mini|Kathedrale von Südosten Arutsch (), andere Umschriften Arudsch, Aruch oder Aruj, bis 1970 aserbaidschanisch Talisch, Thalisch, Talish oder Talış, ist ein Dorf und eine Landgemeinde (hamaynkner) in der nordarmenischen Provinz Aragazotn mit 1223 Einwohnern im Jahr 2012.

Am Ortsrand blieb eine der größten frühchristlichen Kirchen Armeniens erhalten. Die Kathedrale Aruchavank aus dem 7. Jahrhundert war dem heiligen Gregor (Surb Grigor) geweiht. Sie gilt als das bedeutendste Beispiel einer armenischen Kuppelhalle. Dieser Bautyp fasst einschiffige längsgerichtete Kirchen mit zentraler Kuppel zusammen. Daneben wurden die Palastruinen des Grigor Mamikonjan freigelegt, der von hier über ein armenisches Fürstentum regierte und als Bauherr der Kathedrale genannt wird. Im Mittelalter lag Arutsch an einer Fernhandelsroute, zu der eine Karawanserei gehörte, deren Ruine am nördlichen Abzweig von der heutigen Schnellstraße (M1) zum Ort zu sehen ist.

Lage Arutsch liegt auf 1226 Metern Höhe in einer weiten Ebene im Süden des Berges Aragaz. Von der Schnellstraße zwischen Jerewan und Gjumri zweigt rund 40 Kilometer nordwestlich der Landeshauptstadt Jerewan und 4,5 Kilometer hinter Kosch eine Straße links nach Westen ab, auf der in 1,5 Kilometern die Ortsmitte erreicht wird. Etwas kürzer ist die nördliche Zufahrt für den aus Gjumri und der 23 Kilometer entfernten Kleinstadt Talin kommenden Verkehr. Im Norden der Schnellstraße beginnen die ersten Hügel, die zu den Ausläufern des Aragaz gehören. Armawir und andere Orte im Süden im bis zum Fluss Aras weiter abfallenden Flachland sind von Arutsch nicht direkt erreichbar.

Das Ende einer 4,5 Kilometer langen Straße nach Süden ist im Weiler Nor Armanos erreicht. Am Ortseingang befindet sich ein mittelalterlicher muslimischer Friedhof der Talisch, einer die gleichnamige iranische Sprache sprechenden Minderheit, die seit vorchristlicher Zeit im Südkaukasus bekannt ist. Das nomadische Volk lebt schwerpunktmäßig in einem Berggebiet im Südwesten des Kaspischen Meeres, das zum Iran und zu Aserbaidschan gehörtGarnik Asatrian, Habib Borjian: Talish and the Talishis (The State of Research). In: Iran & the Caucasus, Vol. 9, No. 1. Brill, 2005, S. 43–72.

Geschichte Grabungsfunde in der Umgebung belegen eine Besiedlung seit der Bronzezeit. Die erste schriftliche Quelle stammt aus dem 5. Jahrhundert, als der Historiker Yeghishe Vardapet (410–475) den alten und heutigen Namen des Ortes als Winterlager für die Armee der Arsakiden-Könige erwähnte. Bedeutung erlangte Arutsch im 7. Jahrhundert durch Fürst Grigor Mamikonjan, der von 662 bis 685 unter arabischer Oberherrschaft regierte und Arutsch zu seinem Hauptsitz machte.

Grigor war ein Mitglied der vom 4. bis zum 8. Jahrhundert über weite Teile des historischen Armenien bestimmenden Mamikonjan-Dynastie. Die armenischen Geschichtsschreiber Moses von Choren im 5. und Sebeos im 7. Jahrhundert behaupteten eine Abstammung der Mamikonjan von Adligen aus dem „Land der Chenk“, die in der Mitte des 3. Jahrhunderts nach Armenien gekommen seien. Mit „Chenk“ sind nach der verbreitetsten Auffassung Han-Chinesen oder auch ein Turkvolk aus dem Osten gemeint.Robert Bedrosian: In: Armenian Review, Vol. 34 No. 1–133, 1981, S. 17–24 Die Mamikonjan verstanden sich wie die Kamsasrakan und andere armenische Aristokratenfamilien, die den Titel Nakharar trugen, als den Arsakiden zugehörig. Der Machtkampf zwischen den Byzantinern und den Sassaniden endete 428 mit der Aufteilung des armenischen Gebietes unter den beiden Großmächten und der Auflösung des Arsakidenreiches. Auf Seiten der Byzantiner gelang es den Mamikonjan anschließend, zu einer lokalen Macht aufzusteigen. Im 7. Jahrhundert erhielten sie von den byzantinischen Kaisern wiederholt den Titel „Fürst von Armenien“ (Statthalter) zugesprochen und zumindest bei einer Gelegenheit Mitte des 7. Jahrhunderts den Ehrentitel Kuropalates.Mamikonean. In: Encyclopædia Iranica.

