Das nach seinen lateinischen Anfangsworten („Circa instans negotium in simplicibus medicinis nostrum“) so genannte Circa instans, auch De simplicibus medicinis (lateinisch für „Von den einfachen Arzneimitteln“), ist eine um 1150 bis 1170 in Süditalien entstandene Arzneidrogenkunde über nicht zusammengesetzte Arzneimittel. Es gilt als ein zentrales Werk der Medizinschule von Salerno, umfasst etwa 270 Drogenmonografien (über damals als Simplicien bezeichnete Arzneidrogen) und stellt einen Prototyp für spätere (formalisierte) Drogenmonografien dar. Es ist Vorläufer der ersten gedruckten Simplicidarien (Kräuterbuch-Inkunabeln). Seit dem 13. Jahrhundert wurde, etwa von Vinzenz von Beauvais, angenommen, dass das Werk von einem Mitglied der Salerner Familie Platearius stamme.

Inhalt Jedes der etwa 270 alphabetisch geordneten Kapitel des in verschiedenen Fassungen mit 250 bis 500 Kapiteln überlieferten Arzneibuches ist in zwei Abschnitte gegliedert. Im ersten Teil werden neben dem Namen und Synonymen der einfachen DrogeMartin Woidt: Das Salerner Buch des Bedarfs der einfachen Drogen ('Circa instans'). (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Berlin 1942) Weida/Thüringen 1942. bzw. der zur Drogenherstellung verwendbaren Teile der Pflanze die Primärqualitäten genannt, die Droge (hier als Heilmittel genutzte Pflanzen, seltener Tiere, deren Teile oder aus ihnen gewonnene Stoffe, und Mineralien) wird beschrieben und es werden die Qualitätsmerkmale sowie die pharmazeutische Zubereitung angegeben.Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 47–49. Auf mögliche Fälschungen wird bei teuren Drogen hingewiesen. Zudem übt der salernitanische Text kämpferisch Kritik am damaligen Apothekerstand.Konrad Goehl, Gundolf Keil: ‚apothecarii nostri temporis‘: Eine Kritik am Apothekerstand aus der Frühzeit der Pharmazie. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 14, 1996, S. 261–267. Abgeschlossen wird der erste Abschnitt jeweils mit Angaben zur Haltbarkeit und zum Wirkspektrum nach der Humoralpathologie. Der zweite Teil eines jeden Kapitels behandelt die Anwendungsmöglichkeiten, mögliche Kombinationen mit anderen Drogen und häufig auch Ersatzmittel. Mitaufgenommen in das Werk sind auch fünf Zaubermittel.

Als Quellen für das drogenkundliche Werk werden in der Fachliteratur meist die Materia medica von Dioskurides und der Liber graduum (De gradibus simplicium) von Constantinus Africanus genannt, doch unterscheiden sich die Indikationen teils deutlich. Das Circa instans ist stark mit anderen Werken aus Salerno verflochten.

Urheberschaft mini|Salernitanischer Arzt, angeblich Platearius darstellend

UmstrittenVgl. dazu Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, hier: S. 47–48; und Gundolf Keil: „dits die beste raet die icker toe can gegeuen genomen vte platearise“. Quellenkundliche Anmerkungen zu Ypermans Medicine. In: Geneeskunde in nederlandstalige teksten tot 1600. Koninklijke Academie voor Geneeskunde van België, Brüssel 2012 (2013), ISBN 978-90-75273-29-8, S. 93–137, hier: S. 104, Anm. 73. als Autor ist Matthaeus Platearius,Leo Jules Vandewiele: Een Middelnederlandse versie van de Circa instans van Platearius naar de Hss. Portland, British Museum MS. Loan 29/332 (XIVe eeuw) en Universiteitsbibliotheek te Gent Hs. 1457 (XVe eeuw). Oudenaarde (Belgien) 1970. Mitglied einer berühmten salernitanischen Ärztefamilie. Nicolaus Salernitanus, der um 1150 an der Salerner Schule lehrte,Christine Becela-Deller: Die Weinraute (Ruta graveolens L.) als Beispiel für eine Heilpflanze zur Zeit der Schule von Salern (10.–14. Jh.). In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 12, 1994, S. 143–152, hier: S. 14. gilt als weiterer möglicher Autor, da dessen Werk Antidotarium Nicolai etwa um die gleiche Zeit entstanden ist und ein vergleichbares pharmazeutisches Programm vertritt.Gundolf Keil: Phytotherapie im Mittelalter. In: Scientiarum historia. Band 20, Nr. 1–2, 1994, S. 7–38.

