Unter einem Leistungspotenzial (Kompositum aus germanisch laistian = nachfolgen > althochdeutsch leisten = befolgen, ausführen, tun und lateinisch potentialis = möglich, nach Möglichkeit)Gerhard Wahrig: Deutsches Wörterbuch. (Bertelsmann) Gütersloh 1970. Spalte 2266. versteht man in der Experimentellen Psychologie, in der Bewegungswissenschaft sowie der Trainingslehre die Gesamtheit der einer Person verfügbaren Leistungsdispositionen. Diese erstrecken sich auf eine Vielzahl von einzelnen Komponenten.

Leistung und Leistungspotenzial Die Befähigung zu einer Leistung ist noch keine Leistung. Ein „Talent“ muss sich als solches erst in konkreten Handlungen beweisen. In der Philosophie spricht man in diesem Zusammenhang seit Aristoteles auch von Akt und Potenz oder (lateinisch) von Actus und Potentia.Enrique Alarcón: Actus et Potentia, In: Thomas-Lexikon, Pamplona, Universität von Navarra. 3. Auflage 2006. Aristoteles verwendet dafür die griechischen Begriffe ἐνέργεια (energeia) und δύναμις (dynamis):Aristoteles: Metaphysik, übersetzt und kommentiert von Hans Günter Zekl, Königshausen & Neumann, Würzburg 2003.

Im Gegensatz zu den sichtbar werdenden Leistungen handelt es sich bei den Leistungs-Potenzialen nur um Voraussetzungen und Möglichkeiten, die noch der Umsetzung in reale Fertigkeiten und Handlungen bedürfen, um zu effizienten Leistungen zu werden. Beide stehen zueinander in einem Verhältnis von Bereitschaften und den möglicherweise aus ihnen resultierenden Produkten.Süllwold, Fritz (Hrsg.): Begabung und Leistung. Hamburg: Hoffman und Campe 1976 Das individuelle Leistungspotenzial kann als ein wesentliches Ausgangselement für den Schul- und Lebenserfolg des einzelnen Menschen verstanden werden. Es ist letztendlich aber nicht allein ausschlaggebend. Im größeren gesellschaftlichen Rahmen steht auch der Wohlstand eines Gemeinwesens in einer Abhängigkeit von der produktiven Umsetzung der Potenziale des Kollektivs der ihm zugehörigen Menschen. Die menschlichen Ressourcen können genutzt, aber auch durch eine verfehlte Gesellschaftspolitik verspielt werden (Stichworte: Schuldenkrise, Staatsbankrott).E. Lang, W. Koch: Hintergründe Staatsverschuldung Staatsbankrott. Würzburg-Wien: Physica 1980, ISBN 3-7908-0501-7

Entstehung Leistungspotenziale basieren zunächst auf Anlagen, können aber auch durch Lernprozesse erworben oder weiter entwickelt werden. Art und Ausprägungsgrad der Leistungspotenziale sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich, ebenso die Lernbereitschaft und Umsetzungsmentalität.Hannelore Weber, Thomas Rammsayer: Differentielle Psychologie - Persönlichkeitsforschung. Göttingen (Hogrefe) 2012, ISBN 978-3-8017-2172-5

Leistungspotenziale können sich auf die Einzelpersönlichkeit, in der Summe aber auch auf Gruppen (etwa eine Firmenbelegschaft) und auf größere Gemeinschaften (Staaten) beziehen und in einer längeren Zeitspanne verändern. Sie bilden einen Komplex, der in ihrer Ausrichtung die einzelne Persönlichkeit wie ganze Gesellschaften charakterisieren kann.

Bedeutung Als anlagemäßige Voraussetzung für eine Leistung kann ein Leistungs-Potenzial ausgeschöpft, durch Lernen erweitert, aber auch ungenutzt bleiben. Damit aus bestimmten Fähigkeiten Fertigkeiten und sichtbare Leistungen werden, bedarf es weiterer Potenziale und deren Aktivierung. So kann beispielsweise ein sprachlich, mathematisch oder handwerklich begabter Schüler mangels Fleiß und Motivation zu schlechten Schulleistungen kommen. Ein musikalisches Talent kann mangels einer entsprechenden Förderung unentdeckt oder vernachlässigt bleiben. Potenziale sind nur Möglichkeiten. Sie können vorhanden sein, zur Verfügung stehen, ausgebaut, aber auch nicht abgerufen werden. Damit aus der Anlage eine Leistung in Form eines sichtbaren Produkts werden kann, bedarf es einer Mobilisierung der Leistungs-Bereitschaft mit dem Ziel effektiven Handelns.Siegbert A. Warwitz: Wer sich entwickeln will, muss sich wagen, In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsmodelle für grenzüberschreitendes Verhalten. 3., erweiterte Auflage. Verlag Schneider. Baltmannsweiler 2021. ISBN 978-3-8340-1620-1. S. 26–32.

