mini|ʿAbdallāh ibn Saba' gewidmetes alawitisches Heiligtum in der Nähe von Qardaha ʿAbdallāh ibn Saba' () war ein Anhänger des Kalifen ʿAlī ibn Abī Tālib und gilt als Begründer der schiitischen Ghulāt-Tradition.aš-Šahrastānī: al-Milal wa-n-niḥal. 1992. S. 17, 177. – Deutsche Übers. Theodor Haarbrücker. Bd. I, S. 22, 100. Seine Anhängerschaft wird in der islamischen Doxographie als eigene Sekte mit dem Namen Saba'īya aufgeführt. Nach Überlieferungen, die von dem kufischen Geschichtsschreiber Saif ibn ʿUmar angeführt werden und Aufnahme in at-Tabarīs Geschichtswerk gefunden haben, war ʿAbdallāh ibn Saba' außerdem die treibende Kraft hinter der Aufstandsbewegung, die den Sturz des dritten Kalifen ʿUthmān ibn ʿAffān (reg. 644–656) betrieb und ʿAlī ibn Abī Tālib an die Macht brachte.

Identität Nach der imamitischen Tradition und der Überlieferung des Saif ibn ʿUmar war ʿAbdallāh ibn Saba' ein zum Islam konvertierter Jude. Nach dem Bericht des Saif ibn ʿUmar, der in at-Tabarīs Geschichtswerk aufgenommen wurde, stammte er aus Sanaa und trat während der Regierung ʿUthmāns zum Islam über.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1896, S. 2942. – Engl. Übers. Humphreys. 1990, S. 145. An-Naubachtī zitiert kundige Anhänger ʿAlīs mit der Aussage, dass ʿAbdallāh ibn Saba' nach seiner Konversion zum Islam mit ʿAlī sympathisierte. Allerdings lässt sich kein klares Bild von seinem Leben gewinnen. Unklar ist auch, ob ʿAbdallāh ibn Saba' vor oder nach ʿAlīs Tod gestorben ist. Während ʿUmar al-Kaschschī (gest. 951) behauptet, dass ihn ʿAlī wegen seiner ketzerischen Lehren verbrannt habe, berichtet al-Hasan ibn Mūsā an-Naubachtī (gest. 912–922), dass er von ʿAlī wegen seiner Lehren nur nach al-Madāʾin verbannt wurde und ihn dort die Nachricht vom Tode ʿAlīs erreichte.

Zum Teil ist sogar die Existenz von ʿAbdallāh ibn Saba' überhaupt angezweifelt worden. Da sich die späteren Ghulāt-Gruppierungen jedoch selbst auf ihn berufen und ihn als Verkünder ihrer Geheimlehren verehren, ist eine bloße Erfindung allerdings unwahrscheinlich.Halm: Die islamische Gnosis. 1982, S. 32.

Rolle in der Aufstandsbewegung gegen den Kalifen ʿUthmān Nach dem Bericht des Saif ibn ʿUmar, der in at-Tabarīs Geschichtswerk zitiert wird, zog ʿAbdallāh ibn Saba' während des Kalifats von ʿUthmān ibn ʿAffān den in Syrien lebenden Prophetengefährten Abū Dharr al-Ghifārī auf seine Seite und wiegelte ihn gegen dessen Statthalter Muʿāwiya ibn Abī Sufyān auf.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1896, S. 2858f. – Engl. Übers. Humphreys. 1990, S. 64f. Sodann zog er nach Basra und konnte dort unter den Unzufriedenen mit seinen Lehren einige Anhänger gewinnen, darunter den abgesetzten Statthalter von Sidschistan Hukaim ibn Dschabala. Als ʿUthmāns Statthalter davon hörte, wies er ʿAbdallāh ibn Saba' aus, woraufhin dieser nach Kufa weiterzog. Auch dort wurde er ausgewiesen, so dass sich ʿAbdallāh ibn Saba' schließlich in Ägypten niederließ. Er und seine Anhänger im Irak begannen miteinander zu korrespondieren, und Männer reisten zwischen ihnen hin und her.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1896, S. 2922f. – Engl. Übers. Humphreys. 1990, S. 126.

