mini|Dieburger Mithrasrelief (Rückseite) Dieburg war in römischer Zeit das zivile Verwaltungszentrum der Civitas Auderiensium in Obergermanien und Hauptort des rechtsrheinischen Limeshinterlandes südlich des Mains im heutigen Hessen. Im Gegensatz zu vielen anderen römischen Siedlungen der Region entstand es nicht an der Stelle eines römischen Militärlagers, sondern ist ein rein ziviler Fundort. Um 125 n. Chr. gegründet, wurde die Siedlung mit dem Ende der römischen Herrschaft nach Mitte des 3. Jahrhunderts aufgegeben. Der römische Name des antiken Dieburg ist nicht gesichert und wird in der Forschung noch diskutiert.

Geschichte mini|Fragment einer Jupitergigantensäule mit Viergötter- und Wochengötterstein (links) im Museum Schloss Fechenbach. Am unteren Rand des letzteren befindet sich die Weihinschrift eines Decurionen der Civitas Auderiensium.Helmut Castritius, Manfred Clauss, Leo Hefner: Die Römischen Steininschriften des Odenwaldes (RSO). Beiträge zur Erforschung des Odenwaldes 2, 1977, S. 237–308, Nr. 157. Die Gründung des römischen Civitas-Hauptortes Dieburg wird in hadrianischer Zeit um das Jahr 125 n. Chr. angesetzt.Egon Schallmayer, in: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. S. 250. Zuvor war das rückwärtige Gebiet südlich des Main nach Konsolidierung der angrenzenden Limesstrecken des Main- und des Odenwaldlimes von der militärischen an die zivile Verwaltung übergeben worden. Das Ereignis wird verbunden mit der Aufgabe rückwärtiger Garnisonen, besonders in Groß-Gerau (Kastell „Auf Esch“), und ist anhand der Fundstücke (Münzreihe und das Fehlen südgallischer Terra Sigillata in Dieburg) kurz vor Beginn der Regierungszeit Kaiser Hadrians (117–138) anzunehmen.Klaus Kortüm: Zur Datierung der römischen Militäranlagen im obergermanisch-raetischen Limesgebiet. In: Saalburg-Jahrbuch. 49, 1998, S. 5–65, hier: S. 33. Im Gegensatz zu anderen Vororten der Region, wie Wiesbaden (Aquae Mattiacorum), Frankfurt-Heddernheim (Nida), Ladenburg (Lopodunum) oder Bad Wimpfen, ging der Zivilsiedlung in Dieburg kein Militärlager voraus,C. Sebastian Sommer: Die städtischen Siedlungen im rechtsrheinischen Obergermanien. In: Hans-Joachim Schalles (Hrsg.): Die römische Stadt im 2. Jahrhundert n. Chr. Der Funktionswandel des öffentlichen Raumes. Kolloquium Xanten 2. bis 4. Mai 1990 (= Xantener Berichte. 2). Rheinland-Verlag, Köln 1992, ISBN 3-7927-1252-0, S. 119–141, hier: S. 120; Bernd Steidl: Welterbe Limes: Roms Grenze am Main. Logo, Obernburg am Main 2008, S. 102f. zumindest haben sich entgegen Annahmen in der frühesten Forschung dafür keine Anhaltspunkte gefunden. Der Ort war vermutlich zuvor eine wichtige Straßenkreuzung.

Die Funktion als Vorort der Civitas Auderiensium ist durch Inschriftenfunde gesichert. Die Civitas wird in zwei Decurioneninschriften aus Mainz (Mogontiacum). und Heddernheim genannt. Erst als 1924 am südlichen Ortsausgang von Dieburg das Fragment einer sehr qualitätvollen Jupitergigantensäule entdeckt wurde, konnte Dieburg als Verwaltungssitz dieser Civitas identifiziert werden. Unterhalb des Wochengöttersteins befand sich die Stifterinschrift des Ratsherren Licinius Ob[---]

Das Fundmaterial weist auf eine Blütezeit der Siedlung an der Wende vom 2. zum 3. Jahrhundert n. Chr. hin. Wie im mittelalterlichen Dieburg gab es eine besonders ausgeprägte Keramikproduktion, darunter auch Ziegel wie die in der Forschung sogenannte Dieburger Gruppe, charakteristisch verzierte Ziegel mit Rollstempeldekor.Dietwulf Baatz: Verkleidungsziegel mit Rollstempelmustern aus Südhessen. In: Saalburg-Jahrbuch. 44, 1988, S. 65–83.

