Die Gold Wing ist ein schweres Reisemotorrad mit wassergekühltem Vier- oder Sechszylinder-Boxermotor und Kardanantrieb von Honda. Das erste Modell GL 1000 mit 1000 cm³ Hubraum wurde im Herbst 1974 auf der IFMA in Köln präsentiert. Sie wurde anfangs in Japan gefertigt und ab 1979, vor allem für den amerikanischen Markt, in Marysville, Ohio (USA). Mitte 2009 wurde die Motorradproduktion im Werk Marysville eingestellt und nach Kumamoto (Japan) verlegt. Im Laufe der langjährigen Weiterentwicklung dieser Baureihe vergrößerte der Hersteller den Hubraum nach und nach bis auf aktuell 1833 cm³.
Die Honda Motor Co., Ltd. betrachtet die Gold Wing als ihr Flaggschiff – entwickelt und gebaut für Motorradfahrer, die höchsten Komfort, Sicherheit und Wetterschutz auf weiten Reisen erwarten und für die der Anschaffungspreis und das Fahrzeuggewicht nur eine untergeordnete Rolle spielen. Dazu wurden viele Ausstattungsdetails wie Audio- und CB-Funk-Anlagen, Antiblockiersystem (ABS), Tempomat, Sitzheizung, Rückwärtsgang oder Airbag aus dem Automobilbereich in das Konzept einbezogen, manchmal lange vor den Mitbewerbern oder, wie der Airbag, als Alleinstellungsmerkmal. Kritiker und Bewunderer bezeichnen sie deshalb oft als „Auto auf zwei Rädern“ oder „Königin der Landstraße“. Die Vereinigten Staaten bleiben der Hauptabsatzmarkt für die Honda Gold Wing, auch nach der Einstellung der Produktion dort.
Entwicklungsgeschichte 1972 wollte Honda der Konkurrenz von Kawasaki, BMW und Moto Guzzi Paroli bieten und baute einen Sechszylinder-Boxermotor mit 1470 cm³ in einen neu konstruierten Rahmen ein. Dieser 220 kg schwere Prototyp mit der Bezeichnung M1/AOK ging nicht in Serie., Gold Wing Club Deutschland, abgerufen am 24. Juli 2016. Es wird kolportiert, die Heckpartie einschließlich Getriebe, Kardan, Bremse, Auspuffanlage und Sitzbank sei kopiert und entspreche der BMW R 75/5, sofern es nicht gar Original-BMW-Teile waren. Die Gabel stammte aus dem vorhergehenden Topmodell Honda CB 750 Four.Gold Wing Entwicklungsgeschichte. In: winni-scheibe.com, abgerufen am 10. November 2017. Honda veränderte das Konzept und konstruierte statt des Sechszylinders einen wassergekühlten Vierzylinder-Boxermotor (mit 180° Hubzapfenversatz) und Zahnriemenantrieb für die oben liegenden Nockenwellen, die zwei Ventile pro Zylinder betätigen. Das Getriebe ist unter der Kurbelwelle im Motorblock integriert und der Generator dreht sich gegenläufig zur Kurbelwelle, um das Rückdrehmoment beim Beschleunigen zu verringern. Vier Gleichdruckvergaser von Keihin mit 32 mm Durchlass bereiten das Gemisch auf. Der Motor wurde mit 72 mm Bohrung und 61,4 mm Hub kurzhubig ausgelegt. In den mehr als vierzig Jahren Bauzeit vergrößerte Honda mehrfach den Motor der Baureihe und bot immer wieder neue Ausstattungsdetails an, welche die Gold Wing zu einem der schwersten und teuersten Tourenmotorräder auf dem Markt machten.
Modelle GL 1000 (GL 1: 1974–1977, GL 2: 1978–1979) mini|Honda Gold Wing GL 1000 (1975) Die erste Gold Wing hat einen wassergekühlten Vierzylinder-Boxermotor mit 1000 cm³ Hubraum bei 61 kW (82 PS) Leistung. Sie wurde 1975 in Deutschland für 9268 DM angeboten, was inflationsbereinigt heute einem Betrag von Euro entspricht.Diese Zahl wurde mit der Vorlage:Inflation ermittelt, auf 100 EUR gerundet und bezieht sich auf den vergangenen Januar.
Die GL 1000 war die erste japanische Serienmaschine mit Kardanantrieb – BMW hatte diese Art der Kraftübertragung bereits seit 1923 in der R 32 in Form eines Wellenantriebs. Neu bei einem Motorrad war die Bremsanlage mit drei Scheibenbremsen. Das Fahrwerk war wegen des hohen Gewichts von 295 kg in schnellen Kurven überfordert und kam dann manchmal gefährlich ins Schwimmen.Peter Limmert: Test Honda GL 1000. In: Das Motorrad. Heft 23/1975.
