Władysław Alexander Dering (* 16. März 1903 in Iwankowce;Geburtsdatum und -ort nach: Oświec̨im Państwowego Muzeum: Zeszyty oświęcimskie, Band 24, 2008, S. 288 † 10. Juli 1965 in London)Wlaclyslaw A. Dering, 62, Dies; Auschwitz Surgeon Sued Urls. In: The New York Times vom 14. Juli 1965, S. 37Sterbejahr und -ort nach Gestorben: Wladyslaw Alexander Dering. In: Der Spiegel, Ausgabe 30/1965 vom 21. Juli 1965, S. 78 war ein polnischer Chirurg und Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besetzung Polens, der im KZ Auschwitz auch dem polnischen Lagerwiderstand angehörte. Als Häftlingsarzt im KZ Auschwitz unterstützte er die Sterilisierungsexperimente des Lagerarztes Horst Schumann an Häftlingen. Nach Kriegsende war er ein gesuchter Kriegsverbrecher und tauchte unter. Bis zum Jahr 1960 diente er zehn Jahre als Arzt in den britischen Kolonien und wirkte danach als Arzt in London.

Leben

Studium, Beruf und Widerstand gegen die deutsche Besetzung Polens Dering absolvierte an der Medizinischen Universität Warschau ein Medizinstudium, das er 1928 abschloss. Anschließend praktizierte der auf Gynäkologie und Geburtshilfe spezialisierte Chirurg in Warschau, wo er eine Privatpraxis betrieb und Vertragsarzt an einem örtlichen Krankenhaus war.

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs diente er während des sowjetischen Angriffs auf Polen als Militärchirurg im Rang eines Hauptmanns in der polnischen Armee. Er geriet im September 1939 in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er jedoch entweichen konnte. Danach kehrte er nach Warschau zurück, das nach dem Überfall auf Polen durch die Wehrmacht besetzt war. Dering nahm seine Arzttätigkeit wieder auf und schloss sich der konspirativ agierenden Tajna Armia Polska (dt. Geheime polnische Armee, kurz TAP) an, bei der er den Gesundheitsdienst leitete. Seine Wohnung soll ein konspiratives Zentrum für Widerstandsaktivitäten gewesen sein. Nach Aufdeckung dieser Untergrundorganisation wurde er am 3. Juli 1940 durch die Gestapo festgenommen und misshandelt.Jack Winocour: Points of the Compass. A Ha’penny & the truth. The Dering’s Trial in London. In: Encounter, August 1964, S. 72Bogdan Musiał: »Lagermedizin« in Auschwitz. Funktion und Dilemmata der Häftlingsärzte 1940–1945, Hamburg 2024, S. 274 Seine Ehefrau Krystina Ossowska-Dering wurde ebenfalls von der Gestapo festgenommen.Bogdan Musiał: »Lagermedizin« in Auschwitz. Funktion und Dilemmata der Häftlingsärzte 1940–1945, Hamburg 2024, S. 275ff.

