mini|hochkant|Carl Heinrich Rösch um 1850 Carl Heinrich Rösch, in unterschiedlichen Quellen auch Karl Heinrich Rösch sowie ohne Beiname nur Carl oder Karl Rösch – geboren am 19. Oktober 1807 in Schorndorf, Königreich Württemberg; gestorben am 13. Dezember 1866 in St. Louis, Missouri – war ein deutscher Arzt und Sozialreformer.
Er gründete als leitender Amtsarzt des Oberamts Urach 1847 die Heil- und Pflegeanstalt Mariaberg, eine der ersten Komplexeinrichtungen der modernen Behindertenhilfe im deutschsprachigen Raum, die heute – als inzwischen relativ großer Anbieter sozialer Dienstleistungen und mit weiterentwickelter Konzeption – unter dem Namen Mariaberg e. V. bekannt ist.
Als Anhänger der demokratischen Bewegung in den Staaten des Deutschen Bundes verlor Rösch nach der Niederschlagung der Revolution von 1848/49 aus politischen Gründen seine Reputation beim württembergischen Königshaus, seinem bis dahin wichtigsten Auftraggeber, und emigrierte 1853 mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten.
Leben und Wirken Karriere als Arzt, Forscher und Reformer der Behindertenhilfe Carl Heinrich Rösch wurde als Sohn von Johann Georg Rösch, des Präzeptors der Lateinschule in Schorndorf geboren. Seine Mutter Johanna Carolina war die Tochter des Winnender Stadtpfarrers Johann Heinrich Hiemer. Carl Heinrich Rösch war der Älteste von insgesamt neun Geschwistern.Württembergische Kirchengeschichte online: Johann Georg Rösch Johann Georg Rösch wurde 1814 evangelischer Pfarrer in Faurndau. Carl Heinrich besuchte zunächst die Lateinschule in Göppingen und ab 1821 das Evangelische Seminar Blaubeuren. Anschließend studierte er Medizin an der Universität Tübingen und wurde 1833 mit einer Arbeit über die „allgemeinen Indicationen zum Aderlassen“ unter Aufsicht von Hermann Friedrich Autenrieth bei dessen Vater Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth (1772–1835) promoviert. Bei Autenrieth lernte Rösch, empirisch zu arbeiten.
Noch während seines Studiums heiratete er in Tuttlingen Karoline Amalie Geyser, eine zu der Zeit 22-jährige Kaufmannstochter. Aus der Ehe gingen zwischen 1831 und 1846 zehn Kinder hervor, von denen eines jedoch bereits im Säuglingsalter starb.Hans König: Menschen aus dem Limpurger Land, Band II, S. 187.
Im Jahr 1832 erhielt er eine Anstellung als Unteramtsarzt in Schwenningen, wo er sich neben seiner ärztlichen Praxis mit der Gründung eines „Mäßigkeitsvereins“ und eines „Bürger-Museums“ als Erwachsenenbildungsstätte auch sozial und kulturell engagierte. 1842 avancierte Rösch zum Oberamtsarzt in Urach. Schon zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn interessierte er sich für benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Er behandelte sie nicht nur in seiner Praxis, sondern widmete sich auch theoretisch forschend ihren Lebensbedingungen mit dem Ziel, diese zu verbessern. In den 1830er Jahren war Rösch der Erste, der die Ursachen und Auswirkungen des Alkoholismus im Königreich Württemberg empirisch erforschte. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen veröffentlichte er 1839 im Bericht Der Mißbrauch geistiger Getränke in pathologischer, therapeutischer, medicinisch-polizeilicher und gerichtlicher Hinsicht untersucht.google.books Hinweis auf Röschs Alkoholismus-Studie. Im Jahr 1841 erhielt er vom württembergischen König Wilhelm I. den Auftrag zur „Untersuchung des Kretinismus im ganzen Land an Ort und Stelle“. Ein Ergebnis dieser Untersuchung, bei der er Zugriff auf Kirchenbücher der Pfarrämter bekam, war, dass Kretinismus in ärmeren Familien gehäuft auftrat und dass das Leben in feuchten Tälern das Auftreten des Krankheitsbildes begünstigte. Es gab Ortschaften mit so vielen „cretinischen, geistig schwachen, übelhörigen, mißgestalteten verkröpften Menschen“, dass es schwierig war, das jährliche Truppenkontingent zusammenzubekommen. Rösch stellte zudem fest, dass mütterlicher Branntweinkonsum während der Schwangerschaft zum Ausbruch der Krankheit führen konnte. Auch stellte er eine erbliche Disposition zum KretinismusÜber die Heilung und Erziehung unentwickelter oder kretinischer Kinder mit besonderer Rücksicht auf die Guggenbühl’sche Stiftung auf dem Abendberge bei Interlaken im Schweizerkanton Bern, und eine in Württemberg zu errichtende Anstalt dieser Art. F.H. Köhler, Stuttgart 1845, S. 19 (Digitalisat). fest.
