Nutfa () ist ein Begriff aus dem Vokabular des Korans, der von zentraler Bedeutung für die islamischen Vorstellungen von der Entstehung des menschlichen Lebens und der Embryogenese ist.

Die Erschaffung des Menschen aus der Nutfa Nutfa begegnet im Koran an zwölf Stellen, die alle der mekkanischen Zeit entstammen. Die ersten Belege stammen schon aus der frühmekkanischen Periode. So wird in Sure 80 der Mensch mit dem Bild des Tropfens auf seine niedrige Herkunft hingewiesen und zur Dankbarkeit angehalten:

In Sure 75 wird die Fähigkeit Gottes, den Menschen aus einem Tropfen zu erschaffen, als Beweis für seine Fähigkeit, den Menschen nach seinem Tod wiederauferstehen zu lassen, angeführt:

Dieses Thema begegnet erneut in Sure 36:

Als Anlass für die Offenbarung dieser Verse wird von at-Tabarī die Überlieferung angeführt, dass der heidnische Mekkaner ʿĀs ibn Wāʾil, der Vater von ʿAmr ibn al-ʿĀs, einmal mit einem Knochen in der Hand zum Propheten Mohammed kam und ihn herausfordernd fragte, ob Gott diesen Knochen wiederbeleben könne.Vgl. at-Tabarī: Ǧāmiʿ al-bayān ʿan taʾwīl āy al-qurʾān ad Sure 36:77–79.

An fünf Stellen des Korans (Sure 18:37; 22:5; 23:12f; 35:11; 40:67) ist der Erschaffung aus dem Tropfen noch eine Erschaffung aus „Erde“ (turāb) bzw. „Lehm“ (ṭīn) vorangestellt. So wird ein Mann in einem Gleichnis gefragt:

Nach Ansicht at-Tabarīs bezieht sich die Erschaffung aus Lehm aber nicht auf die individuelle pränatale Entwicklung der Menschen, sondern auf die Erschaffung ihres gemeinsamen Vaters Adam.Vgl. Frankl 25.

Nutfa als Gemisch von männlichem und weiblichem Samen In Sure 76, die von Nöldeke und Schwally der mittelmekkanischen Zeit zugeordnet wird, ist der Tropfen, aus dem Gott den Menschen erschaffen hat, als ein „Gemisch“ (amšāǧ) beschrieben:

Muslimische Koranexegeten wie at-Tabarī haben das „Gemisch“, von dem in diesem Koranvers die Rede ist, als Gemisch aus dem Samen des Mannes und dem Samen der Frau interpretiert.Vgl. Frankl 27. Die Annahme eines weiblichen Samens fußt auf der ambospermatischen Lehre der galenischen Medizin, die davon ausgeht, dass die Frau ebenfalls eine Ejakulation erleben kann und diese weibliche Ejakulation von Samen Voraussetzung für eine erfolgreiche Zeugung ist.Vgl. Weisser 117–119.

Die Interpretation der Nutfa als einem Gemisch von männlichem und weiblichem Samen hat auch auf die Interpretation eines anderen Koranverses abgestrahlt, in dem es heißt:

Anders, als es der Wortlaut der Passage nahelegt, wurden die Begriffe ṣulb und tarāʾib von den muslimischen Gelehrten nicht als Orte der Herkunft des Samens interpretiert, sondern als Beleg für die Auffassung, dass sowohl der Mann als auch die Frau Samen zur Fortpflanzung beitragen. Ṣulb bezieht sich ihrer Auffassung nach auf den Mann und tarāʾib auf die Frau.Vgl. Bummel 76f.

Nach Sicht der mittelalterlichen muslimischen Gelehrten wird der Samentropfen von Mann und Frau, aus dem später der Fötus entsteht, bei der Ejakulation aus allen Teilen ihrer Körper zusammengezogen. Der Traditionsgelehrte Abū Sulaimān al-Chattābī wird zum Beispiel mit der Aussage zitiert, dass die Nutfa „unter jedem Fingernagel und unter jedem Haar“ entstehe.Vgl. Bummel 82f. Das entspricht der hippokratischen Pangenesistheorie.Vgl. Weisser 103–109.