Häftlingsarzt im KZ Auschwitz mini|Władysław Alexander Dering 1943 in KZ-Häftlingskleidung Am 15. August 1940 wurde er aus Warschau mit 1500 weiteren Inhaftierten in das KZ Auschwitz eingewiesen. Aus Angst, als Angehöriger der polnischen Intelligenz ermordet zu werden, verschwieg er zunächst seine medizinische Qualifikation. Dering erhielt im Lager die Häftlingsnummer 1.723.Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen und Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon, Frankfurt am Main 2013, S. 90 In Auschwitz musste er zunächst Zwangsarbeit verrichten.Robert Jay Lifton: Ärzte im Dritten Reich, Klett-Cotta, Stuttgart 1988, S. 283 Im Lager schloss er sich der polnischen Lagerwiderstandsorganisation Vereinigung militärischer Organisationen (pln. Związek Organizacji Wojskowej, kurz ZOW) unter der Leitung Witold Pileckis an, zu dessen engsten Vertrauten er gehörte. Er war später als Pfleger und schließlich, nach dem Bekanntwerden seiner medizinischen Qualifikation, ab Sommer 1941 als Leiter der chirurgischen Abteilung (Block 21) im Häftlingskrankenbau (HKB) des Stammlagers des KZ Auschwitz tätig. Der bei den Häftlingen und Lagerärzten gleichermaßen anerkannte Mediziner half vielen Landsleuten. Als er von dem Lagerarzt Friedrich Entress einmal die Weisung erhielt, einem Häftling eine Injektion zu verabreichen, spritzte er dem Häftling Phenol, ohne zu wissen, um welche Substanz es sich handelte. Als der Häftling nach wenigen Sekunden starb, weigerte er sich, weiterhin Spritzen zu verabreichen. Er wurde nicht bestraft. Dering widersprach dieser von einem überlebenden Häftlingsarzt nach der Befreiung aus dem KZ Auschwitz getätigten Aussage, insofern er angab, die Spritze nicht gegeben zu haben.

Lagerältester im Häftlingskrankenbau und Teilnahme an Menschenversuchen Nachdem der Krankenbauälteste des HKB Ludwig Wörl Ende August 1943 in den Bunker des Blocks 11 gesperrt worden war, übernahm Dering auf Weisung des SS-Standortarztes Eduard Wirths dessen Funktion. Normalerweise wurden Ärzte nicht für diesen Posten ausgewählt, doch genoss er aufgrund seines fachlichen Könnens und seines Selbstbewusstseins das Vertrauen der deutschen Lagerärzte.Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1980, ISBN 3-548-33014-2, S. 255 f. Unter Derings Leitung kam es zunehmend zu einer Verbesserung der medizinischen Versorgung im Häftlingskrankenbau. Wie andere Angehörige des polnischen Lagerwiderstandes misstraute Dering deutschen und kommunistischen Häftlingen.

Von den Lagerärzten Carl Clauberg und Horst Schumann wurde er schließlich als fachlich versierter Chirurg zu den Sterilisationsexperimenten an Häftlingen herangezogen und wirkte eifrig an den Menschenversuchen mit. Um einen Nachweis für die Effektivität von Schumanns Sterilisierungen mittels Röntgenstrahlen zu führen, entnahm Dering für pathologische Untersuchungen jüdischen Häftlingen die bestrahlten Hoden und Eierstöcke. Bei den Operationen stellte er Geschwindigkeitsrekorde auf und unterließ dabei schließlich sogar die Sterilisierung des Operationsbestecks. Hermann Langbein, wie auch andere Auschwitzüberlebende, attestierte ihm eine „arrogant antisemitische Einstellung den Opfern gegenüber“.Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1980, ISBN 3-548-33014-2, S. 256. Dering soll einem jüdischen Häftling, der gegen die geplante Entfernung seiner Hoden protestiert hatte, gesagt haben: „Hör auf zu kläffen wie ein Hund, du musst sowieso sterben“. Aus dem Hodensack eines Sterilisationsopfers ließ er sich laut Langbein einen Beutel gerben, den er als Tabakbeutel nutzte und auch stolz Mithäftlingen zeigte. Der Häftlingsarzt Andre Lettich gab nach Ende des Zweiten Weltkrieges folgende Einschätzung zu Dering ab: „Dieser Chirurg operierte mit einer ziemlich großen Brutalität. Die Patienten erhielten eine leichte örtliche Betäubung, ihre Schreie waren entsetzlich zu hören. Oft wurden zwei Keimdrüsen gleichzeitig entnommen. Viele dieser Unglücklichen starben schnell an diesen Operationsfolgen.“Zitiert bei: Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen und Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon, Frankfurt am Main 2013, S. 90 Dering war auch Informant der Politischen Abteilung. Einen ihm missliebigen jüdischen Häftlingsarzt und einen Pfleger soll er ohne Selektion in die Gaskammer geschickt haben.Robert Jay Lifton: Ärzte im Dritten Reich, Klett-Cotta, Stuttgart 1988, S. 284

