mini|Ronen Steinke 2023 Ronen Steinke (* 1983 in Erlangen) ist ein deutscher Journalist, Sachbuchautor und Jurist.

Leben Steinke wuchs in Nürnberg als Sohn jüdischer Eltern auf. Nach dem Abitur am Willstätter-Gymnasium Nürnberg studierte er Rechtswissenschaft und Kriminologie an der Bucerius Law School in Hamburg und an der Temple University Japan in Tokio. Im Anschluss arbeitete er in Anwaltskanzleien und am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien.

2011 wurde Steinke mit einer völkerstrafrechtlichen Studie über die politische Funktion von Kriegsverbrechertribunalen seit 1945 promoviert. Darin argumentiert er, hinter menschenrechtlicher Rhetorik wie jener der deutschen Regierung, die den Internationalen Strafgerichtshof unterstützt, verbärgen sich dennoch machtpolitische Interessen. Die Untersuchung wurde von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „Meisterstück“ gelobt.„Überzeugend und wichtig, gerade weil sie eine allzu idealistische und idealisierende Sichtweise der Entwicklung des Völkerstrafrechts … mit guten Gründen relativiert“: Eckart Conze, Historische Zeitschrift, Bd. 297, 2013.„A very worthy and stimulating contribution to an overlooked subject“: Steven C. Roach, Political Studies Review, Vol. 11, Nr. 3.

Anschließend kam Steinke zur Süddeutschen Zeitung, zunächst als Redakteur im Ressort Außenpolitik, wo er über Völkerrecht schrieb. Steinke interviewte den Kriegsverbrecher Radovan Karadžić und berichtete als erster Journalist aus dem Inneren des UN-Gefängnisses in Scheveningen. Seit 2017 schreibt er als rechtspolitischer Korrespondent der SZ mit Sitz in Berlin vor allem über Rechtspolitik, Sicherheitsbehörden und Extremismus. Seit Mai 2025 ist er zudem Host des Podcasts Ist das gerecht?, der ebenfalls durch die SZ veröffentlicht wird.

2012/13 war er Gastwissenschaftler am Fritz Bauer Institut zur Geschichte und Wirkung des Holocaust (Frankfurt am Main). Seit 2023 ist er unter Matthias Jahn Lehrbeauftragter am Institut für Kriminalwissenschaften und Rechtsphilosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

2022 bescheinigte Christian Rath ihm, aktuell der „wichtigste und produktivste rechtspolitische Journalist in Deutschland“ sein. Er selbst stellte 2025 fest: „Mir lässt Ungerechtigkeit keine Ruhe. Die Frage, was gerecht ist, ist oft nicht simpel. Aber ich glaube, dass Journalismus das Bewusstsein schärft – oft nicht unmittelbar, eher langfristig.“ Seine juristische Arbeit hätte nur in Einzelfällen geholfen, mit dem Journalismus drehe er „ein wenig am großen Rad der Gesellschaft: der Politik.“

Steinke ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Berlin.

Werk Fritz Bauer 2013 erschien Steinkes Biografie Fritz Bauer. Oder: Auschwitz vor Gericht„Fesselnd“: Neue Zürcher Zeitung v. 5. Oktober 2013. „Eindrucksvoll (…). Steinke zeichnet nicht nur das einseitige Bild eines mutigen Helden, der sich gegen den Zeitgeist stellt. Er legt auch dessen Schwächen offen“: Deutschlandradio Kultur, 3. November 2013. „Eine ähnlich zugängliche, packende und intellektuell anregende Biographie lässt sich schwerlich finden. Es dürfte auf Jahre das ideale Geschenk für angehende Juristinnen und Juristen sein“: Boris Burghardt: In: Journal der Juristischen Zeitgeschichte. 2017, 15–26. über den jüdischen Juristen, der in der Nachkriegszeit gegen große Widerstände gekämpft hatte, um NS-Täter vor Gericht zu bringen. Das Buch, das der Schriftsteller Daniel Kehlmann „grandios“ nannte, wurde zur Grundlage für den preisgekrönten Kinofilm Der Staat gegen Fritz Bauer. Steinke erhielt als bis dato jüngster Redner die Einladung, 2014 die traditionelle Neujahrsansprache im Bundesjustizministerium zu halten. Erardo Cristoforo Rautenberg, brandenburgischer Generalstaatsanwalt, kritisierte allerdings in seiner Rezension das Buch und provozierte damit eine Kontroverse.Jan Thiessen, Fritz Bauer – zur schwierigen Rezeption eines Lebenswerks. In: JuristenZeitung, 22 (2015), S. 1070.