Unter dem Deckel der Tankattrappe mit Kraftstoffanzeige vor dem Fahrer befinden sich ein Ablagefach und der Benzinstutzen; der 19 Liter fassende Kraftstoffbehälter selbst liegt im Rahmendreieck unter der Sitzbank, womit zusammen mit dem unterhalb der Kurbelwelle angebrachten Getriebe ein möglichst tiefer Schwerpunkt gewährleistet wird. Dieses Bauprinzip wird bis zu den heutigen Modellen beibehalten. Die Seitendeckel der Tankattrappe lassen sich bei der GL 1000 noch herunterklappen; dies ist bei den nachfolgenden Modellen nicht mehr möglich. Links befinden sich die Bordelektrik mit Blinkgeber, Lichtmaschinen-Laderegler und Sicherungen. Unter der rechten Klappe stecken der Kühlmittel-Ausgleichsbehälter und – bei K0, K1 und K2 – der aufsteckbare Not-Kickstarter, der an eine Welle hinter der Lichtmaschine gesteckt werden kann und bei leerer Batterie noch ein Starten ermöglicht.
Die GL 1000 wurde während ihrer Bauzeit in jedem Jahr mit einem neuen internen Modellnamen bedacht: Baujahr Modell hervorzuhebende Verbesserung/Änderung 1974–1975 K0 die „Urmaschine“, vorgestellt 1974 auf der IFMA in Köln 1976 K1/LTD limitierte Auflage von 1295 Stück, goldeloxierte Speichen und Felgen, verchromte Schrauben 1977 K2 Kegel- statt Kugellager im Lenkkopf, Tacho mit mph und km/h 1978 K3 Comstar-Felgen (vorne Stahl, hinten Alu), Chrom-Auspuff, längere Gabel, FVQ-Dämpfersystem 1979 K4/KZ rechteckige Blinker, Halogenscheinwerfer
Traurige Berühmtheit erhielt die Gold Wing wegen drei spektakulärer Unfälle ohne Fremdeinwirkung, einer davon tödlich, im Zusammenhang mit der vom TÜV Bayern abgenommenen „Cockpit“-Lenkerverkleidungen der Firma Krauser. Honda wurde trotz persönlicher Anschreiben seiner Gold-Wing-Kunden, in denen vor der Verwendung der Verkleidung ausdrücklich gewarnt wurde, zu einer Schadenersatzzahlung verurteilt.
Da 1980 die GL 1100 auf den deutschen Markt kommen sollte, wurde in jenem Jahr der Kaufpreis drastisch reduziert. So verkaufte ein bekannter Motorradhändler die letzten GL 1000 für 6666,66 DM. Dies entspricht heute Euro.
GL 1100 (1980–1983, SC 02) mini|GL 1100 Interstate, SC02, 1982 Der auf 1085 cm³ Hubraum vergrößerte Motor hat bei etwa gleicher Leistung ein höheres Drehmoment von 90 Nm (GL 1000: 80 Nm) und ein verbessertes Fahrwerk. Später kamen zusätzliche Ausstattungen hinzu: Frontscheibe, Vollverkleidung, Koffersatz bis hin zum Luxus-Tourenmodell „Aspencade“.
Zudem hatte das Modell Aspencade ab Baujahr 1982 eine Integralbremse, die beim Betätigen der Fußbremse sowohl auf die hintere als auch die vordere rechte Bremse wirkte. Allerdings wurde dieses Modell nie offiziell nach Deutschland importiert – wer die Aspencade kaufen wollte, musste auf Grauimporte zurückgreifen.
GL 1200 DX (1984–1988, SC 14) mini|GL 1200 Aspencade, SC14, 1986 Die letzte Gold Wing mit Vierzylindermotor wiegt 333 kg und hat einen Motor mit Hydrostößeln, der 70 kW (94 PS) bei 7000/min leistet. Sie ist die erste Gold Wing, bei der die Armaturen fest in die Verkleidung eingebaut statt auf dem Lenkkopf montiert sind (Ausnahme ist die Standard ohne Verkleidung). Außerdem gab es ab dem Modell Aspencade die bei der GL 1100 eingeführte Integralbremse. Wie schon bei der GL 1100 wurde nur das Modell Interstate offiziell nach Deutschland verkauft, sodass das Integralbremssystem wieder den Grauimporten vorbehalten blieb.
