millionen Reichsmark (RM), was heute inflationsbereinigt der Kaufkraft von Euro entspricht. In den folgenden Jahren wurde das Werk auf rund 280.000 t/a ausgebaut. Für die Werksangehörigen entstanden in Scholven zeitgleich mehrere Kleinsiedlungen, vorwiegend in Bülse.Hydrierwerke Scholven AG Gelsenzentrum e.V., abgerufen am 10. Juni 2026.

Das sogenannte Scholvenbenzin war schwefelfrei und von guter Qualität. Anfangs hatte es eine Oktanzahl von 73 MOZ. Für die Produktion von 1 Tonne Benzin wurden 1,5 bis 2 Tonnen Steinkohle benötigt. Dazu kamen weitere 2 bis 3 Tonnen Koks, um den enormen Energiebedarf der Anlage zu decken (Strom, Prozesswärme und die Erzeugung des benötigten Wasserstoffs).Klaus Heinloth: Energie. Physikalische Grundlagen ihrer Erzeugung, Umwandlung und Nutzung. Springer Fachmedien, 1983, S. 68.

Der Transport von Rohstoffen und Produkten erfolgte zu großen Teilen über den Rhein-Herne-Kanal. Im Hafen Bottrop entstand für das Unternehmen ein eigener Ölanleger mit zehn großen Lagertanks nebst Anschluss an die Hibernia-Zechenbahn. Über dieses private, werkseigene Schienennetz führten Gleise direkt nach Scholven (15,95 Streckenkilometer). Später kamen unterirdische Produkt- und Rohölleitungen hinzu. Vom Hafentanklager führen diese Pipelines bis heute quer durch die Stadtgebiete von Bottrop, Gladbeck und Gelsenkirchen ebenfalls direkt ins Werk.Hermann Schardt: Scholven. Zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen der Scholven-Chemie Aktiengesellschaft Gelsenkirchen-Buer am 16. Juli 1960. Buersche Druck- und Medien GmbH, 1960.

Mitte 1937 begann der Bau der Erweiterungsanlage Scholven II. Diese ging im Juli 1939 in Betrieb.Sabine Kristin Schulte: Industriearchitektur zwischen 1933 und 1945. Untersuchungen zum östlichen Ruhrgebiet. Dissertation Technische Universität Dortmund, 2015, S. 181. Während einer Fahrt auf dem Rhein-Herne-Kanal mit seiner Jacht Carin II stattete Hermann Göring am 20. Juli 1939 damaligen Zeitungsberichten zufolge „unter großem Jubel der Bevölkerung und Belegschaft“ dem neu entstandenen Werk einen unangekündigten Besuch ab und äußerte sich positiv über den hohen Stand der Produktionsentwicklung.Völkischer Beobachter vom 21. Juli 1939, S. 2: Göring in der Waffenschmiede des Reiches ANNO, abgerufen am 10. Juni 2026. Geplant, aber nicht realisiert wurde auf Gladbecker Gebiet ein weiteres Hydrierwerk, Scholven III. Die hierfür 1940 nur schleppend angelaufenen Bauarbeiten kamen nicht über die Anfangsphase hinaus und endeten 1942.

Ab 1938 stellte das Unternehmen einen Teil der Produktion von Fahrbenzin auf höheroktaniges Flugbenzin um. Die gezielte und umfangreiche Herstellung von Flugzeugtreibstoff für die Luftwaffe lief jedoch erst ab Ende 1940 an. Neben Scholven stellten in Deutschland zu dieser Zeit nur die Hydrierwerke Leuna und Pölitz Flugbenzin her. Die erste DHD-Anlage zur Produktion von B4- (87 ROZ Super) und C3-Treibstoff (100 ROZ) ging in Scholven im Februar 1943 in Betrieb. Eine weitere Anlage zur Dehydrierung von Butanen für die Herstellung von Alkylatbenzin und Isooctan nahm im Januar 1944 mit einer Verzögerung von 16 Monaten die Vollproduktion auf.Geheime Unterlagen Vierjahresplan (S. 25, Termine DHD-Anlagen) Fischer-Tropsch-Archiv, abgerufen am 10. Juni 2026.I.L. Wiley, H.C. Anderson: Bulletin 485. Bureau of Mines. Bibliography of Pressure Hydrogenation. United States Government Printing Office Washington, 1950, S. 53, S. 273.

Die Anlagen in Scholven erreichten eine maximale Jahresleistung von 200.000 Tonnen Luftfahrttreibstoffen sowie 73.000 Tonnen Nebenprodukten wie Synthesekautschuk, Synthesegas und Teerpech.CIOS Inspection of Hydrogenation and Fischer-Tropsch Plants – Hydrierwerk-Scholven A.G. Fischer-Tropsch-Archiv, abgerufen am 10. Juni 2026. Das Werk erwirtschaftete hohe Gewinne. Die höchste Kriegsproduktion wurde 1943 mit 169.000 Tonnen Flugbenzin, 48.000 Tonnen Sondertreibstoff und 7.500 Tonnen Stickstoff bei einem Erlös von 120,69 Millionen RM erzielt.Industriekultur Themenroute 18 (S. 12) Regionalverband Ruhr, abgerufen am 10. Juni 2026.