mini|Die Eider als dänische Südgrenze von 811 bis 1864
Die Geschichte von Hanerau-Hademarschen beschreibt die geschichtliche Entwicklung der heutigen Gemeinde Hanerau-Hademarschen in Mittelholstein. Die Gegend um Hanerau-Hademarschen ist bereits seit mehr als 5000 Jahren besiedelt. Dies bezeugen die aus der Jungsteinzeit stammenden Hünengräber auf den Hademarscher Bergen.
Die dörfliche Siedlung Hademarschen bestand bereits um Christi Geburt. Eine erste kleine Holzkirche entstand wahrscheinlich vor dem Jahr 1000; die Burg Hanerau wurde zum Ende des 12. Jahrhunderts errichtet. Die erste Steinkirche in Hademarschen wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts erbaut. Das Dorf Hanerau entstand erst um 1800.
Die im Laufe des 19. Jahrhunderts miteinander verwachsenen Orte haben eine bewegte Geschichte erlebt, unter wiederholt wechselnder deutscher und dänischer Herrschaft, mit vielen Obrigkeiten, wie Königen, Herzögen, Grafen und anderen Adeligen, die kamen und gingen. Und die Orte waren Schauplätze vieler Kämpfe mit und zwischen einfallenden Heerscharen und Marodeuren, bei denen viele Opfer und große Schäden durch Brandschatzungen und Verfolgungen zu beklagen waren.
Durch Theodor Storm wurde Hanerau-Hademarschen weit über die Grenzen bekannt. Er schuf hier zwischen 1880 und 1888 seine bekanntesten Werke wie zum Beispiel den Schimmelreiter.
Durch den Bau des nahe gelegenen Nord-Ostsee-Kanals und des Anschlusses an das Bahnnetz Ende des 19. Jahrhunderts blühte der Ort auf. In jener Zeit entwickelten sich neben der vormals vorherrschenden Bauernwirtschaft auch Handwerk und Handel.
Durch den Flüchtlingsstrom nach dem Zweiten Weltkrieg verdoppelte sich die Einwohnerzahl vorübergehend.
Ein besonders einschneidendes Ereignis in jüngerer Zeit war der Totalverlust der 800 Jahre alten Severinkirche (Hademarschen) durch einen Großbrand am 27. Dezember 2003.
__TOC__
Lage und Namensherkunft
Hanerau-Hademarschen liegt an dem „Dreiländereck“ von Holstein, Dithmarschen und Schleswig.
Steinzeit und Bronzezeit mini|Geöffneter Grabhügel (öffentlich zugänglich), Hademarscher Berge
Sicherlich hatten die „Hademarscher Berge“, mit bis zu 67 m ü.d.M aus der sonst nur leicht gewellten Landschaft emporragend, eine strategische Bedeutung über die Jahrtausende. Dort befinden sich auch die Hünengräber. Eine Geländekarte aus dem 18. Jahrhundert zeigt noch 30 Hügel, die jedoch im Laufe der Zeit zerstört wurden, und heute lediglich fünf der mächtigen Grabhügel verbleiben. Ein anlässlich der Fundamentlegung des früheren ersten Aussichtsturmes im Jahr 1912 geöffneter Hügel, der unter Leitung des Archäologen Prof. Rothmann vom Museum für vorgeschichtliche Altertümer in Kiel ausgegraben wurde, enthielt überraschenderweise zwei Gräber: auf halber Höhe ein Baumsarggrab aus der älteren Bronzezeit (um etwa 1400 bis 1200 v. Chr.), in dem ein Bronzeschwert, ein Streitbeil, einige Tongefäße und ein reich verzierter goldener Armreif gefunden wurden, und ein weiteres am Grund des Hügels, ein mit einem kurzen Gang versehenes Längsgrab, aus mächtigen Steinfelsen, von bis zu 3,5 m Länge und 2,0 m Breite, aus der Jungsteinzeit, etwa 2000 bis 1600 v. Chr., wie man eingangs annahm, in dem sich Steinwerkzeuge, Gefäße und Überreste menschlicher Gebeine aus fünf Zeitabschnitten befanden. Es gibt Fotos vom Juli 1912, die diese Kelche, Steinbeile usw. zeigen. Die Gegenstände wurden dem Kieler Museum geschenkt, dort bis zum Zweiten Weltkrieg aufbewahrt, und befinden sich heute im Landesmuseum für Vorgeschichte in Schloss Gottorf, Schleswig.
