Paul Floren, auch Paulus Florenius, Florinus oder Florentius (* 1550 in Sankt Joachimsthal oder Prag; † 1615 in Chur) war ein böhmischer Jesuit, der später protestantischer Theologe wurde und in Österreich, Böhmen und der Schweiz wirkte.

Leben Paul Floren wurde in Sankt Joachimsthal (Jáchymov) oder in PragVgl. Andreas Steinhuber: Geschichte des Kollegium Germanikum Hungarikum in Rom, Bd. I. 2. Aufl. Herder, Freiburg i. Br. 1906, S. 75f, u. a. geboren. Bei Florenus (= Gulden) dürfte es sich um die latinisierte Wiedergabe des Familiennamens GüldenVgl. Adam Daniel Richter: Zuverläßige Nachricht von den Annabergischen Münz- und Schmittemeistern, Stöck- und Stempelschneidern. August Valentin Friese, St. Annaberg 1759, S. 10 (Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt Halle). oder Gulden handeln, der - mit dem Leitnamen „Paulus“ - im Erzgebirge für eine Goldschmiede- und Münzmeisterfamilie belegt ist.Vgl. Angeblich hatte er protestantische Eltern und trat in seiner Jugend zum Katholizismus über.Es handelt sich um einen Standardvorwurf gegen Konvertiten. In einer zeitgenössischen polemischen Schrift wird Floren auch als ungetauftes jüdisches Findelkind bezeichnet, dessen Nachname auf Deutsch „Flöri“ (Fleury) gelautet habe.Vgl. Jakob Gretser, Conrad Vetter: Widerholung, Der Augspurgischen Predicanten, wegen der Cambilhonischen Relation. Andreas Angermayer, Ingolstadt 1612, bes. S. 139–142 (Google-Books).

Professor im Jesuitenorden Er studierte 1570 auf Empfehlung von Kardinal Giovanni Francesco Commendone (1524–1584) am Collegium Germanicum in Rom. Floren erhielt 1572/73 während des Studiums ein Kanonikat am Breslauer Dom.Vgl. Gerhard Zimmermann: Das Breslauer Domkapitel im Zeitalter der Reformation und Gegenreformation (1500-1600). Verfassungsgeschichtliche Entwicklung und persönliche Zusammensetzung. (Historisch-diplomatische Forschungen 2). Böhlau, Weimar 1938, S. 31f, 87, 122, 167, 183, 251, 253 (7. Mai 1573: „Cardinalis Commendonus contulit canonicatum Christophori Falkenhain cuidam Paulo Floreno Bohemo“) und S. 388. Im April 1575 nahm er an einer öffentlichen Disputation in der neuerbauten, noch nicht geweihten Jesuitenkirche Il Gesù in Rom teil, vermutlich anlässlich seiner Promotion zum „Doctor theologiae“. 1575 trat Floren als Novize in den Jesuitenorden ein.

Paul Floren war 1576 bis 1578 Doktor und Professor der Theologie am Jesuitenkolleg zu Wien. Er wandte sich zunehmend dem Protestantismus zu und gewann dafür im Januar 1578 auch seinen Kollegen, den damaligen Professor für Philosophie am Wiener Jesuitenkolleg Christian Francken (* 1549; † nach 1595).Aus Gardelegen, später wieder zum Katholizismus zurückgekehrt. Ein Bericht über das entscheidende Gespräch mit Francken wurde 1579 unter dem Titel Breve Colloquium Jesuiticum veröffentlicht und erlebte viele Nachdrucke und Übersetzungen.

Im Februar 1578 wurde Floren aus dem Kolleg entfernt und zum Visitator der Jesuiten Nikolaus Lanoy (1507–1581) nach Olmütz geschickt, der ihn als Häretiker aus dem Orden entließ. Die Entlassung wurde rasch vollzogen, weil man negative Auswirkungen bei dem möglichen Übertritt eines Ordensangehörigen zu den „Utraquisten“ (Protestanten) befürchtete. Anfang Mai 1578 verließ mit Kaspar Kratzer (1545–nach 1585) ein weiterer Jesuit den Wiener Konvent, um evangelisch zu werden.

Pappenheimer Hof- und Schlossprediger Floren verzichtete auf das Breslauer Domkanonikat und trat zum Protestantismus über. Er wurde 1578/79 Prediger bei Reichserbmarschall Conrad von Pappenheim (1534–1603) in Prag. 1578 trug Floren sich dort in das Stammbuch von Wilhelm Friedrich Lutz (1551–1597) ein, den er wahrscheinlich im Vorjahr in Wien kennengelernt hatte. Christian Francken, der das Wiener Kolleg im Februar 1579 verlassen hatte, traf Floren im März 1579 in Prag.Vgl. Christian Francken: Epistola Christiani Francken, in qva deplorat svvm a societate Iesv et ecclesia catholica discessvm. Heinrich von Aich, Würzburg 1583, unpaginiert (Google-Books) (1. Aufl. Leonhard Nassinger, Wien 1582). Mit dem ungarischen Humanisten Graf Balthasar Batthyány (* 1543; † 1590) stand Floren in Briefwechsel.Vgl. Dóra Bobory: Boldizsár Batthyány (c.1542–1590). Erudition, natural sciences, patronage and friendship in the life of a sixteenth-century Hungarian nobleman. (diss. phil. Budapest). Budapest 2007, S. 72–73.

