mini|alternativtext=Porträtfoto einer Person|Muhibb-al-Din al-Khatib, Aufnahme aus den 1930ern Muhibb ad-Dīn al-Chatīb (, geb. Juli 1886 in Damaskus; gest. 30. Dezember 1969 in Kairo) war ein syrischer Publizist, der mehrere Gesellschaften mit arabisch-nationalistischer und panislamischer Ausrichtung ins Leben rief, verschiedene Zeitschriften herausgab und maßgeblich zur Verbreitung des Begriffs der Salafiyya beitrug.
Herkunft und frühe Jahre Muhibb ad-Dīn al-Chatīb wurde 1886 in eine Damaszener Gelehrtenfamilie hineingeboren, die von väterlicher Seite scherifischer Herkunft war und sich auf den hanbalitischen Sufi ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī zurückführte. Der Familienname rührte daher, dass 1869 der Familie das Amt des Freitagspredigers in der Umayyaden-Moschee zugefallen war.Vgl. Rizvi 13. Muhibb ad-Dīns Vater, Scheich Abū l-Fath al-Chatīb (1834–1897), war eng mit dem malikitischen Scheich Tāhir al-Dschazā'irī (1852–1920) befreundet, der einer der Gründungsdirektoren der "Islamischen Wohlfahrtsgesellschaft" (al-Ǧamʿīya al-ḫairīya al-islāmīya) in Damaskus war. 1879 wurde Abū l-Fath der erste Direktor der von dieser Gesellschaft gegründeten Zāhirīya-Bibliothek.Vgl. Rizvi 14, Mayeur-Jaouen § 2. Muhibb ad-Dīns Mutter Āsiya stammte aus der Damaszener Grundeigentümerfamilie al-Dschallād. Sie starb schon 1893, als Muhibb ad-Dīn erst sieben Jahre alt war.Vgl. Rizvi 13, 16.
Muhibb ad-Dīn besuchte zunächst eine Grundschule, die hinter der Bibliothek seines Vaters lag,Vgl. Rizvi 16. und ab 1896 das Maktab ʿAnbar, die einzige Sekundarschule der Stadt, die von Türken geleitet wurde.Vgl. dazu David Dean Commins: Islamic Reform. Politics and Social Change in Late Ottoman Syria. New York-Oxford 1990. S. 95. Hier erhielt Muhibb ad-Dīn Unterricht in modernen Wissenschaften, Osmanisch-Türkisch, Französisch und Persisch.Vgl. Mayeur-Jaouen § 2, Lauzière 376.
Als politischer Aktivist im Osmanischen Reich Am Maktab ʿAnbar erlebte Muhibb ad-Dīn eine innere Politisierung. 1902 gründete er zusammen mit arabischen Mitschülern einen arabischen Geheimzirkel, den "kleinen Damaskus-Kreis" (ḥalqat Dimašq aṣ-ṣaġīra), mit dem Ziel, das Engagement für Gott und das Vaterland zu fördern.Vgl. Rizvi 19. Geistiger Mentor des Kreises war Tāhir al-Dschazāʾirī, unter der Hand las man Schriften von al-Kawākibī und Muhammad Abduh.Vgl. Mayeur-Jaouen Abs. 2. Unter den Schülern der Schule kam es daraufhin zu einer Polarisierung zwischen türkischen und arabischen Schülern.Vgl. Commins 95f.
Aufgrund seiner politischen Aktivitäten an der Schule musste Muhibb ad-Dīn das Maktab ʿAnbar verlassen. Er besuchte daraufhin eine staatliche Schule in Beirut und erhielt dort am 9. Juli 1905 sein Abschlussdiplom.Vgl. Rizvi 18. Im Herbst 1905 reiste al-Chatīb zum Studium der Rechtswissenschaften nach Istanbul. Dort gründete er am 24. Dezember 1906 zusammen mit Amīr ʿĀrif asch-Schihābī die geheime „Gesellschaft der arabischen Wiederauferstehung“ (ǧamʿīyat an-nahḍa al-ʿarabīya), deren Ziel es war, die syrische Jugend für das Arabertum und die Dezentralisierung des Osmanischen Reiches zu begeistern. Nachdem die osmanischen Behörden auf Autoritäten auf al-Chatībs politische Aktivitäten aufmerksam geworden waren und ihn unter Beobachtung gestellt hatten, reiste er im Oktober 1907 nach Damaskus und verlegte auch das Zentrum seiner Gesellschaft dorthin.Vgl. Rizvi 22f, Mayeur-Jaouen § 3, Brunner 134. Da er jedoch weiter die Verfolgung durch die osmanischen Behörden befürchtete, nahm er noch im gleichen Monat das Angebot einer Stelle als Übersetzer am britischen Konsulat in al-Hudaida an und reiste über Beirut und Kairo in den Jemen, wo er am 27. November ankam.Vgl. Rizvi 23f., Mayeur-Jaouen § 3, Lauzière 376.