Von der GL 1200 gibt es vier verschiedene Ausführungen mit folgenden Unterscheidungsmerkmalen:
Ausführung Beschreibung Standard „Naked Bike“ ohne Verkleidung und Koffer, analoge Rundinstrumente Interstate zusätzlich Vollverkleidung, Seitenkoffer und Topcase Aspencade zusätzlich Digitalinstrumente, Integralbremse, Radio/Cassette, eingebauter Kompressor für Luftfederung LTD und SE-i zusätzlich Einspritzanlage, Niveauregulierung, Tempomat, Kurvenlichter, Bordcomputer, CB-Funk
GL 1500 (Sechszylinder, 1988–2001, SC 22) Honda GL 1500 SE (1993)Honda Deutschland, Fahrer-Handbuch - Honda GL 1500 SE. Honda Motor Co., Ltd., 1993, 34MAF600, S. 116, Technische Daten.Webseite Gold Wing Forum, Datenblatt GL 1500. Abgerufen am 8. November 2017.Pascal Szymezak: Honda Gold Wing - Geschichte eines Kultmotorrads. Heel, 2008, ISBN 978-3-86852-038-5, S. 198.DatenMotor 6-Zylinder-Viertakt-Boxer-MotorHubraum 1520 cm³Bohrung × Hub 71 × 64 mmVerdichtung1:9,8Leistung bei 1/min 74 kW (98 PS) bei 5200Drehmoment bei 1/min 150 Nm bei 4000Vergaser2 Keihin-CV-Fallstromvergaser, Ø 33 oder 36 mmKühlung WasserkühlungGetriebe 5-Gang-Getriebe mit Overdrive plus elektr. RückwärtsgangEndantrieb KardanantriebKupplungMehrscheibenkupplung im ÖlbadRahmen Doppelschleifen-StahlrohrrahmenBremse vorne Doppelscheibenbremse, Ø 296 mmBremse hinten Scheibenbremse, Ø 296 mmFederung vorn Teleskopgabel, Ø 41 mm, hydraulisch gedämpftFederweg vorn 140 mmFederung hinten Schwinge, rechts luftunterstütztFederweg hinten 105 mm, Vorspannung pneumatisch verstellbarRadstand1700 mmGesamtlänge2630 mmGesamtbreite955 mmGesamthöhe1525 mmSitzhöhe770 mmReifengröße vorne 130/70R18 63HReifengröße hinten 160/80R16 75HLeergewicht 390 kgZul. Gesamtgewicht570 kgTankinhalt 23 LiterNormverbrauch 6,5 l/100 km (Benzin)Höchstgeschwindigkeit 184 km/hBeschleunigung 4,9 Sekunden bis 100 km/h mini|GL 1500 SE-US, SC22, 1998 mini|GL 1500 Koffer und Armaturen 1987 erschien in den USA die GL 1500, erstmals mit Sechszylindermotor und 74 kW (100 PS) Leistung. 1988 wurde das neue Modell auch in Europa eingeführt. Der große Motor verzichtet auf Vierventil-Technik und hohe Drehzahlen zugunsten von Langlebigkeit und Drehmoment. Der rote Bereich beginnt schon bei 5500 Umdrehungen statt bei 7500 wie bei den letzten Vierzylindern, das höchste Drehmoment bei 4000/min. 180° Hubzapfenversatz sorgen dafür, dass die gegenüberliegenden Kolben sich gleichzeitig nach innen oder außen bewegen, was dem Motor eine hohe Laufruhe verleiht.
Die Interstate war das Basismodell und die Luxusversion nannte Honda wieder Aspencade. Das nun 390 kg schwere Motorrad hatte einen echten Overdrive für ein noch niedrigeres Drehzahlniveau beim Reisen und dazu einen Tempomat sowie als Neuheit den elektrischen Rückwärtsgang, der den Fahrer über den Anlassermotor beim Rangieren unterstützte (nicht bei der Interstate). Die ab 1990 zusätzlich angebotene GL 1500 SE (Special Edition) besaß serienmäßig ein Radio mit Kassettenlaufwerk, Zweifarblackierung und in den USA zusätzliche Kurvenleuchten, die sich beim Blinken einschalteten.
Zwei – bei der SE vier – offen eingebaute oder wahlweise im Helm einzubauende Lautsprecher dienen der Audiowiedergabe. Über ein Intercom-System konnte mit Sozia oder Sozius gesprochen werden. Helm und Motorrad sind über Spiralkabel mit Steckkupplungen verbunden, die bei einer eventuellen Zwangstrennung von Fahrer und Motorrad abreißen. Durch ein wahlweise angebotenes CB-Funkgerät ist eine Kommunikation mit anderen Gold-Wing-Fahrern möglich.
mini|Honda Valkyrie/F6C mini|hochkant|Honda Valkyrie Interstate Erst 1993 wurden auch die Modelle in Deutschland offiziell mit hoher Scheibe und Topcase ausgeliefert. Bis dahin wurden aufgrund der StVO sowohl Scheibe als auch Topcase in nur geringer Höhe an den GL 1500 angebracht, was speziell dem Topcase den Spitznamen „Pizzakoffer“ einbrachte. Im Nachhinein können die GL 1500 von vor 1993 als Vorläufer der 2012 erschienenen F6B betrachtet werden.
1995 reduzierte Honda die Sitzhöhen aller Varianten durch eine neue, nun einheitliche Sitzbank um 10–30 mm.Pascal Szymezak: Honda Gold Wing – Geschichte eines Kultmotorrads. Heel, 2008, ISBN 978-3-86852-038-5, S. 77. Ab 1996 entfiel das Einstiegsmodell Interstate. Bis zum Jahr 2000, dem 25. Jahr der Gold-Wing-Produktion, wurden keine größeren Modifikationen mehr an der 1500er eingeführt. Honda konzentrierte sich schon auf die Entwicklung der GL 1800.