Das sogenannte Judenlager Hellerberg war ein Sammellager auf dem Heller unweit von Dresden. Es diente vom November 1942 bis März 1943 als Lager für die bei Zeiss Ikon zwangsarbeitenden Juden Dresdens. Alle Lagerinsassen wurden Anfang März 1943 in das KZ Auschwitz deportiert. Nachweislich überlebten nur zehn der 293 Gefangenen des Lagers den Holocaust. Anschließend wurde das Lager bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs unter dem Namen Lager Kiesgrube als Entbindungslager für Kinder von Ostarbeiterinnen weitergenutzt; über 200 Kleinkinder verstarben in dieser Zeit im Lager an bewusster Mangelversorgung.
Zeitliche Einordnung mini|Erinnerungsstätte am Bahnhof Dresden-Neustadt, von wo aus die Dresdner Juden deportiert wurden mini|Gebäude des Goehle-Werks von Zeiss Ikon in Dresden In Dresden hatte es seit 1837 eine jüdische Gemeinde gegeben. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung Dresdens war gering: Im Jahr 1890 waren 0,3 Prozent der Bevölkerung Dresdens Juden, 20 Jahre später waren es 0,7 Prozent (3800 Personen). Ihre Blüte erreichte das jüdische Leben in Dresden in der Weimarer Republik, die jüdische Gemeinde umfasste 1925 ca. 5100 Personen (0,8 Prozent der Dresdner Bevölkerung).Marcus Gryglewski: Zur Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Dresden 1933–1945. In: Norbert Haase, Stefi Jersch-Wenzel, Hermann Simon (Hrsg.): Die Erinnerung hat ein Gesicht. Stiftung Sächsische Gedenkstätten und Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1998, S. 98. Im Zuge des erstarkenden Antisemitismus auch in Dresden verließen viele Juden vor 1933 die Stadt, sodass im Juni 1933 nur noch 4397 „Glaubensjuden“ in Dresden lebten. Mit 0,26 Prozent lag der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung Dresdens weit unter dem Reichsdurchschnitt von 0,77 Prozent.Marcus Gryglewski: Zur Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Dresden 1933–1945. In: Norbert Haase, Stefi Jersch-Wenzel, Hermann Simon (Hrsg.): Die Erinnerung hat ein Gesicht. Stiftung Sächsische Gedenkstätten und Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1998, S. 100.
Ab 1933 begann auch in Dresden die systematische Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung, die vor allem von Martin Mutschmann aggressiv vorangetrieben wurde. In der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde die Semper-Synagoge in Dresden zerstört; zudem wurden in dieser Nacht allein in Dresden 151 Juden, darunter der gesamte Vorstand der jüdischen Gemeinde, in die KZs Buchenwald und Sachsenhausen deportiert.Marcus Gryglewski: Zur Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Dresden 1933–1945. In: Norbert Haase, Stefi Jersch-Wenzel, Hermann Simon (Hrsg.): Die Erinnerung hat ein Gesicht. Stiftung Sächsische Gedenkstätten und Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1998, S. 108. Ab 1937/1938 stieg die Zahl der Juden, denen von Wohnungsgesellschaften oder städtischen Wohnungseigentümern die Wohnung gekündigt wurde. Eine Zusammenlegung der Juden in Ghettos wurde 1938 durch Heydrich in polizeilicher Hinsicht abgelehnt und unterblieb auch in Dresden.Marcus Gryglewski: Zur Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Dresden 1933–1945. In: Norbert Haase, Stefi Jersch-Wenzel, Hermann Simon (Hrsg.): Die Erinnerung hat ein Gesicht. Stiftung Sächsische Gedenkstätten und Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1998, S. 111. Mit dem im Mai 1939 verabschiedeten Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden wurde es möglich, sogenannte „Judenhäuser“ einzurichten. In Dresden wurde im selben Jahr mit der Einrichtung von Judenhäusern begonnen; insgesamt gab es in Dresden 37 Häuser, in denen Juden isoliert lebten.Marcus Gryglewski: Zur Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Dresden 1933–1945. In: Norbert Haase, Stefi Jersch-Wenzel, Hermann Simon (Hrsg.): Die Erinnerung hat ein Gesicht. Stiftung Sächsische Gedenkstätten und Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1998, S. 112–113.