Kairo: Zusammenarbeit mit Raschīd Ridā Nach Wiedereinsetzung der Osmanischen Verfassung im Sommer 1908 sah al-Chatīb keinen Grund mehr, im Jemen zu bleiben und kehrte nach Damaskus zurück. Da dort seine politischen Aktivitäten jedoch weiter behindert wurden, reiste er weiter nach Kairo, das zu dieser Zeit zum beliebten Zufluchtsort für syrische Gegner des hamidischen Regimes geworden war. Dort wurde im September 1909 bei der konservativ-muslimischen Zeitung al-Mu'aiyad als Journalist tätig.Vgl. Rizvi 25f. Im gleichen Jahr gründete al-Chatīb zusammen mit ʿAbd al-Fattāh Qatlān im Kairiner Chan el-Chalili gegenüber der Husain-Moschee die „Salafistische Buchhandlung“ (al-Maktaba as-Salafīya). Wie al-Chatīb selbst schreibt, kam die Idee zur Wahl dieses Namens von seinem Scheich Tāhir al-Dschazāʾirī.Vgl. Lauzière 377f. Wie aus der Liste der in der Buchhandlung verkauften Bücher hervorgeht (darunter Werke von as-Suyūtī, al-Farabi und Avicenna), hatten al-Chatīb und Qatlān zu dieser Zeit noch kein festgelegtes religiöses Verständnis von dem Begriff der Salafīya.Vgl. Lauzière 377.
1912 traten al-Chatīb und Qatlān in Geschäftsbeziehungen mit Raschīd Ridā. Die Salafstische Buchhandlung wurde in die ʿAbd al-ʿAzīz-Straße verlegt und dort mit der Buchhandlung al-Manār verbunden, an der al-Chatīb und Qatlān kurzzeitig Anteilseigner wurden.Vgl. Lauzière 378. Im Dezember des gleichen Jahres wirkte al-Chatīb an der Gründung der „Osmanischen Partei für administrative Dezentralisierung“ (Ḥizb al-lā-markazīya al-idārīya al-ʿUthmānīya) mit, die ein föderales System befürwortete und von Raschīd Ridā geleitet wurde. Am 12. Januar 1913 wurde al-Chatīb zum Generalsekretär des Exekutivkomitees dieser Partei gewählt.Vgl. Rizvi 27. Als Vertreter der Partei nahm er im Juni 1913 an dem ersten Arabischen Kongress in Paris teil, der mit Vertretern der Jungtürkischen Regierung einen Reformplan für die arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches ausarbeitete. Al-Chatīb veröffentlichte noch im gleichen Jahr in Kairo im Namen seiner Partei einen Bericht über den Kongress.Vgl. Rizvi 29f, Hurvitz 119.
Nachdem im August 1914 der Erste Weltkrieg ausgebrochen war, beauftragte Raschīd Ridā im Oktober al-Chatīb, mit den politischen Führern des Irak und von Nadschd Kontakt aufzunehmen, um deren Auffassungen über die Zukunft der arabischen Länder zu erfahren. Die Mission wurde von Milne Cheetham, dem Britischen Hochkommissar in Ägypten, der mit der Dezentralisierungspartei in Kontakt stand, finanziell unterstützt. Al-Chatīb wollte per Schiff über Aden und Bombay in den Irak reisen, wurde aber unterwegs von den britischen Behörden in Buschehr verhaftet, die offenbar nicht darüber unterrichtet waren, dass seine Mission von den britischen Autoritäten in Ägypten unterstützt wurde. Im November 1914 wurde er in das gerade von den anglo-indischen Truppen eroberte Basra verbracht und dort für mehrere Monate gefangengesetzt. Erst nachdem das Britische Hochkommissariat in Ägypten interveniert hatte, wurde al-Chatīb am 27. Juli 1915 freigelassen und konnte nach Ägypten zurückkehren.Vgl. Rizvi 31–34.
Als Propagandist der Hāschimiten Eine neue Wende in al-Chatībs Leben ergab sich mit dem Beginn des Arabischen Aufstands gegen das Osmanische Reich im Juni 1916. Der Scherif Husain, der mit britischer Unterstützung den Aufstand anführte, lud al-Chatīb nach Mekka ein, um dort eine Zeitung herauszugeben, die für die ideologische Fundierung des arabischen Aufstands sorgen sollte. Al-Chatīb nahm das Angebot an und traf im Juli 1916 in Dschidda ein. Von Mitte August 1916 an gab er in zweiwöchigem Rhythmus die Zeitung al-Qibla („Die Qibla“) heraus, die weltweit vertrieben wurde. Außerdem gründete al-Chatīb in Mekka eine staatliche Druckpresse mit dem Namen al-Maṭbaʿa al-ʿĀmirīya, mit der er Bücher zu modernen Wissenschaften und Techniken publizierte.Vgl. Rizvi 37–40, Lauzière 379. Nachdem Husains Sohn Faisal I. 1918 die arabischen Truppen nach Damaskus geführt hatte, reiste al-Chatīb im Juni 1919 nach Syrien und übernahm dort im Sommer die Herausgabe der Zeitung al-ʿĀsima, des offiziellen Organs der Haschimiten in Damaskus.Vgl. Rizvi 46. In Zusammenarbeit mit Scheich Muhammad Kāmil al-Kassab gründete er im September das „Hohe Nationale Komitee“ (al-Laǧna al-Waṭanīya al-ʿUlyā), das die Aufgabe hatte, Syrien mit Waffen zu versorgen und die Syrer im Kampf zu trainieren.
