Konstantinos Minas, auch Minou ( oder ; im Erwachsenenalter meist oder , auch oder – so meist im Deutschen; französische Namensformen: ;Zu den Namensformen vgl. H. Omont 1916, 337–338; 2001, 219 Anm. 1; die archaisierende Namensbildung mit dem Suffix war in gelehrten Kreisen Griechenlands zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Mode, vgl. 1971, 403; die Schreibung mit lateinischem y verdankt sich der Ähnlichkeit des gedruckten y mit dem handschriftlichen griechischen Buchstaben η, so Julius Jüthner: Der Gymnastikos des Philostratos. Eine textgeschichtliche und textkritische Untersuchung. In: Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Classe der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Band 145, 1I. Abhandlung, Wien 1903, S. 4 Anm. 2; . * 1. Dezember 1788 in Edessa; † 30. Dezember 1859 in ParisDie bei Höfer 1861, 599 angeführten Lebensdaten: „né vers 1790, mort en février 1860“ sind ungenau und unzutreffend. Genauere Informationen über die Unklarheiten, die offenbar auf Minas selbst zurückgehen, bei H. Omont 1916, 338.) war ein griechischer Philosophie- und Rhetoriklehrer, Philologe, Übersetzer, Dichter und Handschriftenaufkäufer.
Leben 1788 bis 1819: Erziehung und Laufbahn in GriechenlandDie biographischen Angaben im Abschnitt zum Leben beruhen im Wesentlichen auf H. Omont 1916, 337–340; Γ. Κουτζακιώτης 2001, 219–222.
Minas besuchte das seiner Heimatstadt Edessa und anschließend die Athonitische Akademie sowie die griechische Schule von Chios. Einer seiner Lehrer war Athanasios von Paros.Vgl. den Eintrag auf www.orthodoxwiki.org unter dem Stichwort . Seine in byzantinischer Tradition stehende Ausbildung umfasste Grammatik, Rhetorik, Poetik, Philosophie (Logik, Ethik, Metaphysik), Mathematik und Theologie. Nach Beendigung seiner Studien kehrte er 1811 nach Makedonien zurück und wurde zunächst Lehrer, dann auch Leiter der Schule von Meleniko. Dort war Anastasios Polyzoidis einer seiner Schüler. 1815 unterrichtete er in der Schule des Volkes () in Thessaloniki und übernahm im selben Jahr auf Einladung von Chrysanthos, dem damaligen Metropoliten von Serres, die Leitung der Schule in Serres. Er lehrte dort von 1815 bis 1819 Rhetorik und Philosophie, war aber auch mathematisch begabt. In dieser Zeit erstellte er zudem einen Katalog der Handschriften des Klosters des Timios Prodromos von Serres (), stand mit Adamantios Korais im Briefwechsel und übersetzte die Mathematik des Louis-Benjamin Francoeur ins Griechische (er hatte auch eine Übersetzung eines Werkes von Jean-François Callet zu den Logarithmen geplant). In Serres hatte Minas zudem eine private Bibliothek von 182 Bänden zusammengebracht.
1819 bis 1840: Berufliche Tätigkeit in Paris und politisches Engagement für den griechischen Unabhängigkeitskampf
1819 reiste Minas über Marseille nach Paris. Vermutlich zwang ihn die politische Situation in Griechenland zu diesem Schritt; ein Teil seiner Familie war nach seinen Angaben während der von Yussuf Pascha befohlenen Massaker umgekommen.Zur Quelle, einem Brief von Minas an Prosper Faugère, den Sekretär des Ministers Villemain, siehe H. Omont 1916, 338. In Paris gab er mit offizieller Erlaubnis des Bildungsministeriums von 1822 an Unterricht in altgriechischer Sprache und Literatur und verfasste philologische Abhandlungen zur richtigen Aussprache des Griechischen sowie zur griechischen Grammatik. Gleichwohl war er offenbar relativ wenig vertraut mit der westlichen Gelehrsamkeit auf gräzistischem Gebiet. Nach verschiedenen Bemühungen, eine Anstellung zu erreichen, wurde er 1831 mit Forschungsarbeiten und Handschriftenkollationen unter der Leitung von Karl Benedikt Hase in der Bibliothèque Royale beauftragt. Daneben stand er in dieser Zeit mit dem Comité Philhellénique von Paris in Verbindung und verfasste Pamphlete zur Unterstützung des griechischen Unabhängigkeitskampfs. Nach dessen Gelingen unterstützte er Ioannis Kapodistrias in dessen Auseinandersetzung mit Adamantios Korais um die Errichtung eines Bildungswesens in dem neuen Staat. Damit hatte er großen Einfluss auf die französische Außenpolitik der Zeit. Minas arbeitete in dieser Zeit als Übersetzer für das französische Außenministerium. Für seine Dienste um den französischen Staat ernannte Charles X. ihn zum Ritter der Ehrenlegion. Minas dichtete eine auf den König und schrieb ein pindarisches Gedicht in altgriechischer Sprache mit dem Titel Canaris auf den griechischen Seehelden Konstantinos Kanaris, das einem hellenophilen Gönner, dem Schweizer Bankier Jean-Gabriel Eynard, gewidmet war.
