Die Hizmet-Bewegung (auch Gülen-Bewegung) ist eine transnationale religiöse und soziale Bewegung bzw. ein Netzwerk religiöser, erzieherischer und sozialer Organisationen in der Türkei und im Ausland, das aus dem Umfeld des Predigers Fethullah Gülen hervorging und von dessen Predigten und Schriften geprägt wurde. In der Türkei kam es seit 2014/2016 zu weitreichenden staatlichen Maßnahmen gegen der Bewegung zugerechnete Einrichtungen, darunter Schließungen und Beschlagnahmungen. Gülen starb am 20. Oktober 2024 im US-Exil. Da die Bewegung keine offizielle Mitgliedschaftsstruktur veröffentlicht, variieren Angaben zu Größe und Reichweite in der Literatur und Berichterstattung erheblich. Der Bewegung werden bzw. wurden verschiedene Bildungs-, Medien- sowie Wirtschafts- und Wohlfahrtsinitiativen zugerechnet.

In der öffentlichen Debatte wird ihre Weltanschauung teilweise als „pazifistischer, moderner Islam, oft gelobt als Gegensatz zum extremeren Salafismus“ beschrieben. Kritiker bezeichnen sie als „sektenähnliche Organisation“ oder sprechen von „sektenähnlichen Praktiken“.Volker Siefert: Imam Gülens Einfluss reicht bis in die deutsche Politik. Die Zeit, 29. Dezember 2013, abgerufen am 1. August 2016. Friedmann Eißler von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen spricht in diesem Zusammenhang von einer inneren Hierarchie, die einen konservativen Islam lebe. In ihrem Machtstreben und ihrer Intransparenz lasse die Bewegung zumindest in der Türkei nach Ansicht des Journalisten Michael Martens „sektiererische Merkmale“ erkennen.

Die Bewegung hat keinen offiziellen Namen, wird aber landläufig von ihren Anhängern als Hizmet (der Dienst) bezeichnet und nennt sich in der breiteren türkischen Öffentlichkeit Cemaat (türk. ‚die Gemeinde‘). Die türkische Regierung setzt sie in Teilen oder als Ganzes mit der angeblichen terroristischen Organisation FETÖ gleich. Sie beschuldigt die Bewegung, für den Putschversuch 2016 verantwortlich zu sein. Ein Dekret von Präsident Recep Tayyip Erdogan sorgte für die Entlassung und Verhaftung zahlreicher Beamten. Das EGMR entschied am Beispiel des türkischen Lehrers Yüksel Yalçınkaya, dass tausende Anhänger der Gülen-Bewegung zu Unrecht verurteilt worden sind.

In Deutschland tritt seit Anfang 2014 die „Stiftung Dialog und Bildung“ unter dem Vorsitz von Ercan Karakoyun als Sprechergremium der Bewegung auf, obwohl die Bewegung seit den 1990er Jahren in Deutschland aktiv ist. Die Stiftung ist als rechtsfähige Stiftung in Berlin eingetragen. Berliner Senatsverwaltung für Justiz, 1. Juli 2015, abgerufen am 1. August 2016 (PDF; 1,3 MB). Die offizielle Gründungsfeier fand am 6. Mai 2014 in Berlin statt. Deutsch-türkisches Journal, 6. Mai 2014, abgerufen am 1. August 2016. Die Stiftung ist jedoch nur durch die 75 Gründungsmitglieder legitimiert, das Stiftungskapital beträgt 160.000 Euro. Die Strukturen innerhalb der einzelnen Organisationen sollen laut ehemaligen Führungsmitgliedern der Bewegung von Imamen aus der Türkei gesteuert werden. mini|Gülen (links) mit Papst Johannes Paul II.

Geschichte Die Gülen-Bewegung steht in einer besonderen Tradition der religiösen Reformbewegung Nurculuk, die auf den islamischen Gelehrten Said Nursî zurückgeht. Sie erklärt, dass sie die Ehl-i-Süffe-Tradition wiederbelebt habe. Schon seit den 1980er-Jahren hatte die Gülen-Bewegung Nachhilfeschulen für die zentrale Hochschulaufnahmeprüfung (ÖSS) sowie Anhänger an den Hochschulen in der Türkei. Gegen Ende der 1960er Jahre war erstmals die Rede von einer neuen Bewegung, der Gülen-Bewegung. 1986 gründete sie die später mit Abstand auflagenstärkste Tageszeitung der Türkei, Zaman. Mit ihr verbunden war die Today’s Zaman, außerdem kommen die Cihan-Nachrichtenagentur, die Zeitschrift Aksiyon, die Fernsehsender Samanyolu und QLAR (inzwischen eingestellt, davor Ebru TV), welche dem Medienunternehmen World Media Group untersteht, sowie die Journalistenschule World Media Akademie. Die Nurculuk-Bewegung und die Gülen-Bewegung trennten sich, da sie unterschiedliche Ziele verfolgten.

