Sozialwissenschaftliche Aspekte des Klimawandels betreffen psychosoziale Ursachen und Folgen der globalen Erwärmung. Im Zentrum sozialwissenschaftlichen Interesses stehen beispielsweise Fragen in Bezug auf Risikowahrnehmung, Informationsverarbeitung, Einstellung, Kommunikation und Konsumverhalten, aber auch die psychischen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels. Mit diesen Fragestellungen befassen sich unter anderem die Psychologie (insbesondere die Kognitionspsychologie, Umweltpsychologie und die Sozialpsychologie), die Kommunikationswissenschaften, die Soziologie und die Wirtschaftswissenschaften.
Geschichte
Im Jahr 2009 thematisierte der Präsident der American Psychological Association (APA), Alan Kazdin, in seiner Presidential Address das Thema Psychologie und globale Umweltprobleme. Die globale Erwärmung und verwandte Probleme würden zu ihrer Lösung multiple Strategien von verschiedenen Disziplinen benötigen. Die Psychologie könne dabei einen wesentlichen Beitrag leisten.Alan E. Kazdin: Psychological Science’s Contributions to a Sustainable Environment Extending Our Reach to a Grand Challenge of Society. In: American Psychologist. Band 64, Nr. 5, S. 339–356 doi:10.1037/a0015685.
In diesem Kontext hatte die APA eine Arbeitsgruppe zum Thema Psychologie und Klimawandel („Task Force on the Interface Between Psychology and Global Climate Change“) gegründet, die 2009 einen Bericht zum aktuellen Forschungsstand veröffentlichte.American Psychological Association: Psychological Factors Help Explain Slow Reaction to Global Warming, Says APA Task Force. Presseerklärung, 5. August 2009. Abgerufen am 29. Dezember 2013.American Psychological Association: Psychology and Global Climate Change: Addressing a Multi-faceted Phenomenon and Set of Challenges. Report of the American Psychological Association Task Force on the Interface Between Psychology and Global Climate Change, 2010. Beschrieben wird darin der Forschungsstand in den folgenden Bereichen:
Wahrnehmung und Verständnis des Klimawandels und damit verbundener Risiken, der menschliche Beitrag zum Klimawandel und seine psychischen Ursachen, psychosoziale Auswirkungen des Klimawandels, Anpassung an den Klimawandel, psychische Barrieren, die Verhaltensänderungen zur Begrenzung des Klimawandels behindern.
Im Jahr 2011 wurden von der APA eine Resolution zu dem Thema,APA: Resolution on Affirming Psychologists’ Role in Addressing Global Climate Change. 2011. Abgerufen am 29. Dezember 2013. sowie eine Sonderausgabe der Fachzeitschrift American Psychologist zum Thema Psychologie und Klimawandel („Psychology and Global Climate Change“) veröffentlicht.American Psychologist: Special Issue: Psychology and Global Climate Change (Mai-Jun 2011). Abgerufen am 29. Dezember 2013.
Ursachen der globalen Erwärmung
Menschliches Verhalten ist mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit die Hauptursache der aktuellen globalen Erwärmung. Menschliche Aktivitäten wie das Verbrennen fossiler Energieträger, Zementproduktion oder veränderte Landnutzung führen unter anderem zu einem Anstieg der Konzentration von Treibhausgasen (wie z. B. Kohlenstoffdioxid) in der Erdatmosphäre, was über eine Veränderung des Strahlungsantriebs der Erde seit Beginn der Industrialisierung zu steigenden globalen Temperaturen führte und führt.IPCC: Fünfter Sachstandsbericht des IPCC Teilbericht 1 (Wissenschaftliche Grundlagen) (deutsche Zusammenfassung des BMU, BMBF, IPCC und UBA). Oktober 2013.IPCC: Climate Change 2014 Synthesis Report Contribution of Working Groups I, II and III to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change [Core Writing Team, R.K. Pachauri and L.A. Meyer (eds.)]. IPCC, Geneva, Switzerland, 2014. Abgerufen am 26. April 2015.
Der menschliche Einfluss auf die natürliche Umwelt, z. B. durch Treibhausgasemissionen, ist verschiedenen Modellenvgl. z. B. I = PAT in der englischsprachigen Wikipedia zufolge wesentlich beeinflusst durch den Pro-Kopf-Konsum und die Bevölkerungszahl. So weisen etwa Länder mit größerem Pro-Kopf-Konsum und höherer Bevölkerungszahl höhere CO2-Emissionen auf. Sowohl das Konsumverhalten als auch die Bevölkerungszahl werden wiederum durch psychologische und gesellschaftliche Faktoren beeinflusst.