Überlieferung In Vorbereitung einer textkritischen Edition nennt Iolanda Ventura 137 lateinische Handschriften aus dem 12. bis 15. Jahrhundert, die den Text vollständig transportieren, sowie etwa 100 weitere Handschriften, in denen zumindest Teile vorhanden sind. Sie differenziert grob folgende Fassungen bzw. Redaktionen:Iolanda Ventura: Il Circa instans attribuito a Platearius: Trasmissione manoscritta, redazioni, criteri di costruzione di un’edizione critica. In: Revue d'Histoire des Textes, Band 10 (2015), S. 251–362 () Redaktion A: die um 1180 entstandene Fassung mit 432 Kapiteln im Codex Salernitanus und davon abgeleitet mit bis zu etwa 900 Kapiteln: Tractatus de herbis, illustrierte Fassungen (mit der Handschrift London BL Egerton 747 als ältesten Vertreter) Livre des simples medecines, französische Übertragung der illustrierten Fassung Redaktion B: Vulgatfassung, aufgrund Kapitelzahl und Reihenfolge beim Buchstaben S unterteilt in: Unterredaktion Erlangen, benannt nach der Handschrift Erlangen UB MS 674 (die von Wölfel edierte und von Goehl übersetzte Handschrift) mit rund 250 Kapiteln Unterredaktion Lyon, benannt nach dem Druck Lyon 1525 mit 276 Kapiteln Unterredaktion Göttingen, benannt nach der Handschrift Göttingen UB Hist. Nat. 12 mit 277 Kapiteln und diversen Textvarianten gegenüber Lyon weitere Unterredaktion mit stark reduziertem Text und 250 bis 270 Kapiteln

Bei der Verbreitung außerhalb Salernos sieht Ventura zunächst einen Schwerpunkt in England, dann zunehmend in Frankreich und im 15. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum. Übersetzt wurde das Werk noch im Mittelalter ins Französische, Deutsche, Niederländische, Englische, Italienische, Katalanische, Dänische, Hebräische, Serbische und wahrscheinlich auch ins Gälische.Iolanda Ventura: Medieval Pharmacy and Arabic Heritage: The Salernitan Collection «Circa instans». In: Micrologus, Band 24 (2016), S. 339–401.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden mehrere Handschriften als „Urfassung“ deklariert, was jeweils in der Folge wieder verworfen wurde. August Wilhelm Henschel ging nach dem Auffinden des Codex Salernitanus davon aus, dass die hier gebotene Fassung die ursprüngliche sei und die Frühdrucke demgegenüber Kürzungen repräsentierten. Dieser Ansicht wurde von Karl Sudhoff widersprochen, da die etwa 160 zusätzlichen Kapitel des Codex in erster Linie Nahrungsmittel und nicht Arzneidrogen betreffen würden. Dem folgte Walter Starkenstein und präsentierte zwei sehr alte Handschriften aus dem Besitz seines Vaters, wobei eine (Starkenstein A, heute New York Botanical Garden MS 11) wohl den ursprünglichen Text enthielte, während die Frühdrucke Erweiterungen bei den Buchstaben A bis C aufwiesen.Walter Starkenstein: Ein Beitrag zur „Circa instans“-Frage. In: Sudhoffs Archiv. Band 27 (1935), S. 370–381 () Claus Beck untersuchte 1940 die im deutschsprachigen Raum entstandenen Handschriften Wien, NB, Cod. 2461, Breslau, UB, Cod. 1302 und Erlangen, UB, Ms. 647. Julius Schuster und sein Schüler Hans WölfelVgl. Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 48–49 (zu den 1939, 1940, 1941 und 1942 von Wölfel, Holler, Beck und Damm publizierten Studien und Textausgaben aus der Berliner Schule von Julius Schuster). hielten die von Wölfel edierte Erlanger Handschrift (Ms. 647, sogenannte Kurzfassung des 13. Jahrhunderts) für dem Urtext nahestehend, was mittlerweile ebenfalls verworfen wurde. Iolanda Ventura hält es auf Basis der erhaltenen Handschriften nicht für möglich, die Urfassung zu identifizieren.