2008 beurteilten die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages sie so: „Noch 1987 säuberte die Militärführung die Militärakademie von Anhängern Gülens, dem sie in internen Berichten (zuletzt 1992) vorwarf, dass er unter dem Vorwand, sich für eine Ordnung einzusetzen, in der man islamisch leben könne, tatsächlich langfristig eine islamische Revolution und die Einführung des islamischen Rechts, Şeriat, vorbereite. Zu diesem Zweck erweitere er systematisch seinen Einfluss im Medien- und Bildungssystem, unterwandere Militär- und Polizeischulen und bilde Selbstmordkommandos aus.“2008 Die Fethullah-Gülen-Bewegung in Deutschland. Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste, Fachbereich WD 1: Geschichte, Zeitgeschichte und Politik, 1-3000-072/08, 2008, S. 5 (PDF; 203 kB).

Die Gülen-Bewegung war mit Erdogans Partei AKP lange Zeit verbündet, aber seit 2012 liegt sie mit ihr im Zwist. Dabei änderte sich ihr Verhältnis schon ab 2010. Gülen kritisierte im Wall Street Journal eine Aktion des Erdogan-Lagers. Ein Ableger der Millî-Görüş-Bewegung hatte eine sogenannte Hilfsflotte für Gaza (Ship-to-Gaza-Zwischenfall) organisiert, deren Schiffe Israels Gaza-Blockade brechen sollten. Dabei wurden 9 Türken von israelischen Kommandos erschossen. Als Erdogan 2012 mehrere Gülenisten aus Spitzenfunktionen entließ, konterte Gülen mit einer höchst umstrittenen Videobotschaft: „Wenn sie eure Häuser schließen, öffnet Wohnheime. Wenn sie eure Wohnheime schließen, öffnet neue Häuser. Wenn sie eure Schulen schließen, gründet eine Universität. Wenn sie eure Universität schließen, gründet zehn neue Schulen. Ihr dürft nie aufhören zu marschieren.“

Neue internationale Aufmerksamkeit erfuhr die Bewegung im Korruptionsskandal in der Türkei 2013, in den Recep Tayyip Erdoğan und u. a. einer seiner beiden Söhne, Necmettin Bilal Erdoğan, verwickelt sein sollen. Erdoğan wies diese Vorwürfe entgegen existierenden Belegen von sich und beschuldigte die Gülen-Bewegung, eine Schmutzkampagne gegen ihn zu führen.

Am 25. Juni 2014 wies die Zentrale der Polizei ihre Dienststellen an, zu untersuchen, ob die Hizmet-Bewegung einen bewaffneten Arm unterhält.Order sent to police to probe Gülen movement’s ‘possible armed branch’. Radikal-Artikel bei Hürriyet Daily News, 7. Juli 2014, abgerufen am 1. August 2016 (englisch). AFP-Artikel auf al-Akhbar, 7. Juli 2014, abgerufen am 1. August 2016 (englisch). In der Türkei beschloss das Parlament, mit einer deutlichen Mehrheit von 226 zu 22 Stimmen, im Sommer 2015 etwa 4.000 Gülen-Schulen zu schließen.Peter Mühlbauer: Erdogan schließt Gülen-Schulen. Telepolis, 8. März 2014, abgerufen am 1. August 2016.

Regionale Schwerpunkte der Arbeit der Gülen-Bewegung außerhalb der TürkeiSophia Pandya, Nancy Gallagher: The Gulen Hizmet Movement and Its Transnational Activities: Case Studies of Altruistic Activism in Contemporary Islam. Boca Raton (Florida) 2012. In diesem Buch werden die Aktivitäten der Bewegung als reine Wohlfahrtstätigkeit dargestellt. liegen u. a. in Pakistan,Ayaz Gul: Turkey Wants Pakistan to Close Down institutions, Businesses Linked to Gulen. Voice of America, 23. Juli 2016, abgerufen am 2. August 2016 (englisch). Bosnien-Herzegowina und in den postsowjetischen zentralasiatischen Staaten (Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan). Allein in diesen unterhielt die Gülen-Bewegung im Jahr 2008 89 Schulen; in Usbekistan ist sie verboten.Fahri Türk: Nicht frei von Konflikten – Die Entwicklung der türkisch-zentralasiatischen Beziehungen von 1992 bis heute. In: Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde, Forschungsstelle Osteuropa (Hrsg.): Zentralasien-Analysen 19–20/09, 28. August 2009, , S. 14, abgerufen am 2. August 2016 (PDF; 1,7 MB). Auch im Kosovo und in Albanien hat die Gülen-Bewegung zahlreiche Anhänger. So behauptete der Publizist und ehemalige Minister für Regionalregierungen, Ben Blushi von der Sozialistischen Partei Albaniens, 2014 in seinem Buch Hëna e Shqipërisë (Halbmond Albaniens), dass zehn Prozent der albanischen Polizei Anhänger der Hizmet-Bewegung (Gjylenxhi, gesprochen wie „Gülenci“, türkisch für Gülenisten) seien.