Klimaforscher weisen darauf hin, dass es zur Vermeidung einer Entwicklung hin zu einem Treibhausklima notwendig ist, sowohl die Bevölkerungszahl zu begrenzen als auch den Konsum pro Kopf nachhaltig auszugestalten, und dies vor allem in denjenigen Bevölkerungsgruppen, die einen hohen Verbrauch pro Kopf aufweisen.Zitat: „demographic changes must be complemented by sustainable per capita consumption patterns, especially among the higher per capita consumers“ (demographische Veränderungen sind zu ergänzen durch nachhaltige Muster des Pro-Kopf Verbrauchs, vor allem unter Verbrauchern mit hohem Pro-Kopf-Konsum). |
Pro-Kopf-Konsum Konsum kann unterschiedlich definiert werden, z. B. monetär-ökonomisch (Menge des ausgegebenen Geldes), oder auch in Form des Einflusses auf die Umwelt. Die Task Force on the Interface Between Psychology and Global Climate Change postulierte ein Modell mit sechs Ebenen, um Klimawandel-relevante Prädiktoren und Konsequenzen des Konsumverhaltens darzustellen. Ebene 5: Kontext Institutionell (physikalische Infrastruktur, z. B. Städtebau; Gesetze und Regeln; Medien und Werbung) Sozial und kulturell (soziale Normen; direkter sozialer Kontakt mit klimarelevanten Einflussfaktoren; Strukturen von Familien, Organisationen und Gemeinden) Physikalisch (klimarelevante Charakteristiken des Wohnortes, z. B. Temperatur) Ebene 4: Individuelle Faktoren Demographische Faktoren (Alter; Einkommen; Größe des Haushalts) Psychologische Faktoren (intrapersonelle Faktoren, z. B. Bedürfnisse, Wünsche, Ziele; Ideologien, Glaubensinhalte, Einstellungen und Weltanschauungen bezüglich der Umwelt; Wahrnehmung sozialer Normen) Ebene 3: Ökonomischer Konsum Verhalten von Organisationen (Einkauf von Gütern und Dienstleistungen; Investitionen in Ausrüstung, Produktionsstätten, und Distributionslogistik) Verhalten von Individuen (Einkauf von Gütern und Dienstleistungen; Investitionen in Wohnen und Transport) Ebene 2: Auswirkungen auf die Umwelt Verhalten von Organisationen (klimarelevante Charakteristiken des in Ebene 3 genannten Verhaltens) Verhalten von Individuen (klimarelevante Charakteristiken des in Ebene 3 genannten Verhaltens) Ebene 1: Treibhausgasemissionen (Kohlenstoffdioxid, Methan, Distickstoffmonoxid) Ebene 0: Klimawandel (Änderung von Temperatur und Niederschlag, Meeresspiegelanstieg, Extremwetterereignisse)
Klassifikation des Konsumverhaltens
Es existieren verschiedene Klassifikationen des Konsumverhaltens. Die Klassifikation von Kempton et al. unterscheidet:W. Kempton: Public understanding of global warming. In: Society and Natural Resources. Band 4, 1991, S. 331–345.W. Kempton, J. M. Darley, P. C. Stern: Psychological research for the new energy problems: Strategies and opportunities. In: American Psychologist. Band 47, Nr. 10, 1992, S. 1213–1223. a) Investition in Ausstattung und Technologie b) Management/Umgang damit c) Intensität der Nutzung. Dabei lassen sich jeweils folgende drei Bereiche unterscheiden: 1) Transport 2) Heizen und Kühlen von Gebäuden 3) Haushaltsgeräte und Elektronik. Zudem kann unterschieden werden zwischen Verhalten mit direkter Auswirkung (z. B. Fahrrad- statt Autofahren) vs. Verhalten mit indirekter (und vom Konsumenten nicht direkt beeinflussbarer) Auswirkung auf die Umwelt (z. B. Abgabe recyclebaren Materials); Verhalten mit Auswirkung auf CO2-Emissionen vs. Verhalten, das die Absorption von Treibhausgas-Emissionen oder/und die Albedo der Erde beeinflusst (z. B. Abholzung von Waldflächen).
