mini|Amazing Stories Volume 21 Number 06 Richard Sharpe Shaver (geboren am 8. Oktober 1907 in Berwick Pennsylvania; gestorben am 5. November 1975 in Summit, Arkansas) war ein amerikanischer Science-Fiction-Autor und Künstler. Bekannt wurde er durch Berichte von einer ausgedehnten unterirdischen Zivilisation, die auf starken Widerhall stießen und als Shaver Mystery bekannt wurden. Eine Anhängerschaft der daraus entstandenen, als Shaverism bezeichneten Bewegung existierte über Jahrzehnte.

Leben Frühe Jahre Shaver wuchs als viertes Kind von Ziba and Grace Shaver im ländlichen Pennsylvania auf. Besonders stark war seine Verbindung zu dem vier Jahre älteren Bruder Taylor oder „Tate“, der schon Geschichten an Boy’s Life, The American Boy und ähnliche Jugendmagazine verkaufte. Auch Shavers Mutter Grace soll Gedichte geschrieben und veröffentlicht haben. Shaver hatte in der Schule oft Ärger, es gab misslungene Streiche und Auseinandersetzungen mit Schülern und Lehrern, was zum Ausschluss aus dem Football-Team und anderen Sanktionen führte. Nach der Schule arbeitete er in verschiedenen Jobs, unter anderem als Fleischpacker und Gärtnergehilfe. 1929 folgte er seiner Familie nach Detroit.

Dort begann der stellungslose Shaver Kurse der Wicker School of Art zu besuchen, einer privaten Kunstschule. Er arbeitete dort auch als Aktmodell und besserte seine Einkünfte auf, indem er selbst Aktmodelle anheuerte und Gelegenheiten zum Aktzeichnen vermittelte. Außerdem – seit 1920 herrschte in den USA die Prohibition – braute er Alkohol in der Badewanne.Jerome Clark: Hidden Realms, Lost Civilizations, and Beings from Other Worlds. 2010, S. 55.

1930 wurde er Mitglied des John Reed Club, einer den Kommunisten nahestehenden Organisation, und nahm an einer Maidemonstration in Detroit teil.Orator Haranguing Crowd. In: The Detroit Times. 2. Mai 1930 (mit einem Photo von Shaver). Das politische Engagement währte nicht lange, zumal sich die Folgen der Weltwirtschaftskrise immer stärker bemerkbar machten. Shaver begann nun selbst an der Wicker School zu unterrichten und außerdem im Stadtpark für einen Quarter schnelle Skizzen von den Spaziergängern anzufertigen. An der Wicker School lernte er auch die aus Kiew stammende Sophie Gurivinch kennen, die er 1933 heiratete. Ende 1933 wurde eine Tochter geboren.

Inzwischen hatte er als Schweißer für Briggs Manufacturing Company in Highland Park zu arbeiten begonnen. Die Firma fertigte Autokarosserien für den Ford V8 und die Arbeit war monoton, gefährlich und laut. Während dieser Zeit soll Shavers nach eigener Darstellung sich erstmals der Stimmen aus der unterirdischen Welt bewusst geworden sein, nachdem er zuvor begonnen hatte, die Gedanken seiner Arbeitskollegen aufzufangen, wobei seine Schweißpistole zunächst als eine Art Empfänger fungierte:

Bald aber schon konnte er Gedanken und Visionen nicht mehr nur aus der direkten Umgebung, sondern aus einer den Menschen der Erdoberfläche verborgenen Höhlenwelt in den Tiefen der Erde auch ohne Hilfsmittel empfangen. Was er von dort empfing war nichts Freundliches, sondern schreckenerregend und grauenhaft – finstere, bösartige Gedankenfetzen und die Schreie und Klagen Gefolterter, hauptsächlich Frauen. Dieser Aspekt Shaverscher Höhlen- bzw. Höllenvisionen veranlasste in späteren Jahren die Gegner seiner „Botschaft“, diese als sadistische Phantasien zu qualifizieren. Ebenso naheliegend war es für Shavers spätere Kritiker darauf hinzuweisen, dass derartige Erlebnisse („Stimmen hören“) zu den klassischen Symptomen der paranoiden Schizophrenie gehören.

