miniatur|Die Kastelle des DIRL (Rheinlinie) mini|Lageskizze Kastell mini|Emile Alphonse Herrenschneider bei Grabungen in Horbourg, um 1884 miniatur|Ziegelstempel der Legio I Martia aus Kaiseraugst/Liebrüti mini|In Horbourg entdeckter Victoriaaltar mini|Zeichnung des Apollo-Grannus Altars von 1751

Kastell Horbourg war eine spätantike Befestigung auf dem Gebiet des jetzigen Horbourg-Wihr (, elsässisch Horwrig-Wihr) einer elsässischen Gemeinde im französischen Département Haut-Rhin, Arrondissement Colmar-Ribeauvillé.

Das spätrömische Kastell von Horbourg besetzte eine Schlüsselstellung in der Verteidigung des Rheinhinterlandes im 4. und 5. Jahrhundert und kontrollierte zusammen mit den Besatzungen der Kastelle in Biesheim-Oedenbourg, Sasbach-Jechtingen und Breisach die Durchgangsstraßen zur Rheingrenze. Die archäologische Stätte von Horbourg-Wihr umfasst die Überreste einer gallo-römischen Zivilsiedlung des 1. Jahrhunderts und die eines spätrömischen Kastells des 4. Jahrhunderts, aus denen wichtige Hinterlassenschaften aus dem Elsass der Römerzeit geborgen werden konnten. Die unterschiedlichen Stadien der Ausgrabungen veranschaulichen auch die Entwicklung der Archäologie von einer reinen Liebhaberei einiger interessierter Amateure zu einer professionellen Disziplin.

Lage Horbourg liegt etwa drei Kilometer östlich des Stadtzentrums von Colmar. Das Kastell und die Zivilsiedlung befanden sich am Zusammenfluss der Thur mit einem Altarm der schiffbaren Ill und wurden auf einer 4 m hohen, vor Hochwasser geschützten Schwemmterrasse, die eine Art Halbinsel bildete, errichtet. Die Terrasse war von größtenteils sumpfigem Gelände umgeben, das von den Wasserläufen der Lauch und Fecht durchflossen wurde. Nördlich des Kaiserstuhls verlief die Grenzlinie zwischen den beiden Provinzen Germania prima und Maxima Sequanorum. Entlang dieser Linie existierte eine Straße, die über die Vogesen und Metz herkommend bei Bisheim-Oedenburg das Rheinufer erreichte. Hier kreuzte sie sich in weiterer Folge mit der – von Norden nach Süden verlaufenden – linksrheinischen Limesstraße.Marcus Zagermann: Der Breisacher Münsterberg. Die Befestigung des Berges in spätrömischer Zeit. In: Heiko Steuer, Volker Bierbrauer (Hrsg.): Höhensiedlungen zwischen Antike und Mittelalter von den Ardennen bis zur Adria. Walter de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-020235-9, S. 165–185.

Name Seit dem 16. Jahrhundert war man der Meinung, dass das römische Horbourg mit dem – in mehreren antiken Quellen erwähnten – Argentovaria identisch war. Dieser Ortsname wird in mehreren antiken Handschriften – wie zum Beispiel beim Geographen Claudius Ptolemäus – im 2. Jahrhundert erwähnt. Auch andere Handschriften aus dem 3. und 4. Jahrhundert (Tabula Peutingeriana) bezeugen die Existenz von Argentovaria. Heute ist man jedoch allgemein der Ansicht, dass es sich dabei um eine römische Zivilsiedlung bzw. ein im 4. Jahrhundert über ihren Ruinen errichtetes Kastell bei Biesheim gehandelt hat. Da bisher keine diesbezügliche antike Inschrift aufgetaucht ist, die darüber endgültig Klarheit schaffen könnte, bleibt diese Frage weiterhin unbeantwortet. Der heute gebräuchliche Ortsname ist wohl auf die topographischen Gegebenheiten zurückzuführen. Das seit dem Mittelalter bekannte „Horoburc“ kann als „Schloss in den Sümpfen“ übersetzt werden.