In größeren Gemeinschaften, auch Staaten, kommt der vorherrschenden Mentalität der Bürger und dem Grad der in Leistung umgesetzten Leistungsbereitschaft eine wesentliche Bedeutung für das Ansehen und den Wohlstand des Gemeinwesens zu. Wenn Leistungspotenziale nicht aktiviert, die notwendigen Leistungen nicht erbracht werden, trotzdem aber hohe Anforderungen an die Lebensqualität gestellt werden, kommt es zu einem Ungleichgewicht zwischen Anspruchsniveau und produktiver Eigenleistung und in der Folge möglicherweise zu einer Abhängigkeit von anderen (Schulden, Entmündigung, Souveränitätsverlust etc.).E. Lang, W. Koch: Hintergründe Staatsverschuldung Staatsbankrott. Würzburg-Wien: Physica 1980

Leistungskomponenten Die eine individuelle Leistung konstituierenden Faktoren sind äußerst vielfältig.Jens B. Asendorpf, Franz Neyer: Psychologie der Persönlichkeit. 5. Auflage. Berlin 2012. Sie lassen sich in einer – keine Vollständigkeit beanspruchenden – Übersicht wie folgt beispielhaft auflisten. Weitere Differenzierungen hängen von dem speziellen Forschungsinteresse und den Anwendungszwecken (z. B. für ein gezieltes sportliches Training) ab.Jürgen Weineck: Leistungsphysiologische Trainingslehre unter besonderer Berücksichtigung des Kinder- und Jugendtrainings. Balingen 2009.

Physische Komponenten Kraft, Schnelligkeit, Schnellkraft, Ausdauer, Koordination, Feinmotorik etc.Kurt Meinel, Günter Schnabel: Bewegungslehre – Sportmotorik. 11. Auflage. München 2007.

Sensorische Komponenten Visuelles, auditives, olfaktorisches, gustatorisches, sensomotorisches, kinästhetisches etc. Wahrnehmungsvermögen. Während sich die Wahrnehmungsphysiologie vorwiegend mit den biologischen Grundlagen befasst, ist die Analyse der psychischen Zusammenhänge vorrangiges Forschungsthema der Wahrnehmungspsychologie.E. Bruce Goldstein: Wahrnehmungspsychologie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2002, ISBN 3-8274-1083-5

Technische Komponenten Handwerkliche, sportliche, künstlerische, musikalische, sprachliche, mathematische etc. Begabung

Intellektuell/kognitive Komponenten Intelligenz (Einsichtsfähigkeit), Auffassungsgabe, Gedächtnis, Kritik­fähigkeit, Differenzierungsvermögen, Kombinationsgabe, Abstraktionsvermögen, Analytisches Denken, Urteilsvermögen, Wissen, Realitätssinn, Vernunft, Klugheit, Intuition, Kreativität etc.Jens B. Asendorpf, Franz Neyer: Psychologie der Persönlichkeit, 5. Auflage, Berlin 2012

Psychische Komponenten Motivation, Fleiß, Selbstdisziplin, Frustrationstoleranz, Konzentrationsfähigkeit, Ambiguitätstoleranz, Mut etc.Kurt Ingenkamp, U. Lissmann: Lehrbuch der pädagogischen Diagnostik. Weinheim 2008

Volitive Komponenten Willensstärke, Durchsetzungskraft, Leidensfähigkeit, Beharrlichkeit, Zielstrebigkeit, Durchhaltevermögen, Einsatzbereitschaft etc.Siegbert A. Warwitz: Widerstände weichen dem Willen. In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. 3., erweiterte Auflage. Verlag Schneider. Baltmannsweiler 2021. ISBN 978-3-8340-1620-1. S. 40–48.