Secreta salernitana Als Secreta salernitana werden mit Illustrationen ausgestattete Versionen des Circa instans, die ab dem 14. Jahrhundert (um 1315 auf Anregung von Philipp dem SchönenGundolf Keil: ‘Circa instans’. In: Lexikon des Mittelalters. Band 2. München 1983, Sp. 2094–2096.) entstanden, bezeichnet.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 160 f. und 241.

Auf der Handschrift Ms. Egerton 747 (das im Britischen Museum aufbewahrte älteste bekannte Manuskript der Secreta salernitana), einer im 14. Jahrhundert (um 1350) unter Verwendung des Pseudo-Apuleius erweiterten und früh illustrierten Fassung des Circa instans-Urtextes, beruhen Text und Illustrationen von Ms. Modena lat. 993 (Handschrift in der Biblioteca Estense), dem sogenannten Tractatus de herbis (genannt auch Secretum salernitanum und ebenfalls zu den bebilderten Vertretern der Secreta Salernitana gerechnet) aus dem Jahr 1458. Im Vergleich zur Vorlage enthält die Handschrift 40 Kapitel mehr als die Egerton-747-Fassung.Felix Andreas Baumann: Das Erbario Carrarese und die Bildtradition des Tractatus de herbis. Ein Beitrag zur Geschichte der Pflanzendarstellung im Übergang vom Spätmittelalter zur Frührenaissance. Bern 1974 (= Berner Schriften zur Kunst. Band 12), S. 100.Bernhard D. Haage, Wolfgang Wegner: Secretum salernitanum, Secreta Salernitana. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1314.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 161–164, 180 f. und 241.

Weitere Secreta-salernitana-Versionen:Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 164–169, 180–182 und 241 f. Codex Palatinus germ. 586 (Biblioteca Nazionale, Florenz), 14. Jahrhundert, basierend auf Ms. Egerton 747 Codex Casanatensis 459 (Apostolische Bibliothek, Vatikan-Stadt), um 1390, textlich basierend auf Cod. Pal. 586. Die Illustrationen stammen aus der Tacuina-sanitatis-Tradition, die ihrerseits Illustrationen aus dem Cod. Pal. 586 übernommen hatte. Codex 604 (oder „Handschrift 604“) der Universitätsbibliothek München (genannt auch „Codex Hommel“ oder „Lexicon plantarum“Rudi Maus: Das 'Lexicon plantarum' (Handschrift 604 der Münchener Universitätsbibliothek). Ein Vorläufer der deutschen Kräuterbuch-Inkunabeln, Teil I. (= Texte und Untersuchungen zur Geschichte der Naturwissenschaften. 2). Würzburg 1941. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Berlin); Gerhard Bahn: Das 'Lexicon plantarum' (Handschrift 604 der Münchener Universitätsbibliothek): Ein Vorläufer der deutschen Kräuterbuchinkunabeln, Teil II. (= Texte und Untersuchungen zur Geschichte der Naturwissenschaften. 3). Würzburg 1941. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Berlin); Werner Thode: Das 'Lexicon plantarum' (Handschrift 604 der Münchener Universitätsbibliothek). Ein Vorläufer der deutschen Kräuterbuch-Inkunabeln, Teil III. Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation. Berlin 1942.), 15. Jahrhundert, Kopie des Codex Casanatensis 459

Eine eigenständige Texttradition, basierend auf dem „Aggregator“, hat hingegen der um 1400 (vor 1404) entstandene Codex Ms. Egerton 2020 (das sogenannte Erbario Carrarese), dessen Anteil an schematischeren Illustrationen aber dem Ms. Egerton 747 entspricht.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 169 und 241.

Nachwirkung mini|links|Inhalte des Circa instans (MS. 626, Blatt 207v–208r. Wellcome Images L0055259, Ende des 15. Jahrhunderts)