miniatur|Laubobers Leichenbegängnis(Würzburg 1825) Akademische Leichenbegängnisse waren Trauerzüge zur Ehrung verstorbener Professoren und Studenten.J. Vollmann (= Johann Grässli): Burschicoses Wörterbuch. Ragaz 1846, S. 300; Neuauflage mit Vorwort, WHB Verlag, Mönchengladbach 2020, ISBN 978-3-943953-02-2Konrad Burdach: Studentensprache und Studentenlied in Halle vor hundert Jahren. Neudruck des Idiotikon der Burschensprache, aus: "Bemerkungen eines Akademikers über Halle und dessen Bewohner, in Briefen" von Christian Friedrich Bernhard Augustin, Niemeyer, Halle/Saale 1894, S. 73, online Der Brauch stammt aus dem 13. Jahrhundert und hielt sich an deutschen Universitäten vereinzelt bis in die Zeit der Weimarer Republik.
Geschichte und Bedeutung Beerdigung eines Sachsen-Preußen (E. Fries, 1861)|mini Bereits in der Zeit der Mittelalterlichen Universitäten ist der Brauch des Leichenbegängnisses im speziell universitären Kontext belegt: So wurden beispielsweise bereits um 1200 förmliche Statuten für Leichenbegängnisse an der Universität Paris eingeführt.Georg Kaufmann: Geschichte der deutschen Universitäten. Band I: Vorgeschichte. Graz 1958, S. 250–251Jens Blecher: Hoch geehrt und viel getadelt. Die Leipziger Universitätsrektoren und ihr Amt bis 1933, in: Franz Häuser (Hg.): Die Leipziger Rektoratsreden 1871–1933, Bd. 1: Die Jahre 1871–1905 Berlin, New York 2009, S. 7–8 Über lange Zeit waren sie die einzige Form universitärer Selbstdarstellung.Mathias Kotowski: Die öffentliche Universität. S. 130 Mithilfe der in Folge abgedruckten dort gehaltenen Leichenpredigten konnten sich die Universitäten auch überregional darstellen.Vgl. Horst Schmidt-Grave: Leichenreden und Leichenpredigten Tübinger Professoren (1550–1750). Untersuchungen zur biographischen Geschichtsschreibung in der frühen Neuzeit. Tübingen 1974 Für einen im Amt gestorbenen Rektor (Prorektor) wurden besonders aufwändige Leichenbegängnisse abgehalten.Marian Füssel: Akademische Solennitäten. Universitäre Festkulturen im Vergleich, in: Michael Maurer (Hrsg.): Festkulturen im Vergleich. Inszenierungen des Religiösen und Politischen. Köln, Weimar, Wien 2010, S. 49 f.
Das Recht auf ein eigenständiges Leichenbegängnis gehörte für die Studentenschaft zur Akademischen Freiheit: Für den verstorbenen Kirchenrechtler Johann Salomon Brunnquell (1735) richtete die Universität Göttingen ein Leichenbegängnis aus. Die Studenten sollten gemeinsam mit Bürgern der Stadt hinter dem Stadtrat marschieren. Auf ihren Protest blieb der Rat dem Leichenbegängnis fern; er entschuldigte sich bei den Studenten.Stefan Brüdermann: Studenten als Einwohner der Stadt. In: Göttingen. Geschichte einer Universitätsstadt. Band 2: Vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Anschluss an Preußen. Göttingen 2002, S. 424 f. ().Stefan Brüdermann: Göttinger Studenten und akademische Gerichtsbarkeit Im 18. Jahrhundert. Göttingen 1990, S. 252 Aufgrund dieser Abgrenzung von Student und Bürger entwickelte sich ein studentischer Brauch, der sich von den Leichenbegängnissen unterschied. Historisch bedeutsam ist vor allem die Tatsache, dass mit studentischen Leichenbegängnissen nicht nur herausragende Persönlichkeiten geehrt wurden, sondern auch während des Studiums gestorbene Studenten. Das betonte und verdeutlichte die Sonderstellung der Studenten in der Gesellschaft bis in das 19. Jahrhundert.
In welcher Reihenfolge ein Leichenbegängnis (auch akademische Totenweihe, burschikose Abfahrt oder Sprung in’s Dunkle) stattfinden sollte, war in der Studentenschaft immer wieder umstritten. Um sie prügelten sich Tübinger Studenten beim Leichenbegängnis für den Kanzler Johann Friedrich Cotta am 4. Januar 1780, was für den Anführer eine Karzerstrafe nach sich zog.Hans-Wolf Thümmel: Die Tübinger Universitätsverfassung im Zeitalter des Absolutismus. Tübingen 1975, S. 398 Üblicherweise war der Pedell für die Ausrichtung der akademischen Leichenbegängnisse verantwortlich.Silke Wagener: Pedelle, Mägde und Lakaien. Dissertation, Universität Göttingen 1994, S. 272 Vollmann schildert in seinem Burschicosen Wörterbuch das Leichenbegängnis für einen gestorbenen Studenten, das Kommilitonen bei der Universität angemeldet hatten:
Während eines akademischen Leichenbegängnisses durften keine Vorlesungen stattfinden.August Tholuck: Das akademische Leben des siebzehnten Jahrhunderts. Halle 1853, S. 125.