Ob Menschen sich bezüglich o. g. Verhaltensweisen engagieren, wird unter anderem durch die Wahrnehmung der Effektivität der verschiedenen Maßnahmen, sowie die aktuellen Möglichkeiten (z. B. finanzielle Ressourcen) beeinflusst. Investitionen (z. B. Wärmedämmung von Gebäuden) erfordern meist nur eine einmalige Aktion und sparen üblicherweise mehr Energie ein als kontinuierliches Management- oder Nutzungsverhalten, sind jedoch mit größeren finanziellen und anderen Hindernissen verbunden. Unklar ist bislang, ob das Engagement in eine Art von umweltfreundlichem Verhalten das Engagement in eine andere Art von umweltfreundlichem Verhalten steigert.
Individuelle Faktoren des Konsumverhaltens
Individuelle Faktoren des Konsumverhaltens (Ebene 4 des o. g. Modells) können differenziert werden in
Fähigkeit (beeinflusst z. B. durch Einkommen, Wissen, körperliche und geistige Gesundheit) und Motivation (beeinflusst z. B. durch finanzielle Anreize, Weltanschauung, Bedürfnisse, Wünsche, Ziele, Ideologien, Glaubensinhalte).
Aspekte der Fähigkeit als auch der Motivation sind unter anderem durch den Kontext bzw. das Umfeld des Einzelnen (Ebene 5) beeinflusst (z. B. Weltanschauung durch ethnische Gruppenzugehörigkeit, Einkommen durch das Geschlecht usw.).
Kontextfaktoren des Konsumverhaltens
Kontextfaktoren (Ebene 5 des o. g. Modells) für individuelles Konsumverhalten können unter anderem sein: herrschende Klimaverhältnisse, Infrastruktur, Gesetze und Regularien, Marketing und Verfügbarkeit von Waren, sowie soziale und kulturelle Normen, insbesondere Konsumerismus. Konsumerismus ist nach Zhao und Belk (2008) ein Glaubens- und Wertsystem, bei dem Konsum- und Anschaffungs-Rituale (z. B. Einkaufen) zu Quellen der Selbst-Identität und des Lebenssinns geworden sind und für nicht-funktionelle Zwecke wie Neiderregung und Statussuche eingesetzt werden, und der Konsum zum Schlüsselfaktor für menschliche Beziehungen wurde (anstelle der Produktion). Konsumerismus kann zwar grundlegende psychologische Bedürfnisse befriedigen, führt aber auch zu Entscheidungen, die zum Klimawandel beitragen. Hierzu gibt es jedoch bislang nur wenig Forschung.
Die Kultur kann über die Wahrnehmung, was notwendig ist und was Luxus, den Konsum beeinflussen. Beispielsweise glaubten im Jahr 1996 32 % der Amerikaner, dass ein Mikrowellenherd notwendig sei, im Jahr 2006 68 %. Dabei ist die wahrgenommene Notwendigkeit je nach demographischer Gruppe (v. a. der Einkommensklasse) unterschiedlich. Menschen mit mehr Einkommen erachten gewöhnlich mehr Dinge als „notwendig“ (wie z. B. einen Wäschetrockner, eine Klimaanlage, einen Fernseher etc.). Wahrscheinlich spielen kulturell bedingte Bezugspunkte eine Rolle für die Etablierung der Einschätzung, was notwendig ist und was nicht. Wird beispielsweise ein bestimmtes Konsumniveau als normal angesehen, wird ein geringerer Konsum als ungenügend wahrgenommen. Reduktionen unter diesen Bezugspunkt würden als Verluste wahrgenommen, und nicht als Zugewinn verglichen mit dem Zustand der Besitzlosigkeit („Reference Prospect Theory“). Darüber hinaus führen Aufwärtsvergleiche mit Menschen, die viel konsumieren (die „Reichen und Berühmten“), oft dazu, dass man mehr konsumiert und sich selbst als vergleichsweise unterprivilegiert wahrnimmt („Relative Deprivation Theory“).
Die Kultur kann auch reale Bedürfnisse schaffen. Produkte, die früher Luxus waren, wie z. B. Autos, sind inzwischen – u. a. aufgrund der Entwicklung menschlicher Siedlungen – für manche Menschen zur Notwendigkeit geworden (etwa, um Nahrung zu beschaffen oder zur Arbeit zu kommen).