Das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein geht inzwischen davon aus, dass die erste Steinlege im geöffneten Hügel bereits um circa 3500 v. Chr. errichtet wurde, zur Zeit der Trichterbecherkultur. Schon aufgrund der genannten Funde ist anzunehmen, dass die unmittelbare Umgebung von Hademarschen bereits vor mehr als 5000 Jahren besiedelt war, und seitdem vermutlich auch durchgehend, die Menschen in dieser Gegend ausharrten, während ihre nördlichen Nachbarn in Jütland, die Kimbern, gemäß römischen Quellen um 121 v. Chr. nach Süden auswanderten und sich auch die nördlichen Germanenstämme der Teutonen und Ambronen ihrem langen Zug anschlossen. Gründe für jene große Wanderbewegung sollen sein: zum einen eine besonders große Sturmflut mit entsprechenden Küstenlandverlusten, wie immer wiederkehrend an der Nordsee, zum anderen, nach einer vorübergehenden Wärmephase in Nordeuropa zwischen 2000 und 800 v. Chr., wieder eine darauffolgende starke Kältephase, während der es zu Ernteausfällen und Hungersnöten kam, und den entsprechenden Nachwirkungen, was die Bevölkerung schließlich dazu zwang nach fruchtbarerem Land zu suchen. Der Zug gelangte nach vielen Umwegen in 20 Jahren bis nach Norditalien. Die Bewohner der Gegend Hademarschens waren durch die Lage auf der höheren Geest und inmitten der Wälder wohl begünstigter als ihre nördlichen Nachbarn und dürften darum sesshaft geblieben sein.
Eine überlieferte Sage beschreibt Folgendes: „Im Kirchspiel Hademarschen lag, als noch die Riesen hier im Lande wohnten, ein großer Stein. Einer der Stärksten nahm ihn auf und wollte ihn über die Grenze werfen. Da zersprang der Stein im Werfen in zwei Stücke, das eine fiel im Kirchspiel Schenefeld nieder, das andere in der Marsch. Beide Stücke passen aber genau aneinander.“
Auch in den westlich beziehungsweise östlich gelegenen Nachbargemeinden Albersdorf und Gokels befinden sich mehrere Hünengräber, und beide Orte tragen jeweils ein stilisiertes Hünengrab im Wappen.
Ob die ersten Ansiedlungen in oder um Hademarschen auch an einer der Bernsteinstraßen lagen, ist nicht nachgewiesen. Die mitteldeutsche Landroute der Bernsteinstraße verlief von der Nordseeküste der Cimbrischen Halbinsel (heutiges Festland-Dänemark und Schleswig-Holstein) entlang der Elbe und weiter, wie angenommen, entlang der Oder über die Alpen bis nach Rom, die sogenannte Römerroute. Der Verlauf dieser Route zwischen Elbmündung und Adria gilt als eine der älteren der Bernsteinstraßen und ist als Handelsweg bereits für die Zeit um etwa 2500 v. Chr. nachgewiesen. Die westdeutsche Landroute von der Nordseeküste der Cimbrischen Halbinsel über Rhein und Rhone nach Marseille und weiter in die Toskana wurde seit mindestens 600 v. Chr. genutzt. Beide genannten Routen begannen vermutlich in der Gegend des heutigen Eiderstedt an der Nordseeküste, da bereits 2000 Jahre v. Chr. Bernstein von den dort vorgelagerten Nordfriesischen Inseln nach Griechenland gelangte, und liefen im heutigen Hamburg zusammen. Hademarschen liegt auf der Linie zwischen Eiderstedt und Hamburg. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der alt-griechische Hinweis auf das Land Hyperborea, „nachweisbar das einzige Land, aus welchem die alten Griechen ihren Bernstein bekamen“, und der heutige Lokalisierungsversuch, dieses in Nordfriesland zu finden. Denkbar ist auch, dass der westliche der Ochsenwege, der nachweislich über Hademarschen verlief, mit der Bernsteinstraße, zumindest ab Hademarschen Richtung Süden, identisch war. Ab dem Mittelalter wurde der Ochsenweg auch als Pilgerroute aus dem Norden nach Italien genutzt.
Altertum In der Zeit von etwa 600 v. Chr. bis zur Zeitenwende war die Gegend um Hademarschen wahrscheinlich von der im Norden vorherrschenden Jastorf-Kultur geprägt worden sein. Daran schloss sich zeitlich die Kultur der Elbgermanen an, deren nördlicher Rand des Ausdehnungsgebietes Hademarschen berührte. Gleichermaßen dürfte es Einflüsse von den Nordseegermanen gegeben haben, die sich westlich anschlossen. Ob auch die Langobarden, als Teil der Elbgermanen, die bis ins 1. Jahrhundert an der Unterelbe nachgewiesen sind und vorübergehend auf das nördliche Ufer der Elbe übergesiedelt waren, bevor sie nach Süden auswanderten, auch bis nach Mittelholstein gelangten oder diesen Landesteil beeinflussten, ist nicht feststellbar.