Emotionale Komponenten Sensibilität, Einfühlungsvermögen, Mitgefühl, Empathie, Begeisterungsfähigkeit etc.Hannelore Weber, Thomas Rammsayer: Differentielle Psychologie - Persönlichkeitsforschung. Göttingen 2012.

Sittlich/moralische Komponenten Gerechtigkeits­sinn, Wahrheitsliebe, Hilfsbereitschaft, Prinzipien(Regel)treue, Toleranz, Solidarität, Verantwortungsbewusstsein, Bindungsfähigkeit (Religiosität) etc.Hannelore Weber, Thomas Rammsayer: Differentielle Psychologie - Persönlichkeitsforschung. Göttingen 2012.

Diagnose von Potenzialen Da Leistungspotenziale nicht sichtbar und mit den aus ihnen erwachsenden Fertigkeiten nicht identisch sind, müssen sie durch entsprechende Aufgabenstellungen provoziert und zur Realisierung gebracht werden. Dies geschieht durch faktorenanalytisch konzipierte „Fähigkeitstests“.Dirk Revenstorf: Lehrbuch der Faktorenanalyse (Kohlhammer) Stuttgart 1976 Im Gegensatz zu den „Fertigkeitstests“ werden hierbei die Grundeigenschaften gegenüber verfälschenden Faktoren wie z. B. bestimmte Techniken (beim Sport) oder Wissensvoraussetzungen (bei der Intelligenz) isoliert. So misst etwa das Testverfahren Wiener KoordinationsparcoursSiegbert A. Warwitz: Der Wiener Koordinationsparcours (WKP). In: Ders.: Das sportwissenschaftliche Experiment. Planung-Durchführung-Auswertung-Deutung. Schorndorf 1976. S. 48–62 die allgemeine Koordinationsfähigkeit unabhängig vom technischen oder konditionellen Zuschnitt auf bestimmte Sportarten. Der Abalakow-Test konzentriert sich auf das Erfassen der reinen Schnellkraft und eliminiert daher bereits in der Testkonstruktion verfälschende Faktoren wie Körperproportionen, Beinlänge, Hochsprungtechnik etc., die z. B. bei einem Sprung über eine Latte gegeben sind.

Ebenso sondern reine Intelligenztests wie etwa der Ravens MatrizentestRalf Horn (Hrsg.): Standard Progressive Matrices (SPM). Deutsche Bearbeitung und Normierung nach J. C. Raven. Frankfurt 2009. spezielle, etwa sprachliche, mathematische oder technische Fertigkeiten, testsystematisch aus, um zu einer validen Aussage über das Basispotenzial Intelligenz kommen zu können.

Literatur Enrique Alarcón: Actus et Potentia, In: Thomas-Lexikon, Pamplona, Universität von Navarra. 3. Auflage 2006 Jens B. Asendorpf, Franz Josef Neyer: Psychologie der Persönlichkeit, 5. Auflage, Berlin (Springer) 2012, ISBN 978-3-642-30263-3 E. Bruce Goldstein: Wahrnehmungspsychologie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2002, ISBN 3-8274-1083-5 Ralf Horn (Hrsg.): Standard Progressive Matrices (SPM). Deutsche Bearbeitung und Normierung nach J. C. Raven. 2. Auflage. (Pearson Assessment) Frankfurt 2009 Kurt Meinel, Günter Schnabel: Bewegungslehre – Sportmotorik. 11. Auflage. München (Südwest) 2007. Dirk Revenstorf: Lehrbuch der Faktorenanalyse (Kohlhammer) Stuttgart 1976 Süllwold, Fritz (Hrsg.): Begabung und Leistung. Hamburg: Hoffman und Campe 1976 Jürgen Weineck: Leistungsphysiologische Trainingslehre unter besonderer Berücksichtigung des Kinder- und Jugendtrainings. Balingen (Spitta) 16. Auflage 2009 Siegbert A. Warwitz: Der Wiener Koordinationsparcours (WKP). In: Ders.: Das sportwissenschaftliche Experiment. Planung-Durchführung-Auswertung-Deutung. Schorndorf (Hofmann) 1976. Seiten 48–62 Hannelore Weber, Thomas Rammsayer: Differentielle Psychologie – Persönlichkeitsforschung. Göttingen (Hogrefe) 2012, ISBN 978-3-8017-2172-5

Einzelnachweise

Kategorie:Allgemeine Psychologie