Erste Deportation von Juden der Dresdner Gemeinde erfolgten bereits 1938, so wurden im Oktober 1938 über 700 polnische Juden aus dem Dresdner Bezirk nach Polen abgeschoben. Im November 1941 umfasste die jüdische Gemeinde nur noch 1228 Mitglieder.Marcus Gryglewski: Zur Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Dresden 1933–1945. In: Norbert Haase, Stefi Jersch-Wenzel, Hermann Simon (Hrsg.): Die Erinnerung hat ein Gesicht. Stiftung Sächsische Gedenkstätten und Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1998, S. 116. Am 20. und 21. Januar 1942 wurden 224 Juden aus dem Regierungsbezirk Dresden-Bautzen in das Ghetto Riga deportiert. Ausgenommen von der Deportation waren Juden in „Mischehe“ und deren Kinder, Personen über 65 Jahren und Personen über 55, die nicht transportfähig waren, im Ersten Weltkrieg ausgezeichnete oder schwer verwundete Personen sowie Juden, die in der Rüstungsindustrie (Goehle-Werk von Zeiss Ikon) beschäftigt waren. In der Folge wurde versucht, die in der Rüstungsindustrie arbeitenden ca. 300 Dresdner Juden in einem gemeinsamen Wohnraum zusammenzufassen, so fragte Zeiss Ikon an, ob dafür ein Barackenlager in Prag genutzt werden könne.Marcus Gryglewski: Zur Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Dresden 1933–1945. In: Norbert Haase, Stefi Jersch-Wenzel, Hermann Simon (Hrsg.): Die Erinnerung hat ein Gesicht. Stiftung Sächsische Gedenkstätten und Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1998, S. 121. Das im März 1942 erlassene Verbot der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel durch Juden ließ den Ruf nach einer Konzentration der in der Rüstungsindustrie arbeitenden Juden lauter werden. Zum einen war einem Teil per Sondererlaubnis genehmigt, mit „Ariern“ eine Straßenbahn zu nutzen, was zu „eine[r] gewisse[n] Verkehrsunsicherheit“ führte.Zit. nach Marcus Gryglewski: Zur Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Dresden 1933–1945. In: Norbert Haase, Stefi Jersch-Wenzel, Hermann Simon (Hrsg.): Die Erinnerung hat ein Gesicht. Stiftung Sächsische Gedenkstätten und Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1998, S. 123, FN 120. Zum anderen waren die Arbeiter, die zu Fuß auf Arbeit erscheinen mussten, zu erschöpft, um vollständig arbeiten zu können.
Die Deportation von Juden über 65 Jahren und Personen über 55, die nicht transportfähig waren sowie von im Ersten Weltkrieg ausgezeichneten oder schwer verwundeten Personen nach Theresienstadt begann in Dresden im Sommer 1942. Im Gegensatz zu anderen Städten erfolgten die Transporte in Kleingruppen von maximal 50 Personen per LKW.Marcus Gryglewski: Zur Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Dresden 1933–1945. In: Norbert Haase, Stefi Jersch-Wenzel, Hermann Simon (Hrsg.): Die Erinnerung hat ein Gesicht. Stiftung Sächsische Gedenkstätten und Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1998, S. 128. Für 1942 waren sieben derartige Transporte angesetzt, die Transporte wurden Ende September 1942 abgeschlossen. Die in Dresden verbliebenen Juden waren nun überwiegend Personen, die in der Rüstungsindustrie arbeiteten, in „Mischehe“ lebten, oder deren Kinder.