Entwicklung Die Besiedlung des Elsass reicht bis in die Jungsteinzeit (10.000 v. Chr.) zurück. Um 58 v. Chr. schlugen Caesars Legionen bei Mülhausen den germanischen Heerkönig Ariovist und warfen ihn wieder über den Rhein zurück. Das Elsass gehörte seitdem zum Römischen Reich. Am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. wurde die Reichsgrenze nach Besetzung der Agri decumates (sog. Dekumatland) an den neu eingerichteten Obergermanisch-rätischen Limes vorverlegt. Das Elsass gehörte nun für die nächsten 200 Jahren zum Hinterland des Limes. Die meisten Befunde von Horbourg-Wihr bezeugen römische Siedlungsaktivitäten während des 1., 2. und 4. Jahrhunderts. Die erste römische Niederlassung wurde zu Beginn des 1. Jahrhunderts gegründet. Ihre Blütezeit der Zivilsiedlung fällt in das späte 1. Jahrhundert. Am Ende des 2. Jahrhunderts verringert sich die wirtschaftliche Aktivität drastisch und die Menschen begannen offensichtlich die Siedlung wieder zu verlassen. Die Gründe dafür könnten in den zunehmenden Überschwemmungen infolge einer Klimaänderung und ersten größeren Beutezügen der Germanen gelegen haben.

Im 3. Jahrhundert wurde der Druck der rechtsrheinischen „Barbarenvölker“ auf den Rheinlimes immer größer. Die Alamannen und ihre Verbündeten verheerten mehrmals (235, 245, 260, 356, 378) die Rheinprovinzen und dabei wohl auch den – schon vorher schwer in Mitleidenschaft gezogenen – Vicus von Horbourg, der von seinen Bewohnern nun endgültig aufgegeben werden musste. Nach dem Abzug vom Obergermanisch-Rätischen Limes und der Rückverlegung der Reichsgrenze an den Rhein (Donau-Iller-Rhein-Limes), 259/260, wurde zur Sicherung des strategisch wichtigen Straßenknotenpunkts in Horbourg ein Kastell angelegt. Während der großen Barbareneinfälle im 4. und 5. Jahrhundert war es vermutlich Bestandteil eines Festungsgürtels, zu dem auch die rechtsrheinischen Kastelle auf dem Münsterberg in Breisach und am Sponeck in Sasbach-Jechtingen gehörten. 378 schlug Kaiser Gratian die alamannischen Lentienser bei Argentovaria und drängte sie wieder über den Rhein zurück. Die römische Grenzverteidigung brach im Winter 406/407 fast völlig zusammen.

Das Lager wurde wahrscheinlich im frühen fünften Jahrhundert von den Römern aufgegeben. Es könnte von den Vandalen, Alanen oder Sueben bei ihrem Grenzdurchbruch im Winter 406/407 oder durch die Hunnen bei ihrem Zug nach Gallien 451 zerstört worden sein. Die Alamannen begannen danach auch in den Landstrichen links des Rheins zu siedeln, die nur noch nominell unter römischer Oberhoheit standen. In der Schlacht von Zülpich im Jahre 496 und in weiteren Kämpfen 506 schlug der Frankenkönig Chlodwig I. die Alamannen und beendete ihre Herrschaft über die ehemaligen Rheinprovinzen. Eine eventuelle Wiederverwendung des Kastells im Hochmittelalter ist nur schlecht dokumentiert und blieb bis heute umstritten.

Forschungsgeschichte Aufgrund der kontinuierlichen Besiedlung des Ortes und seiner strategischen wichtigen Position wurde der Kastellplatz im Laufe der Jahrhunderte immer wieder von Kriegen und Invasionen heimgesucht. Die Interpretation der Ausgrabungsbefunde ist deswegen nicht immer einfach gewesen. Die dichte neuzeitliche Verbauung der Fundstelle verhindert bis heute seine vollständige Freilegung.

Die frühesten Berichte über römische Funde stammen aus dem Jahre 1543 und wurden bei der Erweiterung der Burg der Grafen von Württemberg gemacht. Die Festung schnitt genau die Nordostecke des Lagers. Verfasst wurden sie vom Humanisten Beatus Rhenanus, der die Entdeckung der antiken Mauern in einer Chronik erwähnt. Er vermutete, dass es sich um die Überreste von Argentovaria handelte, und löste damit eine lebhafte Kontroverse unter den Wissenschaftlern aus, die bis zum heutigen Tag andauert. 1603 wurde ein Apollo-Grannus-Altar entdeckt, ging aber wieder verloren, als 1870 die Stadtbibliothek von Straßburg ein Raub der Flammen wurde.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts beschäftigte sich Johann Daniel Schoepflin mit der Erforschung des antiken Ortsnamens und sammelte diesbezügliche Artikel in seiner Alsatia Illustrata. 1748 wurde durch einen evangelischen Pastor neuerlich ein römischer Altar geborgen. 1780–1784 entdeckt Sigismund Billing, Rektor der Stadt Colmar, erstmals Überreste des Kastells, ein Relief und eine antike Grabstätte.