In der Tat entwickelte sich bei Shaver eine psychische Problematik und 1934 kam es zu einer Art von Zusammenbruch: Im Februar dieses Jahres starb sein Bruder Tate, an dem er sehr gehangen hatte, und in der Folge scheint es ihm schlechter gegangen zu sein. Am 16. Juli 1934 wurde er in die Notaufnahme des Detroit Receiving Hospital gebracht, wo er angab, sich beobachtet und verfolgt zu fühlen und die Befürchtung äußerte, die Ärzte wollten ihn vergiften. Am 27. Juli beantragte seine Frau die Unterbringung in einem staatlichen Pflegeheim und am 17. August erfolgte seine Aufnahme im Ypsilanti State Hospital, einer Pflegeanstalt für Geisteskranke.

Shavers Aufenthalt in den folgenden acht Jahren bleibt unklar. Es ist zwar möglich, dass er diese Zeit in einem „katatonischen Zustand“ in der Anstalt verbrachte, wie Ray Palmer es 1977 in einem Interview darstellteInterview mit Raymond A. Palmer (1977, ab 3m:10s), andererseits gibt es Jim Pobst nach keinen Beleg über den Zeitpunkt seiner Entlassung. Doug Skinner zufolge soll Shaver 1936 entlassen worden sein. Im selben Jahr war seine Frau bei einem Unfall in ihrer Wohnung gestorben und die Tochter wurde von den Großeltern mütterlicherseits aufgenommen, die auch das Sorgerecht erhielten. Shaver soll in der folgenden Zeit von Visionen geplagt umhergewandert sein, da und dort gearbeitet haben, auch einige Male mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sein und ein zweites Mal geheiratet haben. In diese Periode der Verwirrtheit, in der er Traum von Realität kaum unterscheiden konnte, datierte Shaver seinen Kontakt mit dem blinden Mädchen Nydia, das ihn mit der unterirdischen Welt, ihren aus vergangenen Äonen stammenden Maschinen und den dämonischen, immer noch dort lauernden Bewohnern bekannt machte und ihn dorthin schließlich mitnahm. Jahre will Shaver im Untergrund zugebracht haben. Zurückgekehrt von wo auch immer drängte es ihn, seine Erfahrungen mitzuteilen.

Als er 1943 einen Brief an das Magazin Amazing Stories schrieb, war er aus dem Ionia State Hospital entlassen worden, lebte bei seinen Eltern in Barto, einer kleinen Stadt in Pennsylvania, arbeitete dort als Kranführer und war zum dritten und letzten Mal verheiratet mit Dorothy Erb, genannte „Dot“, die bis zu seinem Tod an seiner Seite bleiben sollte.Jerome Clark: Hidden Realms, Lost Civilizations, and Beings from Other Worlds. 2010, S. 57.

„Mantong“ und „Lemurisches Alphabet“ 1936 hatte ein gewisser Albert F. Yeager in dem Magazin Science World einen Artikel The True Basis of Today’s Alphabet veröffentlicht, in dem er behauptete, dass sechs Buchstaben unseres Alphabets für Konzepte stünden, aufgrund derer sich die Bedeutung von Worten erschließen lasse. Shaver entwickelte diese Idee weiter und schrieb an Science World, dass es ihm gelungen sei, die Bedeutung nicht nur von sechs, sondern von allen 26 Buchstaben des Alphabets zu entschlüsseln. Dieser Schlüssel verweise auf eine allen menschlichen Sprachen zugrunde liegende Ursprache, die Shaver „Mantong“ nannte.

Science World scheint nicht reagiert zu haben, Shaver arbeitete weiter und sandte im September 1943 einen Brief an das Science-Fiction-Magazin Amazing Stories, dessen Herausgeber seinerzeit Ray Palmer war. Dessen Chefredakteur Howard Browne hatte das offensichtlich von einem Spinner stammende Schreiben bereits in den Papierkorb geworfen, aus dem Palmer es holte und den Schlüssel auf einige Worte anzuwenden versuchte. Die Ergebnisse fand er immerhin so verblüffend, dass er eine Korrespondenz mit Shaver begann und die Schlüsselliste mit einer Aufforderung an die Leser von Amazing Stories, es einfach selbst mit der Entschlüsselung zu versuchen, in der Nummer vom Januar 1944 abdruckte:Jerome Clark: Hidden Realms, Lost Civilizations, and Beings from Other Worlds. Visible Ink Press, 2010, S. 58.Untenstehende Liste aus: Richard Sharpe Shaver: I Remember Lemuria and The Return of Sathanas. Venture, 1948, S. 214.

