mini|Antje Grauhan in ihrer Wohnung in Travemünde im Juli 2009 Antje Grauhan (* 26. April 1930 in Berlin; † 5. Juli 2010 in Lübeck-Travemünde) war eine deutsche Krankenschwester (Berufsbezeichnung seit 2020: Pflegefachfrau), Unterrichtsschwester, Schulleiterin und Pflegewissenschaftlerin. Sie beschäftigte sich mit der Konzeption einer generalistischen Pflegeausbildung sowie der Konzeption generalistisch angelegter Pflegestudiengänge, mit der beginnenden Akademisierung der Pflegeberufe in Deutschland und nicht zuletzt mit berufspolitischen Fragestellungen.

Leben „Die Segelschiffe auf der Trave vor unserem Haus sehen zu können, das gab mir immer ein Gefühl der Freiheit“ (Antje Grauhan beim Interview im Jahr 2009 in Travemünde. Sie formulierte mit diesem Satz, wie sie sagte, ihr ureigenes Lebensgefühl, das sie durch die vielen und auch schweren Jahre in der Pflege getragen habe.)

Von Senftenberg/Lausitz nach Heidelberg Antje Grauhan verbrachte ihre Kindheit in Senftenberg in der Lausitz. Ihr Vater, der im Ersten Weltkrieg als Soldat die verheerenden Auswirkungen des Fleckfiebers erlebt hatte, war Chefarzt am dortigen Knappschaftskrankenhaus und zudem Chefarzt des Senftenberger Reservelazaretts. Nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs sollte Antje Grauhan, so der Wille der russischen Besatzungsmacht, in der Krankenhausküche dieses Krankenhauses als Küchenhilfe arbeiten, was der Vater verhinderte. Er plädierte stattdessen für eine Ausbildung zur Krankenschwester. Der Vater erkrankte durch die Behandlung seiner Senftenberger Patienten selbst an Fleckfieber und verstarb im Juni 1945. In der Folgezeit gelang es der Oberin der Heidelberger Ludolf-Krehl-Klinik, Olga Freiin von Lersner, Antje Grauhan nach Heidelberg zu holen. An der Universität Heidelberg sollte im Jahr 1953 eine Schwesternschule ihre Pforten öffnen, die, erstmals nach der von Henriette Goldschmidt gegründeten Leipziger Frauenhochschule in der Weimarer Republik, angehenden Krankenschwestern in Deutschland wieder die Möglichkeit einer akademisch geprägten Ausbildung bot.Zu diesem Zeitpunkt hatte sich am Universitätsklinikum Heidelberg bereits eine arbeitsteilige Funktionspflege durchgesetzt. Bestimmte Aufgaben waren aus dem pflegerischen Tätigkeitsfeld herausgelöst worden und wurden den Schwesternschülerinnen übertragen. Frau Grauhan bezeichnete diese Tätigkeiten als langweilige Tätigkeiten und einer Ausbildung nicht angemessen. – So Antje Grauhan im Interview mit Susanne Kreutzer. In: Ingrid Darmann-Finck, Karl-Heinz Sahmel (Hrsg.): Pädagogik im Gesundheitswesen. Springer, Berlin 2023, S. 87.