In al-ʿĀsima veröffentlichte al-Chatīb noch 1919 einen Artikel mit dem Titel „Unser arabischer Nationalismus“ (Qaumīyatu-nā al-ʿArabīya), in dem er die semitische Wellentheorie einsetzte, um damit den Anspruch der Hāschimiten auf die Herrschaft über den gesamten Fruchtbaren Halbmond zu legitimieren. Nach der semitischen Wellentheorie, die auf Hugo Winckler und Leone Caetani zurückgeht, war Arabien ursprünglich eine äußerst fruchtbare Region und beherbergte nicht nur die Araber, sondern alle semitischen Völker, darunter die Assyrer, Aramäer, Kanaanäer, Phönizier und Hebräer. Aufgrund von Klimaveränderungen trocknete jedoch Arabien immer mehr aus, so dass die verschiedenen semitischen Völker in sukzessiven Wellen aus Arabien in das Gebiet des Fruchtbaren Halbmonds auswanderten. Auch die islamische Expansionsbewegung der Araber wurde als eine solche semitische Auswanderungsbewegung interpretiert. Da die semitischen Völker ursprünglich alle die gleiche Heimat hatten, so schlussfolgerte al-Chatīb in seinem Artikel, sollten sie auch in der Gegenwart unter einer politischen Führung stehen.Vgl. Hurvitz 121–127.
Nach der Schlacht von Schlacht von Maysalun (24. Juli 1920) und der folgenden französischen Besetzung von Damaskus brach jedoch die Herrschaft der Hāschimiten in Syrien zusammen, und al-Chatīb kehrte nach Ägypten zurück.
Rückkehr nach Kairo, Annäherung an die Wahhabiten In Kairo belebte al-Chatīb die von ihm gegründete „Salafitische Buchhandlung“ in Bāb al-Chalq in der Nähe der Ägyptischen Nationalbibliothek (Dār al-Kutub) neu und schloss ihr eine Druckerei an.Vgl. Lauzière 382. Darin veröffentlichte er bis zur Mitte der 1920er Jahre wichtige Schriften mit panarabischer Ausrichtung, so zum Beispiel 1925 sein Buch „Die Richtung der menschlichen Wellen auf der arabischen Halbinsel“ (Ittiǧāh al-mauǧāt al-bašarīya fī Ǧazīrat al-ʿArab), in dem er die Relevanz der semitischen Wellentheorie für den arabischen Nationalismus aufzuzeigen versuchte.Vgl. Hurvitz 120. Ab 1921 war er außerdem als Redakteur für die ägyptische Zeitung al-Ahrām tätig.Vgl. Rizvi 50. Im August 1924 gründete al-Chatīb die Literaturzeitschrift az-Zahrāʾ, die bis 1929 monatlich erschien und in der bekannte arabische Dichter und Schriftsteller, aber auch panislamische Denker wie Schakīb Arslān veröffentlichten.Vgl. Mayeur-Jaouen § 5. In diesem Journal schrieb er im April 1925 eine sehr kritische Rezension zu ʿAlī ʿAbd ar-Rāziqs Buch "Der Islam und die Grundlagen des Regierens", in dem dieser die Notwendigkeit des Kalifats in Frage gestellt hatte.Vgl. Rizvi 67.
Im Herbst 1924 nahmen saudisch-wahhabitische Truppen den Hidschaz ein und vertrieben den hāschimitischen König Husain, der den Kalifentitel angenommen hatte, aus dem Hidschāz. Al-Chatīb, der große Bewunderung für die Wahhabiten hegte, sagte sich in dieser Zeit in einem kritischen Artikel über seinen früheren Arbeitgeber Husain von den Hāschimiten los.Vgl. Rizvi 44. Gleichzeitig ging er Geschäftsbeziehungen mit den Saudis ein, die ihm Aufträge für den Druck mittelalterlicher hanbalitischer Texte erteilten. Die Zusammenarbeit mit dem saudischen Herrscherhaus weitete sich in der Folgezeit noch aus. 1927 erhielten al-Chatīb und Qatlān den Auftrag, eine Niederlassung ihrer „salafitischen Druckerei und Buchhandlung“ in Mekka aufzubauen. Diese Zweigstelle nahm 1928 den Betrieb auf und spezialisierte sich auf die Publikation hanbalitischer und pro-wahhabitischer Literatur.Vgl. Lauzière 383. Dies hatte auch Auswirkungen auf den Salafīya-Begriff, denn die Salafīya wurde nun sehr stark mit dem hanbalitischen und pro-wahhabitischen Textmaterial identifiziert, das al-Chatīb und Qatlān in Mekka publizierten.Vgl. Lauzière 384–385.
Al-Fath und die muslimische Jugendvereinigung