In dieser von Einfluss und Wohlstand geprägten Zeit waren die Mamikonjan in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, als Fürst Grigor Mamikonjan und seine Frau Helen den Palast und die Kathedrale erbauen ließen, Vasallen der Araber. Nachdem die Araber in den 630er Jahren das Sassanidenreich erobert hatten, drangen sie weiter nach Norden vor, eroberten 640 Dvin und stellten einen Teil der Armenier unter ihre Herrschaft. Die große Zahl der im 7. Jahrhundert erbauten Kirchen zeigt, dass die Araber anfangs tolerant gegenüber den armenischen Kirchenoberen gewesen sein müssen. 701 hatten die Umayyaden Armenien offiziell annektiert.Simon Payaslian: The History of Armenia. From the Origins to the Present. Palgrave Macmillan, New York 2007, S. 47f

mini|Inschrift von 1285 im Tympanon über dem Portal der Südseite Nach Ansicht der meisten Kunsthistoriker wurde die Kathedrale zwischen 660 und 670 fertiggestellt. Josef Strzygowski datierte die erhaltene Gründungsinschrift in das Jahr 668. Sie lautet: „Im 29. Jahre Konstantins, am 15. Tage des Monats Mareri, wurde die heilige Kathedrale [...] durch Gregor Mamikonjan, Fürsten von Armenien, und Helene, seine Gattin – als Fürbitte für ihre Erbauer – gegründet.“Josef Strzygowski, S. 47 Mit Konstantin ist der von 641 bis 668 regierende byzantinische Kaiser Konstans II. gemeint, dessen Herrschaft jedoch nicht 29, sondern nur 27 Jahre dauerte. Strzygowski schrieb den Irrtum armenischen Geschichtsschreibern des 7. Jahrhunderts zu, weil in einer „Anonymen Chronik“ fälschlich 29 Regierungsjahre vermerkt sind. Nikolai Jakowlewitsch Marr (1904), Joseph Orbeli (1913) und Georgi Tschubinaschwili (1967) hielten wegen des Sprachstils und aufgrund dieses Fehlers die Inschrift nicht für original, sondern für eine weit spätere, falsch abgeschriebene Kopie, die wahrscheinlich aus dem 11. Jahrhundert stammt. Für Ulrich Bock (1983) ist es überdies unwahrscheinlich, dass Grigor in seiner Eigenschaft als Statthalter unter arabischer Herrschaft in einer derart bedeutenden Inschrift auf die Gegner in Byzanz hätte Bezug nehmen können, weshalb er die Kirche in das 10. Jahrhundert verlegt.Ulrich Bock, S. 169f

Der Streit dreht sich um das Alter des heute vorhandenen Gebäudes und damit dieses Bautyps. Die Datierung hat Auswirkungen, weil Arutsch zur zeitlichen Einordnung anderer Kirchen als Vergleichsmaßstab herangezogen wird. Dass Mitte des 7. Jahrhunderts eine Kirche errichtet wurde, geht unabhängig von der Inschrift aus den Erwähnungen mehrerer zeitgenössischer Geschichtsschreiber hervor. So schrieb Ghewond im 8. Jahrhundert: „...und er [Grigor] hat das Haus des Gebetes im Gebiet Aragatsotn im Dorfe Arudsch, ein Ruhmestempel des Namens des Herrn, mit holder Pracht erbaut, indem er es zum Andenken seines Namens schmückte.“Josef Strzygowski, S. 47; In: Robert Bedrosian (Hrsg.): Armenian Historical Sources of the 5–15 Centuries. Katholikos Johannes berichtete: „Zu dieser Zeit [662–668] hat der fromme Fürst Gregor Mamikonian durch den göttlichen Besuch [des Geistes] die prachtvolle Kirche im großen Dorfe Arutsch gegründet. [...] und auf der südlichen Seite errichtet er seinen Palast am Rande der steinigen Schlucht, in welcher eine schimmernde Quelle entspringt. Und dann ordnet er sein Wohnhaus und ummauert es mit [einer Mauer aus] großen Steinen und Mörtel.“ Der Historiker Wardan gab ferner an, Grigor Mamikonjan habe die Kirche von Arutsch während der Amtszeit des Katholikos Anastas († 668) und außerdem in dieser Zeit die Kirche in Jeghward erbauen lassen.