Entlassung aus dem KZ Auschwitz und Kriegsende Dering beantragte die Aufnahme in die Deutsche Volksliste und wurde daraufhin im Januar 1944 aus dem KZ Auschwitz entlassen. Dies geschah im Einvernehmen mit der polnischen Lagerwiderstandsbewegung, damit er überleben und künftig Zeugnis über die nationalsozialistischen Völkermorde ablegen könnte. Nach seiner Entlassung wurde er an Claubergs Frauenklinik in Königshütte dienstverpflichtet, wo er ein Jahr bis zum Einmarsch der Roten Armee blieb. Kurz darauf geriet er in sowjetische Internierung, aus der er nach acht Tagen entlassen wurde. Er kehrte nach Warschau zurück.

Nachkriegszeit – Gesuchter Kriegsverbrecher Befreundete Auschwitzüberlebende in Warschau warnten ihn vor Ermittlungen, welche ein jüdisches Komitee gegen als Kriegsverbrecher Verdächtigte durchführte. Unter den Gesuchten befand sich auch Dering.Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1980, ISBN 3-548-33014-2, S. 257. Er organisierte sich gefälschte Ausweispapiere mit neuer Identität und bestritt seinen Lebensunterhalt zeitweise als Landarbeiter. Im Sommer 1945 verließ er Polen und schloss sich im Dezember 1945 den Truppen von Władysław Anders an, die zunächst noch in Italien und später in Großbritannien stationiert waren. Er war ab August 1946 im polnischen Militärhospital in Huntington als Geburtshelfer tätig. Schließlich wurde er im Januar 1947 wegen seiner Tätigkeit als Häftlingsarzt verhaftet und im Gefängnis Brixton inhaftiert. Seit 1945 stand er auf der Kriegsverbrecherliste der United Nations War Crimes Commission. In der Tschechoslowakei, Frankreich und Polen wurde er als Kriegsverbrecher gesucht. Nun forderte auch Polen von Großbritannien die Auslieferung Derings. Zuvor hatten bereits Frankreich und die Tschechoslowakei seine Auslieferung beantragt.Frederick Kuh: Poles Protest Britain’s Stalling on Auschwitz Killer. In: New York PM Daily, Ausgabe vom 23. November 1947, S. 11 Ein Kastrationsopfer und Auschwitzüberlebender war Ende August 1948 zur Gegenüberstellung mit Dering vorgeladen worden, konnte ihn aber nicht identifizieren. Daraufhin wurde Dering aufgrund unzureichender Beweislage nicht ausgeliefert und aus der Haft entlassen.Jack Winocour: Points of the Compass. A Ha’penny & the truth. The Dering’s Trial in London. In: Encounter, August 1964, S. 73

Arzt im britischen Kolonialdienst und Rückkehr nach Großbritannien Er wurde nach seiner Entlassung als Arzt in den britischen Kolonien tätig und leitete ein Hospital in Hargeysa (Britisch-Somaliland). Für seinen zehnjährigen Kolonialdienst wurde er 1960 mit dem Orden des British Empire ausgezeichnet, nachdem er bereits zuvor die britische Staatsangehörigkeit erlangt hatte. Nach seiner Rückkehr zog er im Frühjahr 1960 nach Ealing, wo er ein Haus erworben hatte und zusammen mit seiner zweiten Ehefrau und seiner Stieftochter lebte. Seine erste Frau hatte, nachdem sie von seiner Tätigkeit in Auschwitz erfahren hatte, sich bald nach Kriegsende von ihm scheiden lassen. Mit dem ihm bereits aus Warschau bekannten Arzt Jan Gajek betrieb er im Norden Londons eine Praxisgemeinschaft.Jack Winocour: Points of the Compass. A Ha’penny & the truth. The Dering’s Trial in London. In: Encounter, August 1964, S. 71

Verleumdungsprozess gegen Uris und andere