Hermann Landshoff (* 2. März 1905 in München-Solln; † 1986 in New York) war ein deutsch-amerikanischer Fotograf und in der Frühphase auch als Grafiker und Karikaturist tätig. Ab den 1930er bis in die 1950er Jahre war Landshoff durch die Einführung dynamischer Kompositionen sowie spontaner Aufnahmen von Bewegungs- und Alltagssituationen wegweisend für die internationale Modefotografie und beeinflusste Fotografen wie Richard Avedon und Irving Penn.
Leben und Werk Kindheit und Elternhaus in München (1905–1923) Hermann Landshoff wurde als Sohn des international bekannten Musikwissenschaftlers, Bachforschers, Komponisten und Dirigenten Ludwig Landshoff und der Hofsängerin Philippine Landshoff (geb. Wiesengrund) in München-Solln geboren. Gemeinsam mit seiner älteren Schwester Ruth (geb. 1903) wuchs er in einem wohlhabenden und musisch geprägten jüdischen Elternhaus auf. In der neu erbauten Villa in der Kolonie Prinz-Ludwigs-Höhe in Solln (Pössenbacherstraße 5, damals Mendelssohnstraße 12) und ab 1923 im gutbürgerlichen Domizil in der Bauerstraße 2 in Schwabing gingen die Künstlerfreunde der Landshoffs ein und aus, darunter die Schriftstellerinnen und Schriftsteller Franziska zu Reventlow, Ricarda Huch und Christian Morgenstern, Mitglieder des Akademisch-Dramatischen Vereins, wie Thomas Mann und Max Reinhardt, Autoren des Verlages Samuel Fischer, einem Onkel von Hermann Landshoff oder die Herausgeber der Zeitschrift Der neue Merkur. Monatsschrift für geistiges Leben, Efraim Frisch und Wilhelm Hausenstein.
Studium an der Kunstgewerbeschule München und Arbeit als Karikaturist in München (1923–1929) Nach dem Abitur am Wilhelmsgymnasium München schrieb sich Landshoff 1923 an der Kunstgewerbeschule in München für die Fächer Schrift, Buchdruck, Buchausstattung und Gebrauchsgraphik ein. Prägend für Landshoffs Ausbildung als Typograf und Buchkünstler bis 1926 wurde sein Lehrer Fritz Helmuth Ehmcke, bei dessen Zeitschrift Der Kreis er mitarbeitete. In gestalterischer Hinsicht vertrat Landshoffs Lehrer eine für die Zeit konservative Position. In Abkehr von avantgardistischen Versuchen der Schriftgestaltung und deren Typisierung plädierte er für individuelle Drucktypen und eine historisch gewachsene Schriftkultur. Diese Gestaltungsmerkmale sind auch an Landshoffs Einbandgestaltungen für den Knorr & Hirth Verlag ab 1929 – wie z. B. jenem für Tim Kleins Roman Im Kampf der Zeit mit expressionistisch-bewegter Schrift – ablesbar.
Neben der Arbeit als Typograph war Landshoff nach dem Abschluss der Kunstgewerbeschule in München auch als freiberuflicher Illustrator und Karikaturist tätig. Bekannt wurde sein zeichnerisches Talent erstmals durch die Karikaturen im Simplicissimus, von denen vor allem die satirische Zeichnung „Marke Adolf“ Bekanntheit erlangte. Ab 1928 fertigte er regelmäßig Karikaturen berühmter Zeitgenossen für die Süddeutsche Sonntagspost an sowie Überschriften- und Inseratgestaltungen für diverse Zeitschriften des Knorr & Hirth-Verlages.
Sein zeichnerischer Stil Ende der 1920er Jahre lässt sich als reduziert und zugleich treffend-humorvoll bezeichnen. Landshoffs Virtuosität lag – neben der Fähigkeit zur Überzeichnung – dabei vor allem in der Schnelligkeit und Präzision bei der Erfassung der Charaktereigenschaften der Porträtierten.
Frühzeit als Bildjournalist und Modefotograf in München und Paris (1929–1939) Im Februar 1930 hatte Landshoff sein Debüt als Fotograf in der Münchner Telegramm-Zeitung und Sport-Telegraf mit Aufnahmen der Uraufführung von „Die Kreatur“ von Ferdinand Bruckner, nachdem 1929 nur noch sporadisch Zeichnungen von ihm in der Süddeutschen Sonntagspost erschienen waren. Bald folgten weitere Veröffentlichungen von Fotografien in der Süddeutschen Sonntagspost und in der Münchner Telegramm-Zeitung. Den Beginn seiner Arbeit als Fotograf beschrieb Landshoff rückblickend:
Die berufliche Neuorientierung und autodidaktische Annäherung an den Beruf des Fotografen war in den 1920er Jahren durchaus nicht ungewöhnlich, bot der Beruf des Fotoreporters, Werbe- oder Modefotografen mit der zunehmenden Verbreitung der illustrierten Massenpresse eine lukrative Zukunftsperspektive für Neueinsteiger. Im Juli 1930 erschien eine seiner ersten Fotoreportagen über Albert Einstein auf seinem Segelboot in Caputh bei Berlin. Fortan war Landshoff als Fotograf etabliert und veröffentlichte fast ausschließlich Photos in der Münchner Illustrierten Presse, Münchner Telegramm-Zeitung und Sport-Telegraf, sowie der Süddeutschen Sonntagspost.
Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten im Januar 1933, die im Zuge der Gleichschaltung der Medien und durch den Ausschluss aus der Reichsschriftkammer für viele jüdische Journalisten und Pressefotografen den sicheren finanziellen Ruin bedeutete, emigrierte Landshoff vom 8. auf den 9. Juli 1933 nach Paris, wo er im November 1935 den ersten Auftrag für die französische Vogue erhielt. Mit den Aufnahmen der Cembalistin Wanda Landowska und der Baronin Visconti – Mutter des Regisseurs Lucchino Visconti – entstanden in dieser Zeit erste Porträts in Frankreich und Italien.
Nachdem bei der französischen Vogue ab August 1936 die Aufträge ausgeblieben waren, arbeitete Landshoff ab dem Sommer 1938 bis Januar 1939 als Fotograf für die Pariser Modezeitschrift femina. Die Modeaufnahmen sowie die Porträts der Zeit zeugen von einer intensiven Zusammenarbeit Landshoffs mit den Modellen. Hatte er die Aufnahmen für die Vogue noch meist in expressionistischer Lichtregie im Studio inszeniert, fotografierte er für femina fast nur noch im Freien. Auf Pariser Plätzen, in Parkanlagen und an anderen öffentlichen Orten schuf Landshoff durch Untersicht oder diagonale Bildschnitte dynamische Kompositionen.
Die Fotografien der Pariser Zeit, die er meist mit einer Rolleiflex und Infrarotfilm aufnahm, sind darüber hinaus geprägt von einem wenig kontrastreichen, schwarzdunklen Tonbereich. Die eindrucksvollste Modestrecke gelang Landshoff im Pariser Zoo. Diese unkonventionellen Momentaufnahmen für die Vogue, für die auch die mit ihm befreundete Fotografin Regina Relang als Modell mitwirkte, ist bereits mit zwei Jahrzehnte später entstandenen Modeaufnahmen, wie Dovima mit Elephanten von Richard Avedon vergleichbar.
Tätigkeit als Modefotograf in New York (1942–1960) Mit Landshoffs Auswanderung nach New York sollte seine fotografische Tätigkeit im Bereich der Modefotografie keinesfalls zum Erliegen kommen, ganz im Gegenteil: in seiner neuen Heimat sollte Landshoff als Modefotograf äußerst erfolgreich für die Journale Harper’s Bazaar, Junior Bazaar, Mademoiselle und Mademoiselle College tätig sein. Knapp ein Jahr nach seiner Ankunft in New York, im Frühjahr 1942, wurde Landshoff für das einflussreichste Modejournal seiner Zeit Harper’s Bazaar als Porträt- und Modefotograf engagiert. Im April 1942 gab es bereits erste Veröffentlichungen seiner Aufnahmen und bis 1946 erschienen in nahezu jeder Ausgabe Modeaufnahmen von Landshoff.
Sein Erfolg als Modefotograf in diesen Jahren lag in seinem einzigartigen fotografischen Stil begründet, der vor allem auch von dem damaligen Art-Director von Harper’s Bazaar, Alexey Brodovitch, bewundert und gefördert wurde. Brodovitchs innovative Gestaltung hatte das Magazin seit seinem Engagement als Art-Director 1934 zur wichtigsten Adresse für junge unabhängige und experimentierfreudige Fotografie gemacht. Zahlreiche namhafte Fotografen, wie Erwin Blumenfeld oder Martin Munkácsi waren bereits für das Journal tätig gewesen – Fotografen, deren Arbeiten gewiss auch an Landshoff nicht spurenlos vorübergingen. Insbesondere die Schnappschuss-Ästhetik des ungarischen Fotografen Martin Munkácsi beeindruckte Landshoff sehr. Angeregt durch Brodovitch entwickelte Landshoff diese weiter, indem er sie mit einem Stilmittel seines wohlwollenden Förderers kombinierte: die Wiedergabe unscharfer Bewegungsabläufe. In den 1930er Jahren begleitete Brodovitch mit seiner Kamera die Ballets Russes von Sergej Diaghilev und schuf eine Serie experimenteller Bühnen- und Tanzfotografien, deren kennzeichnendes Stilmittel die silhouettenhafte Wiedergabe dynamischer Bewegungsabläufe war. Ebendieses Charakteristikum griff Landshoff in seinen Aufnahmen auf und verband es mit dem Momenthaften und der Vitalität des Ungarn.