Das Ende der Mamikonjan-Herrschaft wurde durch Auseinandersetzungen mit den rivalisierenden Bagratiden beschleunigt, deren Hauptstadt wenig entfernt in Ani lag. Vollends geschwächt waren die Mamikonjan nach erfolglosen Aufständen gegen das Kalifat der Abbasiden 772 bis 775. Mit der Niederlage in der Schlacht von Bagrewand 775 ging praktisch aller Landbesitz der Mamikonjan verloren.

Außer der Gründungsinschrift sind drei weitere Inschriften überliefert. Die zweite Inschrift aus dem Jahr 987 an der Südwand handelt von einer Steuer und stammt von König Smbat II. (reg. 976/977 – 989/990). Zumindest zu dieser Zeit stand nach übereinstimmender Ansicht die heutige Kirche vollendet da. Ebenfalls um eine Steuer geht es in der dritten Inschrift von 1285, die sich im Tympanonfeld über dem Südportal befindet.Josef Strzygowski, S. 50

Die Karawanserei wurde im 13. Jahrhundert oder später erbaut. Arutsch war damals ein wichtiger Handelsposten an der weit verzweigten Seidenstraße in Armenien zwischen Täbris, Dvin und Kars. Die Straße verband auch Dvin mit Ani. Die Kirchenkuppel wurde wohl durch ein Erdbeben zerstört. Schäden am Mauerwerk aus Tuff könnten ferner durch die Verwendung der Kirche als befestigter Zufluchtsort im 16. und 17. Jahrhundert entstanden sein.Aruchavank. Information. armenica.org

Ortsbild mini|Ortsmitte Bei der Volkszählung des Jahres 2001 wurde die offizielle Einwohnerzahl mit 1016 angegeben.RA 2001 Population and Housing Census Results. armstat.am, S. 52 Im Januar 2012 lebten laut der amtlichen Statistik 1223 Einwohner in Arutsch.RA Aragatsotn Marz. armstat.am, 2012, S. 245

Die Kathedrale befindet sich am nordöstlichen Rand des Haufendorfes, das von einem Netz gewundener Asphaltstraßen durchzogen wird. Die meist eingeschossigen Häuser liegen verstreut innerhalb von großen Gärten. Bäume und Sträucher gedeihen nur um die Häuser, außerhalb des Dorfes erstreckt sich offenes Grasland mit vereinzelten Feldern. Es gibt einen Lebensmittelladen. Nahe der Sekundarschule in der Ortsmitte stehen Mauerreste aus großen Tuffsteinquadern einer befestigten Anlage aus dem 6. bis 13. Jahrhundert aufrecht. Auf dem alten Friedhof liegen einige frühchristliche Grabsteine am Boden. An verschiedenen Stellen des Dorfes sind Chatschkare aufgestellt, die ältesten stammen aus dem 9./10. Jahrhundert. Auf dem freien Feld zwischen Arutsch und dem gut einem Kilometer südöstlich gelegenen Weiler Shamiram wurden weitere mittelalterliche Grabsteine und ein bronzezeitlicher Begräbnisplatz gefunden.

Kathedrale Herkunft mini|links|Die Zovuni-Kirche vom Anfang des 6. Jahrhunderts gilt als die älteste Kuppelhalle. mini|Thaddäuskirche in Ddmaschen vom Ende des 7. Jahrhunderts. Einzige vollständig erhaltene armenische Kuppelhalle Bevor die für die armenische Baukunst charakteristischen Zentralkuppelkirchen entstanden, gab es offensichtlich eine Phase am Beginn der Christianisierung, als Längsbauten in Form einschiffiger Saalkirchen oder dreischiffiger Basiliken errichtet wurden. Die frühesten erhaltenen, zeitlich einzuordnenden armenischen Kirchen sind Basiliken aus dem 5. und 6. Jahrhundert.Christina Maranci: Medieval Armenian Architecture. Construction of Race and Nation. (Hebrew University Armenian Studies 2) Peeters, Leuven u. a. 2001, S. 113 Aus dem 5. Jahrhundert sind auch die ältesten Zentralbauten bekannt. Aus ihrer quadratischen Struktur, über der sich eine Kuppel mit einem dazwischen geschalteten zylindrischen Tambour erhebt, wurde die Grundform der späteren Zentralkuppelkirchen. Nach der Unterkonstruktion des Tambour werden drei Zentralbautypen unterschieden: Der kreisförmige Tambour ruht auf den vier Innenecken eines kreuzförmigen Baus (Lmbatavank, Kamrawor-Kirche in Aschtarak), auf den Wandmitten eines quadratischen Baukörpers (Mastara) oder auf vier freistehenden zentralen Pfeilern. Der Ausgangspunkt der überkuppelten Mittelstützen ist der 485 datierte Neubau der Kathedrale von Etschmiadsin.