Die philosophische Ästhetik ist die Theorie der ästhetischen Phänomene in ihrer Gesamtheit. Sie unterliegt wie kaum eine andere philosophische Disziplin sehr unterschiedlichen Einschätzungen. Während man ihr auf der einen Seite einen massiven Bedeutungsverlust attestiert, wird andererseits der Anspruch erhoben, sie beerbe dasjenige, was traditionell die „Erste Philosophie“ genannt wurde.Vgl. Günther Pöltner: Philosophische Ästhetik, Stuttgart 2008, S. 13 Diese Unklarheit spiegelt sich auch in ihrem Gegenstandsbereich wider, der von Anfang an umstritten war. Bis zum 19. Jahrhundert waren dies das Schöne, das Erhabene, die Kunst oder die sinnliche Erkenntnis. All diese Definitionsversuche werden in der Gegenwart von zahlreichen Philosophen als inadäquat angesehen.

Der Gegenstandsbereich der philosophischen Ästhetik überschneidet sich mit dem anderer wissenschaftlicher Disziplinen wie der Psychologie, Soziologie, Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Kunstkritik. Gegenüber diesen unterscheidet sich die philosophische Ästhetik aber in ihren Fragestellungen und den Methoden. Ihre Fragestellungen sind von allgemeiner Natur; sie untersucht das Phänomen des Ästhetischen im Allgemeinen; es ist nicht ihre Aufgabe einzelne ästhetische Gegenstände zu analysieren und zu bewerten. Die philosophische Ästhetik ist keine empirische Disziplin; sie entscheidet ihre Fragen nicht durch Beobachtung und Experiment, sondern durch Analyse der allgemein verwendeten ästhetischen Begriffe.

Begriffsgeschichte

Der Begriff Ästhetik wurde erstmals von Alexander Gottlieb Baumgarten in seinem 1750 veröffentlichten Werk Aesthetica eingeführt, wo er Ästhetik als die „Wissenschaft von der sinnlichen Erkenntnis“ definierte.Alexander Gottlieb Baumgarten: Aesthetica § 1. Mit „sinnlicher Erkenntnis“ meinte Baumgarten die Erkenntnis durch die sinnliche Wahrnehmung. Baumgarten wird darum häufig als Begründer der „philosophischen Ästhetik“ angesehen, obwohl sich schon in der Antike Philosophen wie Platon und Aristoteles mit dem Thema beschäftigten.

Die heutige Ästhetik hat drei Wurzeln:Vgl. Franz von Kutschera: Ästhetik, Berlin 1988, S. 1–3 Seit Georg Wilhelm Friedrich Hegel versteht sie sich vor allem als Philosophie der Kunst. Nach einer zweiten Bestimmung ist sie Theorie des Schönen, und nachdem im 18. Jahrhundert zuerst das Erhabene und dann das Prächtige, Elegante, Anmutige sowie auch das Hässliche, Groteske etc. als weitere Themen hinzukamen, allgemein eine Theorie ästhetischer Werte, ihrer Erfahrung und Beurteilung.

Das Wort „Ästhetik“ wurde von Alexander Gottlieb Baumgarten geprägt, der in seiner Dissertation Meditationes philosophicae de nonnullis ad poema pertinentibus (1735) das Programm einer Ästhetik als einer eigenen philosophischen Disziplin entwarf. Sein Fragment gebliebenes Hauptwerk Aesthetica ist der Versuch, dieses Programm systematisch auszuführen. Baumgarten wollte der Logik, die er als Lehre von der Verstandeserkenntnis begriff, eine Lehre von der sinnlichen Erkenntnis, der Aisthesis zur Seite stellen. Er war einer der ersten, die gegenüber der einseitigen Wertschätzung rationaler, begrifflicher Erkenntnis in der Aufklärung den Eigenwert und die besondere kognitive Leistung sinnlich anschaulichen Erlebens betonten. Zu einer solchen Ästhetik gehörte für ihn auch eine Theorie des Ausdrucks solcher sinnlicher Erkenntnis. Er betonte, dass für die Vermittlung sinnlicher Erkenntnis die Form ihres Ausdrucks sehr viel wichtiger sei als im Fall der Verstandeserkenntnis.

Diese drei Bestimmungen der Ästhetik als Theorie des Schönen, der Kunst und der sinnlichen Erkenntnis hängen historisch eng miteinander zusammen. Für Hegel fiel die Philosophie der Kunst im Wesentlichen mit einer Theorie des Schönen zusammen, da Schönheit für ihn ein wesentliches Merkmal von Kunstwerken darstellte. Für Baumgarten war die ästhetische Erfahrung das zentrale Thema der Theorie sinnlicher Erkenntnis. Seine Ästhetik sollte insbesondere die Grundlage für eine Theorie der schönen Künste liefern.