Wegen zunehmender Unsicherheit des Grenzlandes wurde in Dieburg wie in vielen rechtsrheinischen Civitas-Hauptorten im frühen 3. Jahrhundert n. Chr. eine Stadtmauer errichtet. Dabei wurde ein Mithräum nördlich der Siedlung nicht in die Ummauerung mit einbezogen, was möglicherweise darauf hindeutet, dass die Befestigung in großer Eile angelegt wurde. Allerdings wurde das Mithras-Heiligtum ausweislich des Fundmaterials ebenfalls zu Beginn des 3. Jahrhunderts aufgegeben, möglicherweise, wie von Egon Schallmayer vermutet, bei einem Alamanneneinfall des Jahres 233 zerstört.Egon Schallmayer, in: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. S. 252f. Der 235 erhobene Kaiser Maximinus Thrax habe im Rahmen seines daraus resultierenden Germanenkrieges die Stadtmauer errichten lassen, als das Heiligtum also bereits nicht mehr in Benutzung war.Egon Schallmayer: Ausgrabungen an der Siedlungsmauer des römischen Civitas-Hauptortes MED(---)/Dieburg. Neue Überlegungen zu ihrer Chronologie und historischen Einordnung. In: Fundberichte aus Hessen. 46./47. Jahrgang, 2006/2007 (erschienen 2010), S. 107–168; zur Stützung dieser These siehe auch Egon Schallmayer: „Vor den Toren der Stadt“. Ein römischer Bronzekessel aus Dieburg. In: Fundberichte aus Hessen. 50. Jahrgang, 2010 (erschienen 2012), S. 595–606.

Endgültig aufgegeben wurde das antike Dieburg mit dem Limesfall in der Zeit um 260 n. Chr.

Ortsname mini|Dendrophoreninschrift aus Heddernheim mit Nennung des Ortsnamens „MED(…)“ im Archäologischen Museum Frankfurt Der antike Name Dieburgs ist bis heute nicht vollständig gesichert. Der Fund eines Altars mit Weihinschrift aus der Rittergasse erwähnt den Genius des Vicus V(---) V(---).. Dies wurde meist aufgelöst als Vicus Vetus Ulpius, verbunden mit der Vermutung, der Ort sei unter Kaiser Trajan gegründet worden und habe dessen Eigennamen erhalten. Heute wird zum Teil angenommen, dass sich hinter dieser Bezeichnung lediglich ein Teil der Siedlung verbirgt.Egon Schallmayer, in: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. S. 250–252.

Ein bei Kleestadt gefundener Leugenstein legt nach Ansicht von Egon Schallmayer nahe, dass der Ortsname mit M beginnt, da diese Steine meist von der lokalen Civitas-Verwaltung gesetzt wurden. Die Inschrift ist leider in der Zeile mit der Nennung des Ortsnamens aber schwer zu lesen. Anhand des Fundortes ist laut dieser Interpretation eine Entfernung von vier Leugen nach Dieburg zu rekonstruieren.Egon Schallmayer: Zum römischen Namen von Dieburg. In: Germania. 59/2, 1981, S. 307–319, hier S. 319.

Die sogenannte Dendrophoreninschrift aus dem Civitas-Hauptort Nida-Heddernheim erwähnt, dass diese Priesterschaft (Magna Mater- oder Kybele-Kult) zusammen mit der des Ortes Med(---) gemeinsam ein Versammlungshaus in Nida errichtete. Dies wird von Egon Schallmayer als Erwähnung des Dieburger Ortsnamens aufgefasst, wobei eine weitere Vervollständigung des Namens oder eine etymologische Deutung derzeit nicht möglich sei.Egon Schallmayer, in: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. S. 252. Andere Forscher haben diese Deutung abgelehnt und halten am in Dieburg selbst belegten abgekürzten Namen Vicus V(---) V(---) fest.Siehe Hartmut Wolff: Einige Probleme der Raumordnung im Imperium Romanum, dargestellt an den Provinzen Obergermanien, Raetien und Noricum. In: Ostbairische Grenzmarken 28, 1986, S. 174f. Anm. 84; Krešimir Matijević, Rainer Wiegels: Inschriften und Weihedenkmäler des römischen Dieburg. In: Saalburg-Jahrbuch 54, 2004, S. 201f. Sie führen unter anderem an, dass die Lesung der Inschrift auf dem Leugenstein durch Schallmayer nicht korrekt sei und dass die Erwähnung des Ortes Med(---) in der Inschrift aus Nida sich allein schon der Entfernung von Nida zu Dieburg wegen (über 40 km) nicht auf letzteren Ort beziehen kann. Da es sich um ein gemeinsam genutztes Versammlungshaus gehandelt hat, müsse der Ort Med(---) näher an Nida gesucht werden.