Die Nutfa innerhalb der pränatalen Entwicklung des Menschen Die ausführlichste koranische Beschreibung der pränatalen Entwicklung des Menschen findet sich in einer Passage in Sure 23. Auch hier ist der Erschaffung aus dem Tropfen wieder eine Erschaffung aus Lehm vorangestellt:

Nach Vorstellung muslimischer Gelehrter wie Ibn Qaiyim al-Dschauzīya hat Gott in diesen Versen die Entstehung und Entwicklung des Menschen bis zur Auferstehung am Tag des Jüngsten Gerichts zusammengefasst. Allgemein wird angenommen, dass die drei Stufen der Embryogenese (nuṭfa, ʿalaqa, muḍġa), die auch in Sure 22:5 noch einmal erwähnt sind, jeweils 40 Tage dauern.Vgl. Bummel 183, 197. Dies beruht auf dem folgenden Hadith, der im Sahīh al-Buchārī im Namen von ʿAbdallāh ibn Masʿūd überliefert wird. Er lautet:

Wie Ursula Weisser gezeigt hat, stimmt diese Dreiphasenlehre mit der pythagoräischen Lehre von der pränatalen Entwicklung des Menschen überein, allerdings ist ein Einfluss nicht konkret nachweisbar.Vgl. Weisser 356.

Die Nutfa als Trägerin göttlicher Prädestination Verschiedene Hadithe berichten darüber, dass auch schon im Tropfenstadium über das spätere Schicksal des Menschen entschieden wird. So lautet ein Hadith, der von ʿAbdallāh ibn Masʿūd überliefert wird und auch Eingang in at-Tabarīs KorankommentarVgl. Frankl 32. gefunden hat:

Ein anderer Hadith, der in die kanonische Sammlung von Muslim ibn al-HaddschādschVgl. al-Ǧāmiʿ aṣ-ṣaḥīḥ, K. al-qadar Nr. 2. aufgenommen wurde und dort auf den kufischen Traditionarier Hudhaifa ibn Asīd al-Ghifārī (st. 42/662) zurückgeführt wird, lautet:

Derartige Überlieferungen spielten eine wichtige Rolle in den frühen islamischen Diskussionen über die Prädestination.Vgl. dazu Josef van Ess: Zwischen Ḥadīṯ und Theologie: Studien zum Entstehen prädestinatianischer Überlieferung. Berlin [u. a.]: de Gruyter 1975. S. 1–32. Hudhaifa soll seinen Hadith vorgetragen haben, als der Mekkaner ʿĀmir ibn Wāthila (st. 718 oder später) an der Richtigkeit der von ʿAbdallāh ibn Masʿūd propagierten prädestinatianischen Lehre zweifelte.Vgl. van Ess 22.

Moderne Interpretationen der Nutfa Verschiedene moderne muslimische Gelehrte haben sich bemüht, die Lehren aus Koran und Hadith über die Nutfa mit den modernen biologischen Erkenntnissen zu harmonisieren. So hat zum Beispiel der Iraker Ayād Asʿad Ḏunūn aš-Šāwī in einem Buch über die Entwicklung des Menschen die Theorie entwickelt, dass es drei Arten von Nutfa gebe: 1. die männliche Nutfa, die den Spermien entspreche, die in der Samenflüssigkeit enthalten seien; 2. die weibliche Nutfa, die der Eizelle entspreche, die von den Eierstöcken ausgestoßen werde; und 3. die Nutfa als Mischung entsprechend Sure 76:2, die der Zygote entspreche.Vgl. sein Buch al-Masār min an-nuṭfa ilā dār al-qarār S. 19. Ähnliches äußerte schon früher Albar 57–63.

Literatur M.A. Albar: Human development as revealed in the holy Qurʾān and ḥadīth. 3rd edition. Jeddah 1992. Julia Bummel: Zeugung und pränatale Entwicklung des Menschen nach Schriften mittelalterlicher muslimischer Religionsgelehrter über die „Medizin des Propheten“. Hamburg 1999. Online verfügbar unter: https://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/1999/244/pdf/Dissertation_Julia_Bummel.pdf Theodor Frankl: Die Entstehung des Menschen nach dem Koran. Prag: Calve 1930. Hier online abrufbar: http://archive.org/stream/MN41889ucmf_3#page/n3/mode/2up Ayād Asʿad Ḏunūn aš-Šāwī: al-Masār min an-nuṭfa ilā dār al-qarār. Al-Mauṣil: al-Maġrib li-ṭ-Ṭibāʿa wa-t-Taṣmīm 2000. Ursula Weisser: Zeugung, Vererbung und pränatale Entwicklung in der Medizin des arabisch-islamischen Mittelalters. Erlangen 1983.

Einzelnachweise

Kategorie:Vokabular des Korans