1840 bis 1855: Drei Reisen nach Griechenland im Auftrag des französischen Bildungsministeriums zum Zweck von Handschriftenankäufen
Im Zeitraum von 1840 bis 1855 unternahm Minas im offiziellen Auftrag und auf Rechnung des Ministère de l’Instruction publique drei wissenschaftliche Reisen zur Erforschung von Handschriften im Besitz orthodoxer Klöster. Einen Antrag zur Unterstützung einer Forschungsreise zu den Klöstern des Berges Athos, Makedoniens und Thessaliens hatte er im Jahr 1838 selbst gestellt. Diesem Antrag wurde 1840 unter dem hellenophilen Minister Abel-François Villemain stattgegeben. Vergleichbare Reisen nach Konstantinopel und nach Griechenland hatten bereits Pierre Gilles im 16. Jahrhundert unter König François Ier, François Sevin im 17. Jahrhundert, Michel Fourmont im Jahr 1728, Jean-Baptiste Gaspard d’Ansse de Villoison von 1784 bis 1786 sowie Karl Eduard Zachariae von Lingenthal kurz vor Minas von 1837 bis 1838 durchgeführt; nach ihm begab sich etwa auch Emmanuel Miller auf Erkundungsreise.
Die Reisen fanden von Februar 1840 bis März 1843 nach Konstantinopel, Thessaloniki, Makedonien (in Serres sollte er seine Privatbibliothek, die er Freunden anvertraut hatte, unvermutet in fremden Händen wiederfindenSiehe H. Omont 1916, 343–344; 2001.), zum Berg Athos und über Konstantinopel zurück nach Paris, von Mai 1844 bis Dezember 1845 über Konstantinopel nach Trapezunt und zu den umliegenden Klöstern und von Mai 1850 bis November 1855 nach Samos und Patmos statt. Minas besuchte dabei Athen, Konstantinopel, Thessaloniki, Serres und den Berg Athos sowie die Insel Samos. Den wissenschaftlichen Erfolg verdankte Minas auf diesen Reisen seinen guten Kontakten zur griechisch-orthodoxen Kirche.Vgl. die detaillierten Angaben von Julius Jüthner 1903, S. 5–12; . 1999, S. 33–35.
Auf der ersten Reise entdeckte Minas 1841 in einer Bibliothek auf dem Berg Athos eine griechische Handschrift der heute unter dem Titel oder Philosophumena bekannten Abhandlung. Der Kolophon schreibt die Bücher 4–10, die der Fund beinhaltete, dem Origenes zu. Ebenso war das erste Buch bereits Origenes zugeschrieben, während Buch 2 und 3 verloren sind. Jedoch wird das Werk in der aktuellen Diskussion Origenes einhellig abgesprochen; die häufig vertretene Verfasserschaft des Hippolytos von Rom ist jedoch auch umstritten. Die wurde 1851 von Emmanuel Miller herausgegeben.John A. Cerrato: Hippolytus Between East and West: The Commentaries and the Provenance of the Corpus. Oxford University Press, Oxford 2002, S. 94, Auszüge online.