In den 1820er Jahren verfasste der Richter Philippe de Golbery eine erste Monographie über das römische Horbourg.Memoire sur Argentovaria, Ville des Sequaniens. Die ersten systematischen Grabungen wurden vom Pastor Emile Alphonse Herrenschneider und dem Baurat Charles Winkler von 1884 bis 1899 durchgeführt und deren Ergebnisse veröffentlicht. Trotz der nur knappen Flächen, die zur Verfügung standen, waren diese Grabungsarbeiten die Grundlage zur Erstellung eines detailreichen Befundplans des Kastells, der bis heute seine Gültigkeit hat. Die während dieser ersten Grabungskampagne gefundenen Artefakte verschwanden aber hauptsächlich in privaten Sammlungen.

Während des 20. Jahrhunderts wurden zwar neue Techniken angewandt und mehr systematische Rettungsgrabungen durchgeführt, dennoch wurden durch die rasch voranschreitende Verstädterung zahlreiche Artefakte unwiederbringlich zerstört. Ab 1964 gruben Charles Bonnet und Madeleine Jehl in Horbourg (6 m² Fläche – 4 m tief) und bewiesen die Existenz eines Vicus aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., der dem Kastell voranging. 1971–1972 stieß man auf einen Teil der östlichen Kastellmauer, die beim Bau der mittelalterlichen Burg stark zerstört worden war. 1991 erfolgte die Gründung der archäologischen und historischen Gesellschaft ARCHIHW (siehe Weblinks) zur Überwachung und Pflege der archäologischen Fundstellen in Horbourg. Zwischen 1989 und 1994 wurden bei der Erforschung der Fundstelle erstmals neue Untersuchungstechniken – wie zum Beispiel die geophysikalische Prospektion – angewandt. Dabei konnten die Überreste von antiken Schmelz- und Brennöfen, Grabsteine und Münzen geborgen werden. 1996 gelang die Freilegung eines Abschnittes der sehr gut erhaltenen Fundamente des westlichen Walls.

Im Jahr 2004 entdeckte man das Südtor des Lagers und bei Bauarbeiten im Jahr 2010 weitere Teile der Kastellmauer. 2011 konnte der Graben vor dem Westtor beobachtet werden.

Straßenverbindungen Vermutlich lagen Kastell und Vicus im Zentrum eines Straßen- und Kanalnetzes, die sternförmig in alle Richtungen und bis zur Rheingrenze führten. Das Wissen über die lokalen antiken Straßenverläufe ist bis heute jedoch äußerst begrenzt. Seit dem 17. Jahrhundert versuchten Forscher, mehr oder minder erfolgreich, den Verlauf römischer Straßen in der Umgebung von Horbourg zu rekonstruieren. Bis zum heutigen Tag ist dies nur unvollständig gelungen. Auch eine Unterscheidung zwischen einfachen Pfaden und Wegen oder Straßen von primärer Bedeutung war nicht möglich.

Einer dieser Wege lief westlich am heutigen Friedhof von Horbourg vorbei und dürfte dann weiter in Richtung Norden geführt haben. Er wurde im 19. Jahrhundert entdeckt und konnte 1992 von Archäologen noch um ein paar hundert Meter nachverfolgt werden. Seine Funktion im römischen Straßennetz ist unklar. Es war nicht möglich festzustellen, ob es sich nur um einen Zugangsweg zum Vicus handelte, oder ob er entweder zum Illhafen oder noch weiter nach Norden führte. 1994 entdeckte man eine Straßentrasse nach Osten, die direkt nach Argentovaria/Biesheim–Oedenbourg führte. Zu dieser Straße müsste auch ein westliches Gegenstück, in Richtung der Vogesen, existieren.

Pastor Herrenschneider berichtet am Ende des 19. Jahrhunderts von der Entdeckung eines römischen Kanals, der vom Kastell weg nach Süden führte. Über seine genaue Funktion machte er jedoch keine Angaben.

Über eine weitere Straße in Richtung Nord-Osten gelangte man von Horbourg-Wihr nach Jebsheim und von dort in weiterer Folge bis an das Ufer des Rheins. Ein Teilstück davon konnte auch im Jahr 2008 in einem Vorort beobachtet werden. Auf einer Straße, die direkt am Kastell vorbeiführte, konnte wohl das Sumpfgebiet bequem und sicher durchquert werden. Auf ihr erreichte man in weiterer Folge den Rheinübergang beim Kastell Breisach.

Kastell