Seit dem 19. Jahrhundert wurden diese Theorien jedoch als inadäquat bezeichnet, da sie entweder nicht alle Bereiche der Ästhetik beinhalten oder gar Sachverhalte beschreiben, die über die Ästhetik hinausgehen. In der Analytischen Philosophie werden heute als wesentliche Aufgaben der philosophischen Ästhetik die Klärung ihrer zentralen Begriffe wie „ästhetisches Erlebnis“, „ästhetischer Gegenstand“ und „ästhetische Eigenschaft“ angesehen.Vgl. Maria E. Reicher: Einführung in die philosophische Ästhetik, Darmstadt 2005, S. 32

Gegenstände der philosophischen Ästhetik

Probleme der traditionellen Definitionen

Theorie der Kunst Die erste traditionelle Definition der Ästhetik als Theorie der Kunst wird häufig als zu eng kritisiert.Zu einem kritischen Überblick über die traditionellen Auffassungen zu den Gegenständen einer philosophischen Ästhetik vgl. Maria E. Reicher: Einführung in die philosophische Ästhetik, Darmstadt 2005, S. 13–16 Zwar mache die Kunst einen wesentlichen Bestandteil der Ästhetik aus, da viele ästhetische Erlebnisse auf Kunstwerken basieren. Es gebe aber auch ästhetische Erfahrungen, welche nicht ausschließlich durch Kunstwerke hervorgerufen werden. Hierzu zählen Ereignisse in der Natur, die in der ästhetischen Literatur oft „das Naturschöne“ genannt werden. Z. B. kann durch einen Regenbogen ein ästhetisches Erlebnis ausgelöst werden, obwohl er ausschließlich durch natürliche Umstände entstanden ist. Aber auch alltägliche Dinge wie z. B. ein liebevoll gedeckter Frühstückstisch können auf den Betrachter ästhetisch wirken.

Theorie des Schönen mini|Caravaggios Gemälde „Medusa“ gilt zwar nicht als schön, aber trotzdem als Kunstwerk. Gegen die traditionelle Auffassung der Ästhetik als Theorie des Schönen wird vorgebracht, dass es ästhetisch relevante Fragen gebe, die nichts mit Schönheit zu tun haben wie z. B. das Problem der Authentizität von Aufführungen, oder das Problem der Beziehung zwischen Originalen und Fälschungen. Zum anderen können auch nicht-schöne Gegenstände Gegenstand der Ästhetik sein. So werden in der Kunst viele Gegenstände allgemein als Kunstwerke anerkannt, die nicht als schön oder sogar als hässlich gelten (z. B. Caravaggios Gemälde Medusa, die Arbeiten der Wiener Aktionisten in den 1960er Jahren, die Bilder Gottfried Helnweins, die Karikaturen von Manfred Deix). Weiterhin wird eingewandt, dass es neben „schön“ und „hässlich“ noch andere Eigenschaften von Gegenständen gebe, die uns ästhetisch berühren können wie z. B. „anmutig“, „erhaben“, „anrührend“, „poetisch“, „kitschig“, „sinnlich“, „ausdrucksstark“, „seicht“, „langweilig“, „humorvoll“.

Theorie des Erhabenen Während Kant den Begriff des Erhabenen allein für übermächtige Naturphänomene verwendete, hat Edmund Burke mit seiner Schrift Philosophische Untersuchung über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen (1757) neben dem Schönen das Erhabene als zweite Grundkategorie der Ästhetik eingeführt.

Theorie der sinnlichen Erkenntnis An der historisch sehr wirkmächtigen Bestimmung der sinnlichen Erkenntnis als Gegenstand der Ästhetik wird kritisiert, dass sie zum einen zu weit sei, da nicht jedes Wahrnehmungserlebnis ein ästhetisches Erlebnis ist, da die Erkenntnis ästhetischer Qualitäten nur einen von vielen Aspekten der Sinneswahrnehmungen ausmache. Zum anderen sei diese Definition aber zu eng, da nicht jedes ästhetische Erlebnis auf einem Wahrnehmungserlebnis beruhe. So hätten z. B. literarische Texte ästhetische Qualitäten (wie zum Beispiel Spannung, Poesie und Witz), die nur zum Teil auf Sinnesqualitäten zurückgeführt werden können.