1842 kaufte Minas im Kloster Megisti Lavra auf dem Berg Athos eine Handschrift der Mythiamben des Babrios an, den sogenannten Codex Athous. Die editio princeps der neu entdeckten Fabeln wurde von Jean-François Boissonade vorgelegt.Émile Egger: Examen des nouvelles fables de Babrius découvertes en Grèce par M. Minoïde Minas et publiées, sous les auspices de M. Villemain, ministre de l’instruction publique, par M. Boissonade, Professeur de littérature grecque à la Faculté des lettres de Paris et au Collège de France. In: Journal général de l’instruction publique, 1844; . Aus philologischen Gründen wurde die Abschrift allerdings von Carel Gabriel Cobet, Johann Friedrich Dübner, John Conington und Otto Crusius als Fälschung von Minas selbst angesehen, bis Alphonse Dain anhand einer weiteren Handschrift (cod. Paris. suppl. gr. 1245 = Mq) ein schlagendes Argument für die Echtheit des in der Handschrift L überlieferten Materials vorlegte.Alphonse Dain: Un recueil Byzantin des Fables de Babrios. In: Hellenica, suppl. 9.3, 1958, S. 103–104. Ders.: Sur deux recueils de Babrios trouves par Minoide Mynas. In: Bulletin de l’Association Guillaume Budé, 1960, S. 120–121. John Vaio jedoch konnte auch diese Handschrift (Mq) als Fälschung erweisen, möglicherweise von der Hand des Minas.John Vaio: A New Manuscript of Babrius: Fact or Fable? In: Illinois Classical Studies, 2, 1977, S. 173–183, (PDF; 389 KB); JSTOR.
Zu den herausragenden Funden gehörte auch die Schrift des Philostratos Über die Gymnastik, eine detaillierte Darstellung der gängigen Sportarten mit besonderem Bezug zu den Olympischen Spielen vom Beginn des 3. Jh. n. Chr., die bei der Wiedereinrichtung der Olympischen Spiele in der Moderne durch Evangelos Zappas und danach durch Pierre de Coubertin keine unwesentliche Rolle spielte.Die führende kritische Edition mit Übersetzung und Kommentar stammt von Julius Jüthner (Hrsg.): Philostratos über Gymnastik. Grüner, Amsterdam 1969 (Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1909). Zur Geschichte der Olympischen Spiele vgl. Steve Georgakis: Sporting Links. The Greek Diaspora and the Modern Olympic Games. In: Modern Greek Studies, 11, 2003, S. 270–278. David C. Young: The Modern Olympics: A Struggle for Revival. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1996, S. 14 und 18.
Darüber hinaus kaufte Minas den cod. Paris. suppl. gr. 635 an, den einzigen Textzeugen für Galens Einführung in die Logik ( – ).Führende Edition ist: – Galeni Institutio logica. Edidit Carolus Kalbfleisch. B. G. Teubner, Leipzig 1896 (Bibliotheca Teubneriana); . Die Zuschreibung des Texts an Galen wird, obwohl verschiedentlich angezweifelt, heute allgemein akzeptiert. Die Handschrift enthält zudem eine weitere Galen zugeschriebene Schrift, die nicht von Minas, sondern von erst Karl Kalbfleisch herausgegeben wurde.Karl Kalbfleisch (Hrsg.): Die neuplatonische, fälschlich dem Galen zugeschriebene Schrift , aus der Pariser Handschrift zum ersten Mal herausgegeben. Königliche Akademie der Wissenschaften, Berlin 1895; books.google.de.
In seiner Schrift Platons Diagramm der Schöpfung der Welt stellt Minas im Ausgang von einem angeblichen Fund einer Handschrift des Timaios von Lokroi eine eigene Hypothese zur Zahlentheorie vor, mit der Platon im achten Buch des Staates die Schöpfung der Welt erklärt haben soll.
Ein weiterer Fund betrifft eine der philosophischen Schriften des Georgios Scholarios, auch Gennadios Scholarios genannt, des ersten ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel (1454–1464) unter türkischer Herrschaft. Dieser hatte Aristoteles verschiedentlich gegen die Angriffe des Platonikers Gemistos Plethon verteidigt, so auch in der von Minas aufgefundenen Schrift Gegen die Zweifel des Plethon an Aristoteles.
Neben verschiedenen anderen Funden stieß Minas auch auf eine Handschrift griechischer Kriegsschriftsteller (cod. Paris. suppl. gr. 607).Therese Schwager: Militärtheorie im Späthumanismus. Kulturtransfer taktischer und strategischer Theorien in den Niederlanden und Frankreich (1590–1660). De Gruyter, Berlin 2012, S. 376 Anm. 87, online; Hermann Schöne 1898.