In der Fastenzeit 1590 führten Floren und der Jesuit Georg Scherer (1540–1605) in Wien im Haus des Kaiserlichen Kammerrates Freiherr Christoph III. von Haym (1552–1611) im Beisein Pappenheims und vieler anderer Adeliger eine öffentliche kontroverstheologische Disputation durch, die heftigen literarischen Widerhall fand, da beide Seiten den Sieg für sich beanspruchten. Eusebius Sarkander1584-1587 protestantischer Pfarrer in Weißkirchlitz (Novosedlice). nannte Floren in einer verlorenen Schrift „ein auserwähltes Gefäß und heilbringendes Werkzeug Gottes und der Kirche Christi“.Vgl. Georg Scherer: Bericht Vom wunderlichen Sieg, den Doctor Paulus Florenius, wider Georgen Scherer Jesuiten, die nechst abgelauffne Fasten zu Wienn in Osterreich, mit disputieren erhalten. Widmanstetter, Graz 1590, S. 38: „electure vas, et salutare Dei et Ecclesiae Christi organon“ (Google-Books). Paul Floren führte einen Briefwechsel mit dem Zürcher Antistes Johann Rudolf Stumpf (1530–1592).

Floren begegnet um diese Zeit in Schaffhausen bzw. in der nahegelegenen Pappenheimischen Residenz Engen; mehrere Bücher aus seinem Besitz befinden sich heute in der Stadtbibliothek Schaffhausen.Vgl. Hanspeter Marti, René Specht, André Weibel: Die historischen Buchbestände der Stadtbibliothek Schaffhausen, S. 2, 52 und 54 (überarbeitete und ergänzte Fassung des Artikels Stadtbibliothek Schaffhausen. In: Urs B. Leu, Hanspeter Marti und Jean-Luc Rouiller (Bearb.): Handbuch der historischen Buchbestände in der Schweiz, Bd. II. Olms, Hildesheim 2011, S. 273–302; Digitalisat der Bibliotheken Schaffhausen). Wahrscheinlich stammen sie aus dem Bücherbestand im Krenkinger Schloss in Engen, den die Stadt Schaffhausen 1637 von Maximilian von Pappenheim, einem Sohn Conrads von Pappenheim, kaufte. 1591 ließ Kaiser Rudolf II. Conrad von Pappenheim in Engen durch württembergische Truppen verhaften und nach Schloss Hohentübingen bringen.

Aufnahme bei den Haintzel von Degelstein in der Schweiz 1598 während der Gefangenschaft Conrads von Pappenheim im Schloss Hohentübingen traf Martin Crusius (1526–1607) in Tübingen mit Floren zusammen. Dieser lebte damals im Schloss Haldenstein in Churrätien,„Mecum erat Paulus Florenius, Theol. D. sed non concionans. Erat cum generoso D. Conrado Bappenhaimio. Bohemus est, ex Valle Ioachimica. Viuit Haldenstaini in Rhaetia inferiore, semihora à ciuitate Curia, bidui itinere a Tiguro. Habitat in Palatio Haldensteinensi …“ (= „Bei mir war Paul Floren, ein Dr. theol., aber nicht im Predigerdienst. Er stand in Verbindung mit dem wohlgeborenen Conrad von Pappenheim. Er ist ein Böhme aus Joachimsthal, lebt in Haldenstein in Unterrhätien, einen halbe Stunde von der Stadt Chur, zwei Tagesreisen von Zürich entfernt. Er wohnt im Haldensteiner Schloss“).Vgl. Wilhelm Göz, Ernst Conrad (Hrsg.): Diarium Martini Crusii, Bd. II 1598–1599. H. Laupp, Tübingen 1931, S. 130. das 1594/95 vorübergehend von Hans Heinrich Haintzel von Degelstein/Degerstein (* um 1553; † nach 1606Vgl. Gustav Adolph Wehrli: Die Wundärzte und Bader Zürichs als zünftige Organisation. Geschichte der Gesellschaft zum Schwarzen Garten. (Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich 30/8). Zürich 1931, S. 102.),Zu ihm vgl. Paul von Stetten: Geschichte der adelichen Geschlechter in der freyen Reichs-Stadt Augsburg. Johann Jakob Haid, Augsburg 1762, S. 227 und 229 (Google-Books); Heinrich Christoph Wilhelm Sigwart: Die Lebensgeschichte Giordano Bruno’s. Heinrich Laupp, Tübingen 1880, S. 23f (Google-Books, eingeschränkte Vorschau). Herr von Elgg, aus Augsburg bzw. Ulm erworben worden war.Vgl. Staatsarchiv Graubünden (Bestand A II LA 1 Landesakten 1585–1599, Akte 1595 Juli 10. b). Bereits die Vorbesitzer Gregor († 1577) und Franz Carl von Hohenbalken hatten versucht, in Haldenstein die Reformation einzuführen.Vgl. Georg Lütscher, Silvio Margadant: Geschichte der Freiherrschaft und Gemeinde Haldenstein. Verlag Bündner Monatsblatt, Chur 1995, S. 51. Die Herrschaft fiel um 1604 an die Carl-von-Hohenbalkischen Erben zurück, weil Hans Heinrich Haintzel den Kaufpreis letztlich nicht aufbringen konnte.Vgl. Jakob Bott: Die ehemalige Herrschaft Haldenstein. Ein Beitrag zur Geschichte der rhätischen Bünde. L. Hitz, Chur 1864, S. 15f (Google-Books), z. T. abweichende Lebensdaten der älteren Forschung.