Das „Judenlager Hellerberg“ Einrichtung des Lagers mini|Radeburger Straße, links Haus Weinbergstraße 1, gegenüber der Eingang zum Lager Am 10. November 1942 trafen sich Mitarbeiter von Zeiss Ikon mit Mitgliedern der NSDAP-Kreisleitung und der Gestapo, darunter Henry Schmidt.Anwesend waren Wilhelm Stoffers (Betriebsleiter des Goehle-Werkes), Karl Nitsche (Stoffers Stellvertreter), Friedrich Hempel (Abteilungsleiter Optik in den Goehle-Werken), Werner Rieß (Korrespondent), Dr. Johannes Hasdenteufel (Zeiss-Ikon-Geschäftsleitung), Henry Schmidt (Gestapo-Kommissar), Rudolf Müller (Gestapo, Obersekretär) und Herr Köhler (NSDAP-Kreisleitung). Vgl. Protokoll der Sitzung vom 10. November 1942. In: Das „Judenlager“ Hellerberg. In: Horst Busse, Udo Krause: Lebenslänglich für den Gestapo-Kommissar. 2. Auflage. Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1989, S. 40. Dabei wurde die Einrichtung des sogenannten „Judenlagers Hellerberg“ beschlossen. Es war dabei eines von zahlreichen Lagern von Zeiss Ikon in Dresden und Umgebung und wurde betriebsintern als „Lager Nr. 16“ geführt.Walter Wießner, Reinhardt Balzk: . Edition 2004, April 2004, S. 27 (PDF).
Für die Lagererrichtung stellte Zeiss Ikon ihr Materiallager an der Dr.-Todt-Straße 4 (heute Radeburger Straße 4) nördlich des St.-Pauli-Friedhofs zur Verfügung, das zu dem Zeitpunkt knapp außerhalb des Dresdner Stadtgebietes in einer Sandgrube lag. Zeiss Ikon verpflichtete sich, die Einrichtung des Lagers zu übernehmen. Vorgesehen waren dabei „Bettgestelle mit Strohsäcken, Schränke (pro Familie insgesamt 1 Schrank)“.Protokoll der Sitzung vom 10. November 1942. In: Das „Judenlager“ Hellerberg. In: Horst Busse, Udo Krause: Lebenslänglich für den Gestapo-Kommissar. 2. Auflage. Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1989, S. 40–42. Die Lagerinsassen hatten für Geschirr, Decken und Kissen sowie Hand- und Wischtücher zu sorgen. Zudem mussten sie die Einrichtung des Krankenzimmers (darunter zehn Metallbetten) und der Büroräume stellen. Die Außenstelle des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition verpflichtete sich zwar, 200 Stühle für den Speisesaal sowie pro Insasse einen weiteren Stuhl zur Verfügung zu stellen, doch wurde festgelegt, dass bei Nichtlieferung die Stühle durch die jüdische Gemeinde zu stellen seien.
Das Lager sollte von den Insassen selbst verwaltet werden, wobei Henry Schmidt die Ernennung des Lagerältesten, des Verwaltungssachbearbeiters und der Köchin oblag. Jeder Insasse des Lagers musste pro Tag 0,60 RM für seine Unterbringung bezahlen. Aus den Geldern wurden von Zeiss Ikon die Grundstückspacht, die Lagerbewachung durch eine Schließgesellschaft, Licht, Heizung, Wasser, Telefonkosten, die Müllabfuhr, Reparaturen und Reinigungsmittel bezahlt. Zeiss Ikon unterlag zudem die Organisation der Nahrungsmittel für die Insassen, die jedoch separat am Monatsende von diesen bezahlt werden mussten. Auf den Marktpreis der Waren erfolgte dabei „ein Zuschlag für Handlungsunkosten und Umsatzsteuer“. Die medizinische Betreuung des Lagers wurde Willy Katz übertragen, dem zu dem Zeitpunkt einzigen Mediziner der Stadt, der Juden behandeln durfte. Die Lagerordnung lag bei der Gestapo.
Als Grundsatz wurde festgelegt, dass die Insassen selbst dann im Lager zu verbleiben haben, wenn ihr Arbeitsverhältnis bei Zeiss Ikon endete. Zudem durften freie Lagerplätze mit Juden belegt werden, die nicht bei Zeiss Ikon arbeiteten. Der Status des Lagers als eine Art kurzzeitiges Durchgangslager war von Beginn an besiegelt, so vermerkte das Protokoll der Sitzung am 10. November 1942, dass alle Insassen „bis zum Zeitpunkt des Abtransports“ im Lager leben sollten.