Bonn Ein Leichenbegängnis an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn wurde im Sommersemester 1894 zum Schauplatz des Kulturkampfes. Obwohl ihnen die Teilnahme untersagt worden war, drängten sich die aus der Vollversammlung der Studentenschaft ausgetretenen katholischen Verbindungen in den Trauerzug für Emil Dreisch, Professor an der Landwirtschaftlichen Akademie Poppelsdorf. Aus Furcht vor ähnlichen Demonstrationen und möglichen Schlägereien untersagte die Universitätsleitung im Sommersemester 1896 aus Anlass des Leichenbegängnisses für Carl Maria Finkelnburg der gesamten Studentenschaft die Teilnahme am Leichenzug.Dominik Geppert: Kaiser-Kommers und Bismarck-Kult. Bonner Studierende im Kaiserreich. In: Thomas Becker (Hrsg.): Bonna Perl am grünen Rheine. Studieren in Bonn von 1818 bis zur Gegenwart. Bonn University Press bei Vandenhoeck & Ruprecht unipress, 2013, ISBN 9783847001317, S. 83–104, hier S. 94 f.
Göttingen miniatur|hochkant|Grabmal Adolph von Stralendorffs Viele Studenten der Georg-August-Universität Göttingen, darunter Karl von Hahn und Adolph von Stralendorff, wurden mit Leichenbegängnissen geehrt. Ihre Grabmale auf dem Bartholomäusfriedhof sind erhalten. Für die Zeit von 1735 bis 1800 sind 294 studentische Leichenbegängnisse für die Universität Göttingen dokumentiert. Henry Wadsworth Longfellow berichtete in der handschriftlich von amerikanischen Studenten in Göttingen herausgegebenen Old Dominion Zeitung über ein solches Begräbnis im Februar 1829.Wolfgang Gresky: Das Begräbnis des Burschen (1829) – zum Totensonntag (20. November). In: Göttinger Monatsblätter. November 1977, S. 4–5 unter Hinweis auf SUB Göttingen Cod. Ms. hist. lit. 20 h Ablauf und Kleidung von studentischen Leichenbegängnissen waren im Comment des Göttinger Senioren-Convents festgelegt:14 der ältesten SC-Komments vor 1820. Einst und Jetzt, Sonderheft 1967, S. 132 f.
Die Chapeaux d’honneur beschreibt Daniel Ludwig Wallis in seinem studentischen Wörterbuch Gebräuchlichste Ausdrücke und Redensarten der Göttinger Studenten 1813VI. Abschnitt zu Der Göttinger Student, oder Bemerkungen, Rathschläge und Belehrungen über Göttingen und das Studentenleben auf der Georgia Augusta. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1813, S. 97 ff. Digitalisat wie folgt:
Tübingen An der Eberhard Karls Universität Tübingen waren Leichenbegängnisse in der akademischen Leichenordnung geregelt.Leichenordnung des akademischen Senats. Tübingen 1853 Am Leichenbegängnis für den Orientalisten Christian Friedrich Seybold am 29. Januar 1921 nahmen danach die offiziellen Vertreter in Amtstracht teil. Die Reihenfolge im Trauerzug war wie folgt festgesetzt:Mathias Kotowski: Die öffentliche Universität. S. 136 f.
Musikkapelle Leichenwagen Dritter Pedell Studenten Zweiter Pedell Zu Fuß gehende Beamte und Lehrer der Universität Sonstige zu Fuß gehende Leidtragende Wagen mit den fungierenden Geistlichen und den nächsten Anverwandten Wagen der Universitätsvertreter Wagen der geladenen Ehrengäste Wagen etwaiger weiterer Universitätsvertreter (Fakultäten) Wagen der von der Familie geladenen Teilnehmer
Literatur Mathias Kotowski: Die öffentliche Universität. Veranstaltungskultur der Eberhard-Karls-Universität Tübingen in der Weimarer Republik. Stuttgart 1999, S. 130–146 Bericht über das akademische Leichenbegängnis von Anton Friedrich Justus Thibaut in Heidelberg am 1. April 1840: Frankfurter Konversationsblatt: Belletristische Beilage. Frankfurt am Main 1840, S. 388. Johann Georg Krünitz et al.: Ökonomisch-technologische Encyclopädie, oder Allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- und Land-Wirthschaft, wie auch der Erdbeschreibung, Kunst- und Naturgeschichte, in alphabetischer Ordnung. Band 74. Joachim Pauli, Berlin 1798. S. 142.
Weblinks Leichenbegängnis für Immanuel Kant an der Albertus-Universität
Einzelnachweise
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