Bestätigung für seine Hypothesen fand er im Austausch mit dem Pfarrer Karl Georg Haldenwang, der bereits 1838 in der württembergischen Schwarzwaldgemeinde Wildberg mit dem „Rettungshaus für schwachsinnige Kinder“ die erste behindertenpädagogische Einrichtung in Süddeutschland gegründet hatte, und insbesondere mit dem Schweizer Arzt Johann Jakob Guggenbühl, der 1840 aufgrund eigener Forschungen für die Förderung und Heilung kretiner Menschen eingetreten warJohann Jakob Guggenbühl: Hülfsruf aus den Alpen, zur Bekämpfung des schrecklichen Cretinismus. In: Maltens Bibliothek der neuesten Weltkunde. Band 1, Aarau 1840, S. 191 ff. (online). und 1841 auf dem Abendberg bei Interlaken eine „Heilanstalt für Kretinen und blödsinnige Kinder“ gegründet hatte.Geschichte der Sonderpädagogik (www.sonderpaed-online.de). Auf der Grundlage seiner Untersuchungen entwickelte Rösch ein umfassendes sozialpolitisches Programm zur Behebung der Missstände. Für die Behandlung von kretinen Menschen empfahl er die Errichtung einer Heilanstalt zur Förderung dieses Personenkreises, wie er dies ähnlich in Guggenbühls Einrichtung gesehen hatte. Er war der Meinung, dass es mehr Anstalten für Kretine geben müsse. mini|Das Kloster Mariaberg (Lithographie von 1823), in dem Rösch 1847 die Heil- und Pflegeanstalt Mariaberg gründete Im Jahr 1846 wurde ihm von König Wilhelm I. das vormalige Benediktinerinnen-Kloster Mariaberg, eine bis dahin – nach dem Auszug der letzten Ordensschwester – zehn Jahre leer stehende Immobilie des Staates, die nach der Säkularisation von 1802 (im Zuge der seinerzeitigen napoleonischen Hegemonie) im Grunde dem Zerfall ausgesetzt gewesen war, für sein Vorhaben zur Verfügung gestellt.Dr. Manfred Gröber, Göppingen: Zusammenstellung Dokumente zu Carl Heinrich Rösch Digitalisat Am 1. Mai 1847 bezog Rösch mit 13 als geistig behindert geltenden Kindern sowie Pflege- und Hauswirtschaftspersonal die ca. 25 km südwestlich von seinem Amtssitz gelegene neue „Heil- und Pflegeanstalt Mariaberg“. Kronprinzessin Olga übernahm die Schirmherrschaft. Zum »Leitenden Ausschuss« bei der Gründung von Mariaberg gehörten unter anderen der Tübinger Evangelische Theologe Maximilian Albert Landerer (1810–1878) sowie der Doktorvater von Rösch, Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth. Auch Wilhelm Kapff, Professor am Lyzeum in Reutlingen und Vorsitzender der Reutlinger Volksversammlung vom 21. September 1848, gehörte diesem Ausschuss an.Grundbestimmungen der Heilanstalt Mariaberg. Reutlingen 1847, S. 7; Aktualisiert von Dr. Manfred Gröber, 2022.
Mariaberg war die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland mit den vier Elementen „Medizinische Versorgung, Wohnen, Schule und Arbeiten“. Rösch hatte einen sehr weit gefassten Begriff von Behinderung. Sein neuer ganzheitlicher Ansatz sah unter anderem vor, dass die Pfleglinge Höhenluft ausgesetzt werden sollten, dass sie es warm haben und am besten in Wolle gekleidet sein sollten, und dass sie sich ausreichend bewegten. Bäder und Einreibungen mit Salben gehörten ebenso zum Therapiekonzept wie eiweißhaltige Nahrung und gutes Wasser. Für die Behandlung von Anfällen und Krämpfen sah Rösch nicht zuletzt die Behandlung mit Hausmitteln vor.Hans Heppenheimer: Biographie Karl Heinrich Rösch (1807–1866) in: Hubert Kolling (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte „Who was who in nursing history“, Band 7, hps media Nidda 2015, S. 233, ISBN 978-3-9815325-5-5. Rösch stellte fest, dass bei den zum Zeitpunkt der Aufnahme häufig verwahrlosten Kindern allein durch Aufmerksamkeit und Pflege eine Besserung des Zustandes herbeigeführt werden konnte. Er stellte fest, dass die Kinder, wenn man sie liebevoll behandelte, sehr anhänglich werden konnten. Im Weiteren sah er es als wichtige Aufgabe der Erziehung, den Kindern das Sprechen oder zumindest das Stammeln beizubringen. Auch kam er zu dem Ergebnis, dass kretine Kinder ausgeprägte religiöse Gefühle zeigen konnten. Er hoffte, dass sein Therapiekonzept dazu beitragen würde, die Krankheit auszuheilen. Rösch gab in den Jahren zwischen 1850 und 1853 die Zeitschrift „Beobachtungen über den Kretinismus“ heraus, in der er seine Beobachtungen festhielt.
Rösch selber, der eine leitende Position im Vorstand der Heil- und Pflegeanstalt Mariaberg innehatte, wohnte nie in Mariaberg. Er kam nur am Wochenende dorthin. Carl Heinrich Rösch vertrat die Meinung, dass eine Anstalt, in der „blödsinnige“ oder „schwachsinnige“ Kinder lebten, Erziehungs- und Krankenhaus zugleich, also ein „Hospital“ mit einer speziellen Schule sein müsse. Eine solche Anstalt müsse deshalb zwingend von einem Arzt geleitet werden, da nur dieser dem Lehrer und Erzieher die notwendigen Voraussetzungen schaffen könne, um adäquat erzieherisch tätig werden zu können. Die „Wärterinnen“, die in Mariaberg mit der Pflege der Kinder befasst waren, sollten ebenfalls durch einen Mediziner, den Hausarzt der Anstalt, Albert Krais, angeleitet und mit den speziellen Anforderungen vertraut gemacht werden. Rösch wollte, dass die Menschen in Mariaberg wie in einer Familie zusammen lebten, dass aber die Hauptverantwortung bei den Medizinern lag.
Konkurrenz mit der Kretinen-Anstalt in Riet