Nach Saifs Bericht pries ʿAbdallāh ibn Saba' in seinen Predigten ʿAlī als Mohammeds Testamentsvollstrecker (waṣī) und fragte dann: „Wer begeht ein größeres Unrecht als ein Mensch, der das Testament des Gottesgesandten nicht vollstreckt, der den Vollstrecker des Gottesgesandten angegriffen und die Macht über die Umma an sich gerissen hat?“ ʿAbdallāh ibn Saba' soll ʿUthmān als Usurpator, der ʿAlīs Recht als Mohammeds Testamentsvollstrecker übergangen hatte, dargestellt und die Menschen offen zum Aufstand gegen ihn ausgerufen haben. Saifs Bericht zitiert ihn mit den Worten: „Erhebt euch bei dieser Angelegenheit und treibt sie voran! Beginnt damit, eure Anführer zu verunglimpfen, und zeigt das Gebieten des Rechten und Verbieten des Verwerflichen, um die Menschen geneigt zu machen! Und ruft sie zu dieser Sache auf!“ ʿAbdallāh ibn Saba' habe seine Rufer ausgesandt und seine Anhänger in den verschiedenen Lagerstädten mobilisiert, so dass diese heimlich für seine Lehren warben, zum Gebieten des Rechten und Verbieten des Verwerflichen aufriefen und damit anfingen, in Briefen die Laster ihrer Statthalter zu thematisieren.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1896, S. 2942f. – Engl. Übers. Humphreys. 1990, S. 146f.

Unter den Männern, die in Ägypten mit ʿAbdallāh ibn Saba' zusammenarbeiteten, nennt Saifs Bericht Chālid ibn Muldscham, Sūdān ibn Humrān as-Sakūnī und Kināna ibn Bischr at-Tudschībī. Sie sollen auch ʿUthmāns Abgesandten ʿAmmār ibn Yāsir auf ihre Seite gebracht haben.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1896, S. 2944. – Engl. Übers. Humphreys. 1990, S. 148. Sie schrieben an ihre Anhänger in Kufa und Basra und alle diejenigen, die sich mit ihnen gegen ihre Anführer erheben wollten, und vereinbarten einen Tag für den Aufstand. Allerdings war der einzige Ort, an dem dieser Plan zur Ausführung gelangte, Kufa.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1896, S. 2949f. – Engl. Übers. Humphreys. 1990, S. 154. Hier unterstützten Männer, die mit ʿAbdallāh ibn Saba' im Briefkontakt standen, den Aufstand Yazīd ibn Qais al-Arhabī (gest. 657) gegen ʿUthmāns dortigen Statthalter Saʿīd ibn al-ʿĀs. At-Tabarī datiert dieses Ereignis auf das Jahr 34 d.H., das im Juli 655 begann.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1896, S. 2928. – Engl. Übers. Humphreys. 1990, S. 132f.

Da die Statthalter nun stärker gegen die Propagandisten ʿAbdallāh ibn Saba's durchgriffen, konnten diese die Lagerstädte nicht mehr betreten. Sie riefen deshalb ihre Anhänger in diesen Städten dazu auf, sich in Medina zu versammeln, dort das Rechte zu gebieten und ʿUthmān wegen einiger Dinge zur Rede zu stellen. Dies geschah auch.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1896, S. 2950. – Engl. Übers. Humphreys. 1990, S. 154. ʿAbdallāh ibn Saba' selbst zog im Schauwāl des Jahres 35 (= April 656) in Begleitung von 600 bis 1.000 Mann, die in vier Kompanien aufgeteilt waren, von Ägypten nach Medina.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1896, S. 2954. – Engl. Übers. Humphreys. 1990, S. 159. Aufgrund der Rolle, die ʿAbdallāh ibn Saba' in der Aufstandsbewegung gegen ʿUthmān spielte, die schließlich auch zur Ermordung des Kalifen führte, wurde er als derjenige betrachtet, durch den „die Welt ins Chaos gestürzt wurde“ (fāḍat ad-dunyā).aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1896, S. 3027. – Engl. Übers. Humphreys. 1990, S. 225.

Zugeschriebene Lehren Über ʿAlī ibn Abī Tālib Nach dem schiitischen Autor al-Hasan ibn Mūsā an-Naubachtī (gest. 912–922) war ʿAbdallāh ibn Saba' der erste, der die Lehre von der Festlegung von ʿAlīs Imamat verbreitete.an-Naubaḫtī: Firaq aš-šīʿa. Ed. H. Ritter. Istanbul 1931. S. 19. Nach einem Bericht, den at-Tabarī anführt, lehrte er, dass es 1.000 Propheten gebe, wobei jeder seinen Testamentsvollstrecker (waṣī) habe. Der Testamentsvollstrecker von Mohammed sei ʿAlī. So wie Mohammed das Siegel der Propheten sei, sei ʿAlī das Siegel der Bevollmächtigten.