Stadtanlage Die römische Siedlung erstreckte sich zwischen dem Dieburger Bahnhof, der Minnefelder Seestraße im Norden, der Ringstraße im Osten und Süden sowie der Steinstraße im Westen. Sie war somit wesentlich größer als das mittelalterliche Dieburg. Die Lage nahe der heutigen Altstadt hat seit dem Mittelalter zu einer starken Überbauung geführt, sodass der römische Stadtplan nur mit großen Lücken rekonstruiert werden kann. Die Wohngebäude dürften meist aus typischen römischen Streifenhäusern bestanden haben, von denen einige Grundrisse in der Straße An der Altstadt ausgegraben wurden. Ein rechteckiger Gebäudegrundriss mit Hypokaustum am Finanzamt in der Marienstraße wirkt dagegen eher wie eine insula-Bebauung. Im Bereich der Marienschule wurde ein Töpferofen gefunden.

Basilika Westlich der Theobaldstraße stieß man bei einer Grabung im Jahr 1893 auf regelmäßig behauene, große Sandsteinquader, die auf über 50 m Länge auf eine Rollierungsschicht gelegt waren. Sie besaßen Wolfslöcher und waren durch eiserne Klammern miteinander verbunden. Zwischen den Fundamenten konnte eine einzelne, 17,2 × 9,6 m große, teilweise hypokaustierte Raumflucht ergraben werden. Die Dimensionen des Bauwerks und seine Lage im Zentrum deuten auf ein offizielles Amtsgebäude hin, wahrscheinlich eine Marktbasilika. Das Gebäude dürfte damit in der Zeit der Einrichtung der Civitas erbaut worden sein.Egon Schallmayer, in: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. S. 253.

Stadtmauer Die im frühen 3. Jahrhundert – laut Egon Schallmayer nach 235 in Folge germanischer Einfälle – entstandene Stadtmauer konnte im Norden, Osten und Süden der Stadt angeschnitten werden. Sie schloss eine Fläche von 23 ha ein.C. Sebastian Sommer: Die städtischen Siedlungen im rechtsrheinischen Obergermanien. In: Hans-Joachim Schalles (Hrsg.): Die römische Stadt im 2. Jahrhundert n. Chr. Der Funktionswandel des öffentlichen Raumes. Kolloquium Xanten 2. bis 4. Mai 1990 (= Xantener Berichte. 2). Rheinland-Verlag, Köln 1992, ISBN 3-7927-1252-0, S. 119–141, hier: S. 140. 1972 wurde das Fundament in der südlichen Ringstraße auf 67 m Länge freigelegt. Es wies eine Breite von 1,60 m auf. Am östlichen Zugang der Stadt von der „Hohen Straße“ wurden Jahrzehnte zuvor bereits ein Straßenpflaster sowie das vorgelagerte Grabenprofil beobachtet. Dort gefundene Sandsteinplatten (70 × 40 cm) dienten vermutlich als Zinnendecksteine.

Heiligtümer Mithräen Nördlich der Stadtmauer wurde 1926 an der Minnefelder Seestraße ein Mithräum ausgegraben. Es war in West-Ost-Richtung orientiert und entsprach dem bekannten, langrechteckigen Grundriss solcher Anlagen. An den Langseiten befanden sich Liegebänke (Klinen), ein Mauerklotz an der westlichen Schmalseite diente als Fundament für das drehbare Kultbild. Man betrat das insgesamt etwa 20 m lange Heiligtum durch eine hölzerne Vorhalle, die an der Ostseite angebaut war.Beschreibung nach Egon Schallmayer, in: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. S. 252f.; zum Mithräum siehe Friedrich Behn: Das Mithrasheiligtum zu Dieburg (= Römisch-Germanische Forschungen. Band 1). Walter de Gruyter, Berlin und Leipzig 1928 (Digitalisat).

Besonders zahlreich und qualitätvoll sind die Funde aus dem wohl zu Beginn des 3. Jahrhunderts zerstörten Mithräum, darunter 22 Skulpturen- und Relieffragmente.Marion Mattern: Römische Steindenkmäler aus Hessen südlich des Mains sowie vom bayerischen Teil des Mainlimes (= Corpus Signorum Imperii Romani Deutschland. Bd. 2,13). Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Mainz, in Kommission bei Habelt, Bonn 2005, ISBN 3-88467-091-3, S. 29. Herausragend ist das Kultbild, das im Medaillonfeld Szenen der Phaethonsage zeigt. Ein weitgehend identisches Kultbild liegt aus dem benachbarten Kastell Stockstadt vor, beide dürften der gleichen Werkstatt entstammen.Marion Mattern: Römische Steindenkmäler aus Hessen südlich des Mains sowie vom bayerischen Teil des Mainlimes (= Corpus Signorum Imperii Romani. Deutschland. Bd. 2,13). Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Mainz, in Kommission bei Habelt, Bonn 2005, ISBN 3-88467-091-3, S. 28, Kat-Nr. 81–86 (Stockstadt), Nr. 272–293 (Dieburg).

Ein zweites Mithräum ist durch den etwas älteren Fund eines weiteren Kultbild-Fragmentes mit Wochengötter-Darstellung anzunehmen.

Tempelbezirk mini|Kultgeschirr aus dem Heiligtum im Museum Schloss Fechenbach