Auch in Zürich hielt sich Paul Floren in dieser Zeit auf. Um 1600 trug er sich dort in das Studentenstammbuch von Johann Jakob Breitinger (1575–1645) ein.Vgl. Jean-Pierre Bodmer: Das Studentenstammbuch von Johann Jakob Breitinger (1575-1645). In Zwingliana 18/3 (1990), S. 213–233, bes. S. 225 und 232 (Digitalisat auf www.zwingliana.ch). Johann Wilhelm Stucki (1542–1607) schenkte Floren ein Exemplar seines 1592 in Zürich erschienenen Werkes Carolus Magnus redivivus.Exemplar der Stadtbibliothek Schaffhausen (Sign. VO 34). 1590 bis 1599 besaßen die Brüder Hans Heinrich und Hans Ludwig (1560–1602) Haintzel von Degelstein (Tägernstein), Söhne des Augsburger Ratsbürgers und Bürgermeisters Johann Baptist I. Haintzel (1524–1581), Schloss Elgg (Elgouw, Elckau) im Kanton Zürich;Vgl. Staatsarchiv des Kantons Zürich (C Urkunden, I Stadt und Landschaft Zürich, Nr. 2251); Thea Vignau-Wilberg: Christoph Murer und die „XL. Emblemata Miscella Nova“. Benteli, Bern 1982, S. 113. die Brüder Haintzel lebten zugleich auch in Chur und Zürich.Vgl. Johann J. Mezger: Johann Jakob Rüger. Chronist von Schaffhausen. Hurter, Schaffhausen 1859, S. 50f (Google-Books); vgl. auch S. 51f zu Johann Wilhelm Stucki.

Pfarrer in Chur Paul Floren wurde reformierter Pfarrer an der Martinskirche in Chur.Eine Verwandtschaft mit der rätoromanischen Bündner Aristokraten-Familie de Florin vom Hof Flurin bei Rueras in Tujetsch (Tavetsch) (vgl. ) und dem gleichnamigen Graubündner Landrichter Paul de Florin ist nicht ersichtlich. 1604/05 wurde er durch Johannes Pontisella d. J. (1552–1622) abgelöst und an die Regulakirche versetzt, weil man ihm Nachlässigkeiten in seiner Amtsführung vorwarf. 1606 stritt er sich mit Pontisella wegen einer Predigt.Vgl. Kantonsbibliothek Graubünden (D V/03 Dauerdepositum v. Tscharner-St. Margrethen, Chur, 3.219.017). Floren wurde der erste Mitarbeiter von Georg Saluz (1571–1645) nach dessen Berufung 1606 nach Chur als Antistes.Vgl. Hans Berger: Der Churer Pfarrer Georg Saluz (1571–1645), seine Kollegen und seine Zeit. In: Jahresbericht der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft von Graubünden 91 (1961), S. 1–102, bes. S. 17 und 19.

1607 gab Floren statt der geforderten einfachen Zustimmung zur Graubündner Synodal- und Predigerordnung Fides ac placita von 1553 ein eigenes Bekenntnis (confessio) ab, das jedoch beanstandet wurde. 1614 wurde er, vermutlich nach Ablegen der geforderten Verpflichtungserklärung, erneut in die Graubündner reformierte Prediger-Matrikel aufgenommen, was die Voraussetzung einer Anstellung war. Nach Florens Tod 1615 wurde Jodocus Gantner 1616 dessen Nachfolger an der Regulakirche.

Paul Floren stand seit 1596 auf dem Index Librorum Prohibitorum in der 1. Klasse häretischer Schriftsteller.

Quellen