Antisemitismus Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019 veröffentlichte Steinke eine Kritik an dem, was er das systematische Versagen des Staates im Umgang mit antisemitischer Gewalt nannte. Das Buch Terror gegen Juden, das sich mit Polizei und Justiz auseinandersetzt, wurde auf Platz 2 der Sachbuch-Bestenliste von Die Zeit und Deutschlandfunk Kultur gewählt. Auf die Frage, ob Juden überlegen sollten, nach Israel auszuwandern, sagte Steinke in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk: Darauf folgte 2020 der Essay Antisemitismus in der Sprache in Buchlänge, in dem Steinke antisemitische Wendungen in der heutigen deutschen Sprache kritisierte.

Jüdische Geschichte In Kairo, New York und Berlin recherchierte Steinke die Geschichte des ägyptischen Arztes Mohamed Helmy, der als Teil eines Netzwerks von Arabern während der NS-Zeit Juden rettete.Ronen Steinke, Wie ein Muslim eine Jüdin vor den Nazis rettete, Süddeutsche Zeitung v. 10. Januar 2015. Daraus entstand 2017 das Buch Der Muslim und die Jüdin: Die Geschichte einer Rettung in Berlin.„Selten sind die Nazis so häufig und geradezu filmreif übertölpelt worden – und selten ist man so versucht, am Ende eines ernsten Buches befreit in die Hände zu klatschen“: Christian Schmidt-Häuer, Die Zeit v. 24. August 2017. „Einfühlsam und bewegend“: Johannes C. Bockenheimer, Der Tagesspiegel v. 19. Oktober 2017. „Fesselnde Erzählung mit Gespür für das historische Detail“: Ozan Keskinkilic, qantara.de, 16. Oktober 2017. Als erster Araber überhaupt wurde Mohamed Helmy von Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet. Die englische Übersetzung des Buches wurde durch den Guardian zum „Book of the week“ ernannt.

Rechtsextremismus Gemeinsam mit anderen Juristen und Journalisten rief Steinke 2020 eine jährliche Dokumentation unter dem Titel Recht gegen rechts ins Leben. Der Report deckt rechte Tendenzen innerhalb der Justiz, der Verwaltung und den Parlamenten auf, hinterfragt kritisch, ob sich diese mit dem erstarkenden Rechtsextremismus ausreichend auseinandersetzen, und analysiert rechtliche Gegenstrategien. Die Herausgeber des Jahrbuchs, zu denen auch der Rechtsprofessor Andreas Fischer-Lescano und die Opferanwältin Kati Lang gehören, schalteten sich etwa in die Kontroverse um den sächsischen AfD-Richter Jens Maier ein.

Klassenjustiz Die soziale Schieflage zwischen Armen und Reichen vor der Strafjustiz machte Steinke zum Thema einer langfristigen Recherche, die er 2022 unter dem Titel Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich veröffentlichte. Steinke zeigt darin auf, dass arm und prekär lebende Menschen bei gleicher Schuld schneller in Haft genommen werden, seltener eine Chance auf eine Aussetzung einer Haftstrafe zur Bewährung haben und häufiger unter verschärfte Strafrahmen gefasst werden. Vor allem löste sein Buch eine Diskussion um die in Deutschland sehr häufige Ersatzfreiheitsstrafe für Zahlungsunfähige aus. Hieraus folgte ein 2022 von Justizminister Marco Buschmann angekündigter Gesetzesentwurf, der zur Änderung des Umrechnungsmaßstabes der Haftstrafen für Menschen, die ihre Geldstrafe nicht bezahlen können, führte. Die Ersatzfreiheitsstrafe ( StG) wurde halbiert.BR-Drs. 290/23 (Beschluss) Jochen Zenthöfer warf Steinke in der FAZ das Weglassen wichtiger Details vor.