Als ʿAbdallāh ibn Saba' die Nachricht vom Tode ʿAlīs erreichte, soll er deren Richtigkeit abgestritten haben. Zu dem Überbringer der Nachricht soll er gesagt haben: „Du hast gelogen. Selbst wenn du uns sein Gehirn in 70 Beuteln brächtest und 70 redliche beibrächtest, die seine Tötung bezeugen, so wüssten wir doch, dass er weder gestorben ist, noch getötet wurde und auch nicht sterben wird, bis er die Erde beherrschen wird.“ ʿAbd al-Qāhir al-Baghdādī (st. 1037) zufolge behauptete ʿAbdallāh ibn Saba' nach ʿAlīs Tötung, der Getötete sei nicht ʿAlī gewesen, sondern ein Satan, der vor den Leuten seine Gestalt angenommen habe. ʿAlī sei selbst aber zum Himmel aufgefahren wie Jesus, der Sohn Marias. Nach Abū l-Hasan al-Aschʿarī (gest. ca. 935) lehrten die Anhänger ʿAbdallāh ibn Saba's, dass ʿAlī nicht gestorben sei, sondern am Tag der Auferstehung auf die Welt zurückkehren werde, um die Welt mit Gerechtigkeit zu erfüllen, so wie sie mit Ungerechtigkeit erfüllt war.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. Ed. Hellmut Ritter. Istānbūl: Maṭbaʿat ad-daula 1929–1933. S. 15. Digitalisat

Nach al-Baghdādī stellte ʿAbdallāh ibn Saba' zunächst die Behauptung auf, ʿAlī sei ein Prophet gewesen, behauptete aber später, er sei ein Gott.al-Baġdādī: Al-Farq baina l-firaq. S. 233. Der imamitische Gelehrte al-Kaschschī (gest. um 951) überliefert, ʿAbdallāh ibn Saba' habe für sich selbst das Prophetentum in Anspruch genommen und von ʿAlī gelehrt, er sei Gott.al-Kaššī: ar-Riǧāl. 2009, S. 84. Das, was ʿAbdallāh ibn Saba' über die Stellung ʿAlīs nach dem Tode Mohammeds lehrte, soll er, als er noch dem Judentum anhing, bereits über Josua nach dem Tode des Moses vertreten haben. „Daher“, so schreibt an-Naubachtī, „haben die Gegner der Schia behauptet, das Rafiditentum sei ursprünglich aus dem Judentum hervorgegangen.“an-Naubaḫtī: Firaq aš-šīʿa. 1931, S. 20.

Sonstiges Nach an-Naubachtī schmähte ʿAbdallāh ibn Saba' die drei ersten Kalifen Abū Bakr, Umar ibn al-Chattab und ʿUthmān und sagte sich von ihnen los. Er soll sich dabei auf ʿAlī selbst berufen und behauptet habe, er habe ihn das so geheißen. ʿAbdallāh ibn Saba' verkündete die Lossagung (barāʾa) von seinen Feinden und zeigte ihnen offene Feindschaft.

Saif ibn ʿUmar berichtet, ʿAbdallāh ibn Sabaʾ habe die Lehre vertreten, am Ende der Zeiten werde nicht Jesus zurückkehren, sondern der Prophet Mohammed, weil er würdiger als er sei. Dabei bezog er sich auch auf die koranische Aussage in Sure 28:85: „Der, der dir die Lesung (al-qurʾān) auftrug, bringt dich zum Ort der Wiederkehr zurück.“ Seinen Anhängern habe er den Begriff der Wiederkehr (raǧʿa) geprägt, so dass sie viel darüber sprachen.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1896, S. 2942. – Engl. Übers. Humphreys. 1990, S. 146.

Beurteilung in der Moderne Für viele arabische Gelehrte des 20. Jahrhunderts war die Figur ʿAbdallāh ibn Saba's ein wichtiger Bestandteil ihrer Interpretation der Frühgeschichte des Islams. ʿAbdallāh ibn Saba' als jüdischem Konvertiten wurde dabei die Schuld an der unheilvollen Spaltung der Muslime während der ersten Fitna gegeben. So verwies zum Beispiel der Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der als Kollaborateur des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg bekannt wurde, in seinen Äußerungen gegen den Zionismus gern auf die verderblichen Umtriebe ʿAbdallāh ibn Sabaʾs.Vgl. Ende: Arabische Nation und islamische Geschichte. 1977, S. 199–201. Ähnliche Interpretationen finden sich auch bei den frühen Orientalisten, die sich auf die sunnitische Tradition stützten. Alfred von Kremer beispielsweise schrieb 1868, dass „der erste Schlag, der gegen den Islam geführt ward, [...] von einem südarabischen Juden namens Abdallah ibn Sabaʾ“ kam.Alfred von Kremer: Geschichte der herrschenden Ideen des Islams Leipzig 1868. S. 11. Digitalisat Der ägyptische Historiker Ahmad Amīn (gest. 1954) mutmaßte, dass ʿAbdallāh ibn Saba' derjenige gewesen sei, der Abū Dharr al-Ghifārī zur „sozialistischen Propaganda“ (daʿwa ištirākīya) angestachelt habe.Aḥmad Amīn: Faǧr al-Islām. 10. Aufl. Dār al-kitāb al-ʿArabī, Beirut 1969. S. 269. Digitalisat