Moderne Definitionen Maria Reicher definiert Ästhetik als „Theorie der ästhetischen Erfahrung, der ästhetischen Gegenstände und der ästhetischen Eigenschaften“.Maria E. Reicher: Einführung in die philosophische Ästhetik, Darmstadt 2005, S. 17f. Eine ästhetische Erfahrung ist dabei eine Erfahrung, die „das Erfassen einer ästhetischen Eigenschaft einschließt“, ein ästhetischer Gegenstand ein Gegenstand, der „(mindestens) eine ästhetische Eigenschaft hat“.

Ästhetische Erfahrungen Bestandteile ästhetischer Erfahrungen +Schema der Auffassungen zu Aufbau und Grund ästhetischer ErfahrungenKomponenten der ästhetischen Erfahrung Grund der ästhetischen Erfahrung Wahrnehmung Eigenschaften des wahrgenommenen Objekts Einstellungen des wahrnehmenden Subjekts Wahrnehmung + ästhetisches Gefühl Eigenschaften des wahrgenommenen Objekts Einstellungen des wahrnehmenden Subjekts

Es ist umstritten, ob sich ästhetische Erfahrungen von nicht-ästhetischen Erfahrungen unterscheiden. Eine Reihe von Ästhetikern ist der Ansicht, dass ästhetische Erfahrungen Wahrnehmungserlebnisse sind. Nach dieser Ansicht kann es eine bestimmte ästhetische Erfahrung ohne eine gleichzeitig stattfindende Sinneswahrnehmung nicht geben. Art und Intensität des ästhetischen Erlebnisses hängen von den betreffenden Sinneswahrnehmungen ab. Eine Veränderung der Sinneswahrnehmungen zieht eine Veränderung des ästhetischen Erlebnisses nach sich.Vgl. Maria E. Reicher: Einführung in die philosophische Ästhetik, Darmstadt 2005, S. 36. Kritiker dieser Ansicht argumentieren, dass nicht jeder ästhetischen Erfahrung ein Wahrnehmungserlebnis zugrunde liegen muss. So seien z. B. die mit dem Lesen verbundenen Sinneswahrnehmungen nicht direkt verantwortlich für die ästhetischen Erlebnisse, die man beim Lesen hat.

Viele Ästhetiker vertreten dagegen die Auffassung, dass ästhetische Erlebnisse eine komplexe Struktur aufweisen und neben der Wahrnehmung noch ein „ästhetisches Gefühl“ als psychisches Phänomen hinzukommen muss. Meist werden mindestens zwei verschiedene ästhetische Gefühle unterschieden: ein positives („Gefallen“) und ein negatives („Missfallen“). Diskutiert wird dabei, ob ästhetische Gefühle gegenüber anderen Gefühlen eine besondere Qualität aufweisen, die sie zu ästhetischen Gefühlen macht. Gibt es z. B. einen qualitativen Unterschied zwischen einem ästhetischen (z. B. mir gefällt ein Bild) und einem moralischen Gefallen (z. B. mir gefällt ein bestimmtes Verhalten meines Kindes)? Eine damit zusammenhängende Frage ist, ob den verschiedenen ästhetischen Erfahrungen jeweils verschiedene ästhetische Gefühle entsprechen. Korrespondieren zwei unterschiedliche ästhetische Erfahrungen – wie z. B. eine Anmuts- und eine Harmonieerfahrung – jeweils mit unterschiedlichen Gefühlen oder ist der Unterschied nur in der jeweils wahrgenommenen ästhetischen Eigenschaft begründet?

Subjektive und objektive Erklärung der ästhetischen Erfahrung Neben den Komponenten einer ästhetischen Erfahrung ist die Herkunft ihres spezifisch ästhetischen Charakters umstritten. Es existieren dazu objektive und subjektive Modelle ästhetischer Erfahrung, wobei diese auch in Kombination auftreten können. Nach den objektiven Modellen unterscheiden sich ästhetische Erfahrungen von nicht-ästhetischen durch die Eigenschaften ihrer Gegenstände. So ist es z. B. die Eigenschaft einer Landschaft, schön oder trist zu sein. Subjektive Modelle dagegen erklären den spezifischen Charakter einer ästhetischen Erfahrung – wie z. B. die Schönheit oder Tristheit einer Landschaft – durch die (ästhetische) Einstellung des wahrnehmenden Subjekts.

Interesseloses Wohlgefallen und psychische Distanz In der philosophischen Ästhetik wurde immer wieder versucht, über das Besondere der ästhetischen Einstellung Klarheit zu gewinnen.Siehe