Nach dem Krankenpflegediplom studierte Antje Grauhan mittels eines Stipendiums der Rockefeller-Stiftung Maternal and Child Care in den USA und wurde in den Jahren zwischen 1962 und 1971 zweite Schulleitung der Schwesternschule der Universität Heidelberg (USH). Sie konnte an der Universität Heidelberg, so unter anderem bei dem Erziehungswissenschaftler Christian Theobald Caselmann, als auch bei den Diakoniewissenschaftlern Herbert Krimm und Paul Philippi, Leistungsscheine für ihren späteren Magisterstudiengang an der Universität Konstanz erwerben. Mit dem Erwerb regulärer Leistungsscheine war es möglich, dass nicht nur die ohnehin privilegierten Professorentöchter an der Schwesternschule der Universität Heidelberg Veranstaltungen an der Universität besuchen konnten („Professorentöchterstatus“), sondern der Zutritt zur USH auch jungen Frauen aus den nicht akademischen gesellschaftlichen Schichten sowie Männernso z. B. Reinald Schmidt-Richter, Herbert Weisbrod-Frey, Jürgen Krauth, der als Projektleiter zur Robert Bosch Stiftung in Stuttgart wechselte; Wayback: Jürgen Krauth Projektleiter Robert Bosch Stiftung, abgerufen am 13. Juli 2025; Ingo Stelzer als Fundraiser in der Heidelberger Stiftung Chirurgie, Ingo Stelzer KlinikTicker 14. Januar 2016, Weblink inzwischen nur noch mit Passwort aufrufbar; gesehen am 13. Juli 2025. ermöglicht wurde. Dies zu erreichen, war immer ein wichtiges Anliegen für Antje Grauhan. Nichtsdestotrotz blieb der Weg für Männer, die eine Familie zu ernähren hatten, an der USH ein beschwerlicher Weg, was nicht zuletzt im Verhalten der Medizinischen Fakultät begründet lag. Zusammen mit der Sozialmedizinerin Maria Pinding (1932–1990) entwickelte Antje Grauhan die Idee, Krankenpflegeforschung zu betreiben. Maria Pinding hatte damals die Idee, dass man ein entsprechendes Forschungsinstitut an der Schwesternschule der Universität Heidelberg ansiedeln solle.Valerie Marleen Vorbau: Antje Grauhan und die Akademisierung der Krankenpflege in Deutschland: Eine historische Analyse. Mit Expertinneninterview Sabine Bartholomeyczik. Bachelorarbeit Carl Remigius Medical School, Frankfurt am Main August 2021, S. 46, S. 47 f. Akademische BetreuerInnen Christine Auer und Tobias Mai.Hubert Kolling: Maria Pinding. In: Horst-Peter Wolff (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte – Who was Who in Nursing History, Band drei, Elsevier München, 2004, S. 222 f. In diesem Zusammenhang wurde auch der Begriff der Eigenständigkeit einer Wissenschaftsdisziplin wichtig.

Hanns-Gotthard Lasch und die „Hollywoodschwestern“ Die neue Schwesternschule der Universität Heidelberg (USH) trug schnell den Spitznamen „Hollywoodschule“. Die Schülerinnen erhielten auf den Pflegestationen den Spitznamen „Hollywoodschwestern.“Susanne Kreutzer: „Hollywood Nurses“ in West Germany: Biographies, Self-Images, and Experiences of Academically Trained Nurses after 1945, in: Nursing History Review 21 (2013): 33-54, A Publication of the American Association for the History of Nursing; Copyright 2013 Springer Publishing Company. Die Spitznamen erfand Hanns Gotthard Lasch, damals Schularzt für die USH und Oberarzt der Medizinischen Klinik (Ludolf-Krehl-Klinik). Inspiriert wurde Lasch durch die sandelholzfarbene Tracht der Schwesternschülerinnen, die in der grau-weißen Farbe der Umgebung erfrischend wirkte.Christine R. Auer: Eine frei denkende Krankenschwester, Antje Grauhan M.A. wird 80 Jahre alt, mit einem Beitrag von Monika Thiemann-Brenning, gefördert von der Robert Bosch Stiftung, Eigenverlag, Heidelberg 2010, S. 15, ISBN 978-3-00-030494-1. (Antje Grauhan 80 Jahre alt).Wolfgang U. Eckart: Meilensteine der Kreislauf-, Gefäß- und Blutforschung, in: Peter Nawroth, Hanns Gotthard Lasch (Hrsg.): Vaskuläre Medizin systematisch, Uni-Med Verlag Bremen 1999, zu H.G. Lasch, der „latenten Gerinnung“ und dem Pathomechanismus der Verbrauchskoagulopathie, ISBN 3-89599-143-0, S. 33. Allerdings herrschte auch damals, ungeachtet der erfrischenden Farbe, noch eine vergleichsweise strenge Kleiderordnung bezüglich Länge der Dienstkleidung oder Weite des Ausschnittes, die von Olga von Lersner in Kooperation mit der Klinikleitung vertreten wurde. Die maßgeschneiderte Dienstkleidung wurde von einem renommierten Heidelberger Bekleidungshaus in der Heidelberger Hauptstraße angefertigt und stellte die Eltern der Schwesternschülerinnen nicht selten vor finanzielle Herausforderungen. Von der Bezeichnung „Tracht“ wurde schon in den ersten Jahren des Schulbetriebs Abstand genommen und stattdessen „Dienstkleidung“ gesagt. Besonders beliebt waren die Feste an der Hollywoodschule für die in den Anfangsjahren von den täglichen Butterrationen aufgespart werden musste. „Große Ereignisse werfen ihre dünnen Suppen voraus“, so der Kommentar von Antje Grauhan.

Heidelberger anthropologische Schule