Meinungsfreiheit In der Debatte um „Grenzen des Sagbaren“ intervenierte Steinke 2026 mit einem Plädoyer dafür, mehr Meinungsfreiheit zu wagen. Mit dem Buch „Meinungsfreiheit“ warnt er davor, Widerrede gleich mit Zensur zu verwechseln – kritisiert aber die Vielzahl neuer Gesetze gegen politische Äußerungen, die tatsächlich scharf seien. Das Buch wurde von den Kritikern von ZDF, Deutschlandfunk und Die Zeit auf Platz 3 der Sachbuchbestenliste gewählt und war für den Deutschen Sachbuchpreis sowie als Wissensbuch des Jahres nominiert.

Positionen Während des Israel-Gaza-Krieges ab 2023 veröffentlichte der nicht-jüdische Autor und Unternehmer Tobias Huch in der Jüdischen Allgemeinen (JA) einen Meinungsbeitrag, in dem er der Zivilbevölkerung im Gazastreifen eine kollektive Mitverantwortung für die Taten der militant-islamistischen Hamas und des Massakers vom 7. Oktober 2023 attestierte; die Zivilisten im Gazastreifen seien daher „nicht unschuldig“. Ronen Steinke zeigte sich in einer ebenfalls in der JA erschienenen Erwiderung irritiert, „wie die Jüdische Allgemeine dazu kommt, eine derart menschenverachtende Polemik ins Blatt zu heben“, mit der unausgesprochen die „ganze Bevölkerung von mehr als zwei Millionen Menschen“ zum legitimen Kriegsziel erklärt werde.

Steinke plädiert für ein Parteiverbotsverfahren gegen die AfD.

Mitgliedschaften Ronen Steinke gehört dem Deutschen Presserat, dem Kuratorium des Max-Planck-Instituts für Strafrecht in Freiburg, dem Freundeskreis des Leo Baeck Instituts, dem Netzwerk Recherche und dem PEN Berlin an.

Auszeichnungen 2013: Wächterpreis der deutschen Tagespresse 2020: Nominierung Reporterpreis 2020: Shortlist Henri-Nannen-Preis 2022: Otto-Brenner-Preis 2022: Journalist des Jahres (Kategorie Politik), 2. Platz 2023: Shortlist Deutscher Sozialpreis 2024: Nominierung Egon-Erwin-Kisch-Preis 2025: Hans-Frankenthal-PreisHans-Frankenthal-Preis (PDF; 0,5 MB) 2026: RechtsstaatspreisRechtsstaatspreis (PDF) der Schleswig-Holsteinischen Juristischen Gesellschaft 2026: Medienpreis des Deutschen Anwaltvereins 2026: Karl-Hermann-Flach-PreisEhrung für Ronen Steinke, sueddeutsche.de, 20. Juli 2026, abgerufen am 29. Juli 2026.

Schriften

Rezension von Ralf Oberndörfer: Ronen Steinke: Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht. Vorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik Nr. 205 (Heft 1/2014), S. 98 ff. und Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Heft 4/2015, S. 372 f.Darauf bezugnehmend Kurt Nelhiebel: Die Nestbeschützer. In: Der Tagesspiegel, 8. Dezember 2014. Dazu Richtigstellung der Tagesspiegel-Redaktion am 15. Dezember 2014 sowie Erwiderung durch Helmut Kramer Ein großes Vorbild, ein Mensch in Der Tagesspiegel, 22. Dezember 2014.Rezension von Erardo Cristoforo Rautenberg: Die Demontage des Generalstaatsanwalts Dr. Fritz Bauer. Nicht nur eine Kritik der Biographie von Ronen Steinke. Neue Justiz, Heft 9/2014, S. 369 ff. Dazu Erwiderung von Ronen Steinke: Bauer_Steinke.pdf Wissenschaftliche Standards verletzende Polemik. Eine Antwort auf Erardo C. Rautenberg. Neue Justiz, Heft 12/2014, S. 513–515. Dazu Erardo Cristoforo Rautenberg: Die Antwort von Ronen Steinke auf meine Besprechung seines Buches „Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht“: Eine Replik. Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Heft 4/2015, S. 374 ff.

Weblinks

Rezensionen zu Werken von Ronen Steinke bei Perlentaucher

Deutschlandfunk Kulturfragen. Debatten und Dokumente vom 3. Mai 2026: „Mit Sprechverboten gewinnt man keine Debatte“ – Ronen Steinke plädiert für mehr Meinungsfreiheit im Gespräch mit Susanne Führer

Einzelnachweise

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