Auf diese Weise schuf Landshoff im Stil der street photography spontane und lebensfrohe Modeaufnahmen, die ein optimistisches und modernes Frauenbild vermittelten, dem die Amerikanerin der Nachkriegszeit nacheiferte und mit dem sie sich identifizieren konnte. Diese scheinbar zufälligen, momenthaften Aufnahmen passten ebenso hervorragend zu dem Journal Junior Bazaar. Junior Bazaar wurde 1945 von Brodovitch und seiner Assistentin, der Fotografin Lillian Bassman als Schwestermagazin von Harper’s Bazaar gegründet und richtete sich vor allem an die junge Generation weiblicher Teenager. Nachdem diese Altersgruppe lange Zeit, insbesondere auch für Modejournale, nicht von Interesse war, zeigt sich in der Nachkriegszeit in dieser Hinsicht ein außerordentlicher Wandel. Immer mehr rückte der junge fröhliche Teenager in den Vordergrund – die Modeindustrie entdeckte eine vollkommen neue Zielgruppe. Landshoffs Aufnahmen für Junior Bazaar zeigen junge lebensfrohe College-Studentinnen auf dem Fahrrad, mit Rollschuhen oder bei anderweitigen Freizeit- oder Sportaktivitäten. Die Statik und Eleganz der Modefotografie der vorhergehenden Jahre war in diesen Aufnahmen gänzlich verschwunden.
1947 wechselte Landshoff zur Modezeitschrift Mademoiselle, die ebenso wie Vogue zum Condé Nast Verlag gehörte. Auch hier hatte Landshoff einen Förderer und Liebhaber seiner Aufnahmen gefunden: Bradbury Thompson, seit 1945 Art-Director des Modejournals. Neben seinen weiterhin jugendlich-frisch anhauchenden Modeaufnahmen, beschäftigte Landshoff sich zunehmend mit der Farbfotografie. Viele der Farbaufnahmen für Mademoiselle und Mademoiselle College – ähnlich wie Junior Bazaar ein Magazin, das sich vorwiegend an den Teenager, die College-Studentin und die junge berufstätige Frau richtete – entstanden während Auslandsreisen, die der Fotograf in den 1950er Jahren im Auftrag der Zeitschrift unternahm. Angesichts der zunehmenden Reiselust in den 50er Jahren haben diese traumhaften, exotischen Aufnahmen ganz und gar den Sehnsüchten der amerikanischen Leserschaft entsprochen. Insgesamt 700 Aufnahmen wurden von Landshoff bis zum Jahr 1960 in den beiden Journalen veröffentlicht und gewiss hat er mit seinen Aufnahmen nicht nur das Erscheinungsbild insbesondere von Mademoiselle College, sondern auch der ein oder anderen College-Studentin geprägt.
Künstlerporträts in den USA Die umfassende Serie an Künstlerporträts, die Landshoff in New York ab den 1940er Jahren fertigte, begann mit Aufnahmen der europäischen Exilanten, die die reiche Kulturszene New Yorks während und in der Folge des Zweiten Weltkrieges maßgeblich bestimmten. Er porträtierte beispielsweise Helene Thimig, die österreichische Schauspielerin und Ehefrau von Max Reinhardt, den Maler Julius W. Schülein aus München, den Berliner Künstler Eugen Spiro oder den österreichischen Illustrator und Grafiker Wilhelm Thöny. Sie waren allesamt als Juden aus Europa nach New York entkommen wie auch der Berliner Kunsthistoriker und Begründer des jüdischen Kulturbundes Max Osborn, den die Familie Landshoff noch aus Berlin und Paris näher kannte. Landshoffs Porträt von Osborn war in der Galerie Wildenstein aufgenommen worden, die eine wichtige Plattform für Landshoffs Aktivitäten war. Dort sind auch seine Porträts der Schauspieler Charles Laughton und Elsa Lanchester, Luther Adler und Beatrice Straight entstanden.
Außerdem stand der im New Yorker Exil lebende belarussische Bildhauer Ossip Zadkine mit der Wildenstein Gallery in enger Verbindung. Landshoff konnte Zadkine wiederholt in seinem New Yorker Studio aufsuchen und den Künstler bei der Arbeit inmitten seiner Plastiken porträtieren.