Am 16. Juli 2016 warf der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan der bis 2011 mit ihm verbündeten Gülen-Bewegung vor, für den gescheiterten Putschversuch in der Türkei 2016 verantwortlich zu sein, was von Gülen bestritten wurde; er kritisierte den versuchten Staatsstreich.Christoph Sydow: Putschversuch in der Türkei: Imam gegen Sultan. Spiegel Online, 16. Juli 2016, abgerufen am 28. Juli 2016. Am 28. Juli 2016 teilte Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu dem Nachrichtensender CNN Türk mit, man verlange von Deutschland die Auslieferung der geflüchteten Richter und Staatsanwälte, die nach Ansicht der türkischen Regierung der Gülen-Bewegung angehören sollen. Am 15. Juli 2017 urteilte Maximilian Popp auf Spiegel Online, es gebe Indizien dafür, dass Gülen-Kader „die treibende Kraft hinter dem Putschversuch gegen Erdogan waren“.Maximilian Popp: Gülens Rolle beim Türkei-Putsch: Imam der Armee. Spiegel Online, 15. Juli 2017, abgerufen am 15. Juli 2017. Der deutsche Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber dagegen nennt die Annahme, die Gülen-Bewegung habe hinter dem Putschversuch gestanden, als Beispiel für Verschwörungsideologien in der Gegenwart.Armin Pfahl-Traughber: Verschwörungsideologien heute. In: Helmut Reinalter: (Hrsg.): Handbuch der Verschwörungstheorien. Salier Verlag, Leipzig 2018, ISBN 978-3-96285-004-3, S. 311 f.

Zusammenarbeit mit Erdoğan und der AKP-Regierung Recep Tayyip Erdoğan und Fethullah Gülen hatten seit den 90er Jahren einen intensiven Kontakt, auch wenn beide Seiten das inzwischen öffentlich abstreiten.

Erdoğans Einfluss in der Türkei wuchs schnell, wobei bei seinem Machtaufstieg starke Unterstützung von der Gülen-Bewegung erhielt. Auch Gülen-Anhänger in Deutschland sympathisierten mit der damaligen Regierung von Erdoğans Partei AKP.

Der damalige Oberstaatsanwalt İlhan Cihaner ermittelte nach Hinweisen auf illegale Geldgeschäfte 2007 zur Gülen-Bewegung in der Türkei und sagte: „Wer sich mit Gülen anlegt, wird vernichtet“. Ähnlich wie Cihaner erging es dem Istanbuler Journalisten Ahmet Sik. Kurz bevor sein Buch İmamın Ordusu (Armee des Imam) über die Gülen-Bewegung auf den Markt kommen sollte, wurde der Autor im März 2011 verhaftet. Durch den großen Einfluss in der Türkei, den die Gülen-Bewegung vor Jahren ausübte, wurden viele kritische Stimmen nicht gehört und sogar verhaftet. Dies verdankte die Bewegung der damaligen Zusammenarbeit mit Erdoğan und seiner AKP-Regierung.

Wachsende Entfremdung zwischen der AKP-Regierung und der Gülen-Bewegung Erste Spannungen zeigten sich spätestens 2012, während der Zeit erster Annäherungen zwischen der AKP-Regierung und der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Hakan Fidan, Leiter des türkischen Inlandgeheimdienstes führte geheime Gespräche mit der PKK. Im Februar 2012 wurde er von einem Istanbuler Staatsanwalt des „Geheimnisverrates“ beschuldigt.Michael Martens: Kampf gegen die Soldaten des Lichts. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 18. Dezember 2013. Die AKP-Regierung sah darin eine politische Aktion, die von Gülen-Anhängern innerhalb der Justiz ausging. Die AKP reagierte mit einem Gesetzesentwurf im März desselben Jahres, der die Nachhilfe-Institute der Gülen-Bewegung verbieten sollte. Zum Demokratieverständnis und zur Haltung gegenüber Andersdenkenden werfen Gülen-Anhänger heute der türkischen Regierung nichtdemokratische Werte vor. Doch die Gülen-Bewegung selbst vertritt im inneren Kern der Bewegung eine extrem konservative, teilweise radikale Haltung gegenüber anderen Meinungen, besonders wenn es um Gülen selbst geht.