Ableitungen werden gebildet, indem teils nur aus den Buchstaben, teils aus einzelnen Buchstaben und enthaltenen Wurzelworten einer Sprache kombiniert wird, so wird zum Beispiel das englische acid (Säure) hergeleitet aus A=animal („Tier“), C=see („sehen“), I=I („ich“), D=disintegrate („auflösen“), man sieht also, dass man mit Säure Tiere auflösen kann. Amass („anhäufen, sammeln“) wird als Kombination aus A=animal (Tier) und MASS hergeleitet, wobei MASS als Wurzelwort gilt, das seine lemurische Bedeutung im Wesentlichen beibehalten hat, was Shaver zufolge bei vielen Worten der menschlichen Sprachen der Fall ist, schließlich ist ja Lemurisch die Ursprache. Wurzelworte sind also eben jene Worte einer Sprache, die ihre lemurische Bedeutung behalten haben – beziehungsweise deren aktuelle Bedeutung für die Herleitung brauchbar ist. Amass steht demnach für ein Tier, das eine Masse an Dingen anhäuft.So to amass is descriptive of an animal who gathers together a large quantity of anything. Mantong – The Language of Lemuria. In: Amazing Stories. Vol. 19, Nr. 1 (März 1945), S. 71. Dass derartige etymologische Spielereien Freude bereiten können, sollte nicht überraschen. Palmer war aber überrascht – von der Zahl der Zuschriften, welche die Redaktion mit Herleitungen aus zahlreichen Sprachen überschwemmten. Diese Masse an „Evidenz“ (corroboration) beeindruckte und überzeugte ihn, dass an Shavers Alphabet und der „Ursprache“ Mantong wirklich etwas sein müsse.

I Remember Lemuria! Inzwischen hatte Palmer eine Reihe von Briefen und Manuskripten von Shaver erhalten. Eines dieser Manuskripte, A Warning to Future Man mit einem Umfang von ca. 10.000 Worten, schrieb Palmer um, kürzte Sexuelles und erweiterte Shavers Text zu einer Erzählung von rund 31.000 Worten, die unter dem Titel I Remember Lemuria! im März 1945 in Amazing Stories erschien. Shaver zufolge war Palmers Eingriff in den Text nur geringfügig, klar aber ist, dass Palmer Shavers Text fiktionalisierte: „Ich würzte den Text mit Action und Handlung, damit er sich nicht wie ein öder Vortrag las,“ bekannte Palmer.[I] added the 'action' and 'plot flavor' that would make it read less like a dull recitation. Zitiert nach: Michael Barkun: A Culture of Conspiracy. University of California Press Berkeley, 2003, S. 116. Palmer schrieb dazu im Editorial der Ausgabe:

Palmer sagt also genau genommen nicht, es sei eine wahre Geschichte im üblichen Sinn, sondern dass Shavers Erzählung auf authentischem „Rassengedächtnis“ basiert. In der Tat war allerdings die Wissenschaft bislang nicht in der Lage, die Existenz einer solchen Erinnerungsform irgendwie zu bestätigen. Palmer fährt dann weiter unten fort in Bezug auf etwaige Zweifel:

Und er hebt nun die literarische Qualität der Shaver-Geschichten hervor:

Die Bewunderung Shavers für Merritt war angebracht, dessen bekannteste Erzählung The Moon Pool handelt von ihm Untergrund hausenden finsteren Mächten, Göttern der Vorzeit und verkommenen Mutantenrassen, ganz wie in Shavers-Erzählungen. Der von Shaver entwickelte Mythos soll nun kurz dargestellt werden.

Zunächst einmal ist Shavers „Lemuria“ nicht das Lemuria der Theosophen, also ein versunkener Kontinent ähnlich wie Atlantis, sondern der vorzeitliche Name des Planeten Erde. Andere Namen sind „Mu“ – sonst auch bekannt als sagenhaftes versunkenes Land im Pazifik – und „Pan“.Richard S. Shaver: I Remember Lemuria, and the Return of Sathanas. Venture Books, 1948, S. 5. Mutan Mion, der Protagonist von I Remember Lemuria! lebt in Sub Atlan, einer großen, unterirdischen Stadt unterhalb von Atlantis, in einer Zeit vor 12.000 Jahren. In dieser lemurischen Welt lebten damals neben menschenähnlichen Wesen auch Angehörige der „Atlanen“ und der „Titanen“, mächtiger, nahezu unsterblicher Vertreter zweier sternenfahrender Rassen, welche die Erde und andere Planeten zu einer Zeit besiedelt hatten, als die Strahlen der Sonne noch rein und gesund waren.