Die dörfliche Siedlung Hademarschen entstand bereits um Christi Geburt. Der wohl älteste Teil lag bei Tiefental, am Abhang der „Hollenberge“. Aus der Richtung des späteren Hanerau führte ein breiter Sandweg mit tiefen Wagenspuren nach Hademarschen („Weidenniederung“). Dort, wo die Häuser auf einem Haufen standen, der heutigen Klosterstraße, floss quer über die Straße der „Schobeek“, der sich im „Eck“ mit dem „Klosterbeek“ vereinte (beek ist niederdeutsch für Bach).
Die alten Hademarscher gehörten gemäß römischen Quellen des 1. Jahrhunderts n. Chr. zum nordgermanischen Stamm der Avionen, im Grenzgebiet zu den nördlich von ihnen lebenden Jüten und nordöstlichen Angeln, sprachlich zu den Ingwäonen.
Es gibt keine Hinweise, dass die Römer diesen Teil Holsteins erreichten, auch nicht in der Zeit der größten Ausdehnung des Römischen Reiches im Jahr 117 n. Chr. unter Kaiser Trajan, als Gebiete zwischen dem jeweiligen Unterlauf von Weser und Elbe von den Römern kontrolliert wurden, wobei die sehr breite Elbe ein Hindernis gegen Norden darstellte. Auch wurde in den historischen Texten jener Zeit wiederholt darauf hingewiesen, dass die dort lebenden Stämme Holsteins „durch undurchdringliche Wälder gut geschützt“ wären.
Quellen um 150 n. Chr. sprachen bereits von „Sachsen“ und beschränkten das Volk dieses Namens allein auf die Bewohner des südlichen und mittleren Teiles Westholsteins, jenen Landstrich, der auch Hademarschen einschließt, die „Alt-Sachsen“, bevor der Volksname ausgeweitet wurde und etwa ab dem 3. Jahrhundert mehrere Volksgemeinschaften in Norddeutschland einschloss, wie ab dem 4. Jahrhundert belegt. Derzeit gilt die im Jahr 356 in einer Rede des Kaisers Julian erfolgte Erwähnung der Sachsen als zuverlässig dokumentierte erstmalige Nennung des Volksnamens. Der Name ist eine Ableitung der von ihnen damals zumeist gebrauchten Waffe, dem Sax (althochdeutsch sahs für Schwert oder Messer). Sicherlich wurden auch zweischneidige Schwerter, wie die Spatha, verwendet.
Frühmittelalter mini|Nordgermanisches Haus um 400 n. Chr. (Rekonstruktion) mini|Ausdehnung Fränkisches Reich 810, mit Anschluss nordelbischem Sachsens
Offensichtlich ist, dass die ab 375 n. Chr. aus Osteuropa weit nach Westeuropa eindringenden Hunnen die Gebiete nördlich der Unterelbe zwar berührt haben, auch in der größten Ausdehnung des Hunnenreiches um 453 das heutige Dänemark und Südschweden mäßig beeinflusst haben mögen, sicherlich aber nicht kontrolliert, gibt es jedoch in Holstein keine nachweislichen Spuren einer damaligen Präsenz der Hunnen. Möglicherweise eigneten sich die dichten Wälder der Region nicht für eine Entfaltung des an weite, offene Räume gewöhnten Reitervolkes, oder die reine Bauernwirtschaft einzelner Gehöfte, mit nur sehr kleinen Ortschaften und noch gänzlich ohne Städte, war für die häufig auf Raub sinnenden Hunnen nicht interessant. Auch die durch den Verdrängungseffekt verursachten, europaweit einsetzenden Völkerwanderungen dürften diesen Teil Holsteins wenig oder gar nicht berührt haben.
Der mit dem Zusammenbruch des Römischen Reiches einsetzende kulturelle Niedergang Westeuropas, der von Gewalt, Zerstörung und wirtschaftlichem Niedergang begleitet wurde, dem Zusammenbruch des Fernhandels, sowie einem Rückgang der Schriftlichkeit, insbesondere zwischen 550 und 800, und den Verfall der Städte Europas bewirkte, wird Holstein wenig verändert haben, da die dortige eigenständige nordische Kultur, neben dem regionalen Handelsaustausch, kaum von der römischen beeinflusst wurde, die dichten Wälder und geringe Bevölkerung noch keine Städtebildung zuließen.